Verwundbar [Speirton-Reihe Teil 1]

von RamonaXX
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Captain Ronald Speirs Second Lieutenant C. Carwood Lipton
11.11.2017
11.11.2017
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Vorbemerkung:
Derzeit übersetze ich unter dem Titel „Of Soldiers and Secrets“ eine längere Band-of-Brothers-Geschichte aus dem Englischen ins Deutsche. Die Hauptrollen darin spielen Ronald Speirs und Carwood Lipton. Um mehr Leser für die Übersetzung zu gewinnen und die zwei Hauptfiguren dem Fandom fremden Publikum etwas „schmackhafter“ zu machen, habe ich diesen One-Shot geschrieben. Es ist der erste Part einer kleinen Reihe... Einfach mal reinschnuppern, vielleicht wird ja der ein oder andere mit den beiden warm?

Ach ja, und sorry für den etwas unbequemen Anfang. Einfach weiter lesen. Zum Ende wird’s besser. Versprochen. ;-)



Verwundbar

Er fühlte sich nicht gut. Eigentlich hatte er sich schon den ganzen Tag über nicht gut gefühlt.

Ronald Speirs kannte dieses Unheil verkündende Gefühl in seiner Magengegend haargenau. Es war ein Alarmzeichen seines Körpers; eine Reaktion auf Stress.

So wie andere Soldaten bei Nervosität und Überbelastung zu zittern anfingen, zappelig wurden oder blitzartig Durchfall bekamen, hatte sich Speirs’ Organismus seinen eigenen Weg gesucht mit dieser Art von Druck klarzukommen. Sein Stresskiller war das sich-Übergeben.

Er hatte keine Ahnung, wann oder wo es angefangen hatte. Aber da es immer wieder passiert war und es ihm nicht gelungen war diese Unannehmlichkeit unter Kontrolle zu bringen, hatte er irgendwann angefangen sich die unvermeidliche Reaktion seines Körpers zu Nutze zu machen.

Im Grunde war es ganz einfach.

Solange wie Speirs unter Spannung stand, er Aufgaben zu erledigen hatte, in Bewegung blieb und sich keine Ruhepause gönnte, solange war alles gut. Sein Körper lief dann genauso, wie er sollte. Er war der erste, der morgens auf den Beinen war und der letzte der sich abends hinlegte. Seine gute Ausdauer trug ihn zuverlässig durch den Tag und sein Verstand war nahezu rund um die Uhr damit ausgelastet die Easy-Kompanie vorwärts zu treiben und anzuführen.

Doch so nervenaufreibend ihr Weg auch war, irgendwann kam immer der Punkt, an dem es eine Verschnaufpause gab. Genau dann, wenn alle anderen die Erleichterung genossen sich niederlassen zu können und ein paar kostbare Stunden Schlaf zu sammeln, drehte sich ihm mit wiederkehrender Regelmäßigkeit der Magen um. Speirs konnte schon beinah die Uhr danach stellen.

Es kündigte sich meist mit einem allgemeinen Unwohlsein an, das sich schnell in seinem Magen konzentrierte. Sein Bauch fühlte sich dann bretthart an, als hätte er einen Stein verschluckt. Dieses drückende Gefühl hielt über ein, zwei Stunden an und steigert sich, bis er es nicht mehr aushielt und zusah schleunigst außer Sichtweite zu kommen.

Hinter einer Hausecke, einem geparktem Jeep oder schlicht einem Strauch entledigte sich Speirs dann allem, was sich zu betreffendem Zeitpunkt in seinem Magen befand. Mal war es das Frühstück, mal das Mittagessen, mal das Abendbrot. Zusammen mit seinem Mageninhalt übergab er sich allem, was ihn belastete; seiner Müdigkeit, seiner unterdrückten Angst, sowie seinem brennenden Heimweh und seinem unerfüllte Wunsch nach Geborgenheit und Trost.

Es dauerte selten mehr als fünf Minuten bis Speirs all seinen Stress erbrochen, sich wieder gefangen und sein Pokerface aufgesetzt hatte. Als wäre nichts geschehen, kehrte er dann zu seiner Einheit zurück.

Der Kraftaufwand, den es täglich kostete all diese Regungen hinter einer Fassade aus Kälte und Distanz zu verstecken, war enorm, aber er war darauf angewiesen. Und wer dennoch Zweifel an seiner Person und seiner Unverwundbarkeit hatte, wurde mit Schauergeschichten mundtot gemacht. Indem er Gerüchte über sich selbst in die Welt gesetzt hatte, hatte Speirs es geschafft sich einen Ruf als rücksichtsloser Soldat zu erarbeiten – als ein Mann ohne Gnade, ohne Mitgefühl, ohne Reue.

Ihm gefiel die Tatsache, dass die Männer ihn für unverwundbar hielten. Mehr noch, er brauchte diese Scheinwahrheit um selbst daran zu glauben und nicht unter der Last des Krieges einzuknicken. Denn entgegen seines vorauseilenden Rufes, kannte Speirs die Wahrheit: Er war verwundbar.

***

Der saure Geschmack von seinem Erbrochenen haftete noch immer auf seiner Zunge und selbst die Zigarette, die er jetzt auf dem Weg zurück zum Quartier rauchte, konnte nicht viel dagegen ausrichten.

Speirs war wütend auf sich selbst. Sein Körper hatte ihn nun schon das zweite Mal in drei Tagen rückwärts essen lassen. Die Sache mit dem sich-Übergeben schien ihm mehr und mehr zu entgleiten. Er konnte es sich einfach nicht leisten immer wieder kurz zu verschwinden. Irgendwann würde es auffallen oder schlimmer noch, jemand würde ihn dabei sehen! Einmal könnte er sich vielleicht damit herausreden etwas Schlechtes gegessen zu haben, aber beim zweiten und dritten Mal?

Bei Einbruch der Dämmerung hatte er gespürt, dass es bald wieder losgehen würde. Und tatsächlich hatte er wenig später röchelnd und würgend in den Ruinen eines zerbombten Hauses gestanden und sich dabei mit beiden Händen an der Wand abstützen müssen; seine Thompson-Maschinenpistole neben sich an die Wand gelehnt. Es war nicht viel gewesen, was seinen Weg nach draußen gefunden hatte und im Gegensatz zu den vergangen Malen spürte Speirs diesmal keine Erleichterung nach dem Erbrechen.

Nun senkte sich die Nacht über diesen kleinen namenlosen Ort auf ihrer Route und bis zum alten Gasthof, den die Offiziere besetzt hatten, waren es nur noch wenige Meter. So gut er konnte, ging Speirs aufrecht, mit geradem Rücken und gestrafften Schultern. Niemand sollte sehen, wie verflucht schlecht es ihm ging. Grimmig schnippte er seine halb gerauchte Lucky Strike in eine schlammige Pfütze auf der Straße und betrat das verfallene Gebäude. Er hatte nur noch einen einzigen Wunsch. Er wollte schnellstmöglich auf sein Quartier, sich auf seinem Schlafsack zusammenrollen und bis zum Morgengrauen durchschlafen – wenn das denn möglich war, mit diesen Wackersteinen im Magen.

Beim Durchschreiten der massiven Eichentür wurde er sich jedoch der Tatsache bewusst, dass ein gewisser First Sergeant seinen Plan wahrscheinlich durchkreuzen würde. Speirs war erst seit kurzem Kommandant der Easy und um sich einen besseren Überblick über die Männer zu verschaffen – vor allem über jene, die es galt im Auge zu behalten – hatte er angefangen sich sein Quartier mit seinem First Sergeant zu teilen. Carwood Lipton war ein anständiger Kerl, zuverlässig und pflichtbewusst, mit einer eigenen Meinung ausgestattet und durchsetzungsstark den Männern und anderen Unteroffizieren gegenüber. Niemand war länger mit der Easy zusammen und niemand kannte diesen bunten Haufen besser – genau die richtige Quelle für Speirs, um an Informationen zu kommen.

Seine Thompson über der rechten Schulter und die Hand unnatürlich fest in den Tragegurt gekrallt, stapfte Speirs die Treppe zu den Gästezimmern des ehemaligen Gasthofes hoch. Er machte sich nicht die Mühe an die Tür zu klopfen, schließlich war das hier sein Raum. Im Inneren fand er genau das vor, was er erwartet hatte.

Mehrere überraschte Gesichter blickten ihm entgegen als er eintrat; darunter auch das seines First Sergeants. Lipton sagte etwas zu ihm, das er aber nicht weiter kommentierte. Er wollte jetzt nur noch allein sein, seine starken Bauchschmerzen wegdrücken und hoffen, dass sich sein Magen bis zum Morgen beruhigt hatte. Wortlos schritt Speirs an den Männern, die um Liptons Schlafsack herum auf dem Boden hockten und Karten spielten, vorbei zu seinem eigenen Schlafplatz. Der leise flüsternden Gruppe den Rücken zugewandt, begann er seine Ausrüstung loszuschnallen und abzulegen. Gleich, sagte er in Gedanken zu sich selbst, gleich hast Du es geschafft.

Seinen First Sergeant konnte er schlechterdings aus dem Raum werfen, die anderen hingegen schon. Ohne sich wirklich umzudrehen, befahl Speirs über die Schulter hinweg: „First Sergeant, schicken Sie die Männer auf ihre Quartiere.“ Kurz darauf hörte er, wie sich Körper ächzend erhoben, Verabschiedungsfloskeln ausgetauscht wurden und das Fußgetrappel schwerer Stiefel das Verschwinden der unerwünschten Gäste ankündigte.

Als die Tür endlich ins Schloss fiel, ließ sich Speirs auf seinem Schlafsack nieder. Er hatte sich ursprünglich erst einmal hinsetzten und durchatmen wollen, stattdessen hatte sein schmerzender Körper ihn unverzüglich in die Waagerechte gezwungen. Er hatte es nicht verhindern können. Und wo er jetzt schon lag, konnte er auch gleich mit dem nächsten Schritt fortfahren. Unter größter Mühe drehte er sich mit dem Gesicht zur Wand und versuchte dabei einen gequälten Laut zu unterdrücken. Die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und fest gegen den harten Bauch gepresst, zog Speirs die Knie an. Wenn alles gut ging, würde seine abweisende Körperhaltung den Sergeant fernhalten.

Als er für Sekunden nichts hinter sich hörte, entschied er sich die Augen zu schließen und auf das Ende seiner Qualen zu warten.

***

Carwood hatte zunächst ein schweres Seufzen von sich gegeben, als es am frühen Abend an der Tür geklopft hatte. Er hatte erwartet, dass es irgendwelche Probleme gab und man ihn dazu holte, um eine Lösung zu finden. So taten es die Männer oft, wenn es Schwierigkeiten gab. Hatten sich die Kids mal wieder in der Wolle, kamen sie zu Mama Lip und bauten auf seine Güte und Geduld.

Umso angenehmer war die Überraschung gewesen, als George Luz seinen Kopf durch die Tür gesteckt und gefragt hatte, was gegen eine Runde Rommé spräche. Erfreut über die Aussicht auf ein Kartenspiel hatte Carwood ihn hinein gewunken und sofort hatte Luz, gefolgt von Perconte und Malarkey das Zimmer gestürmt.

Es war von Vorteil gewesen, dass sich Lieutenant Speirs zu diesem Zeitpunkt nicht im Quartier aufhielt. Der neue Kompaniechef war ein seltsamer Typ; verschlossen, wortkarg und irgendwie mit einer abweisenden Aura um sich. Carwood kannte die Gerüchte, die man sich über ihn erzählte, aber er gab nicht viel darauf. Nicht, nachdem er gesehen hatte, wie Speirs beim Angriff auf Foy das Kommando übernommen und die Kompanie sicher geführt hatte. Zumal er ihm einige Tage später von seiner Beförderung in Kenntnis gesetzt hatte. Bald würde Carwood selbst Lieutenant sein. Er konnte sein Glück kaum fassen und seine Feldbeförderung war definitiv ein Pluspunkt, was seine Betrachtung von Speirs betraf.

Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, dass der Lieutenant etwas zu verbergen versuchte. Er hatte keine stichhaltigen Beweise dafür, aber wenn Speirs manchmal wie aus dem Nichts zwischen den Männern auftauchte und Carwood einen kurzen Blick in sein Gesicht erhaschte, dann sah er etwas, von dem er sich nicht sicher war, wo er es einordnen sollte. War es Unwohlsein? Ein kränkliches Aussehen? Oder doch bloß ein bärbeißiges Geht-mir-alle-aus-dem-Weg? Fakt war, Carwood Lipton hatte sich noch keine abschließende Meinung über den neuen Kompaniechef gebildet.

***

Die vier Männer hatten sofort ins Spiel gefunden und alles um sich herum vergessen. Luz war in dieser Runde der Geber. Er hatte die Karten sorgfältig gemischt, jedem Spieler dreizehn ausgeteilt – sich selbst vierzehn – und den Stoß mit den restlichen Karten verdeckt in die Mitte gelegt. Luz startete mit einer Eröffnung aus Karo 8, Karo 9 und Karo Bube, beendete seinen Zug und gab an Frank Perconte weiter, der links von ihm saß.

In diesem Moment ging unerwartete die Tür auf und alle Köpfe wandten sich halb überrascht, halb erschrocken der Gestalt im Türrahmen zu. Es war Speirs.

Lipton gehörte zu jenen, die weniger überrascht waren. Er kannte diese Angewohnheit des Lieutenants bereits, einfach so und ohne Ankündigung zu erscheinen. Ein flüchtiger Blick in Speirs’ Gesicht verriet ihm jedoch, dass er keinen Genuss daraus zog die Männer derart zu erschrecken. Der Lieutenant sah müde aus, und das auf eine ungesunde Art und Weise.

In guter Absicht grüßte Lipton: „Guten Abend, Lieutenant.“

Sein Gruß blieb ohne Antwort. Stattdessen beobachtete er, wie Speirs schweigend vorbeiging und sich in seine Ecke zurückzog. Liptons Blick folgte dem Lieutenant. Die Art wie er seine Thompson zur Seite stellte, seinen Helm neben den Schlafsack plumpsen ließ, die schweren Munitionstaschen ablegte und seine Hosenträger von den Schultern streifte, sprach Bände. Es musste ihm wirklich schlecht gehen.  

Das Blatt aus Spielkarten vor den Mund gehoben, murmelte Luz: „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.“

„Stimmt.“, pflichtete Malarkey ihm gedämpft bei. „Sieht nicht danach aus, als wenn er uns gleich umlegen wird.“

Lipton schüttelte bloß den Kopf über ihr albernes Verhalten. Es gab doch tatsächlich Männer, die die Gerüchte über Speirs für bare Münze nahmen und Stein und Bein schworen, dass der Lieutenant, wenn er schlechte Laune hatte, auf seine eigenen Männer losging.

Perconte hatten seinen Zug in der Zwischenzeit beendet und Lipton war gerade im Begriff eine Figur aus Herz Dame, Kreuz Dame und Pik Dame zu legen, als er die dunkle Stimme von Speirs hinter sich vernahm. Die Worte des Lieutenants waren unmissverständlich.

Entschuldigend sah Lipton seine Freunde an und forderte sie auf: „Ihr habt den Lieutenant gehört, Jungs. Das Spiel ist vorbei.“

„Was, jetzt schon?“, jammerte Perconte.

„Ja, jetzt Frank.“, wiederholte Lipton und erhob sich als Zeichen des Vorbilds.

Perconte wehrte sich, indem er sitzen blieb. „Aber ich hatte so ein gutes Blatt!“

In süffisant-dramatischem Ton mischte sich Luz ein: „Du armer  Kerl.“

„Nah los“, befahlt Lipton, diesmal deutlich strenger, „hoch mit euren faulen Hintern und raus hier.“ Kurz darauf hatte er alle drei aus dem Raum gescheucht.

Malarkey und Perconte waren schon an der Treppe, als sich Luz auf dem Flur noch mal zu Lipton umdrehte, der im Türrahmen stand; bereit die Tür hinter dem Letzten zu schließen.

„Ich wünsch dir Hals- und Beinbruch, Lip.“

„Bei was?“

„Na ja“, begann Luz und deutete mit einem Kopfnicken über Lips Schulter hinweg, „sieht nicht gerade danach aus, als wenn der Lieutenant gut drauf ist. Du weißt ja, was man sich über ihn erzählt.“

„Du schnappst zu viele Gerüchte auf, George.“, erwiderte Lipton. „Wir sehen uns morgen.“

„Wenn Du dann noch lebst? Sicher.“

Mit einem schmunzelnden Kopfschütteln schloss Carwood die Tür vor Luz’ Nase. Dann drehte er sich um und ging zu seinem Schlafplatz zurück. Er hatte sich kaum dort niedergelassen und mit dem Rücken an die Wand gelehnt, als er sich zu fragen begann, ob George nicht vielleicht doch Recht hatte – zumindest was die Laune von Speirs betraf.

Carwood wusste nicht warum, aber er konnte nicht aufhören die Form des Lieutenants zu mustern. Wie ein Igel hatte er sich auf seinem Schlafsack zusammengerollt und – wenn man so wollte – der ganzen Welt den Rücken gekehrt. Es war Lipton nicht entgangen, das leise Knurren, das von Speirs gekommen war, als er diese Position eingenommen hatte. Einen Moment überlegte er noch, ob er es wirklich wagen sollte. Dann überwog sein Instinkt helfen zu wollen und vorsichtig sprach er seinen Lieutenant an: „Sir, geht es Ihnen gut?“

Im ersten Augenblick passierte nichts, dann kam die Antwort, harsch und doch mit einem brüchigen Unterton: „Das geht Sie verdammt nochmal nichts an, First Sergeant.“

Autsch, dachte Carwood. Deutlicher hätte die Zurückweisung nicht sein können, dennoch sagte Speirs’ verkrampfte Körperhaltung etwas anderes. „Ich kann losgehen und den Sani holen, wenn Sie möchten.“, bot Carwood an.

Diesmal kam die Antwort schneller: „Nicht nötig.“

„Ich meine ja nur, weil –“ weiter kam Carwood nicht.

Lieutenant Speirs, der bis zu dieser Sekunde reglos dagelegen hatte, drehte sich urplötzlich um und fiel ihm ins Wort: „Hören Sie, Sergeant, ich wi…“

Das nächste was Carwood sah, war, wie der Lieutenant mitten im Satz anhielt, das Gesicht eigenartig verzog, den Mund leicht geöffnet, die Augen geweitet und sich dann unvermittelt in seinen Helm übergab.

***

Speirs’ Augenlider waren beinah schreckhaft nach oben geschnellt, als sein First Sergeant ihn angesprochen hatte. Wie konnte er es wagen? Hatte seine Körperhaltung nicht eindeutig klargemacht, dass er keine Kontaktaufnahme wollte?

Speirs bekam nicht die Chance über diese Frage nachzudenken.

Dass seine Bewegung ein Fehler gewesen war, hatte er in jener Sekunde gemerkt, wo er sich umgedreht hatte. Die ersten Worte seiner Zurechtweisung waren ihm noch über die Lippen gekommen, dann hatte der Drang seines Magens sich hier und jetzt zu entleeren überhandgenommen. Im letzten Moment war es Speirs noch gelungen sich auf alle Viere zu retten und wie durch ein kleines Wunder seinen Helm zu treffen, um nicht bäuchlings in seinem eigenen Erbrochenen zu liegen.

Den Kopf tief herunter gebeugt, hing er nun über seinem Helm, und dem ersten Schwall, an dem er sich kräftig verschluckte, folgte ein schweres Husten. Speirs war überrascht als er einen kraftvollen und dennoch wohldosierten Schlag zwischen seine Schulterblätter erhielt. Dann noch einen. Und noch einen. Er spähte zur Seite und erkannte ein Paar schmutzige Hosenbeine, die sich neben ihn gekniet hatten. Es war Lipton.

Die Stimme des First Sergeants war geduldig und mitfühlend. „Ruhig, Lieutenant. Ganz ruhig.“

Speirs bekam das Husten mit Hilfe des Klopfens unter Kontrolle und fühlte wie die Hand auf seinem Rücken zu liegen kam. Er holte ein paar Mal tief Luft, bevor ein Ziehen in seinem Kiefer ihm klarmachte, dass es noch nicht vorbei war. Seine Kiefermuskulatur verhärtete sich, sein Bauch zog sich zusammen und ein zweiter Schwall platschte mit einem hässlichen Geräusch in seinen Helm.

Wieder hörte er die weiche Stimme von Lipton neben sich. „Ich bin hier, Lieutenant.“, bekräftigte der First Sergeant seine Position und wich keinen Millimeter vom Fleck. „Halten Sie durch. Ist sicher gleich vorbei.“

Abermals musste Speirs husten, diesmal allerdings nicht so stark und ohne sich vorher zu verschlucken. Er konnte fühlen, wie die Hand des anderen Mannes schweigend seinen Rücken auf und ab lief. Wie konnte das sein? Niemand seiner Männer berührte es ihn! Und doch war er hier. Sein eigener First Sergeant kniete direkt neben ihm, während er sich von vorne bis hinten übergab und streichelte ihm beruhigend den Rücken. Es war ein unsagbar gutes Gefühl, solch einen Beistand zu erhalten, wenngleich es für Speirs keinen Sinn ergab. Den Hustenreiz unterdrückend, fragte er heiser zwischen zwei Atemzügen: „Warum tun Sie das, Lip?“

Lipton war für einen Moment irritiert: „Was?“ Es war so ungewohnt für ihn, vom Lieutenant mit seinem Kosenamen angesprochen zu werden, dass er darüber hinweg vollkommen vergaß ihn mit Sir anzureden.

„Sich kümmern“, begann Speirs und schnappte röchelnd nach Luft, „um mich.“

Das Husten kehrte zurück und mit ihm das schmerzhafte Würgen. Speirs’ Rachen brannte von der bitteren Magensäure, und in seinen Muskeln von Armen und Beinen kam ein leichtes Zittern auf. Wie ein krankes Tier kauerte er auf dem Boden, das Gesicht nur Zentimeter über dem Helm mit seinem Erbrochenen. Lange würde er das nicht mehr durchhalten.  

Lipton schien seine schwindende Kraft zu spüren oder viel mehr zu sehen. Ohne zu zögern umfasste der First Sergeant seine rechte Schulter und fing ein wenig von dem Gewicht auf, das Speirs nicht mehr tragen konnte. Entkräftet schloss dieser die Augen und gab sich Liptons Fürsorge hin. In seinem benommenen Kopf hörte er die vertraute Stimme von Carwood.

„Es ist nicht meine Art, Sir“, sagte Lipton ruhig und zog den Helm unter Speirs’ Gesicht weg, „vorgesetzten Offizieren zu widersprechen. Aber wenn es meinem Kompaniechef schlecht geht, geht mich das als First Sergeant sehr wohl etwas an.“  

Mit geschlossenen Augen grinste Speirs. „Sehr richtig, Lieutenant.“ Seine Stimme klang ungewöhnlich schwach, trotzdem war die überspitzte Betonung von Liptons zukünftigem Rang nicht zu überhören. „Und das ist auch der Grund, warum ich Ihre Beförderung unterstützt habe. Sie wissen was Ihre Aufgaben sind und Sie haben Führungsqualitäten. Dass macht Sie zu einem guter Soldaten.“

Es waren die längsten, zusammenhängenden Sätze, die Speirs seit seiner Ankunft gesagt hatte und sein Drang zu reden, rächte sich sogleich. Ein neuer Hustenanfall kam auf und obwohl sein Magen diesmal schwieg, zwang ihn sein Keuchen trotzdem näher zum Boden. Seine Arme knicken ein, aber dank des beherzten Griffes von Lip, glitt Speirs langsam nach unten bis seine Stirn, wie zum Gebet, den Boden berührte. Kaum vernehmbar stöhnte er: „Oh Gott.“

„Soll ich vielleicht nicht doch den Doc holen?“, erkundigte sich Lipton, dessen Hand wieder begonnen hatte den Rücken des Lieutenants zu kraulen.

Speirs bewegte den Kopf leicht hin und her. „Nein.“

„Sicher?“

Das Gesicht von Speirs drehte sich zur Seite und er warf einen bösen Blick hoch zu seinem First Sergeant. Ein gewisses Maß von Widerspruch duldete er in dieser Situation, aber Lipton sollte sich hüten, es zu weit zu treiben! Unter größtem Aufwand drückte Speirs sich hoch und war unwillkürlich dankbar für die zwei starken Arme, die ihm dabei halfen seinen Oberkörper aufzurichten. Die Position, mit der Stirn auf dem Boden, war mehr als erbärmlich.

Wieder in einer normalen Körperhaltung, verschwand der leichte Schwindel aus Speirs’ Gleichgewichtssinn und es fiel ihm deutlich leichter zu atmen. Zufriedenstellend spürte er, wie sich sein Bauch mit jedem Atemzug entspannte. Es war nicht so, dass er Lipton eine Erklärung schuldig war, aber da sein First Sergeant nicht aufhörte ihn besorgt zu mustern und an seiner Seite blieb, als müsste er jeden Moment wieder zupacken, erklärte Speirs: „Das war nicht das erste Mal. Is’ mir schon öfter passiert. Nur ’ne Reaktion auf zu viel Stress.“

Lipton neigte unschlüssig den Kopf zur Seite. „Sie meinen, so wie andere von den Jungs von Zeit zu Zeit die Hosen voll haben, müssen Sie gelegentlich kotzen?“

Speirs Miene verfinsterte sich. Der First Sergeant bewegte sich geradewegs darauf zu, die Grenze dessen, was er tolerierte, zu überschreiten. Es gefiel ihm überhaupt nicht seine Schwäche so offen widergespiegelt zu bekommen. Aber erstens hatte er sie selbst zugegeben und zweites waren die Worte von Lipton treffend gewesen, folglich bestätigte Speirs die Aussage. „So in etwa, ja.“ Dann hob er unerwartet seine Stimme und korrigierte den First Sergeant. „Mit der Ausnahme jedoch, dass ich keiner Ihrer Jungs bin, Sergeant!“

Liptons Antwort kam prompt: „Ja, Sir. Ich verstehe, Sir.“ Offensichtlich war ihm klargeworden, dass er dünnes Eis betreten hatte und sich wieder an seinen von Gehorsamkeit geprägten Ton erinnert. Als wolle er sich für seinen Fehltritt entschuldigen, stand Lipton auf, ging zu seinem Schlafplatz und kam mit einer seiner Feldflasche wieder. „Möchten Sie etwas Wasser, Lieutenant?“

Speirs hatte den kurzen Moment genutzt, sich auf seinen Schlafsack gesetzt und Kopf und Rücken müde an die Wand gelehnt. Ohne ein Wort nahm er die ihm angereichte Flasche entgegen und bot Lipton mit einem Kopfnicken an, sich noch einmal zu ihm zu setzen.

***

Es war die Nacht, in der Carwood zu seiner finalen Betrachtungen über Ronald Speirs kam. Der Lieutenant war nicht anders als die anderen Männer auch; die gleichen Sorgen, die gleichen Nöte, die gleichen Ängste. Und vor allem, die gleichen Probleme mit dem Stress klarzukommen und das Erlebte zu verarbeiten. Mochte an den Gerüchten um seine Person nun etwas dran sein oder nicht, für Carwood war dieser Mann ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch, denn er hatte gesehen, was nur wenige Soldaten ihre Kameraden sehen ließen – er hatte seine Verwundbarkeit gesehen.

Bis spät in die Nacht hatten die beiden auf Speirs’ Schlafsack gesessen und sich unterhalten. Am Schluss hatte Lipton den Helm von Speirs genommen, dessen Inhalt aus dem Fenster auf die Straße geschüttet und ihn mit reichlich Wasser ausgespült. Auch das war eine der Aufgabe von Mama Lip; Ordnung schaffen. Für gewöhnlich hielt er seine Männer dazu an ihre Quartiere sauber zu halten, aber wenn sie zu kaputt waren und er sowieso an einer Kleinigkeit vorbeiging, dann war er sich nicht zu schade selbst anzupacken.  

Es ließ Carwood sanft schmunzeln als er zurückkam und bemerkte, dass Speirs eingeschlafen war. Nun gab es für ihn nicht mehr viel zu tun. Er griff nach der olivgrünen Wolldecke – die jeder Soldat sein Eigen nannte – faltete sie soweit auf, dass sie doppelt lag und legte das Stück Stoff sorgfältig von den Knien bis zu den Schultern über Speirs, ohne ihn dabei zu wecken. Carwoods Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, als er sagte: „Gute Nacht, Lieutenant.“


AN:
Danke fürs Lesen, wer interessiert ist, hier geht es zum zweiten Teil.
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