Schatten der Vergangenheit

GeschichteRomanze / P18
09.11.2017
05.05.2018
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09.11.2017 1.664
 
„Frau Küppers, das können Sie nicht bringen!“

Fassungslos starrte Piet Wellbrook seine Chefin an, die ihm gegenüberstand. Lässig lehnte sie an ihrem Schreibtisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Es war Montag und wie jeden Morgen hatten sich alle bei ihrer Vorgesetzten im Büro zur Dienstbesprechung versammelt, wo sie ihm gerade eröffnet hatte, dass er die ganze Woche zusammen mit Krabbe den Innendienst übernehmen sollte. Er konnte die mitleidigen und erleichterten Blicke, die sich seine Kollegen hinter seinem Rücken zuwarfen, förmlich spüren und es machte ihn nur noch wütender.

„Herr Wellbrook“, wurde er von Frau Küppers abrupt aus seinen Gedanken gerissen. „Ihnen dürfte bekannt sein, dass Frau Sieveking und Herr Schirmer sich beide krank gemeldet haben?“ „Ja, schon“, setzte er an, aber sie schnitt ihm mit einer resoluten Geste das Wort ab. „Na also, dann verstehe ich Ihr Problem nicht. Der Innendienst muss besetzt sein und das ist er hiermit.“ „Aber wieso ausgerechnet ich? Kann das nicht jemand anderes übernehmen?“, wagte er noch einen trotzigen Versuch. „Sehen Sie hier vielleicht irgendeinen Freiwilligen?“, stellte sie die Gegenfrage und ließ langsam ihren Blick über ihre Mitarbeiter schweifen, die plötzlich alle damit beschäftigt waren, Löcher in den Teppichboden zu starren oder aus dem Fenster zu sehen, um ja nicht aufzufallen. Innendienst hassten sie alle und jeder war insgeheim froh gewesen, dass es Piet getroffen hatte und nicht ihn selbst. „Nun, ist Ihnen das Antwort genug?“, wandte sie sich schließlich wieder Piet zu. „Mir bleibt keine Wahl, ich muss jemanden einteilen und dieses Mal hat es eben Sie getroffen. Und jetzt möchte ich nichts mehr hören!“ „Aber Frau Küppers“, mischte sich unerwartet Hannes ein. „Wäre es vielleicht nicht doch besser, wenn Harry, also ich meine Frau Möller….“ „Herr Krabbe!“, unterbrach ihn seine Chefin verärgert. „Herr Wellbrook wird diese Woche den Innendienst machen und das ist mein letztes Wort. Im Übrigen steht es Ihnen nicht zu, meine Entscheidung in Zweifel zu ziehen. Und zwar keinem von Ihnen. Und nun Ende der Diskussion, gehen Sie endlich an Ihre Arbeit“, erwiderte sie kühl.

Piet zögerte einen Moment, blitzte seine Chefin noch einmal an und verließ dann wortlos ihr Büro. Seine Kollegen folgten ihm betreten. Genervt setzte er sich an Daniels Platz und schaltete den Computer ein. Er versuchte, äußerlich ruhig zu bleiben, aber innerlich brodelte es gewaltig in ihm. Was für ein Scheiß-Tag, dabei hatte er noch nicht mal richtig angefangen. Ihm graute schon vor der Woche, die ihm bevorstand. Den ganzen langen Tag am Schreibtisch sitzen, das war Folter! Und dann hatte er auch noch Hannes an der Backe, der ihm schon allein durch seine bloße Anwesenheit auf den Zeiger ging. Das konnte ja heiter werden! Noch dazu würde er nun der Küppers auch noch ständig über den Weg laufen. Und das gerade jetzt, wo er ein wenig Abstand von ihr dringend gebraucht hätte. Auch, wenn er es sich nicht gerne eingestand, aber in den letzten Wochen hatten sich seine Gefühle ihr gegenüber verändert. Er konnte nicht sagen, was es war, aber irgendetwas rührte sie tief in ihm. Dabei konnte sie manchmal so verdammt kalt und arrogant sein. Doch sie hatte auch eine andere, weiche Seite, die sie gut zu verstecken wusste. Allerdings nicht gut genug. Als er vor einiger Zeit in dem illegalen Boxclub ermittelt hatte, hatte sie sich ernsthafte Sorgen um ihn gemacht und ihr war ihre Erleichterung, dass alles nochmal glimpflich ausgegangen war, deutlich anzumerken gewesen. Klar, natürlich war sie für ihre Leute verantwortlich und selbstverständlich auch dafür, dass niemand zu Schaden kam. Wenn doch, würde sie sich ganz schönen Ärger einhandeln und sich vor ihren Vorgesetzten verantworten müssen. Aber das war es nicht allein. Er hatte gespürt, dass es ihr wirklich um ihn als Person gegangen war, auch wenn sie das natürlich niemals zugegeben hätte. Gefühle zeigen war für sie ein absolutes Tabu, sie hatte eine schützende Mauer um sich errichtet und ließ niemanden hinter ihre Fassade schauen. Doch vielleicht war es genau das, was ihn an ihr berührte. Weil sie sich im Grunde so verdammt ähnlich waren...

Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er ein leises Seufzen ausstieß. Zu spät bemerkte er seinen Fehler. Natürlich nahm Hannes das gleich als Anlass, um ihn einzulullen. „Ach komm, nimm es nicht zu schwer. So schlimm ist es hier gar nicht, ehrlich. Bestimmt wollte Frau Küppers dir nur einen Gefallen tun. Jeden Tag draußen auf Streife, das wird doch auch langweilig mit der Zeit. Das hier ist wenigstens mal ein bisschen Abwechslung. Und wir beide können uns auch endlich mal besser kennenlernen. Das ist doch super!“, strahlte er. „Ja, ganz toll“, murmelte Piet leise vor sich hin und verdrehte die Augen. „Vielleicht könntest du mir auch gleich ein bisschen was abnehmen? Weißt du, letzte Woche, da ist so viel liegengeblieben und ich musste mich doch um so viele wichtigere Dinge kümmern…“ Schon schob Hannes Piet einen Berg Akten über den Tisch. „Krabbe, geh mir nicht auf die Nerven und lass mich einfach in Ruhe!“, meinte Piet ungehalten. Er stand auf, nahm die Akten von Hannes und ließ diese direkt vor ihm auf den Schreibtisch fallen. „Ach ja, und deinen Scheiß kannst du gefälligst alleine machen, ich hab selbst genug Arbeit hier liegen.“ Damit setzte er sich wieder an seinen Platz und wandte sich seinem Bildschirm zu.

Frau Küppers musste grinsen und trat schnell vom Fenster zurück, von wo aus sie Krabbe und Wellbrook beobachtet hatte. Krabbes fassungsloser Blick, als Herr Wellbrook ihm die Akten wieder zurückgegeben hatte, war einfach herrlich gewesen und sie hatte sich köstlich amüsiert. Es war also doch die richtige Entscheidung gewesen, ihn diese Woche hier einzusetzen. Er hatte ihr schon ein wenig Leid getan, weil sie wusste, wie ungern er drinnen am Schreibtisch saß. Aber es musste einfach sein. Sie brauchte Ruhe auf der Wache und bei Wellbrook war sie sich sicher, dass Krabbe auf Granit beißen würde. Er war nicht der Typ für Privatgespräche und sowieso eher ein Einzelgänger, der nicht viel redete. Außerdem erledigte er die Arbeit schnell und gewissenhaft, genau das, was sie brauchte, um die beiden Krankheitsfälle aufzufangen.

Dabei wäre es eigentlich vernünftiger gewesen, ihn nicht ständig in ihrer Nähe zu haben. Er spukte in letzter Zeit sowieso schon öfter in ihren Gedanken herum, als gut für sie war. Mit seiner unnachgiebigen, trotzigen Art brachte er sie regelmäßig auf die Palme, aber andererseits war es auch genau das, was sie so sehr faszinierte. Obwohl er ziemlich wortkarg und unnahbar, also das genaue Gegenteil der Kollegen, war, hatte er sich erstaunlich schnell in das bestehende Team eingefügt und wurde mittlerweile von allen sehr geschätzt. Sie war sich sicher, dass unter seiner rauen Schale ein weicher Kern verborgen lag und dass er irgendein Geheimnis mit sich herumschleppte. Manchmal, wenn sie in seine Augen blickte, spiegelte sich darin tiefe Traurigkeit und dann versetzte es ihr jedes Mal einen Stich ins Herz. Aber sie würde schon noch herausfinden, was los war. Immerhin war sie die Chefin und somit für das Wohl ihrer Mitarbeiter verantwortlich, und zwar für jeden einzelnen. Selbstverständlich ging es hier nur um die Arbeit, denn jedes noch so kleine Problem führte dazu, sich nicht zu 100 Prozent auf den Job zu konzentrieren und auch nur die kleinste Unaufmerksamkeit konnte fatale Folgen haben. Jedenfalls versuchte sie so, ihre für sie so außergewöhnlichen Gefühle zu rechtfertigen. Dass sie jedes Mal, wenn sie ihm nahe war, ein seltsames Kribbeln verspürte, ignorierte sie dabei geflissentlich. Auch jetzt ertappte sie sich dabei, wie sie ihn schon wieder viel zu lange beobachtete. Verärgert ließ sie ihre Jalousie herunter und setzte sich hinter ihren Schreibtisch.

‚Mensch, Regina, reiß dich zusammen! Was ist bloß los mit dir?‘, wies sie sich in Gedanken zurecht. Vielleicht hätte sie ihn doch besser auf Streife schicken sollen. „Jetzt mach dich nicht lächerlich, seit wann hast du dich jemals von Gefühlen leiten lassen“, murmelte sie leise vor sich hin. Die Entscheidung war richtig gewesen und damit basta. Hätte sie jemand anderen zu Krabbe gesetzt, hätte dieser nur wieder ewige Schwätzchen gehalten. Außerdem hätten sich die anderen Kollegen früher oder später doch breitschlagen lassen, ihm die Arbeit abzunehmen und genau das war es, was sie vermeiden wollte. Wenn er genug zu tun hatte, würde er schon keine Zeit haben, sich in Angelegenheiten einzumischen, die ihn nichts angingen. Ihre zum Beispiel.

Seufzend kramte sie den Zettel hervor, der heute Morgen an der Windschutzscheibe ihres Wagens gesteckt hatte. Wahrscheinlich war es nur ein verrückter Spinner, der sich einen Scherz mit ihr erlaubte. Aber ein ungutes Gefühl blieb trotzdem. Nachdenklich starrte sie darauf, bis sie plötzlich von einem Klopfen an der Tür aus ihren Gedanken gerissen wurde. Erschrocken zuckte sie zusammen und ließ den Zettel blitzschnell zwischen ein paar Akten verschwinden, die neben ihr lagen. Keine Sekunde zu früh, denn schon betrat Hannes Krabbe den Raum. Ihr atemloses „Herein“ hatte er gar nicht erst abgewartet. „Frau Küppers, alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen so gestresst aus?“, fing er auch prompt an, sie auszuhorchen. „Natürlich!“, entgegnete sie barsch. „Ich habe nur sehr viel zu tun, also machen Sie es kurz und kommen Sie zum Punkt.“ „Äääähh, ja, also es ist so… Ich weiß ja, es ist ein bisschen ungünstig, weil ja Daniel und Nina krank sind und ich würde nicht fragen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre…“, druckste er herum. „Krabbe, ich sagte kurz!“. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Tischplatte herum. „Es ist so, ich müsste heute früher gehen, weil ich noch einen Termin habe. Ich wollte ihn ja auch schon verschieben, das müssen Sie mir glauben, aber da war nix zu machen.“ Entschuldigend zuckte er die Achseln und wartete nervös auf ihre Antwort. „Ja von mir aus, hauen Sie schon ab. Sie können die fehlende Zeit dafür morgen anhängen.“ Erleichtert atmete Hannes aus. „Vielen Dank Frau Küppers, Sie sind die Beste!“, rief er freudig aus. „Na nun übertreiben Sie mal nicht.“ Fehlte nur noch, dass er ihr um den Hals fiel. „Ach ja, und schließen Sie bitte wieder die Tür, wenn Sie rausgehen“, rief sie ihm noch hinterher.
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