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7 - Die Zahl der Vollendung

von ell
MitmachgeschichteKrimi, Fantasy / P16 / Gen
07.11.2017
07.08.2020
24
24.863
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30.11.2017 1.433
 
Seemannsgarn


30. Juni 2016, Vitte (Hiddensee)


Dichter, grauer Rauch hing in der Luft des kleinen Pubs. An mehreren rustikalen Holztischen verteilt saßen Männer jeder Altersklasse auf knarrenden Stühlen, pafften Zigarillos, tranken Köm und spielten Skat, Canasta oder Doppelkopf. Lautstark unterhielten sich eine Gruppe junger Männer mit einigen Frauen über ein gerade laufendes Fußballspiel. Gebannt verfolgten sie die Partie über einen kleinen Röhrenfernseher. In einer Nische saß eine Runde alte Fischer und erzählten sich Geschichten vom Meer. Von einer kleinen Insel, die einige Seemeilen vor Hiddensee lag, war die Rede. Sonderbares soll sich dort zugetragen haben. So sonderbar, das sie der Insel ihren Namen gab: Sünnerlik Holm. Sonderbare Insel.

Ein verrückter Mann soll dort vor längerer Zeit mit seiner Frau und seinen bildhübschen Töchtern gewohnt haben. Erschlagen habe er sie alle, behauptete der Eine. Erstochen hat er seine Frau, meinte der Andere. Ein Dritter glaubte sich an einen Prozess zu erinnern. Konnte aber nicht mehr sagen gegen wenn und weshalb. Der Vierte im Bunde schwieg sich hingegen zu diesem Thema aus. Ein weiterer Mann betrat den Pub und steuerte zielsicher auf die kleine Gruppe diskutierender Männer zu.

„Moin Moin, Fedder“, wurde er von einem hageren, grauhaarigen Mann begrüßt. Der Angesprochene nahm seine schmuddelige, blaue Mütze vom Kopf und erwiderte die Begrüßung mit einem knappen Nicken. Schwerfällig ließ er sich auf einem der Holzstühle fallen. „Eenen Köm.“ Hoffentlich hatte die Bedienung ihn gehört.

„ Over wat snackt ehr? (1)“, fragte er seinen Sitznachbarn. Dieser zuckte nur mit den Schultern. Der doove (2) Kuno hielt sich wieder einmal aus allem heraus. „Heßt dien Hürruhrn nee anmokt? (3)“ „Wat?“, brüllte der alte Mann ihm ins Ohr. Fedder wandte sich von ihm ab. Heute war mit dem dooven Kuno nichts anzufangen.

Jürgen, ein gutgläubiger und gemütlicher Mann Ende 60, erzählte gerade zum wiederholten Mal von einer Meerjungfrau, die er in den 70iger Jahren erspäht haben will. Seine leise Stimme war durch Lärm der jubelnden Fußballfans und der laut geführten Gespräche am Nebentisch kaum zu verstehen. Doch das kümmerte Fedder nicht. So musste er sich das Märchen über das sagenumwobene Seeweib nicht noch ein weiteres Mal antun. Stattdessen widmete er sich seinem Köm, den ihm gerade eine junge Kellnerin gebracht hatte.

„Un gans schinnig is se wesen. (4)“ Begeistert sprach der erfahrene Seemann von dieser magischen Begebenheit. Dank dem schönen Seeweib hätte er einen guten Fang gemacht. Das Glück war ihm seit jener Begegnung hold. Kaum einer der Anwesenden hörte ihm mehr zu. Die Mär von der Seejungfrau im Haff war eben nichts weiter als eine Mär. Doch Jürgen war felsenfest überzeug davon, das es eben jene Meerjungfrau aus der Legende war. Nichts konnte ihn davon abbringen. Auch nicht die Tatsache dass sich die Seejungfrau laut der Legende in den Gewässern vor Usedom aufhalten soll oder das es diese mythischen Fabelwesen nach dem Stand der heutigen Wissenschaft nicht geben konnte.

„Ick hebb se vör Sünnerlik Holm sehn. (5)“ Gedankenverloren blickte er in die Ferne. Man hielt ihn völlig zu Unrecht für einen Spinner. Schließlich war er nicht der Einzige der das Seeweib erblickt hatte. Auch der doove Kuno, Sorty, Thomas, Fiete und der tüdelige (6) Adsche waren damals mit auf dem Kutter. Wobei der tüdelige Adsche schon lange tot war und somit als Zeuge nicht mehr herhalten konnte.

Kalter Wind blies den sechs Fischern um die Nase. Der Fang war miserabel gewesen und die Laune der Besatzung auf dem Tiefpunkt angekommen. Grummelnd sortierte Sorty die Fische. Neben ihm stand der tüdelige Adsche und beobachtete jede seiner Bewegungen. Kuno und Thomas waren mit dem flicken des kaputten Netzes beschäftigt. Normalerweise unterhielten sich die Beiden bei einer solchen Arbeit, doch diesmal blieben sie stumm. Nicht einmal Fiete unterbrach die Stille mit einem geträllerten Liedchen. Auch wenn sein Pfeifen Jürgen sonst auf die Nerven ging, wünschte er sich in diesem Moment das irgendeiner die drückende Stille unterbrach. Langsam ließ er seinen Blick über den Horizont schweifen. An einer kleinen Insel blieb er hängen. Was war das den? Er schirmte mit seiner Hand das Sonnenlicht ab, um besser sehen zu können. War das etwa ein Mensch? Oder täuschte er sich? Je näher sie kamen, desto deutlicher konnte Jürgen den Mensch erkennen. Es war eine Frau. Ihr nasses, braunes Haar glänzte in der Sonne. Doch das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit erregte. Dort wo eigentlich ihre Beine sein müssten, befand sich ein Fischschwanz, der mit bronzefarbigen Schuppen übersät war.

Schon oft war er rüber zur Insel gefahren, hatte gehofft sie wieder zutreffen, doch sie war kein weiteres Mal aufgetaucht. Er erinnerte sich noch genau an ihre sinnlichen Lippen, die von einem tiefen Rot waren. Oft hatte er sich gefragt wie es sich wohl angefühlt hätte, wenn er sie berührt hätte. Sie war von übernatürlicher Schönheit, die nur ein solches Wesen besitzen konnte. Auf einem Felsen hatte sie gelegen und sich in der Sonne gerekelt. Er trank den Einen oder Anderen über den Durst, aber er bildete sich bestimmt nichts ein. Sie hatte dort gelegen, ganz sicher hatte sie das. Eine tiefe Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Sünnerlik Holm! De Eegendoimer hett söven Lüüd up too de Eiland iinlodt. (7)“

Stille breitete sich aus, nur der Fernseher lief noch im Hintergrund. Selbst Fedder drehte sich zu dem Sprecher um. Wer sollte den sieben Menschen auf diese Insel einladen und vor allem warum. So weit wie er wusste, lebte auf der Insel niemand mehr, seit der verrückte Alte tot war. Und die Kinder des Verrückten hatte er nie wieder gesehen. Alle tot, wenn man den Gerüchten glaubte. Nicht das er alles glauben würde, was hier im Pub als Klatsch und Tratsch verbreitet wurde.

Thomas, ein älterer Fischer, meldete sich zu Wort und stellte genau die Frage die Jeden im Raum brennend interessierte: „Un nemher weeßt du dat? (8)“

Er habe mit dem Fährmann gesprochen, war die knappe Antwort. Ein Murmeln ging durch die Reihen.

„Un nemher weet der dat?“

Der Fährmann werde die Gäste des Inselbesitzers nach Sünnerlik Holm bringen, erwiderte der Angesprochene.

„Dat is n Ding!“, murmelte der doove Kuno. Fiete hatte also mit dem verschrobenen Inselbewohner gesprochen. Es wunderte ihn nicht, dass der Fährmann den Auftrag angenommen hatte. Für Geld machte Fiete einfach alles. „Heßt dien Hürruhrn nu anmokt?“, erkundigte sich Fedder spöttisch bei dem alten Mann. „Nu a’“, rechtfertigte sich dieser brummelnd und wandte sich von Fedder ab. Ihm war der stämmige Hüne noch nie besonders sympathisch gewesen. Seine abgehobene Art war ihm zuwider. War genauso schlimm wie dieser Thomas, dachte der Greis erbost. Alte Parteifreunde, die in der DDR Karriere gemacht hatten. Warum wohl? Es wurde viel geredet über die Beiden. Nicht das er sich daran beteiligte. Das war nicht seine Art.

Thomas war damals angeblich bei der Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter beschäftigt und hatte wohl auch gute Verbindungen in den Westen. Seine Frau hatte es von ihrer Nachbarin gehört, die es von einer Freundin aus dem Kirchenchor wusste, die das von einer Bekannten aus dem Haushaltskreis erfahren hatte, der es die Busfahrerin berichtet hatte, die wiederum ein Gespräch zwischen zwei ehemaligen Polizisten belauscht hatte und woher diese ihre Informationen hatten, war dem dooven Kuno nicht bekannt.

Mittlerweile hatte einer der Männer die vierte Runde Köm ausgegeben. Die Stimmung war ausgelassen und es wurden Seemannslieder angestimmt. Nur an einem Tisch saß eine kleine Gruppe und diskutierte eifrig über die sonderbare Insel und seine bald eintreffenden Gäste. Einer der Männer war Thomas. Man merkte ihm deutlich an das er über die künftige Ankunft der ominösen Besucher nicht erfreut war. Sein Kopf war vor Zorn rot angelaufen. Mit einer unglaublichen Wucht ließ er seine Faust auf den Tisch krachen.

„Nicht mit mir!“, schrie er in perfektem Hochdeutsch.

Erneut verfielen die Männer in Schweigen. Vereinzelt fielen verächtliche Blicke auf den jähzornigen Mann und der eine oder andere Fischer grinste hämisch. Der Gastwirt, der inzwischen hinter Thomas stand, packte diesen an dem Arm und zerrte ihn hinter sich her. Wütend wurde er dabei von dem Fischer, der sich nicht so behandeln lassen wollte, beschimpft.

Unter einer Straßenlaterne stand eine, in einen dicken Mantel gehüllte, hagere Gestalt und schaute Thomas hinterher. Ein Lächeln zierte ihre schmalen Lippen. Du wirst mich bestimmt nicht aufhalten. Da kannst du dich noch so lautstark aufregen.



(1) Über was redet ihr?
(2) plattdeutsch für taub
(3) Hast du dein Hörgerät nicht eingeschaltet?
(4) Und ganz schuppig ist sie gewesen.
(5) Ich habe sie vor Sünnerlik Holm gesehen.
(6) vergesslich
(7) Der Eigentümer hat sieben Menschen auf die Insel eingeladen.
(8) Und woher weißt du das?

Nachwort:

Danke für den anonymen Favoriteneintrag. Hat mich sehr gefreut. Würde mich über Rückmeldungen, Kritik, Lob, Anregungen und den ein oder anderen Steckbrief freuen.
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