Wo Wege sich kreuzen

KurzgeschichteHumor, Familie / P16
11.11.2017
12.11.2017
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Hallo und herzlich Willkommen zu dieser Fanfiktion, diesem alternativen Universum in einem alternativen Universum. Ich hoffe, ihr habt Spaß dabei, über meine Interpretation der Vorgeschichte zu lesen und Shion und Lian an diesem Tag zu begleiten.
Ich würde mich über Empfehlungen und Reviews freuen (Ja, ich bin mal so ehrlich zu sagen, dass mich der Wettbewerb dazu motiviert hat und ich, im Falle eines Gewinnes, gerne eine Switch-Version hätte. Ich würde mich aber auch über eine für den 3DS freuen (nur eben 5% weniger^^).
Da dieser Teil schon fast 2.000 Worte umfasst, habe ich mich dazu entschieden, sie aufzuteilen. Sie spielen aber an einem einzigen Tag, sollten also als Einheit betrachtet werden
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Wenn Lian an die Dinge zurückdachte, die sie am meisten vermisste, seit sie damals aus dem Schloss vertrieben worden waren, waren es nicht die ausgefallenen, hochwertigen Kleider oder das exquisite Essen. Am Überraschendsten für sie war wohl die Tatsache, dass es nicht einmal etwas mit dem Leben im Schloss zu tun hatte. Nein, es war eine viel weltlichere Tradition, die sich in jedem Dorf des Königreiches Woche für Woche ereignete.
Manchmal, in den ruhigen Momenten, wenn sie Zeit zum Nachdenken hatte, erinnerte sie sich daran, wie sie von Lärm geweckt worden war, der von draußen auf der Straße bis zu ihrem Fenster gereicht hatte. Die ersten Male hatte sie sich umgedreht und quengelnd ihren Kopf in den Kissen vergraben, um weiterschlafen zu können. Es hatte sie daran gehindert, sich ganz den Pinselstrichen auf dem Papier hinzugeben oder war in die Geschichten eingedrungen, die das Kindermädchen ihr vorgelesen hatte. Anders als ihr Bruder hatte sie sich schon früh den stillen Künsten zugehörig gefühlt, und das bedeutete leider, dass sie mit dem Lärm der Straße nicht vereinbar waren.
Dieser hatte früh damit begonnen, das Ausgehverbot in Frage zu stellen. Der Einwand, dass es nicht sicher sei, durch die überfüllten Gänge mit zwei Kindern zu gehen – vor allem, wenn es sich um den Prinzen und die Prinzessin handelte – war bei ihm nur auf Unverständnis gestoßen. An diesen Wochentagen hatte er dutzende Ausreißversuche unternommen, die sich jedes Mal an Kreativität überboten hatten. Schließlich hatten ihre Eltern eingelenkt – wohl auch weil der Kapitän der Leibgarde mit einem schuldbewussten Gesicht gebeichtet hatte, dass die Wachen am Tor es gerade noch geschafft hatten, einen vorbeiflitzenden Elfjährigen zu packen. Shion und Lian hatten sich sehr bemüht, nicht zu laut zu kichern, als sie an der spaltbreit offenen Tür gelauscht hatten.
Als Lian am besagten Morgen aufwachte, ein paar Wochen vor ihrem 12. Geburtstag, und den vertrauten Lärm aus Stimmengewirr, Warenklirren und Pferdeschnauben vernahm, war ihr gar nicht nach Aufstehen zumute. Wieder einmal verkroch sie sich unter der Decke, doch nicht mit der Absicht wieder einzuschlafen, sondern weil sie wusste, was ihr bevorstand, wenn sie das Bett verließe. Ihre Eltern hatten bereits entschieden, dass es zu gefährlich wäre, die ganze königliche Familie zu eskortieren, also würden Lian und Shion mit ein paar ausgewählten Wachen an den Ständen vorbeischlendern. Das Land war ihnen wohlgesonnen und niemand rechnete ernsthaft damit, dass sie tatsächlich in Gefahr sein würden, aber man wollte kein Risiko eingehen. Lian kannte die Wachen gut, doch der jungen Prinzessin wäre es lieber gewesen, dieses Erlebnis mit ihren Eltern zu teilen.
Die Tür sprang auf und mit einem Aufschrei zog Lian sich die Decke über den Kopf. Kurz darauf hörte sie das laute Auflachen ihres Bruders und spürte, als es näherkam, wie er mit seinem Gewicht die Matratze nach unten drückte, während er über das große Bett zu ihr krabbelte. „Na los, jetzt sei nicht so ein Angsthase und steh schon auf. Ich will endlich auf den Markt.“ Lian fragte sich, ob das nur auf ihre Reaktion auf sein Erscheinen zurückzuführen war, oder ob er tatsächlich wusste, wie sie sich in Anbetracht des bevorstehenden Tages fühlte. Die ganze Zeit über, die sie zusammen aufgewachsen waren, war er der furchtlose Ritter gewesen, der er später einmal sein wollte. Sie hatte den Teil übernommen, der besorgt die Konsequenzen ihrer Handlungen abwog und lieber zwei Mal etwas überdachte, als sich blind auf die erste Möglichkeit zu stürzen.
„Ich bin kein Angsthase!“ rief sie ihm zu, schlug die Decke zurück und begrub ihn halb darunter. Ehe er sich freistrampeln und das Gleiche bei ihr tun konnte, war sie schon aus dem Bett gesprungen und zum anderen Ende des Zimmers gelaufen. Bevor Shion seinen Gegenangriff starten konnte, öffnete sich die Tür ein zweites Mal und ihr Kindermädchen Lottie trat herein. „Wie ich sehe, sind Sie schon aufgestanden, Prinzessin Lian. Dann können wir ja gleich beginnen.“
Es handelte sich um die altbekannte Morgenroutine, doch Lian merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Anstatt ihre Haare elegant und kunstvoll zu frisieren, wurden sie lediglich zu einem einfachen, schnellen Zopf zusammengeflochten. Und das Kleid, das für sie herausgelegt worden war, entsprach auch nicht dem, was sie im Palast trug. Es war braun – und Lian hatte gar nicht gewusst, dass sie überhaupt eines in einer so gedeckten, unauffälligen Farbe besaß – mit cremefarbenen Ärmeln. „Ich sehe aus wie ein Baum“, hatte sie ihrem Kindermädchen verstimmt mitgeteilt.
Diese lächelte nur, wenn auch ganz eindeutig mitfühlend. „Ich weiß, aber das ist zu deinem eigenen Schutz. Wir möchten dich so unauffällig wie möglich kleiden. Wenn die Menschen auf den Straßen erkennen, dass die Prinzessin unter ihnen ist, dann gibt es nur einen großen Menschenauflauf und zu viel Aufregung. Es könnte gefährlich sein, wenn Euch jemand erkennt.“
„Aber ich bin die Prinzessin!“, rief Lian.
„Das wird auch niemand von uns je in Frage stellen“, antwortete Lottie und strich ihr ein paar Strähnen ihres blonden Haares hinter die Ohren. „Aber manchmal ist es besser, das, was man ist, vor anderen geheim zu halten. Nicht überall auf der Welt ist es sicher für Königskinder. Eines Tages wirst du das verstehen.“
Lian wäre es lieber gewesen, wenn sie es sofort verstanden hätte, aber dies schien in die gleiche Kategorie zu fallen wie die Frage, warum man auch sein Gemüse essen sollte, wenn alles andere viel besser schmeckte, oder jeden Abend baden musste, auch wenn man nicht schmutzig war. Doch statt nachzufragen, nickte sie nur. Sie war nicht in der Stimmung, darüber zu streiten. Lottie in eine schlechte Stimmung zu versetzen, wäre etwas, das ihr den ganzen Tag über leidtun würde, und das konnte sie heute am allerwenigsten gebrauchen.
Sie stand vom Stuhl auf und lief herüber zu ihrem Spiegel. Ein vertraut wirkendes Mädchen schaute zurück, aber Lian hatte Probleme, sich selbst in ihrem Spiegelbild zu finden. Alles an diesem Mädchen sprach davon, dass sie ein einfaches Leben führte, das komplette Gegenteil von ihr. Das Einzige, was noch fehlte, um das Gesamtbild abzurunden, war der Dreck, der ständig an den Bauernmädchen haftete – und Lian hoffte inständig, dass man nicht auch noch von ihr erwarten würde, sich im Matsch zu suhlen, wie ihr Bruder das früher gern getan hatte. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er würde bestimmt um ein Vielfaches authentischer wirken.
„Wenn Eure Hoheit mir nach unten folgen würde“, sprach Lottie und Lian wurde rot.
„Entschuldigt“, sagte sie, und lief an ihre Seite. Sie hatte nicht vorgehabt, sich so lange zu betrachten, aber der merkwürdige Anblick hatte sie gefangen genommen. Wie glücklich sie sich schätzen konnte, einen Palast als ihr Zuhause zu haben.

Kaum waren sie an einem Nebeneingang zum Schloss angekommen, von wo aus es unauffälliger war, den Marktplatz zu betreten, war ihr Bruder auf sie zugelaufen und hatte sie ungeduldig an der Hand gezogen. „Na endlich bist du auch fertig. Jetzt trödle nicht so, wir sind schon seit Stunden bereit zur Abreise.“
Lian schaute ihn beleidigt an. „Ich habe gar nicht getrödelt, ich hab eben Zeit gebraucht, um mich fertig zu machen.“
Eine der Wachen, Kalie, bemerkte nüchtern: „Man hat wirklich gemerkt, wie ungeduldig Ihr seid. Ihr habt beinahe euren Mantel vergessen.“ Sie zwinkerte Lian zu, die verhalten kicherte. „Wir Frauen müssen schließlich zusammenhalten“, hatte Kalia ihr einmal vor langer Zeit gesagt. Deswegen war die Prinzessin auch so froh, dass die Speerkämpferin sie heute auf ihrem Ausflug begleiten würde.
Anstatt sauer zu sein, zuckte Shion nur mit den Schultern. „Ich hatte es eben eilig. Und wofür brauche ich überhaupt einen Mantel? Es ist warm genug hier draußen.“ Lian wusste, dass er nur von einem Streit absah, weil er gerne Zeit mit Kalie verbrachte. Wann immer die Wachen auf dem großen Platz hinter dem Schloss trainierten, stand er am Rand und schaute ihnen mit leuchtenden Augen dabei zu. Dass eine Ritterin dabei ganz besonders sein Interesse bekam, war Lian nicht entgangen.
„Es ist zu Eurem eigenen Besten“, versicherte Lottie ihm, die auch auf dem kleinen Vorhof stand, um sie zu verabschieden. Es würde nur ein kurzer Weg dorthin sein, nah genug, dass Lian die Menschenmengen von ihrem Fenster aus sehen konnte. Trotzdem trat sie nervös von einem Fuß auf den anderen und war ihrem Kindermädchen bislang nicht von der Seite gerückt.
„Er wird uns schon nicht erfrieren“, rief Darios von weiter vorne, wo er wartend mit seinem Schwert hantierte. Lottie schaute ihn an, als würde sie ihn gleich davon in Kenntnis setzen, dass die nächste Eiszeit kurz bevorstand, als er fortfuhr: „Alle Mann startklar?“ Ein nicht sehr verhaltenes, hohes Räuspern war zu hören, und Darios fügte mit einem leichten Augenrollen hinzu: „Die Damen auch? Gut, dann können wir ja jetzt losgehen.“
„Moment, sollte Luno nicht auch mitkommen?“, fragte Kalie verwirrt, doch winkte die Kinder trotzdem hinter sich her, als sie zu den anderen Männern am Tor aufschloss.
„Ihr habt gerufen?“, fragte eine gedehnte Stimme aus dem Schatten eines Baumes heraus, die Kalie wie jedes Mal überrascht herumfahren ließ.
Seit ihrer Kindheit wussten die Zwillinge, dass es eine Person in diesem Dorf gab, mit der man niemals verstecken spielen sollte. Beim ersten – und letzten – Mal waren sie durch das ganze Schloss gelaufen, bis sie gefürchtet hatten, dass ihre Beine unter ihnen nachgeben würden, bis plötzlich Blätter auf sie heruntergeregnet waren. Als sie empor gesehen hatten, hatten sie gerade so Luno auf einem der Holzbalken erspähen können, der spitzbübisch zu ihnen heruntergrinste. Lian hatte oft darüber gerätselt, wie er da hoch gekommen war, und Shion war oft daran gescheitert, es ihm nachzumachen, doch sie hatten es bis heute nicht geschafft.
Luno schloss zu der Gruppe auf. „Angeber“, murmelte Rike, kaum dass er in Hörweite war. Abgesehen von Lunos dunklen Tönen trug sie die normalste Kleidung ihrer Eskorte. Selbst das Buch, in dem sie gelegentlich blätterte und mit dessen Hilfe sie ihre Magie beschwor, trug zu ihrem alltäglichen Erscheinungsbild bei.
„Dann können wir ja jetzt los“, rief Shion glücklich, ohne sich mit den Feinheiten der Beziehungen der Kämpfer herumzuschlagen, und lief voran zum Tor.
Kaum war er an den Soldaten vorbeigekommen, hielt Darios ihn am Arm fest. „Nicht so schnell“, ermahnte er ihn und zog ihn zurück. „Kalie und ich werden vorangehen. Was glaubst du, warum wir das tun?“, fragte er und sah den Prinzen abwartend an.
„Damit ihr uns vor Gefahren von vorne beschützen könnt!“, rief Shion sofort. Schon seit seiner Kindheit hatten es ihm militärische Taktiken angetan, ob nun auf den großen Schlachtfeldern der Geschichte oder die der königseigene Stadtwache.
Darios nickte. „Allerdings ist das nur einer der Gründe. Soldaten sind dort ein seltener Anblick, aber oft genug, dass eine Patrouille auf dem Markt nicht weiter auffällt. Außerdem werden wir die Blicke auf uns ziehen, sodass ihr uns unauffällig folgen könnt.“
„Na toll, und ich dachte, wir dürften selbst entscheiden, wo wir langgehen wollen“, maulte Shion und verschränkte protestierend die Arme vor der Brust.
„Luno“, fuhr Darios fort, als hätte er den Einwand nicht gehört, „wird die Nachhut bilden und uns unauffällig folgen, um ein Auge auf Gefahren zu unseren Seiten und von hinten zu haben. Rike ist damit beauftragt, uns mit ihrer Magie vor Pfeilen und ähnlichen Geschossen zu schützen.“ Bei der Nennung ihres Namens legte die Magierin sich kurz die Finger an die Schläfe – vielleicht auch nur, um ihre Brille zurechtzurücken – wandte sich aber kurz darauf wieder dem Papier in ihren Händen zu.
„Das halte ich für einen guten Plan“, sagte Lian und lächelte dem Anführer der Stadtwache zu. Sie konnte keine Fehler an ihm erkennen. Auch sie war in Strategie und Kampf unterrichtet worden, weshalb beide Königskinder sich mit den Grundlagen des Schwertkampfes zur Wehr setzen konnten. Ihre Waffen hatten sie allerdings unter ihren Mänteln versteckt, damit sie nicht weiter auffielen. Lian war es allerdings bei Weitem lieber, wenn sie ihr Leben in Darios‘ Hand legen konnte. Bei dem Gedanken, mit ihrem noch ausbaufähigen Können gegen einen Angreifer bestehen zu müssen, wurde ihr mulmig.
„Ja ja, alles ganz toll ausgearbeitet. Können wir jetzt endlich los?“, fragte Shion ungeduldig und sprang sogar ein paar Mal auf der Stelle.
Darios schüttelte lachend den Kopf und gab das Signal zum Aufbruch.

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Darios ist, soweit ich es dem Internet entnehmen konnte, der Krieger, der die Zwillinge im Schwertkampf ausgebildet hat. Der Rest der Truppe ist meinen Gedanken entsprungen.