Verantwortung

von ObTeRi
OneshotDrama, Familie / P12
10.11.2017
10.11.2017
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~Hallo! Ja, das hier ist Teil des Gewinnspiels und ich wäre gerne schon viel früher damit fertig geworden aber es hat viel länger gedauert als erwartet. Nach einigen Kritiken meiner Freunde ist nun dieses "Endprodukt" dabei entstanden, ich hoffe ihr habt genauso viel Spaß dabei es zu lesen wie ich ihn beim Schreiben hatte. Sollte ich gewinnen würde ich mir das Spiel für die Nintendo Switch wünschen.~



Adrenalin wird durch seinen Körper gepumpt, das Blut fließt so laut, dass er es sogar hören kann. Ein kribbelndes Gefühl des Glücks knistert unter seiner Haut wie tausend explodierende Feuerwerke. Wie immer fängt er an zu lächeln, weil er wie immer diese Gefühle hat, weil er, wenn er zum Angriff startet, weiß, dass er genau hierher gehört.
Stahl prallt auf Stahl, sein Gegner hat es gerade so noch geschafft das metallene Schild zur Seite zu reißen und sein Schwert abzuwehren. Dank der Demonstration seines Könnens am vorigen Kontrahenten ist dieser viel vorsichtiger. Genau genommen hat er sich auf die Verteidigung beschränkt, Shion würde ihn sowieso niemals zum Zug kommen lassen.
"Hey, du bist langsamer geworden. Wirst du langsam müde, alter Mann?", provoziert Shion den Mann in Rüstung. Daraufhin wird er böse angefunkelt. Shions Lächeln wird breiter, denn er weiß, dass er nun gewonnen hat. Manche reagieren auf seine Provokationen, manche nicht, doch wenn sie es tun, tun sie als nächstes in den meisten Fällen eine unüberlegte Aktion die ihm den Sieg einbringt.
Er behält recht, denn sein Gegner lässt das Schild sinken und rennt mit der Lanze auf ihn zu. Es fällt Shion weder schwer seine Lanze zu köpfen, noch ihn mit einem gezielten Tritt der Fußsohle auf den Boden zu befördern.
"Ihr mit eurem lächerlichen Stolz", flüstert der Gewinner eher zu sich selbst als zu seinem Gegner.
Tosender Applaus bricht in der Taverne aus. Ein schäbiger Ort, komplett aus Holz, wenn man auch nur einen Balken zerteilen würde fällt vermutlich das ganze Gebäude zusammen. Aber hier gibt es genug Platz für Wettkämpfe.
Außerdem erkennt ihn hier keiner.
Während die Menge tobt und Shions Lächeln noch strahlender wird, schmeißt ihm der Tavernenbesitzer den Gewinn zu : einen kleinen Sack gefüllt mit Gold. Insgesamt müssten es so um die Einhundert sein. Stolz hebt der Jugendliche den Arm mit dem Gewinn hoch, das Gejubel der Menge wird damit kurz etwas lauter, fällt gleich danach jedoch wieder ab, viele bestellen sich beim Wirt etwas zu Essen, die Kämpfe haben sie hungrig gemacht. Shion allerdings hat andere Pläne.

Nachdem er das Wirtshaus verlassen hat, öffnet er den Beutel und schaut sich das Gold an an. Geld ist ihm eigentlich nicht viel wert, er besitzt genug davon. Nur ist das hier sein Geld. Geld, das er sich selbst erarbeitet hat. Behalten wird er es trotzdem nicht.
Schnell zieht er den Beutel wieder zu und steckt ihn in seinen Mantel. Hier in dem Dorf findet man immer jemanden, dem er das Gold geben kann. Dafür gibt es auch immer jemanden, der ihm das Gold sofort stehlen würde. Also ist es besser den Beutel versteckt zu halten.
Seine Stiefel aus Leder schallen auf den schwarzen Steinen des Weges laut nach, die Nacht ist so kalt, dass man seinen Atem sieht. Er bleibt kurz stehen um in den komplett klaren und sternenüberfüllten Himmel zu sehen. Es ist irgendwie seltsam dass er hier den selben Himmel sieht wie dort. Denn hier ist es ganz anders, so anders, dass man meinen könnte, man wäre auf einem anderen Planeten. Shion greift sich an den Schal, um ihn fester zu ziehen, als er plötzlich einen leichten Ruck an seinem Mantel spürt. Verwundert dreht er seinen Kopf nach hinten.
Da steht ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, ihre schwarzen Haare sind zwar zu einem Zopf zusammen gebunden, doch sie quirlen in alle Richtungen hinaus als würden sie sich gegen das Gummi-Gefängnis wehren. Ihr langärmliges Kleid reicht ihr bis zu den Knien, es ähnelt eher einem Laken als einem Kleid, da sie keine Schuhe trägt sind ihre Füße verschmutzt vom Dreck der Straße.
Sie spricht nicht, schaut ihn aber an, als hätte sie etwas gesagt. Sie braucht auch keine Worte um etwas zu sagen. Dafür reichen ihre Augen.
Er dreht sich zu dem kleinen Mädchen um und sinkt mit dem Knie nieder, sie ist jetzt ungefähr auf Augenhöhe mit ihm.
"Hier. Erzähl Keinem, dass du es von mir hast, ja?"
Shion nimmt den Beutel aus seinem Mantel und legt ihn in die kleinen Hände des Mädchens. Sie zuckt daraufhin kurz zusammen, umgreift den Beutel dann fest und schaut ihn lächelnd an.
Er lächelt zurück.
Leider ist es wirklich nicht schwer, jemanden zu finden, der das Gold braucht.
Gerade als das Mädchen davon tappsen will, ruft er sie zurück.
"Ach, warte mal kurz!"
Wieder legt sich der Blick ihrer großen Augen auf ihn.
Er deutet auf ihre Füße.
"Ist dir nicht kalt?"


Als er sechs Jahre alt war, gab es immer Lian.

"Schau mal Lian! Sie trainieren wieder!"
"Du hast doch gestern erst zugesehen wie sie kämpfen... Können wir nicht mal was anderes machen? Mir ist langweilig."
"Das ist überhaupt nicht langweilig! Wir schauen weiter zu."
Lian bließ beleidigt die Backen auf.
Ihr blondes, rückenlanges Haar wurde von dem Wind durch die Luft gewirbelt und schimmerte in der Sonne wie flüssiges Gold.
"Du wirst doch sowieso König. Wäre es nicht besser Papa bei der Arbeit zuzuschauen als hier herumzustehen?", insistierte sie.
"Aber ich möchte ein Ritter werden. Ritter beschützen das Land indem sie für die Gerechtigkeit kämpfen und das Böse besiegen."
Shion zog sein kleines Holzschwert und stellte sich auf den Steinvorsprung, bevor er seine Waffe gen Himmel hob. Die blauen Augen des kleinen Prinzen leuchteten vor Begeisterung mit der Sonne um die Wette.
Kichernd strich sich Lian ihre herumfliegenden Haare aus dem Gesicht.
"Was ist?"
"Du siehst einfach nur so witzig aus, Shion."
Peinlich berührt lief der Prinz rot an, nahm den Arm herunter und hängte das Schwert aus Holz zurück an den Gürtel.
"Also gut, lass und patroullieren. Wenn du den Soldaten schon nicht zusehen willst, können wir zumindest etwas ritterliches tun",murmelte Shion. Ein kurzes Seufzen entwich der Kehle des Mädchens, doch dann nickte sie.
"Na gut. Besser als hier zu stehen und gar nichts zu machen."

Und er wusste schon damals was er wirklich wollte.


So leise wie nur irgendwie möglich bewegt sich Shion von einer Wand zur nächsten. Wenn er sich hier nicht auskennen würde wäre er vermutlich verloren, der Palast hat riesige Ausmaße und wurde generell recht kompliziert gebaut. Außerdem, da er hier ja aufgewachsen war, kennt er die besten Geheimgänge um nicht mitten in der Nacht beim Herumschleichen erwischt zu werden. In seinem Zimmer angekommen, lässt er sich auf einen Stuhl fallen, wischt sich die Füße sauber und zieht den Mantel aus. Er ist ein klein wenig froh darüber wieder hier zu sein, da er jetzt endlich wieder warme Füße hat. Draußen wären sie ihm barfuß fast eingefroren.

Am nächsten Tag wird Shion von dem Geklopfe an seiner Tür geweckt. Ihm ist klar dass es nur eine Person gibt die ihm so penetrant auf die Nerven geht.
"Was ist?", ruft er durch den Raum. Daraufhin wird die Tür aufgerissen und ein Diener mit langen, glatten Haaren tritt in sein Schlafzimmer.
"Der Prinz hat mal wieder das Frühstück verschlafen. Mein König möchte gerne mit euch sprechen." Der schwarzhaarige Diener spricht laut und schnell, verbeugt sich kurz und tritt wieder zur Tür hinaus, ohne sie zu schließen.
Shion hievt sich grummelnd aus dem Bett und schlurft über den weichen Teppich. Der ganze Teppich ist weiß, deshalb sieht er aus wie eine fluffige Wolke.

Nachdem er sich umgezogen hatte, öffnet er die Tür, auf deren Innenseite eine Zielscheibe aufgemalt ist. Das Holz ist gepflastert von daumengroßen Löchern, in denen einmal Pfeile gesteckt haben.


Der blauäugige Junge saß neben dem Thron seines Vaters, den Kopf gegen das harte Holz gelehnt. Er beobachtete, wie Lian mit seiner Mutter redete. Mittlerweile waren sie beide acht Jahre alt und ihrem Vater nach lang genug auf dieser Erde, um ein wenig in den Kampfkünsten trainiert zu werden. Shion liebte das Schwerttraining. Es war eine willkommene Abwechslung zu dem Öden Alltag im Schloss, beobachtet von allen Dienern und Wachen um sich ja nicht zu verletzen.
Aber er mochte es nicht, Lian zuzusehen.
Seine Schwester wollte eigentlich nie für den Kampf geübt werden, ließ es aber über sich ergehen wie alles andere auch. Er fragte sich, warum sie nicht das tat, was sie wollte. Das machte er doch auch. Wenn er bekam was er wollte war er schließlich glücklich. Wollte sie nicht glücklich sein?
Ihre Mutter übergab Lian den kleinen Bogen und einen Pfeil. Sie lächelte ihre Tochter ermunternd an. Shion fand, dass seine Mutter nicht besonders schön war, mit hellbraunen Haaren, dunklen Augen und Sorgenfalten auf der Stirn, doch wenn sie lächelte, gab es kaum Jemanden, der hätte schöner sein können.
Lian blickte kurz zweifelnd zu ihm herüber. Ihr Blick nervte ihn. Es würde doch so wie immer ablaufen. Wieso zweifelte sie jedes Mal?
Sie legte an und schoss innerhalb von ein paar Sekunden. Der Pfeil blieb knapp an der Mitte vorbei stecken, das Holz unter ihm splitterte ein wenig. Shions Vater klatschte lächelnd Beifall, während er nur teilnahmslos neben dem schweren Thron saß. Ja, Lian war ein richtiges Naturtalent im Bogenschießen. Eigentlich konnte sie fast alles richtig gut.

Einen Tag später hatte sie die Idee, an ihrer Tür eine Zielscheibe zu malen um üben zu können. Während sie mit farbigen Ölen das Holz beschmierte, zeichnete Shion auf einem Blatt Papier einen Ritter. Genau genommen zeichnete er sich selbst in einer goldenen Rüstung. Das war eine der wenigen Sachen die Shion besser konnte als Lian : zeichnen. Ihr Gekritzel an der Tür sah eher aus wie ein ausgefallenes Kreismuster. Lachend ärgerte er sie, wie hässlich die Zeichnung wäre, aber sie bließ nur die Backen auf und fing an, gegen ihre gemeinsame Tür zu schießen.


Mittlerweile gehört die Tür nur noch ihm.
Der Blauäugige stapft die Treppe aus Marmor hinauf, eine Hand auf dem Geländer, mit der anderen streicht er sich die Haare zurecht. Sein Blick schweift über die mindestens ein Meter großen Gemälde an der Wand, ungefähr jeden Monat kommt ein neues hinzu um den anderen die Schau zu stehlen. Sein Vater erledigt zwar die meiste Zeit über Dinge für das Königreich, wenn er aber mal Zeit hat, kauft er sich zusammen mit seiner Frau ein neues Bild. Beide sind große Kunstliebhaber und, wie seine Mutter ihm erzählt hatte, hatten sie sich scheinbar auch so kennengelernt.
Shion muss in den dritten Raum von rechts, dem sogenannten Audienzsaal seines Vaters. Immer wenn dieser ihn sprechen will wartet er hier auf ihn.
Seufzend klopft der Prinz an die Tür.
"Herein!"
Auch wenn er hieran gewohnt ist, zögert er jedes Mal für einige Sekunden. Als würde hinter dem Holz ein Bossgegner stehen und Shion hätte sich vorzubereiten.
Naja, dem kommt es recht nahe.
Langsam öffnet und schließt er die Tür wieder, nachdem er in den Raum gegangen war.
Sofort fängt sein Vater an zu sprechen :
"Du bist gestern schon wieder zu spät zum Unterricht gekommen. Hat deine Mutter dich denn nicht schon oft genug gewarnt?"
Genau genommen hatte er verschlafen, da er die Nacht mal wieder in dem abgelegenen Dorf verbrachte.
"Ein paar Mal hat sie etwas erwähnt...", murmelt Shion vor sich hin.
"Ein paar Mal also. Ein Mal sollte reichen. Wenn das wieder vorkommt wird dein Kampftraining gekürzt."
"Was?", fragt der Jugendliche ungläubig nach, "mein Training, gekürzt? Wieso das denn?! Mir machen weder Mathe noch Geschichte Spaß, aber in der Schwertführung bin ich wirklich gut! Das wüsstest du wenn du mir auch nur ein Mal zugesehen hättest."
Die strengen Augen seines Vaters legen sich auf ihn. In Shions letztem Satz schwang viel Verbitterung mit, unmöglich dass er das überhört haben konnte.
"Du musst dich darauf konzentrieren König zu werden. 16 Jahre lang habe ich mir dein Gefasel angehört von wegen "Ritter werden", damit ist jetzt Schluss. Du hast absofort nur noch drei Stunden in der Woche Schwertkampfunterricht, du kannst entscheiden wann. Falls du weiterhin zu spät..."
Aber Shion war schon aus dem Raum herausgestürmt.


Seinen ersten Schwertkampf hatte er mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen. Er hat damals in seinem Übermut eher um sich herumgewirbelt als wirklich gekämpft. Damals hatte er auch nur ein Holzschwert gehabt, schließlich war ein Siebenjähriger noch nicht fähig ein Schwert aus Metall überhaupt nur hochzuhalten. Nach einer Weile Herumgewirbel saß er erschöpft am Boden, während sein Vater versuchte ihn nicht auszulachen.
Tränen der Wut und Scham bildeten sich in Shions Augenwinkeln. Er wollte nicht dass man ihn auslachte.
"Ach komm Shion, jeder fängt so an. Irgendwann wirst du ein ausgezeichneter Schwertkämpfer sein", munterte der König ihn auf und zerzauste die blonden Haare des kleinen Prinzen.


Am nächsten Tag verspätete der Prinz sich nicht, sonst würde ihm vermutlich noch mehr Übungsstunden abgezogen werden. Nach dem Unterricht spaziert er durch den Schlossgarten, der jetzt gerade im Sommer von Farben gespickt ist. Er erinnert sich daran, mit Lian einmal Blumen gepflanzt zu haben. Lian ist öfter hier um zu lesen, sie sagt es wäre hier ruhig und entspannend. In gewisser Weise hat sie da auch recht. Nur kam er nicht oft hier her weil er sie sonst sehen würde.
Nach kurzem Überlegen setzt er sich auf eine Bank, direkt gegenüber von einem riesigen Baum, der schon mindestens zweihundertfünfzig Jahre alt ist. Es würde vier Männer brauchen um den Stamm des Baumes komplett zu umfassen. Auch die Äste sind so dick wie die Körper mancher Ungesichter, widerlichen, grünen Kreaturen die nur auf Zerstörung aus sind. Für einen Moment stellt Shion sich vor, wie die Ungesichter jetzt gerade in den Garten stürmen. Wie die einen Büsche in Brand setzten und die anderen den riesigen Baum fällten.
Nur für einen kurzen Moment gefiel ihm der Gedanke, dieses Paradies könnte zerbersten wie ein wunderschöner Traum.
"Shion?"
Sie hat keine schöne Stimme. Zu hoch und schief. Dafür kann man in ihrem Gesicht etwas Engelhaftes herauslesen. Ihr goldenes, schulterlanges Haar unterstützte das gesamte Bild nur noch. Als er den Kopf nach links dreht, sieht er, wie sie lächelnd auf ihn zukommt.
Erneut stellt er sich die Ungesichter und ihre Zerstörungswut vor, nur damit sie kurz wieder aus seinen Gedanken verschwindet.
Lian hat es schon immer gegeben.
Aber das ist nicht der Punkt.

"Es ist wirklich gemein von Vater deine Stunden zu kürzen. Bist du sehr böse?"
Er starrt auf die Rinde des Baums vor sich, prägt sich jedes einzelne Detail in sein Gehirn ein. Shion will ihr Lächeln nicht sehen.
Seufzend lehnt sich seine Schwester an die Bank. In ihrer Rechten hält sie einen Pfeil und Bogen. Dieser ist verziert mit kleinen Ranken aus Metall, Weißgold glaubt er, irgendwie schien der Bogen das Licht der Sonne so zu spiegeln damit es aussah als würde er leuchten.
"Heute musste ich vier Stunden trainieren. Es fühlt sich so an als würden meine Arme langsam abfallen", lacht Lian nervös.
Seine Lippen pressen sich zu einer dünnen Linie zusammen.
Das Alles will er nicht hören.
"Später habe ich dann noch Geschichte und Länderkunde. Morgen dann wieder Training und Mutter wird dabei sein, sie sagte sie würde sich schon darauf freuen mir zuzusehen. Irgendwie macht mich das ein wenig nervös."
Letztendlich kommt er nicht darum herum, sie anzusehen. Auch wenn ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen sind erkennt er die Lüge in ihren Augen. Niemand kennt sie besser als er es tut. Und niemand weiß besser darüber bescheid was sich in ihr abspielt. Nur dass er anders damit umgeht.
"Wieso tust du das?"
Diese Frage brannte ihm schon seit mehreren Jahren auf der Zunge. Immer hat er gesehen wie sie Dinge tat die sie nicht wollte, aber sie beschwerte sich nie. Ihrer Kehle entwich niemals ein Widerspruch ihren Eltern gegenüber. Hat sie Angst vor ihnen? Will sie Anerkennung? Warum verweigert sie sich bitte selbst glücklich zu sein?
In den ersten paar Sekunden entgleiten ihr die Gesichtszüge. Offenbar hat er einen wunden Punkt getroffen.
"Was meinst du?", spielt sie die Ahnungslose.
"Du weißt was ich meine. Bogenschießen, Briefe an Leute schreiben die du nicht kennst, dir tausend neue Kleider schneidern lassen. Du magst Kleider nicht mal."
Weiterhin tut sie so als wüsste sie nicht, was er meint.


"Shion, meinst du, es gibt Mädchen in dem Dorf da ganz weit hinten, die gerne eine Prinzessin wären? Meinst du sie ziehen sich pinke Kleider an und suchen nach Prinzen?"
"Klar."
"Ich würde auch gern davon träumen eine Prinzessin zu sein."
Verwirrt hatte Shion seine Zwillingsschwester angesehen.
"Du bist doch eine Prinzessin. Dann ist dein Traum ja in Erfüllung gegangen."
Gedankenverloren schob sich die Zwölfjährige eine Haarsträhne hinter das linke Ohr.
"Manche Träume sind als Träume schöner."

Es war kein Problem gewesen, dass es Lian immer gegeben hatte. Wenn sie als kleines Kind nicht neben ihm schlief weinte er. Wenn sie beim Essen nicht viel zu viel zu sich nehmen würde, würde auf dem Tisch einiges übrig bleiben. Sie hatte das Lächeln ihrer Mutter geerbt und er liebte dieses Lächeln. Ohne sie fühlte er sich unwirklich. Eigentlich wollte er ohne sie auch gar nicht wirklich sein.
Das Problem ist, dass es immer nur sie gegeben hatte.


Bilder rasen durch seinen Kopf wie eine Diashow. Einige, bei denen Lian gelobt worden war, Szenen, bei denen seine Eltern besorgt schauten, da er Ritter werden will.
Lian kann das besser, Lian übernimmt Verantwortung.
Und Lian ist unglücklich. Nur ist das eine Sache die keinem außer ihm aufgefallen ist.
Shion fragt sich, wann es eigentlich genau war, als Lians Lächeln so verschwommen wurde, nicht mehr annähernd so schön wie das ihrer Mutter. Irgendwann wurde das Lächeln traurig und er wollte es nicht mehr sehen. In seinem Kopf hat er versucht sie zu hassen und von sich zu stoßen weil sie besser war als er, weil sie alles richtig machte und geliebt wurde. Sie bekam immer diese Blicke die Stolz, auch Bewunderung ausdrücken. Aber in seinem Inneren wusste er dass er sie niemals würde hassen können. Er würde nur an ihrem verbrauchten Lächeln, das alle Farbe verloren zu haben schien, zerbrechen.

So sitzt er neben ihr. Sie schweigen sich an wie Leute, die alles gesagt haben wenn nichts mehr zu sagen übrig bleibt.
Mit einem Mal, vielleicht auch erst nach einer Stunde, Shion hat sämtliches Zeitgegühl verloren, brechen die ersten Regentropfen aus den dichten Wolken haus. Er hatte nicht einmal gemerkt dass sich ein Schatten über den Garten gelegt hat. "Lass uns rein gehen", schlägt der Prinz vor. Doch Lian schüttelt den Kopf.
"Ich möchte hier bleiben."
Kurz darauf sitzen die Königskinder im schüttenden Regen, die Kleidung klebt an ihren Leibern. Trotz dass es nass ist wird den beiden nicht kalt, auch wenn es regnet gibt es eine warme Sommerluft die sie wärmt.
"Ich möchte keine Königin werden. Und Bogenschießen macht mir keinen Spaß. Es gefällt mir nicht diese Kleider zu tragen und weniger zu essen als ich will."
Da der Regen so laut ist hat Shion sie fast überhört.
"Warum tust du es dann?"
Sie dreht ihren Kopf ein wenig zu ihm. Die goldenen Haare hängen ihr durchnässt am Kopf herunter, der Glanz des Sonnenlichts ist jetzt vollständig verschwunden.
Ihre blauen Augen schauen ihn so schmerzerfüllt an, dass sich sein Inneres unangenehm zusammenzieht.
"Irgendwer muss es doch tun, oder nicht? Ich werde Mutter und Vater nicht enttäuschen. Sie haben viel für uns getan."
"Sie haben uns die ersten Jahre wie ihre Kinder behandelt, dann haben sie in mir nicht mehr gesehen als einen kleinen dämlichen Jungen und dich in eine Rolle gezwängt die du nie haben wolltest. Von uns sollten sie gar nichts bekommen", widerspricht ihr Zwillingsbruder.
Kopfschüttelnd streicht sie ihren Rock zurecht.
"Du kannst gerne Ritter werden wenn du möchtest. Es ist mir sowieso lieber wenn du das machen kannst was du willst."
"Dann weißt du ja wie es mir geht."
Zweifel spiegeln sich in ihren Augen wieder. Ihm ist klar dass er sie mit diesem einen Gespräch niemals überzeugen kann. Aber diese Zweifel sind ein Anfang. Vielleicht würde sie nicht mehr so oft auf diese Weise Lächeln die er hasst.
"Lian?"
"Ja?"
"An meiner Tür ist immernoch die Zielscheibe."
Ganz kurz ertönt ihr glockenhelles Lachen. Irgendwie hat er schon fast vergessen wie es sich anhört.
"Wieso tauscht du sie nicht aus?"
Er schaut sie kurz an und überlegt, zuckt dann mit den Schultern und sagt :
"Einfach so."
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