Taming the Beasts

von Madita
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Bill Weasley Nymphadora Tonks OC (Own Character) Remus "Moony" Lupin Severus Snape Sirius "Tatze" Black
10.11.2017
27.11.2019
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A/N: So, hier kommt mein vielleicht liebstes Kapitel bislang. Ich hab trotzdem ungefähr hundert Mal daran herumgemauschelt (und auch nachträglich am letzten Kapitel, also falls sich jemand denken sollte „hö, das hab ich doch schon mal gelesen?“ - ja, ich hab ein paar Sachen nach hier verschoben. Sorry), und kann jetzt nur hoffen, dass euch das Ergebnis auch ein bisschen gefällt.
Ein riesen Dank geht raus an MissMerlot, die mir seit Kurzem als Beta beisteht, an Gwynneth, ohne die ich diese Story längst gegen die Wand gefahren hätte, und an TochterDerPorzellankiste, die das hier nur liest, weil sie mich lieb hat. Ihr seid die Besten. <3




Kapitel 15
Kapitulation


Oh yeah, we meet again
It's like we never left
Time in between was just a dream
Did we leave this place?
This crazy fog surrounds me
You wrap your legs around me
All I can do to try and breathe
Let me breathe


(Live – The Dolphin's Cry)




Am Donnerstagmorgen war die Anspannung im Schloss beinahe greifbar. Für Lena und Tonks begann der Schultag mit einer Doppelstunde Zauberkunst, doch die Schülerinnen und Schüler waren so unkonzentriert, dass Professor Flitwick es schlichtweg aufgegeben hatte, sie nach Plan zu unterrichten. Er verteilte eine Liste mit schriftlichen Aufgaben, die sie über die Weihnachtsferien bearbeiten sollten, setzte sich mit einem Roman an sein Pult und kümmerte sich ansonsten nicht weiter darum, was sie mit ihrer Zeit anfingen.

Entsprechend ging es im Klassenraum laut zu. Niemand schien große Lust zu haben, sich vor den Ferien noch mit den Aufgaben zu befassen, wenn man sich stattdessen auch die Zeit mit Zauberschnippschnapp oder allgemeiner Einstimmung auf die Ferien und, wichtiger noch, auf die bevorstehende Party vertreiben konnte.
Die Einzigen, die an einem Tisch die Köpfe zusammengesteckt hatten und äußerst vertieft wirkten, war eine Gruppe Mädchen aus Ravenclaw, doch Tonks mutmaßte, dass sich ihr Getuschel in Wahrheit darum drehte, was sie am nächsten Abend anziehen wollten.

„Wo wir gerade dabei sind, was ziehst du eigentlich an?“, fragte sie, wobei sie sich alle Mühe gab, gelangweilt zu klingen. „Das rote Kleid?“
Egal, wie sehr sie auch behaupten mochte, dass die ganze Aufregung sie völlig kalt ließ – das Thema war einfach zu ansteckend, um sich ganz und gar heraus zu halten.

„Nein...“, antwortete Lena, halb in Gedanken versunken. „Ich hab noch ein anderes.“
Sie hatte tatsächlich versucht, sich an ihre allerletzten Verwandlungshausaufgaben vor Weihnachten zu setzen, doch bei dem Lärm um sie her war es schlichtweg unmöglich, sich zu konzentrieren.

„Welches?“, bohrte Tonks weiter. „Kenn ich das schon?“

„Ich glaub nicht.“ Lena hörte auf zu schreiben und tippte sich mit der Feder gegen die Nase. Soeben war ihr aufgefallen, dass Charlie Weasley ein Stück entfernt von den anderen Gryffindors saß und ebenfalls zu arbeiten versuchte. „Hör mal, ich muss kurz was erledigen, ok?“

Zauberkunst war der einzige Unterricht, den sie mit Charlie gemeinsam hatte, und weil sie die ganze Woche noch keine Gelegenheit gehabt hatte, mit ihm zu sprechen, nutzte sie ihre Chance. Sie ging hinüber, schob sich auf den Stuhl neben ihm, und stupste ihm gegen die Schulter.

„Hey“, sagte sie leise, damit die anderen aus seinem Haus nichts mitbekamen. „Gibts schon irgendwas Neues?“

Charlie sah auf und schüttelte leicht den Kopf. „Ich glaub nicht, dass er was gesagt hat.“ Sein Blick wanderte zu Colin, der einige Meter entfernt lässig auf der Tischkante hockte und Witze riss. Eine ganze Gruppe Bewunderer umringte ihn und hing an seinen Lippen.

„Aufgeblasener-“, begann Lena, doch genau in diesem Moment drehte sich Colin zu ihnen um und bemerkte sie.

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und ließ dabei seine unnatürlich weißen Zähne blitzen. „Hey Proctor!“, rief er neckend. „Willst du morgen Abend mit mir zum Fest gehen?“ Seine Freunde lachten.

„Witzig, Hooke.“ Sie verdrehte die Augen und stand auf.

„Ich meins ernst!“ Sein Grinsen wurde noch breiter. „Wir würden doch ein süßes Paar abgeben, findest du nicht?“

Inzwischen hatten auch einige andere den Austausch bemerkt und sich ihnen zugewandt. Um sie herum wurde es still.

Lena warf einen kurzen Seitenblick auf Charlie, der beinahe unmerklich die Schultern zuckte.

„Tja weißt du, Colin, du bist schon ganz süß und so... aber nein. Nein, danke.“

Ein Mädchen aus Gryffindor, dessen Namen sie vergessen hatte, machte leise, „Uuuuhhh“.

Colins Gesichtszüge entgleisten, er fing sich jedoch sofort wieder. „Komm schon, Proctor, hab dich nicht so.“ Er hob leicht die Arme und überblickte den Raum, als wäre er sein Königreich. „Jedes Mädchen hier drin würde sich darum reißen, mit mir zu einer Party zu gehen, und ich frag ausgerechnet dich! Zeig mal ein bisschen mehr Begeisterung!“

„Ahm, ich denke, du hältst dich für ein bisschen cooler, als du tatsächlich bist“, sagte Lena ruhig. Sie war sich der Aufmerksamkeit ihrer Klassenkameraden bewusst, doch dieser selbstgerechte Typ machte sie zunehmend wütend. „Nicht jedes Mädchen steht auf dich. Ich für meinen Teil würde eher mit Argus Filch ausgehen, als mit einem aufgeblasenen Wichtigtuer wie dir.“
Hinter sich konnte sie Sophie und Anna, ihre Mitschülerinnen aus Slytherin, verdruckst kichern hören. Sie machte eine kleine, künstlerische Pause und spielte dann ihren Trumpf aus.
„Ganz abgesehen davon, hab ich bereits ein Date.“

Colin warf den Kopf in den Nacken und lachte harsch. „Ja wirklich? Und wer soll das bitte sein?“

Lena packte Charlies Hand und umschloss fest seine Finger. „Ich gehe mit Charlie.“

Diesmal blieb Colin der Mund offen stehen. „Dein Ernst?“ Er versuchte es noch einmal mit Lachen, doch er klang jetzt kein bisschen mehr belustigt. Sein Kiefer zuckte. „Du gehst echt lieber mit... mit dem da, als mit mir?“

„Ja“, sagte sie schlicht und blickte ihn geradeheraus an.

Wieder öffnete er den Mund, doch einer der anderen Gryffindor-Jungen tappte ihm an die Schulter und gab ihm ein Zeichen, dass er es gut sein lassen sollte. Colin setzte eine blasierte Miene auf, zuckte scheinbar gleichgültig die Schultern, und wandte sich wieder seinen Freunden zu.

Charlie sah sie mit einer Mischung aus Unglauben und Begeisterung an. „Das war... wow.“

Sie grinste. „Kannst mir später danken.“


*



Als Lena nach der Mittagspause in den Schlafsaal ging, um ihre Tasche zu holen, saßen Anna und Sophie gerade auf ihren Betten und unterhielten sich angeregt, verstummten jedoch in dem Moment, als sie eintrat.
Beinahe hätte sie die Augen verdreht. Warum nur glaubten alle noch immer, dass es sie interessierte, was sie hinter ihrem Rücken zu lästern hatten? Es war immerhin ihr drittes Jahr in Hogwarts und sie hatte sich längst daran gewöhnt, die Außenseiterin zu sein.

Doch dann sagte Anna plötzlich mit spürbarer Anerkennung in ihrer Stimme, „Gute Aktion vorhin.“

Sie war sich nicht ganz sicher, ob die beiden sie veralberten.

„Das mit Hooke“, fügte Sophie erklärend hinzu, ihren fragenden Blick offenbar missdeutend. „Geschieht ihm recht, mal ordentlich abzublitzen. Er hält sich für den tollsten Hecht, weil er gut im Quidditch ist, aber er ist einfach ein ekelhafter Großkotz.“

Lena zuckte die Schultern und griff nach ihrer Tasche. „Gryffindor halt.“

„Gehst du wirklich mit Charlie Weasley zur Party?“, wollte Anna wissen.

„Ja. Warum?“

„Nur so.“ Sie stand von ihrem Bett auf und holte ihr Verwandlungsbuch aus dem Schrank. „Er ist echt in Ordnung... für einen Gryffindor.“

„Und er sieht gut aus“, setzte Sophie hinzu. „Sag mal, Lena, du bist mit seinem Bruder befreundet, oder? Bill?“

Die beiden schlossen sich ihr an und gemeinsam durchquerten sie den Korridor und den Gemeinschaftsraum.

„Bill ist sowas von süß“, schwärmte Anna. „Dieses Lächeln...“

Lena musste lachen. So viel Aufmerksamkeit von ihren Klassenkameradinnen war sie sonst gar nicht gewöhnt – aber dass sie sich mit ihr ausgerechnet über Bill Weasley unterhalten wollten, setzte dem Ganzen die Krone auf.
„Du weißt aber, dass er in festen Händen ist, oder?“

„Jaaa“, sagte Anna gedehnt. „Keine Ahnung, wie ausgerechnet diese Nymphadora Tonks ihn abbekommen konnte.“

„Hey.“ Lena blieb am Ausgang des Gemeinschaftsraum stehen und zog warnend die Augenbrauen hoch. „Tonks ist einer der besten Menschen, die ich kenne.“

„Tut mir Leid.“ Anna hob entschuldigend die Hände. „Hab vergessen, dass sie ja auch deine Freundin ist.“ Sie trat den anderen voran nach draußen und hielt die Tür auf.

„Eigentlich finde ich sie sogar recht hübsch“, warf Sophie ein. „Wenn sie nicht gerade blöde Sachen mit ihrem Gesicht macht.“

Diesmal verdrehte Lena wirklich die Augen. „Geht es bei euch eigentlich immer nur nach dem Aussehen?“ So langsam hatte sie den Eindruck, dass sie auf die Gesellschaft der Mädchen auch weiterhin ganz gut verzichten konnte.

„Quatsch.“ Sophie grinste und hakte sich bei Lena unter. „Aber es ist eben schwer, etwas anderes zu beurteilen, wenn man die Leute kaum kennt, oder? Manchmal denke ich“, fügte sie grübelnd hinzu, „dass diese ganze Einteilung in Häuser ganz schön viele Barrieren aufbaut. Ich meine, da sitzt du teilweise jahrelang mit Leuten in denselben Klassen und kennst gerade mal ihre Namen.“

„Oh-ho“, entgegnete Lena spöttisch, musste dabei aber ehrlich lächeln. „Pass bloß auf, sonst ruinierst du den Ruf des ganzen Hauses Slytherin.“

Anna zu ihrer anderen Seite lachte. „Wir dachten, dafür wärst du zuständig, Lena.“

Sie stiegen die Treppen hinauf ins Erdgeschoss und schlugen den Weg zum Verwandlungsklassenzimmer ein. Das einzig Positive, was man über diese Stunde würde sagen können, war, dass es die Letzte für dieses Trimester war. Lena dachte an ihre unfertige Hausaufgabe. Die erneute Auseinandersetzung mit Sev, ihre eigenen verwirrten Gefühle, die Sache mit Charlie und Colin – all das hatte sie wieder einmal davon abgehalten, ihre Arbeit pünktlich und gewissenhaft zu erledigen.

„Seid ihr fertig geworden mit den Aufgaben?“, fragte sie missmutig. „Mit der Dritten bin ich überhaupt nicht zurecht gekommen.“

Die anderen beiden nickten verwundert, was ihr schlechtes Gewissen noch größer werden ließ.

Sophie sah auf die große Uhr in der Eingangshalle. „Wir haben noch gut zehn Minuten, bis die McGonagall auftaucht. Wenn du willst, kannst du abschreiben.“

Lena blinzelte. „Im Ernst?“

„Klar. Slytherins halten zusammen, oder nicht?“



*




Severus Snape hatte sich nie groß fürs Küssen begeistern können. Sah man einmal vom Reiz der Aufregung und der ganzen hormonellen Geschichte ab, war es doch im Grunde eine recht unappetitliche Sache. Zu viel Körperkontakt, zu viel Haut, und defintiv zu viel Speichel. Wenn man ihn fragte, konnte er sich schlichtweg Besseres vorstellen, als sich vor Nervosität schlotternd in irgendeiner dunklen Ecke herumzudrücken und zu versuchen, sich nicht wie der größte Idiot zu verhalten, während einem eine vollkommen fremde Person die Zunge in den Mund steckte.

Vielleicht, dachte er, hatte er auch einfach nie den richtigen Zugang dazu gefunden. Der Großteil seiner Erfahrungen auf diesem Gebiet lag nun schon etliche Jahre zurück und war stets begleitet gewesen von dem pubertären Druck, den Heranwachsende häufig verspürten, Dinge einfach nur deshalb machen zu müssen, weil alle anderen sie scheinbar auch taten. Nicht auszudenken wäre es gewesen, Hogwarts zu verlassen, ohne diese wichtige Erfahrung gemacht zu haben – zumindest, wenn es nach Lucius Malfoy ging.

Und so hatte Severus damals, mit fünfzehn, seinen ersten Kuss erhalten: In einem Besenschrank auf Malfoy Manor, von einem Mädchen namens Katherine Travers, in einem jener denkwürdigen Sommer, die sie auf dem Landsitz der Familie Malfoy verbracht hatten. Katherine hatte für ihre vierzehn Jahre bereits ansehnliche Rundungen entwickelt gehabt, viel und gerne gelacht (wenn auch, für seinen Geschmack, etwas zu laut), und hatte sich dieser Aufgabe mit der allergrößten Begeisterung gewidmet.
Sie hatte nach Rum und Kartoffelchips geschmeckt und ihre Hände nicht gerade freundschaftlich über seinen Po wandern lassen, während sie ihn mit ihren massigen Schenkeln gegen die Wand gedrückt hielt, sodass er unmöglich entfliehen konnte, und im Gegensatz zu ihrem lustvollen Stöhnen hatte sie ihm ihre rotierende Zunge so tief in den Hals gesteckt, dass er sicher gewesen war, sie wollte ihn ersticken.
Alles in allem hätte er auf dieses Erlebnis sehr gerne verzichtet. Die Küsse, die nach Katherine kamen, waren auch nicht viel besser gewesen - wenn auch im Detail nicht ganz so unangenehm, insbesondere da bei jenen keine betrunkenen Freunde vor dem Besenschrank gelauert und ihn angefeuert hatten.

Und die einzige Frau, die er je wirklich hätte küssen wollen... Nun, das war eine andere Geschichte.

Was also war diesmal anders? Was war es, das ihn so aus dem Konzept brachte, dass er sich nicht nur zu diesem verdammten Kuss hatte hinreißen lassen, sondern obendrein seit jener Nacht kaum noch in der Lage war, an etwas anderes zu denken?

Kaum volljährig, hatte dieses vorlaute, nervtötende Gör es tatsächlich geschafft, etwas in ihm auszulösen, das er seit Lily Evans' Tod nicht mehr empfunden hatte und auch nicht erwartet hätte, es je wieder zu empfinden. Und das vielleicht Schlimmste daran war, dass es absolut keine rationale Erklärung dafür gab.
Weder war das Mädchen umwerfend schön, noch über alle Maßen intelligent oder gebildet, noch hatte sie sonst irgendeine der Eigenschaften, die ihn für gewöhnlich anzogen. Mit Ausnahme ihrer Schlagfertigkeit und ihrer vehementen Weigerung, seine Ablehnung hinzunehmen, war sie sogar ausgesprochen durchschnittlich.

Was war es, das ihn so aus dem Konzept brachte? Warum war ihm die Erinnerung an ihren Kuss, dort in dieser verfluchten Mauernische, noch immer so schmerzhaft präsent, dass er sich kaum noch auf irgend etwas anderes konzentrieren konnte? War es einfach nur Lust? Hatte er seine eigenen Körperfunktionen tatsächlich so wenig unter Kontrolle, dass sein körperliches Verlangen sich nun schon auf eine Schülerin projizierte?

Nein, dachte er wütend. Das war völliger Unsinn. Severus hatte nie Probleme damit gehabt, seine Sexualität anders als in der Zweisamkeit mit anderen Menschen auszuleben. Lucius, der seine Finger kaum je von einer Frau hatte lassen können, die ihm auch nur schöne Augen machte, hatte ihn häufig genug damit aufgezogen und sogar bei mehr als einer Gelegenheit gewitzelt, Severus sei wahrscheinlich einfach asexuell.
Er hatte dies mit einem Achselzucken abgetan und sich insgeheim gedacht, dass vielleicht etwas Wahres daran war. Tatsache war, dass er sich mit Ausnahme von Lily Evans zu keinem Menschen – Frau oder Mann – auf diese Weise hingezogen gefühlt hatte, weder vor Lilys Tod, noch danach.

Umso erstaunlicher war es, dass ausgerechnet dieses Mädchen, dieses Mädchen, ihn nun dazu brachte, dass er nicht nur jetzt schon beinahe jede Regel gebrochen hatte, der er sich verpflichtet hatte, dass er seinen Job, der ihm wichtiger war als alles andere, massiv aufs Spiel setzte und dass er es nicht einmal schaffte sich wegen alledem schlecht zu fühlen – nein, er dachte sogar daran, es zu wiederholen.

Und er dachte pausenlos daran.

Wann immer er ihr in der Schule begegnete, loderte wieder das Verlangen danach auf, sie an sich zu ziehen, sie zu küssen, und etliche weitere ungesagte Dinge mit ihr zu tun. Also versuchte er, sie zu meiden. Er nahm Abkürzungen und Schleichwege, wich auf die weniger gut besuchten Zeiten bei den Mahlzeiten aus, und ignorierte sie verbissen während des Unterrichts, obwohl das bedeutete, dass er sich stattdessen mit den Falschantworten der anderen Dummköpfe in der Klasse abmühen musste.
Es half nichts.
Wann immer er seinen Gedanken auch nur die kleinste Ruhepause erlaubte, wanderten sie zurück zu ihr, zu ihren Lippen, zu ihrer warmen Haut unter seinen Fingern. Tatsächlich war es am Dienstag sogar so weit gekommen, dass er über der Erinnerung an ihre verdammten Hände in seinem Nacken vergessen hatte, seinen Viertklässlern Hausaufgaben aufzugeben – etwas, das, wie jeder der ihn kannte beschworen hätte, noch nie passiert war.

Und dann war sie am Mittwoch einfach in seinem Klassenzimmer aufgetaucht, wo er ihr, wie sie sehr genau wusste, nicht ohne Weiteres entfliehen konnte. Sie hatte ihn in die Ecke gedrängt, von ihm gefordert, nein, verlangt, dass er sich mit dem, was unausgesprochen zwischen ihnen stand, auseinandersetzte.
Er war weich geworden, hatte Dinge gesagt, die er nie laut auszusprechen vorgehabt hatte. Hatte sie wieder in seinen Kopf eingelassen. Schon wieder.
Es war zum Verzweifeln.

Doch was auch immer es war, das sie beide verband, das ihn dazu veranlasste sich zu benehmen, als wäre er selbst nicht älter oder reifer als die hormongesteuerten Teenager um ihn herum – er würde diesem Irrsinn ein Ende setzen, und zwar sofort. Sie hatte zu oft die Grenzen übertreten, die er selbst gesetzt hatte und er würde nicht länger zulassen, dass sie eine derartige Macht über ihn ausübte.

Und wenn es ihr das Herz brach? Nun, Dumbledore hatte es bereits treffend ausgedrückt: Gebrochene Herzen gehörten eben zum Erwachsenwerden dazu.

Was sein eigenes Herz betraf, so war er sich sicher, dass es ohnehin nicht noch mehr Schaden nehmen konnte, als es das bereits vor Jahren getan hatte.

Trotzdem. Ihr Blick, als sie ihn gefragt hatte, ob dies wirklich das war, was er wollte, als er sie angewiesen hatte, zu verschwinden und sich endlich wie das halbwüchsige Mädchen zu verhalten, das sie nun einmal war, ging ihm nicht aus dem Kopf. Er war trotzig gewesen, widerspenstig. Severus wusste, dass in ihrer verdrehten kleinen Welt seine Worte nichts anderes gewesen waren als eine glatte Herausforderung.
Und... in einem der seltenen, stillen Momente, in denen er überraschenderweise vollkommen ehrlich zu sich selbst war, dachte er, vielleicht war es am Ende nichts anderes gewesen.

So oder so, sie würde sich dieser Herausforderung stellen.

Was ihn anbelangte? Nun, es würde sich sehr bald zeigen, wie gut Severus Snape sich selbst unter Kontrolle hatte.


*




Der Freitag kam und brachte eine große Menge Neuschnee mit sich. Als der Unterricht um die Mittagszeit endete, fanden Lena und Tonks die Große Halle in heillosem Durcheinander vor. Offenbar wollte Professor Williams es sich nicht nehmen lassen, die ohnehin schon opulente Dekoration ringsumher mengenmäßig zu verdoppeln; auf den Tischen und Bänken stapelten sich aus dem Nichts heraufbeschworene Eiszapfen, Geschenkattrappen und Kugeln, die auf ihren Einsatz warteten, und oben am Lehrertisch stand ein recht missmutig aussehender Professor Flitwick und ließ aus der Spitze seines Zauberstabs zusätzliche Girlanden und Lichterketten hervorschnellen, die sich gemäß Williams' Anweisungen überall in der Halle verteilten. Die Schüler mussten auf dem Weg zu ihren Haustischen über Berge von Mistelzweigen klettern und kleinen, silbrig glitzernden Wölkchen ausweichen, die herumschwirrten und künstlichen Schnee auf ihre Köpfe herabrieseln ließen.

„Bisschen übertrieben, oder?“

Bisschen?“ Tonks sah aus, als hätte sie gerade einen Hirnschlag erlitten. „Wenn sie noch mehr Deko verteilt, ist die verdammte Halle voll.“

Lachen war zu hören, als Anna und Sophie neben ihnen auftauchten.

„Was hab ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“, murmelte Tonks, jedoch so leise, dass die beiden sie nicht hören konnte.

„Hey, Lena. Hallo, Nymphadora!“, rief Anna fröhlich und Tonks zuckte zusammen, wie immer, wenn jemand sie bei ihrem vollen Vornamen nannte.

Die Slytherins blieben bei ihnen stehen und Sophies Gesicht leuchtete buchstäblich vor Vorfreude. „Das wird der Hammer, oder? Ich kanns kaum noch erwarten!“

„Ja-ah...“, sagte Lena matt. „Ich beginne so langsam zu verstehen, was mit 'weniger ist mehr' gemeint ist.“

Wieder kicherten die beiden. „Na, dann bis später, oder?“, meinte Anna leichthin und sie verschwanden in Richtung Slytherin-Tisch.

Tonks blickte ihre Freundin mit kugelrunden Augen an. „Wollen die uns verulken?“

„Ach, hab ichs noch nicht erzählt? Seit ich Hooke einen Korb gegeben habe, bin ich auf einmal beliebt.“ Lena schnaubte belustigt. „Scheinbar erstreckt sich diese Gunst auch auf meine Freunde.“

„Au weh, das muss im Kleingedruckten gestanden haben. Los, lass uns schnell einen Happen essen und dann aus dieser Vorhölle hier verschwinden.“

Gerade als Lena sich niedergelassen hatte und nach einer Schüssel mit Kartoffeln griff, rauschte Severus auf dem Weg zum Hohen Tisch an ihr vorbei. Er wischte sich ein paar glitzernde Schneeflocken vom Ärmel und machte dabei ein Gesicht, als hätte er am Liebsten jeden, der ihm in die Quere kam, in Stücke geflucht.

Was denn, Sev, hat der Geist der Weihnacht dich etwa noch nicht in seinen Bann geschlagen?

Natürlich ignorierte er sie, doch Lena war es egal. Als sie sich eine Viertelstunde später wieder mit Tonks am Eingang traf, hakte sie sich gut gelaunt bei ihr unter und warf einen letzten Blick zurück auf den Lehrertisch.

„Also los, lass uns ein paar Männerherzen brechen.“



*




Um Punkt sieben Uhr öffneten sich die Flügeltüren der Großen Halle und die Schülerschaft strömte herein. Severus musste zugeben, dass Lorelai nicht zu viel versprochen hatte - sie und ihre Helfer hatten sich bis zur letzten Minute ins Zeug gelegt, um diesen Abend zu etwas Besonderem zu machen.
Auf dem Podest an der Stirnseite, dort wo sonst die Lehrer zu den Mahlzeiten saßen, war ein Buffet aufgebaut, für das die Hauselfen der Schulküche alle Register gezogen hatten. Die Haustische waren fortgeschafft worden, sodass ein Großteil der nun freien Fläche als Tanzfläche dienen konnte, das Licht war gedimmt, und über allem thronte, als grandioser Glanzpunkt, eine mannsgroße Diskokugel, die auf magische Weise frei über den Köpfen der Gäste schwebte und silbrige Lichtflecke auf die Wände und den Boden warf.

Am Eingang hatte sich bereits ein kleiner Auflauf gebildet. Die Ersten, die herein kamen, blieben mit offenen Mündern stehen und blockierten den Weg, woraufhin die Nachfolgenden versuchten, sie mit Schubsen und Drängeln dazu zu bringen sich weiter zu bewegen.
Zum Glück reagierte Minerva McGonagall am Schnellsten und machte sich sogleich daran, die Blockade zu lösen.

Severus drückte sich mit verschränkten Armen an die Wand, als wäre er gern mit ihr verschmolzen. Lorelai hatte erklärt, dass die Aufgabe der Lehrkräfte einzig darin bestand, im Großen und Ganzen für Ordnung zu sorgen und ansonsten, wie sie es ausgedrückt hatte, Spaß zu haben.
Nun, wäre es nach ihm gegangen, so hätte Severus mehr Spaß daran gefunden, sich mit einem Buch ins Bett zu verkriechen.

Dumbledore hatte das Podest erklommen, und sobald die Schülerinnen und Schüler vor ihm versammelt standen, breitete er die Arme aus und strahlte.
„Herzlich Willkommen und viel Spaß!“, rief er schlicht. Vereinzelt war Applaus zu hören, dann setzte die Musik ein.

Wie so häufig in der Welt der Zauberei, hinkte auch das Musikverständnis seinen Entsprechungen in der Muggelwelt um etliche Jahre hinterher, doch es hätte schlimmer sein können.
Ohne dass er sich davon abhalten konnte, wanderte Severus' Blick über die Menge, um nach Rose zu suchen. Es war nicht einfach, in diesem ungewohnt farbigen Meer aus Festumhängen und Kleidern jemand Bestimmten auszumachen, doch schließlich fand er sie. Sie stand auf der anderen Seite der Halle in der Nähe eines kleinen Tisches und hielt die Hand des Gryffindor-Suchers.
Als hätte sie seinen Blick im Nacken gespürt, drehte sie sich just in diesem Moment um und ihre Augen trafen sich. Sie hatte ihr Haar hochgebunden und Make-Up aufgelegt. Das Kleid, das sie trug, war ein anderes als das, das sie an jenem Abend im Eberkopf angehabt hatte, und er schätzte ihre Entscheidung. Dieses hier war aus einem zarten, immergrünen Stoff, der beinahe durchsichtig über ihre Schultern floss, sich an genau den richtigen Stellen eng an ihren Körper schmiegte, und dann in weichen Falten bis knapp über ihre Knöchel fiel.
Sie war atemberaubend.

Mein Gesicht ist hier oben.

Severus zuckte leicht zusammen und sah dann schnell woanders hin.

Das ist... besser. Als das letzte Kleid, meine ich. Du musst erst noch lernen, dass es manchmal wirkungsvoller ist, gewisse Dinge der Fantasie zu überlassen.

Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie ihr Begleiter ihr ein Glas reichte und sie sich mit einem Lächeln bedankte.

Falsch, Sev. Ihr Männer müsst viel mehr lernen, dass sich in unseren Köpfen nicht alles immer nur um euch dreht. Woher kommt nur diese Anmaßung, dass Frauen all ihre Entscheidungen dahingehend treffen, ob sie damit einem Mann gefallen?

Vielleicht liegt das daran, dass sich in unseren Köpfen alles immer nur um euch dreht.

Er hatte es nicht sagen wollen. Doch zu spät, sie wandte sich bereits ab und er wusste, dass sie versuchte, ihr Grinsen zu verbergen. Das hier würde ein verdammt langer Abend werden.



*




Lena nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und seufzte zufrieden. Zwar enthielten das Butterbier und der fruchtige Elfenwein nicht annähernd genug Alkohol, um davon betrunken zu werden, doch es hatte nicht allzu lange gedauert, bis einige der älteren Schüler angefangen hatten, sorgfältig verborgen vor den Blicken der Lehrer Flachmänner herum zu reichen, mit deren Inhalt man den Getränken einige zusätzliche Umdrehungen geben konnte. Und natürlich hatten sie alle bereits ausgiebig davon Gebrauch gemacht.

Die Party war in vollem Gange. Die Bässe der Musik dröhnten in ihren Ohren, als Lena ihren Blick über die ausgelassen tanzende Menge schweifen ließ. Severus drückte sich noch immer auf der gegenüberliegenden Hallenseite an der Wand herum, als glaubte er, er könne sich einfach in Luft auflösen, wenn er sich nur still genug hielt. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, seinen finstersten Blick aufgesetzt, und wirkte dabei wie eine äußerst missgelaunte Statue, die man aus ihrem angestammten Platz im Museum entfernt und stattdessen auf einem Kinderspielplatz aufgestellt hatte. Es war kein Wunder, dass die Schülerinnen und Schüler intuitiv einen Bogen um ihn machten.

Im Ernst, Sev, würde es dich umbringen, einfach mal einen schönen Abend zu genießen?

Er gab keine Antwort, doch es war auch nicht nötig. Sie wusste genau, dass er alles an dieser Veranstaltung verabscheute - von der Musik über das Gedränge bis hin zu den Lichterketten. Zugegeben, sie selbst hätte sich auch etwas weniger Disko-Athmosphäre und ein paar mehr Gitarren gewünscht, doch für den Anlass war es gut genug.
Zudem setzte gerade jetzt eine besonders ruhige Nummer ein und sie nahm Charlie, der noch immer etwas ungelenkt neben ihr stand, bei der Hand.

„Tanzt du mit mir?“, rief sie über den Lärm.

Er nickte und sie zog ihn mit sich in die Mitte der Tanzfläche, wo sich eine kleine Lücke aufgetan hatte. Charlie war ein hervorragender Tänzer. Sie waren genau auf Augenhöhe, Lena auf ihren Absätzen vielleicht einige wenige Zentimeter größer als er, und sie konnte ihre Arme lässig auf seinen Schultern ablegen, während er sie um die Hüfte fasste und mit sanftem Druck mal hierhin, mal dorthin schob.

„Willst du knutschen?“, fragte sie nach einer Weile, wobei sie sich näher an sein Ohr beugte.

Er sah sie an und grinste, ein wenig peinlich berührt. „Kann es sein, dass du jemanden neidisch machen willst?“

Sie zuckte mit den Schultern, grinste aber zurück. „Schon möglich.“

„Warum nicht, wäre ja nicht das erste Mal.“ Er warf einen Blick über seine Schulter, um sich zu vergewissern, dass Professor McGonagall nicht in ihre Richtung sah, dann packte er sie fest an der Taille und zog sie näher zu sich. „Immerhin schulde ich dir was.“

Lena lachte ausgelassen und ließ sich gegen seine Brust sinken. Es war eine andere Art zu küssen, freundschaftlich, spielerisch, doch der Nervenkitzel trieb unwillkürlich ihren Puls in die Höhe. Irgendwo, weit hinten in ihrem Kopf, begann das Band zwischen ihr und Severus zu summen.
Er hatte sie also bemerkt.
Sie packte Charlie im Nacken, grub ihre Finger in sein Haar, und küsste ihn mit all der Leidenschaft, die nicht ihm galt.
Ein anderer, schnellerer Song begann zu spielen und Charlie ließ sie los, wirbelte sie gekonnt herum, sodass sie mit dem Rücken gegen seine Brust gepresst wurde. Wieder ließ er sie ausdrehen, wobei der Rock ihres Kleides mit der Bewegung schwang; ein flüchtiger Kuss – seine Hände strichen ihren Rücken hinab, umfassten ihren Po und und pressten sie an seine Hüften.

„Das reicht jetzt aber.“ McGonagall schob einen Arm zwischen sie beide, um sie aus ihrer Umarmung zu trennen, und maß sie mit einem strengen Blick. „Ich glaube, Ihnen beiden würde eine Pause guttun.“

Lachend und sich an den Händen haltend stolperten sie zurück zu ihrem Tisch um nach Luft zu schnappen.
„Ich glaub, ich hol uns mal ein Wasser, hm?“, sagte Charlie grinsend und verschwand.

Lena sah sich um. Ganz in der Nähe tanzten Bill und Tonks und hielten einander dabei so eng umschlungen, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis auch sie sich Ärger einhandeln würden. Als sie durch eine Lücke zwischen den anderen Tanzenden einen Blick auf die gegenüberliegende Wand erhaschte, bemerkte sie, dass Severus verschwunden war.
Weit konnte er jedoch nicht sein, denn noch immer spürte sie am Rande ihrer Wahrnehmung seine Präsenz in ihren Gedanken.
Schließlich entdeckte sie ihn, in der Nähe des Buffets, wo er gerade so tat, als würde er sich sehr für eine Auswahl verschiedener Pasteten interessieren.

Was ist los? Ist das nicht genau das, was du dir für mich gewünscht hast?

Sie konnte nicht verhindern, dass ein Anflug von Wut in ihrer Stimme mitschwang. Er ließ den Teller stehen, den er gerade hatte nehmen wollen, und sah zu ihr herüber. Obwohl er weiterhin schwieg und sein Gesicht völlig ausdruckslos war, glaubte sie, den Sturm gegensätzlicher Gefühle, der in ihm tobte, förmlich greifen zu können.

Charlie tauchte wieder auf und reichte ihr eine Wasserflasche. Ohne ihre Augen von Severus zu lassen, nahm sie einige große Schlucke und strich sich kokett ihr Kleid zurecht. Dann wandte sie sich ab, legte einen Arm um Charlies Schultern, und küsste ihn auf die Wange.

„Guter Abend?“, fragte sie nah an seinem Ohr.

„Sehr guter Abend“, bestätigte er. „Hast du gesehen? Colin ist mit Selma da. Selma Omali aus der Fünften. Was man so hört, musste er sich wohl einigen Spott gefallen lassen, nachdem du ihm einen Korb gegeben hast.“

„Umso besser.“ Lena lachte übermütig. „Deine Idee, er hätte mich zum Fest eingeladen, war von Anfang an gut, aber dass er es tatsächlich versuchen würde? Das grenzt schon an Genialität.“

„Absolut.“ Charlie nickte bedächtig. „Egal, was er jetzt über mich sagt... alle werden denken, dass er mir nur eins auswischen will.“

Sie mischten sich wieder unter die Tanzenden und schlossen sich einer Gruppe Slytherins an, die sie begeistert zu sich winkten. Lena wirbelte zwischen verschiedenen Tanzpartnern umher, ließ sich treiben, und genoss das ungewohnte Interesse ihrer Mitschüler in vollen Zügen. Wieder spürte sie das Band leise surren. Er hatte sich wirklich schlecht unter Kontrolle.

Hör mal, wenn du mir irgendwas zu sagen hast, dann wäre das ein guter Zeitpunkt.

Sie konnte ihn nicht sehen, war aber sicher, dass sie seine ganze Aufmerksamkeit hatte.

Ich werde jetzt ein bisschen nach draußen gehen und frische Luft schnappen.

Einen Moment überlegte sie, ob sie zu weit ging, doch dann gewann ihr Übermut die Oberhand.

Deine Entscheidung.



*




Sein Blick folgte ihr, als sie sich aus der Gruppe löste und in Richtung Eingangshalle steuerte. In der Nähe der Flügeltüren blieb sie stehen und sprach kurz mit jemandem, den er nicht sehen konnte, dann warf sie sich ihre Robe über und schlüpfte hinaus.
Die Sekunden verstrichen.
Er wusste, dass er kurz davor war, etwas sehr, sehr Dummes zu tun. Seine Gedanken rasten. Egal wie ruhig er sich äußerlich auch geben mochte, wie sehr er sich selbst einredete, dass sie nur das tat, wozu er sie aufgefordert hatte – als dieser unsägliche Gryffindor sie auf der Tanzfläche so an sich gepresst, sie vor aller Augen ungeniert geküsst hatte, war in Severus' Kopf eine Sicherung durchgebrannt. Der Kampf, der jetzt in ihm tobte, kam Wahnsinn erschreckend nahe.
Und das Schlimmste war, dass das kleine Miststück genau wusste, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Wenn er ihren Köder jetzt schluckte, dann hatte er verloren. Nichts in der Welt konnte ihn dann noch davon abhalten, in sein Verderben zu rennen. Es war, als würde er auf einen Abgrund zurasen, wohlwissend, dass er in genau diesem Moment die Bremse ziehen musste, wenn er eine Chance haben wollte, dem Sturz zu entgehen.

Wie in Trance löste er sich aus seiner Starre, schob sich halb betäubt durch die Schülermassen, die ihm bereitwillig Platz machten, und folgte ihr nach draußen.


*



Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte den Kragen ihres Umhangs hochgeklappt und die Arme gegen die bittere Kälte fest um den Körper geschlungen, während sie sich gegen den kalten Stein lehnte und wartete. Die Wolkendecke war aufgerissen und der Mond stand jetzt hoch am Himmel. Sein weißes Licht, reflektiert vom Schnee, tauchte alles in einen matten Schimmer. Immer wieder lugte sie vorsichtig um die Ecke in den schwach erleuchteten Schulhof.

Das hier war Quatsch. Er würde nicht kommen.

Schon möglich, dass sie tatsächlich die Wirkung erzielt hatte, die sie beabsichtigt hatte – doch er war eben immer noch Severus Snape, der Meister der Selbstbeherrschung, und sie war nur ein Mädchen in einem Kleid, das erbärmlich fror.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.

Zeit zu gehen. Es war spät, in wenigen Stunden würde sie in den Hogwartsexpress steigen und von ihm fortfahren, mehr als fünfhundert Meilen und zwei lange Wochen zwischen sich und ihn bringen. Zwei Wochen, in denen er sich erfolgreich einreden würde, dass er sich von ihr fernhalten musste.

Dann hörte sie schnelle Schritte auf dem Schnee. Jemand quietschte erschrocken und eine barsche Stimme rief etwas, das sie nicht ganz ausmachen konnte. Hastiges Fußgetrappel folgte. Wieder linste sie um die Mauer, hinter der sie stand.
Severus wartete, während das Pärchen, das er soeben aufgescheucht hatte, nach drinnen verschwand. Erst als sie außer Sicht waren, setzte er sich wieder in Bewegung. Er schien es eilig zu haben, sein Umhang wehte hinter ihm her, als er den Hof überquerte.

„Kssssst“, machte sie halblaut und murmelte gleichzeitig in Gedanken, Hier drüben.

Er stieß ein Fauchen aus wie eine wütende Katze und kam dann direkt auf sie zu. Er packte sie grob am Oberarm und zerrte sie mit sich, hinaus aus dem Hof, in den Schatten des Schlosses.

„Au!“, winselte sie, als seine Finger sich in ihren Arm bohrten. „Hey, au! Was soll das denn?“

„Mir reicht's jetzt mit dir“, knurrte er, während er sie unbarmherzig mit sich schleifte, sie vor sich her durch den halbmeterhohen Schnee schubste, bis zu der abgelegenen Stelle am Fuß des Astronomieturms, wo sie sich sonst an dem trockenen Flecken unter einem Mauervorsprung zum Rauchen versteckten. „Ich weiß genau, was schon wieder in dir vorgeht. Warum du diese Show da drin zum Besten gegeben hast.“

„Welche Show?“, fragte sie patzig, wobei sie noch immer versuchte, sich seinem Griff zu entwinden.

„Du schmeißt dich nur deshalb an den Gryffindor-Sucher ran, weil du hoffst, mich damit eifersüchtig machen zu können.“

Er hielt an und sie sah ihm direkt in die Augen. „Und? Hats geklappt?“

„Ja“, sagte er rauh.

Ohne eine Reaktion abzuwarten, stieß er sie gegen die Steinwand und presste seinen Mund auf ihren. Ein überraschtes Keuchen entfuhr ihr, doch dann gaben ihre Lippen nach.
Das hier war anders, als am Lagerfeuer mit Charlie Weasley rumzuknutschen, eben weil es sich so ergeben hatte, anders als betrunken den hübschen Barkeeper zu küssen, weil sie sich traurig und allein gefühlt hatte, anders als alles, was sie je zuvor gespürt oder erlebt hatte.

Es war auch anders als beim ersten Mal, wilder, gieriger, erfüllt von Zorn und ungebremstem Verlangen. Er krallte sich an ihr fest, presste sich mit seinem ganzen Gewicht gegen ihren Körper, als könnte er ihr nicht nahe genug sein. Sein heißer Atem strich über ihre Haut, während sie sich mit einem leisen Wimmern seinen Berührungen hingab, sich ihm entgegen wölbte, sich an ihn klammerte wie eine Ertrinkende.
Er ließ sie los, drückte sich ein Stück von der Wand ab, und sein Blick huschte in der Dunkelheit über ihr Gesicht, auf der Suche nach einem Zeichen, dass er aufhören sollte. Seine Augen glühten.
Sie schüttelte leicht den Kopf, krallte ihre Finger in seine Schulter, und im nächsten Moment war er an ihrem Hals, bedeckte sie mit Küssen und bahnte sich seinen Weg nach unten. Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen und stieß ein heiseres Seufzen aus, als seine Zunge und Zähne spielerisch über ihre Haut glitten, sie liebkosten, während seine freie Hand unter ihre Robe, über ihre Seite wanderte und sich fest um ihre Brust schloss.

Mit etwas, das eine ungeheure Kraftanstrengung zu sein schien, riss er sich von ihr los, stemmte die Hände zu beiden Seiten ihres Kopfes gegen die Wand, und lehnte seine Wange gegen den kalten Stein. Sein Atem ging flach und unregelmäßig und er hielt die Augen fest geschlossen.

Lena lachte leise. Mit einem resignierten Seufzen sank er an ihre Schulter und ließ zu, dass sie ihm zärtlich übers Gesicht streichelte.

„Ich hätte dort drinnen gerne mit dir getanzt“, flüsterte sie an seinem Ohr. Ihre Fingerspitzen strichen sacht seine Kinnlinie entlang und sie konnte spüren, wie sein Kiefer mahlte. „Hörst du mir zu?“

„Nein“, knurrte er dumpf. „Ich versuche gerade, nicht daran zu denken, wie gern ich dir dieses verdammte Kleid ausziehen würde.“

„Ich würde frieren.“

„Ich würde schon dafür sorgen, dass dir warm wird.“

Sie keuchte erschrocken auf, als er überraschend fest an ihren Hals griff, sein Gesicht in ihrem Haar vergrub, das sich längst aus seinem unordentlichen Knoten gelöst hatte, und ihren Duft einsog. „Du machst mich wahnsinnig.“

„Ich weiß“, sagte sie kokett. „Und ich finde das ziemlich großartig.“

Er hob den Kopf und sah ihr tief in die Augen. Es war, als wolle er sich jedes Detail an ihr einprägen, jeden Zentimeter ihres Gesichts sorgsam abspeichern, um nichts davon je wieder zu vergessen.
Sie machte sich darauf gefasst, dass er sie erneut von sich stoßen würde, ihr Beleidigungen um die Ohren werfen, die er nicht so meinte, nur um aus dieser unmöglichsten aller Situationen zu entkommen. Doch als er wieder sprach, klang seine Stimme kraftlos, wie jemand, der sich gerade in sein Schicksal fügte.

„Geh rein und verabschiede dich von deinen Freunden“, murmelte er heiser. Sein Blick flackerte, als täte er etwas gegen besseres Wissen. „Dann geh runter in mein Büro, es wird dich einlassen. Warte dort.“

„Und du?“, fragte sie tonlos.

„Ich werde noch ein wenig dafür sorgen müssen, dass deine Mitschüler in die richtigen Betten finden.“ Seine Mundwinkel zuckten angesichts der Ironie seiner Worte. „Dann komme ich zu dir.“

Lena nickte nervös. Wilde, unausgegorene Gedanken wirbelten durch ihren Kopf und machten sie schwindelig. Dann löste sie sich von ihm und eilte davon, kehrte so schnell sie konnte, ohne zu rennen, zur Schule zurück, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte.



*




Um Punkt Mitternacht war der Spuk vorbei. Der letzte Ton der Musik verklang mit dem Glockenschlag, die Halle erhellte sich, und von den wenigen noch verstreuten Feiernden aus den oberen Klassen kam einstimmiges Murren.

McGonagall klatschte laut in die Hände. „Schluss jetzt!“, rief sie aufgeräumt und scheuchte die Verbliebenen ohne Federlesen davon.

Severus atmete auf. Nachdem er sich knapp verabschiedet hatte, machte er sich mit einem merkwürdig flauen Gefühl im Magen auf den Weg in die Kerker. Er hatte keine Ahnung, ob Lena noch da sein würde, oder ob ihr die Warterei inzwischen zu lang geworden war und sie es sich anders überlegt hatte. Oder ob sie gar nicht erst gekommen war.

Er wusste nicht einmal, ob er sich wünschte, dass sie dort unten auf ihn wartete oder nicht. Die knappe Stunde, für die er in die Große Halle zurückgekehrt war, war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen – und doch nicht genug Zeit, um wieder gänzlich klar im Kopf zu werden.
Noch immer fühlte er sich seltsam benommen, wie angetrunken, obwohl er den Wein kaum angerührt hatte. Betrunken von ihr.

Als er das Büro betrat, saß Lena mit angezogenen Knien auf dem Boden vor seinem Kamin, den Rock ihres Kleides um sich herum ausgebreitet wie einen Fächer, und zupfte gedankenverloren am Teppich herum.
Sowie er die Tür leise hinter sich schloss, blickte sie auf und sah ihn neugierig, aber auch ein wenig ängstlich an. Sie wirkte nüchtern, gefasst - und mit einem Mal schrecklich verloren dort unten auf dem schweren, dunklen Teppich.

Einem Impuls folgend richtete er seinen Zauberstab auf den Plattenspieler hinter seinem Schreibtisch, woraufhin leise Klänge den Raum erfüllten. Er legte den Zauberstab weg, ging auf sie zu und streckte seinen Arm nach ihr aus.

„Du wolltest tanzen“, sagte er weich, als sie ihn nur weiter fragend ansah. „Lass uns tanzen.“

Sie ergriff seine Hand und er zog sie mit einem Schwung hoch, legte ihre Linke auf seine Schulter, und umfasste mit seiner Rechten ihre Taille. Dann atmete er aus und begann sie zur Musik zu führen.
Es war leicht; obwohl sie ganz offensichtlich ungeübt war, schmiegte sie sich intuitiv in seine Bewegungen, ließ sich ohne Widerstand von ihm leiten, während er sie behutsam durch den Raum lenkte. Die ganze Zeit über ruhte ihr Blick fest in seinem und in ihren Augen lagen so tiefe Zuneigung und Vertrauen, dass es ihm kleine Schauer über den Rücken jagte. Obwohl sie sich körperlich nicht annähernd so nah waren wie eine Stunde zuvor draußen auf dem Gelände, erzeugte dieser Moment eine Intimität zwischen ihnen, die über alles hinaus ging, was er zu kennen geglaubt hatte.

Als der Takt der Musik sich veränderte und er stehen blieb, stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und erhellte ihre Züge. Ihre Finger glitten von seiner Schulter und wanderten seinen Arm hinab, und obwohl der Stoff seines Umhangs zwischen ihnen war, erzeugte ihre simple Berührung ein wohliges Kribbeln auf seiner Haut.
Behutsam, als hätte er Angst sie zu zerbrechen, umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie.

Er wusste, dass es Wahnsinn war. Er wusste, dass es in einer Katastrophe enden würde.
Es war ihm egal.
In diesem Augenblick zählte nichts außer ihr, sie zu berühren, zu küssen, diesen surrealen, wundervollen Abend auszukosten, so lange es möglich war.

Wieder nahm er sie bei der Hand und bedeutete ihr mit leichtem Druck, mit ihm zu kommen. Er stieg die flachen Stufen zum Bücherregal hinauf und die verborgene Tür glitt von Zauberhand zur Seite. Er zog sie mit sich in den dahinterliegenden Raum, hob sie hoch, und setzte sie aufs Bett.
Sie war so leicht und fragil - wie ein filigranes Kunstwerk, das ihm entgegen aller Vernunft anvertraut worden war und das beschädigt würde, wenn er auch nur einmal zu fest zupackte. Er legte sich neben sie auf die Decke und stützte seinen Kopf in die Hand. Seiner stummen Einladung folgend ließ sie sich rücklings in die Laken sinken und wieder küsste er sie, wieder und wieder, ließ seine freie Hand ihren Rücken hinauf und hinab wandern, und pausierte nur um Atem zu holen.
Als er ihr vorsichtig den zarten, grünen Stoff von der Schulter schob, zuckte sie leicht zusammen. Er hielt inne und suchte in ihrem Gesicht nach einem Zeichen dafür, dass er zu weit gegangen war.

„Kommt jetzt der Teil mit dem Kleid?“, fragte sie und er bemerkte die Unsicherheit, die in ihrer Stimme mitschwang.

„Nein.“ Er ließ den Träger wieder an seinen Platz gleiten und fuhr stattdessen mit den Fingerkuppen die Linie ihres Schlüsselbeins nach.
Eine Weile lang schwiegen sie, während sie ihrem Atem und der Ruhe des Zimmers und den kaum vernehmbaren Klängen der Musik aus dem angrenzenden Büro lauschten.

Dann sagte sie sehr leise, „Du wirst nicht mit mir schlafen, oder?“

„Heute Nacht?“ Er lachte heiser. „Ganz bestimmt nicht.“

„Oh. Okay.“ Sie drehte sich auf den Rücken und blickte zur Decke. „Ich war mir nicht sicher, ob du es nicht... vielleicht erwartest.“

„Erwarten?“ Mit einem Ruck stemmte er sich hoch und schob sie dabei so unter sich, dass er direkt über ihr lag. Er sah ihr fest in die Augen. „Wie könnte ich je etwas von dir erwarten?“

Sie schluckte und er lehnte mit einem leisen Stöhnen seine Stirn an ihre. „Es ist dir vielleicht nicht bewusst, aber ich habe genauso wenig Ahnung davon, was hier zwischen uns passiert, wie du. Wenn ich irgendetwas erwarte, dann höchstens, dass du es dir jeden Augenblick anders überlegst und schreiend vor mir wegrennst.“

Das entlockte ihr ein kleines Lachen. „Du hast es immer noch nicht begriffen, oder?“

Du hast keine Ahnung, wie sehr ich das hier... wie sehr ich dich will.

Nein. Und ich verstehe es auch nicht.

Laut sagte er, „Du solltest zusehen, dass du noch ein bisschen Schlaf bekommst. Wenn du meinetwegen den Zug verpasst, sitzen wir in der Tinte.“

Sie zog eine Schnute. „Schmeißt du mich gerade raus?“

„Nein.“ Er rollte sich von ihr herunter, zog sich seufzend ein Kissen heran, und schob es sich unter den Kopf. „Du kannst hier bleiben, wenn du möchtest.“

Sie zögerte, offenbar ungläubig, dann rutschte sie so nahe an ihn heran, dass ihre Gesichter wieder auf einer Höhe waren. „Und was willst du?“

Die Antwort war einfach. Viel schwieriger war es, sie auszusprechen.

Ich möchte, dass du bleibst.

„Sag es laut“, verlangte sie. Es war keine Bitte.

„Rose, ich möchte, dass du bleibst.“

Mit einem zufriedenen Grinsen schmiegte sie sich an ihn und schloss die Augen.

„Nur zum Schlafen!“, setzte er hinzu. Noch einmal seufzte er tief, dann legte er einen Arm um sie und küsste sie auf die Stirn. „Dafür komme ich garantiert in die Hölle.“





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