Schatten der Vergangenheit

GeschichteRomanze / P18
09.11.2017
05.05.2018
16
27.105
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
13.11.2017 1.346
 
Als Hannes Krabbe zwei Tage später auf die Wache kam, saß Piet bereits laut fluchend an seinem Schreibtisch und durchwühlte die Aktenberge. „Moin“, rief ihm Hannes gut gelaunt zu. „Suchst Du irgendwas?“ „Moin Hannes“, begrüßte dieser ihn abwesend. „Hast du vielleicht die Akte von dem Raubüberfall von gestern bei dir? Ich war mir sicher, dass ich sie hier irgendwo hingelegt hatte.“ „Nein, tut mir Leid, ich hab sie nicht. Aber schau doch mal bei Frau Küppers im Büro nach, ich glaube, ich habe sie dort liegen sehen.“  „Gute Idee, das werd ich gleich machen“.

Kopfschüttelnd sah Hannes ihm nach, wie er im Zimmer seiner Chefin verschwand. Wieso musste Piet denn am frühen Morgen schon so einen Stress machen? Er jedenfalls würde sich jetzt erstmal in Ruhe einen Kaffee aufsetzen und sich nebenher umziehen. Für die Arbeit war schließlich noch genug Zeit. Fröhlich vor sich hin pfeifend schlenderte er also zum Aufenthaltsraum, während sein Kollege sich die Akten auf Frau Küppers‘ Schreibtisch vornahm. Nach einigem Suchen wurde er schließlich fündig und zog die Akte schwungvoll aus dem Haufen. Leider ein wenig zu schwungvoll, sodass ein paar Dokumente, die darunter lagen, auf den Boden fielen. „Ach Mist, das ist echt nicht mein Tag heute“, schimpfte Piet und bückte sich, um die Papiere aufzusammeln. Dabei fiel sein Blick auf einen kleinen Zettel, der mit herunter gefallen war. Er wollte ihn gerade zu den anderen Sachen legen, als er zufällig an einer Textpassage hängen blieb, die alle Alarmglocken in ihm zum Schrillen brachten. Skeptisch las er daher alles von Anfang an.

Guten Morgen meine Schöne, hast du gut geschlafen? Ich habe die ganze Nacht in deiner Nähe verbracht, so wie ich auch sonst immer bei dir bin. Ich kann nicht mehr ohne dich sein. Ich liebe und begehre dich und ich weiß genau, dir geht es auch so. Ich würde dir die ganze Welt zu Füssen legen, nur, um dich zu bekommen. Du gehörst mir, mir ganz allein! Ich beobachte jeden deiner Schritte und meine Liebe folgt dir, wo immer du hingehst. Du kannst mir nicht entkommen. Ich werde dich kriegen und dann werden wir für immer zusammen sein. Verlass dich darauf!

Entsetzt starrte Piet auf das Geschriebene. Was sollte das denn? Er war sich sicher, dass es in der letzten Zeit keinen Stalking-Fall gegeben hatte, das hätte er mitbekommen. Trotzdem sah er nochmal alle Akten durch, vielleicht war das Blatt ja doch irgendwo herausgefallen. Aber Fehlanzeige. Es handelte sich nur um Diebstähle, Drogendelikte, den Raubüberfall und eine Schlägerei. Also nichts, wo so etwas dazugepasst hätte. Ganz langsam dämmerte es ihm. Das musste ja bedeuten, dass…

„Herr Wellbrook, was machen Sie da?“, wurde er von seiner Chefin, die gerade das Büro betrat, aus seinen Überlegungen gerissen. Stirnrunzelnd kam sie näher und sah, was er in der Hand hielt. „Was haben Sie da?“ Einen winzigen Augenblick sah er den Schreck in ihren Augen, als sie bemerkte, um was es sich handelte. Dann hatte sie sich allerdings auch schon wieder unter Kontrolle. Doch es hatte genügt, um seinen Verdacht zu bestätigen. „Das würde ich gerne von Ihnen wissen“. Herausfordernd blickte er ihr direkt in die Augen. „Nichts, das Sie etwas angehen würde“, erwiderte sie unwirsch. „Was haben Sie überhaupt an meinem Schreibtisch zu suchen?“ „Frau Küppers, lenken Sie nicht ab. Das ist ein Brief von einem Stalker und er ist an Sie gerichtet. Habe ich Recht?“ „Ach papperlapapp, reden Sie keinen Unsinn. Natürlich gehört das zu einer Ermittlung, an der ich gerade dran bin“, versuchte sie, sich herauszureden. Doch so schnell ließ Piet nicht locker. Hier war gewaltig etwas faul und er würde herausfinden, was es war. „Blöd nur, dass es hier nirgends einen Fall dazu gibt“, meinte er provozierend. „Den gibt es tatsächlich noch nicht. Ist erst gestern frisch reingekommen.“ „Ach, und warum machen Sie dann so einen Aufriss darum, von wegen, das geht mich alles nichts an und so?“ „Weil es mich einfach geärgert hat, dass sie so schamlos bei mir herumschnüffeln“. Wütend funkelte sie ihn an. „Das glauben Sie ja selber nicht. Frau Küppers, verkaufen Sie mich nicht für dumm. Ich weiß genau, was hier abgeht, egal, wie oft sie es leugnen.“ Seine Stimme war gefährlich leise geworden und er trat ganz dicht an seine Chefin heran, sodass sie nur noch ein paar wenige Zentimeter voneinander trennte.  Forschend maß er sie mit seinem Blick und sie starrte trotzig zurück. Sollte er doch, sie jedenfalls würde nicht klein beigeben. Was mischte er sich überhaupt in ihre Angelegenheiten? Krabbe färbte wohl schon auf ihn ab. Doch sie hatte Piets Durchhaltevermögen gewaltig unterschätzt. Bestimmt eine ganze Minute lang schauten sie sich nun schon an, aber er machte keine Anstalten, seinen Blick abzuwenden. Seufzend gab Frau Küppers schließlich irgendwann auf und trat ein paar Schritte zurück. „Wellbrook, Sie sind wirklich der größte Sturkopf, der mir je begegnet ist“, stöhnte sie leise. „Abgesehen von Herrn Matthies natürlich“, wandte sie jedoch sogleich ein. Auf Piets Gesicht machte sich ein triumphierendes Grinsen breit. Hatte er es also doch geschafft, sie weichzuklopfen! Gleich darauf wurde er allerdings wieder ernst und sah sie abwartend an.

„Gut, Sie haben Recht, der Brief ist für mich. Ich habe ihn heute Morgen an meinem Auto gefunden“, gab sie zu. „War das das erste Mal? Oder wie lange geht das schon so?“, wollte Piet von ihr wissen. „Naja, ich weiß nicht genau…“, druckste seine Chefin herum. „Vielleicht 2 Wochen oder so“. „Was?“, fragte er entsetzt. „Und warum haben Sie nie was gesagt?“ „Ach Herr Wellbrook, das ist doch nur irgendein Spinner. Das kann ich nicht ernst nehmen.“ „Das müssen Sie aber!“ Aufgebracht wanderte er im Zimmer umher. „Sie wissen doch selbst, dass mit solchen Typen nicht zu spaßen ist.“ „Nun übertreiben Sie mal nicht. Ich bin sicher, das ist nur jemand, der sich einen dummen Scherz mit mir erlaubt. Am besten ich ignoriere das Ganze einfach, dann wird es langweilig und hört am Schnellsten wieder auf.“ „Frau Küppers, das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Wir müssen den Kollegen Bescheid sagen“. „Herr Wellbrook, das werden Sie nicht tun!“, sagte sie im Befehlston. „Das Ganze geht nur mich etwas an und Sie werden niemandem davon erzählen. Haben wir uns verstanden?“ Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn frostig an. Resignierend hob er die Hände. „Ok, ok! Aber ich werde Sie heute Abend nach Hause bringen.“ „Bitte?“ Entgeistert sah sie ihn an. „Das vergessen Sie mal ganz schnell wieder.“ „Das werde ich nicht“, entgegnete er bestimmt. „Entweder, Sie lassen sich von mir begleiten, oder ich weihe die anderen mit ein.“ „Das ist Erpressung!“, erwiderte sie aufgebracht und erdolchte ihn fast mit ihren Blicken. „Nennen Sie es, wie Sie wollen, ich werde Sie jedenfalls nicht alleine gehen lassen, wenn ich weiß, dass Ihnen ein Stalker auf den Fersen ist.“

Frau Küppers war fassungslos. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein? Sie war doch kein kleines Kind mehr, das man beschützen und bevormunden musste. Sie konnte schon ganz gut selbst auf sich aufpassen. Sie setzte schon zu einer passenden Erwiderung an, überlegte es sich aber doch noch einmal anders. Er hatte die Lippen fest aufeinandergepresst und alles an ihm wirkte angespannt. Ihr wurde plötzlich klar, dass er sich Sorgen um sie machte und diese Erkenntnis hinterließ ein warmes Gefühl in ihr. Vielleicht war sie doch ein bisschen zu ruppig zu ihm gewesen? Er meinte es ja nur gut und was machte es schon, wenn er sie nach Hause begleitete? Vielleicht war das sogar gar nicht schlecht, so konnte er sich selbst davon überzeugen, dass alles ganz harmlos war und sie sich nicht in Gefahr befand. Sie gab sich daher einen Ruck. „Also gut, Sie haben gewonnen!“, seufzte sie. Erleichtert stieß er die Luft aus, die er die ganze Zeit über angehalten hatte. „Aber meine Arbeit darf ich schon noch alleine machen, oder?“ Mit hochgezogener Augenbraue schaute sie ihn abwartend an. „Ich hab’s verstanden“, antwortete er mit einem verschmitzten Grinsen. „Ich bin ja schon weg“. Grübelnd schaute sie ihm nach, wie er das Zimmer verließ und starrte noch eine ganze Weile gedankenverloren auf die Tür, die er hinter sich zugezogen hatte.
Review schreiben