Wo Wege sich kreuzen

KurzgeschichteHumor, Familie / P16
Lian Shion
11.11.2017
12.11.2017
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Vorwarnung: Dieses Kapitel könnte leicht verwirrend für alle sein, die sich nicht mit dem hier angesprochenen Titel auskennen. Falls das der Fall sein sollte, wisst ihr genau, wie die Zwillinge sich gerade fühlen. Das alles ist der Tatsache geschuldet, dass Menschen, die sich kennen, auch nicht in jedem zweiten Satz den Vornamen ihres Gegenübers gebrauchen. Es sollte aber auch so unterhaltsam sein.
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Das Einzige, was die Kinder schließlich von ihrer Trauer über die nicht erhaltenen Süßigkeiten ablenkte, war das Geschrei weiter vorne. Es kam von den zwei gegenüberliegenden Ständen, die sie schon aus der Ferne gesehen hatten.
Der zu ihrer linken war aus glattem Holz gefertigt worden, vielleicht Eiche oder Buche. Er war relativ schlicht gehalten und verkaufte klassische Waffen wie Schwerter, Äxte oder Lanzen, aber auch Nahrungsmittel wie Weizen, Milch oder verschiedene Beeren. Vielleicht würden die Köche ihnen daraus eine leckere Nachspeise bereiten, wenn Lian welche mitbrachte.
Auf der anderen Seite herrschten Bambuselemente vor. Dazu war das Dach mit Zypressenrinde versehen. Shion fesselten sofort die außergewöhnlichen Waffen wie Keulen, Katana und Naginatas. Er hatte sie bisher nur in Büchern gesehen und seine Finger juckten bei dem Gedanken daran, eines von ihnen zu schwingen. Reis, Pfirsiche oder Bohnen interessierten ihn weniger.
Darios setzte sie wieder ab, allerdings nur, um in seiner Position als Kommandant der Stadtwache voranzuschreiten und zu rufen: „Meine Damen und Herren! Ich kann ja verstehen, dass Sie Ihre Waren verkaufen wollen, aber wenn Sie so schreien, versteht man ja sein eigenes Wort nicht.“
Als müssten sie ihm beweisen, wie recht er damit hatte, machten die Parteien einfach weiter, als hätte er nie seine Stimme erhoben.
Erst ein kräftiges „Ruhe!“ brachte sie zur Vernunft, auch wenn die beiden Kinder erstaunt feststellten, dass es nicht aus Darios‘ Mund gekommen war. Die Käufer hatten es scheinbar sehr eilig gehabt, diesen lauten Bereich zum Wohle ihrer Ohren zu meiden, und so konnte man klar die junge Frau sehen, die genau in der Mitte zwischen den zwei Ständen stand. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und schaute abwechselnd nach links und rechts.
„Was fällt euch eigentlich ein?“, fragte sie entrüstet. „Ihr könnt doch hier nicht einfach so ein Theater veranstalten!“
„Große Schwester!“, riefen gleichzeitig zwei Mädchen von unterschiedlichen Seiten mit einem breiten Lächeln. Im nächsten Moment gingen sie dazu über, sich böse anzufunkeln, als hätten sie kein Problem damit, gleich hier ein Duell auszutragen. Shion hätte es interessant gefunden, würden die beiden nicht zu Heilerstäben greifen, mit denen sich der langweilige Kampf ewig hinziehen würde.
Ein Mann mit einer wallenden, roten Löwenmähne erklärte: „Wir haben uns hier zusammengefunden, um durch die altehrwürdige Kunst des Handelns herauszufinden, zu welcher Familie du gehörst, Corrin.“
„Wenn wir erst einmal die besseren Ergebnisse erzielt haben, wirst du sehen, dass unsere Familie die beste für dich ist“, sprach ein groß gewachsener Mann mit einer imposanten Rüstung. Lian fand es vor allem erstaunlich, wie er es schaffte, in lila Farben so majestätisch auszusehen.
Corrin starrte die beiden Seiten mit offenem Mund an. „Wer von euch ist auf die Idee gekommen, dass das eine gute Idee sei?“
Die Frau mit dem voluminösesten Haar, das Shion je gesehen hatte, und mit einem Körperbau, den die Männer der Stattwache als „von den Göttern gesegnet“ bezeichnen würden, lächelte warmherzig. „Das haben wir gemeinsam entschieden. Wir wissen, wie weh es dir tut, zuzusehen, wie wir gegeneinander kämpfen, Liebling. Also haben wir eine Lösung dafür gefunden. Und jetzt sieh zu, wie wir denen unsere nohrische Überlegenheit zeigen werden.“ Sie erhob eine massive Axt und die Zwillinge hofften, dass dies nur dazu diente, sie den Käufern als Ware anzupreisen.
„Passt auf, das könnte eine Falle sein. Diesem nohrischen Abschaum kann man nicht vertrauen!“, rief ein junger Mann, der einen beeindruckenden Rock mit Fellrand trug, und zog einen Pfeil aus seinem Köcher. Er griff zu dem faszinierendsten Bogen, der den Zwillingen je untergekommen war. Anders als die meisten leuchtete seine Sehne hellblau auf, als er ihn in die Hand nahm.
„Wage es ja nicht, meiner Schwester etwas anzutun!“, kam es von der Gegenseite. Lians Augen weiteten sich, als sie das unheilverkündende Buch in seinen Händen sah. Sie kannte sich nicht gut mit Magie aus, weil sie selbst kein Talent für diese Künste besaß, aber allein wenn sie es ansah, wusste sie, dass es mächtig und zerstörerisch war. Sie hoffte, dass Rike in der Nähe war. Sie würde sie von den Flüchen abschirmen. „Oder unseren Tomaten.“ Shion meinte zuerst, er hätte sich verhört, doch auf dem Tisch lagen tatsächlich stattliche, rote Früchte, denen der Blonde einen kurzen, besorgten Blick zuwarf.
„Sie ist nicht eure Schwester. Ihr habt keine Ahnung, wie es sich angefühlt hat, als eure Familie sie uns weggenommen hat. Ihr werdet nie verstehen, wie es ist, seine Schwester zu verlieren - und ich werde es auch nicht zulassen, dass wir noch einmal das Gleiche durchmachen müssen!“ Für einen Moment schien es Lian, als könnte sie Tränen in den Augen des Mädchens sehen, das nur ein paar Jahre älter als sie selbst war. Sie blickte zu Shion und fragte sich, ob es sich für ihn auch so anfühlen würde, sollten sie eines Tages getrennt werden. Wenn Lian ehrlich war, wusste sie nicht, wie sie darüber hinwegkommen sollte, ein Familienmitglied zu verlieren, vor allem eines, das sie schon vor ihrer Geburt jeden Tag begleitet hatte.
„Und du denkst, dass es deswegen in Ordnung wäre, sie uns wegzunehmen?“, rief ein Mädchen mit dicken, blonden Zöpfen, die kaum älter als die Zwillinge wirkte. Auch sie schien den Tränen nahe zu sein und schluchzte fast, als sie sich Corrin zuwandte: „Du bist doch meine große, geliebte Schwester. Ich brauche dich.“
„Glaub ihr kein Wort, sie versucht nur, uns gegeneinander aufzuspielen. Erinnere dich daran, dass wir deine wahre Familie sind! Ich habe seit deiner Entführung auf den Tag gehofft, an den du zu uns zurückkehrst“, flehte ein Mädchen mit pfirsichfarbenen Haaren.
Corrin hatte sich noch keinen Schritt bewegt und stand immer noch hilflos zwischen den beiden Ständen, nicht wissend, für welche Seite sie sich entscheiden sollte. Gab es überhaupt ein richtig oder falsch, wenn man gezwungen war, sich zwischen den Menschen zu entscheiden, die man liebte?
Die Zwillinge fassten einen Entschluss und rannten ihr zur Seite. „Junge Frau“, begann Lian, „wir haben Ihr Problem mitangehört.“
„Und jetzt wollen wir helfen. Erzählen Sie uns alles, was passiert ist.“ Shion nickte ihr entschlossen zu.
Corrin war erst etwas überrumpelt, begann aber dann zu erzählen, was sich zugetragen hatte und wie es dazu gekommen war, dass sie beide Seiten ihre Familie nannte, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Die Zwillinge nickten nachdenklich, während sie ihren Worten lauschten. Das war wirklich keine einfache Entscheidung. Welche Seite Corrin auch wählen sollte, es würde bedeuten, dass sie gegen die andere in den Krieg ziehen, ja vielleicht sogar selbst niederstrecken musste.
Shion war der erste, der ihr seine Lösung unterbreitete: „Also, wenn Ihr mich fragt, solltet Ihr zu eurer nohrischen Familie gehen. Ihr seid mit ihnen aufgewachsen, also verbindet euch ein stärkeres Band, ganz gleich, ob ihr blutsverwand seid.“
Lian schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, das sehe ich anders. Was Ihnen zugestoßen ist, ist schrecklich. Der eigenen Familie entrissen, wo man kaum eine Chance hatte, sie kennenzulernen. Allerdings verbindet euch eure Kindheit, die ihr zusammen verbracht habt. Ich bin mir sicher, dass ihr mit genug Zeit wieder eine Familie werden könnt - die Familie, die ihr von Anfang an hättet sein sollen.“
Shion erwiderte fassungslos: „Aber warum sollte sie sich Menschen anschließen, die sie kaum kennt?“
Lian sah ihn entgeistert an. Wie konnte er nur so blind sein? Wenn sie beide bei der Geburt getrennt worden wären, würde sie ihn dann auf der anderen Seite des Schlachtfeldes vorfinden, ohne eine Möglichkeit, den Bruder kennenzulernen, der ihr verwehrt worden war? „Weil Familie nun einmal das Wichtigste ist! Wenn man vor die Wahl gestellt wird, muss man das beschützen, was einem etwas bedeutet. Nohr droht damit, Hoshido zu zerstören –„
„– Und Hoshido will Nohr bekämpfen“, fiel Shion ihr ins Wort.
„Ich habe meine Entscheidung gefällt!“, verkündete Corrin. Es wurde still um sie herum und alle Beteiligten schauten erstaunt, gespannt und angstvoll in ihre Richtung. Corrin holte tief Luft, bevor sie die folgenschweren Worte sprach: „Ihr stellt mich vor eine schwierige Wahl, die vermutlich die größte, gewichtigste Entscheidung ist, die ich in meinem Leben treffen werde – und doch werde ich nicht darum herumkommen. Eine Antwort muss gefunden werden.“ Sie bedachte Lian und Shion mit einem Lächeln. „Habt vielen Dank für eure Hilfe. Durch das, was ihr gesagt habt, ist mir einiges klargeworden. Aber das hier ist etwas, das ich für mich allein entscheiden muss, so dankbar ich auch für die Hilfe bin.“
Corrin wandte sich abwechselnd zu ihren Geschwistern und nahm sich bei jedem von ihnen einen Moment, ihnen in die Augen zu sehen. „Es ist an der Zeit, dass ich meinen eigenen Weg gehe.“
„Was?“, echote es von beiden Seiten, als alle mit vor Schock aufgerissenen Mündern und Augen zu ihr starrten.
Corrin lächelte. „Ich liebe euch alle und ich kann es nicht verantworten, auf einer Seite gegen die andere zu kämpfen. Irgendwann werdet ihr verstehen, wie ich mich fühle und was mich zu diesem Schritt getrieben hat. Bis dahin werde ich allein kämpfen, um diesen sinnlosen Krieg zu verhindern. Zum Wohle dieses Landes. Lebt wohl, bis wir uns eines Tages wiedersehen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging.
„Corrin?“, fragte ein Mädchen mit langen, meerblauen Haaren, die Arme voller Waren, während sie versuchte, aus dem Anblick vor sich schlau zu werden. „Ich war doch nur kurz einkaufen“, murmelte sie, die Stirn mit stummen Fragen in Falten gelegt.
„Ich erkläre dir alles auf dem Weg, Azura. Im Grunde genommen sind wir jetzt eine Zwei-Frauen-Streitkraft gegen das ganze Land.“
„Was?“, rief die andere perplex, als sie rückwärts am Arm durch die Menge gezogen wurde. Lian und Shion schauten ihnen nach und wünschten ihnen alles Glück der Welt bei ihrer Mission, dem Land den Frieden zu bringen.
„Die haben keine Chance“, murmelte Shion.
Lian nickte betrübt. „Es war schön, sie gekannt zu haben.“
Der Mann mit der Löwenmähne war der Erste, der sich genug gesammelt hatte, um zu verkünden: „Ich schätze, unser Handelsbündnis ist damit hinfällig.“
Der gegnerische stattliche Krieger nickte bedächtig. „Das sehe ich auch so. Es hat keinen Sinn mehr, diese Fassade aufrecht zu erhalten. Mögen unsere Waffen die Entscheidung bringen.“
„Was für eine Verschwendung“, murmelte das Mädchen mit den Pfirsichhaaren. „Jetzt haben wir all die Waren beschafft. Was machen wir denn nur damit? Das ganze Essen wird verfaulen und unsere Waffenkammern sind schon bis zum Bersten gefüllt.“
Dem kleinen blonden Mädchen kam eine Idee und aufgeregt zog sie am Ärmel ihrer großen Schwester. „Camilla, können wir nicht trotzdem weiter Kaufladen spielen? Das hat so viel Spaß gemacht. Bitte, bitte.“
Camilla besah sie mit einem sanften Lächeln. „Den Wunsch kann ich dir doch nicht abschlagen. Hey, Leo, mach dich doch mal nützlich und hör auf, die ganze Zeit deine Nase in dieses Buch zu stecken.“
Leo murmelte etwas, das die Kinder zum Glück nicht verstehen konnten, und er machte sich daran, weitere Waren auf der Auslage zu platzieren.
Auf der anderen Seite schlug die Rothaarige mit ihrer Faust in die flache Hand. „Oh, das wird ein Wettkampf ganz nach meinem Geschmack.“
Selbst der Bogenschütze, der bis vorhin noch so voller Abscheu gewesen war, lächelte leicht. „Ihr habt nicht den Hauch einer Chance.“
„Aber in angemessener Lautstärke“, ermahnte Darios sie noch einmal und tatsächlich erntete er von allen Geschwistern ein schuldbewusstes, verlegenes Gesicht.
Erleichtert darüber, dass sich die Sache so gut in Wohlgefallen aufgelöst hatte, schritt die kleine Truppe um die Königskinder weiter voran.

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Leider kommt Azura in dem Spiel selbst nicht vor, aber zum Wohle dieses Endes musste ich sie einfach dabeihaben.
Wem die Tomaten etwas zu zufällig vorkommen: Leo mag von allen aus seiner Armee am meisten Tomaten, deshalb sorgt er sich auch um die wertvolle Fracht.
Edit: Da ich das Spiel mittlerweile habe, muss ich das revidieren: Azura kann man mittlerweile per DLC bekommen und Leos Tomaten sind sogar eines seiner Sammelitems (was ich, ehrlich gesagt, nie kommen gesehen hätte XD). Ebenso Takumis Fellrock, den ich eigentlich nur beschrieben habe, weil ich etwas braucht, um ihn zu Beschreiben^^°
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