II - Wie das Leben spielt

GeschichteAllgemein / P12
06.11.2017
12.10.2019
42
49426
5
Alle Kapitel
42 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Christina Weiland verließ das Krankenhaus. Zielstrebig lief sie die Straße entlang zur Brücke über den Inn. Mittig auf der Brücke blieb sie stehen und sah über das Geländer auf das Wasser. Sie beobachtete die Wasserbewegungen. Das Rauschen, Sonne im Gesicht und die frische Luft taten ihr gut. Assiziationen wie der Fluss des Lebens, Lauf der Dinge, oder dass es immer irgendwie weitergeht, kamen ihr in den Sinn. Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer. Vor ihr auf der Fahrbahn fuhren die Autos über die Brücke. Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sofort waren sie da. Die fast vergessenen Bilder aus der Vergangenheit. Martin Gruber, ausgerecht er. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Mit einem kräftigen Kopfschütteln versuchte sie die Bilder zu vertreiben. Abermals drehte sie sich um und schaute wieder hinunter ins Wasser. Sie versuchte, das Gefühlschaos, das in ihrem Inneren herrschte, unter Kontrolle zu bringen. Auf der einen Seite war die Trauer um ihre Mutter, auf der anderen all die aufkommenden, vergessen gedachten Erinnerungen. Erinnerungen, an die sie seit 20 Jahren nicht mehr gedacht hatte. Erinnerungen, an einen Menschen, den sie für immer hatte vergessen wollen.

   
Hans hatte gerade den Veterinär verabschiedet und stand nun mit in die Seiten gestemmten Händen nachdenklich auf dem Hof. Das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Der Tierarzt hatte einen Wurmbefall festgestellt und nun stand in den nächsten Tagen außerplanmäßiges Entwurmen und Impfen auf der Tagesordnung. Lisbeth fiel aus. Martin konnte man nie fest einplanen und Lilli würde sich bedanken. Er würde Hilfe brauchen.
Hans ging um das Haus herum. Auf der Bank neben dem Hauseingang saß Lisbeth. Sie hatte das Bein auf einen Stuhl hochgelegt und las in einem Buch.
„Mama, ich fahre noch einmal runter ins Dorf. Ich frage mal die Kollegen der Bergrettung, ob in dieser Woche jemand beim Entwurmen helfen kann.“
Lisbeth sah auf: „Hast du schon etwas von Martin gehört?“
Hans schüttelte den Kopf.


Die Lehrer verließen den Raum. Frau Ganser stand an der Seite und sprach noch kurz mit Helenas Mutter, die das Tablet neben sie auf ein Sideboard gestellt hatte.
Martin umrundete den langen Tischblock: „Frau Sander, schön, Sie zu sehen. Sie hätten mir am Telefon ruhig einen Hinweis geben können!“ Er reichte ihr die Hand.
Sie lachte: „Abgesehen vom verpflichtenden, vertraulichen Umgang mit Informationen in meinem Berufsfeld, haben Sie sich nicht gerade deutlich ausgedrückt. Wie ich gemerkt habe, sind Sie aber meinen Rat gefolgt und haben das Gespräch mit der Schulleitung gesucht.“
Martin lachte: „Erfolgreich sogar. Vielen Dank. Und was bedeutet das Ganze jetzt für die Anzeige beim Jugendamt?“
„Helena ist 13 Jahre alt. Ich würde gerne selbst einmal mit ihr sprechen. Sie kennenlernen und vor allem erklären, was meine Aufgaben sind. Die Maßnahmen, die wir jetzt hier besprochen haben, brauchen Zeit. Alle hier im Raum haben sich dafür ausgesprochen, ihr diese Chance zu geben. Gerne begleite ich die Familie dabei, wenn sie es wünscht, ansonsten sehe ich da auf gar keinen Fall das Kindeswohl gefährdet.“ Sie schaute zu Steffi und der Direktorin. „Um die Gespräche mit den anderen Eltern beneide ich Frau Ganser allerdings nicht.“
Martin stimmte ihr zu. „Nein, ich auch nicht. Was halten Sie von einer Einladung auf den Gruberhof? Ein neutraler Ort zum Kennenlernen.“
„Und zufällig werden Sie keine Termine haben, so dass Sie dabei sein werden, Dr. Gruber?“ grinste sie wissend. Martin verzichtete auf eine Antwort und gab das Grinsen zurück.
„Wenn Frau Bahr zustimmt, nehme ich das Angebot gerne an.“ lachte sie.


Christina Weiland hatte keine Ahnung, wie lange sie da auf der Brücke gestanden hatte. Irgendwann war ihr aufgefallen, dass sie ihren Rucksack nicht hatte. Vielleicht hatte jemand von der Bergrettung daran gedacht? Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, ob Martin ihn vielleicht mitgenommen hatte. Sie war mit seiner plötzlichen Anwesenheit so überfordert gewesen, dass sie eigentlich gar nichts mehr richtig mitbekommen hatte.

Sie suchte sich ein Taxi und ließ sich nach Ellmau fahren. Sie wollte bei der Bergrettung nachfragen, ob ihr Rucksack mitgenommen worden sei oder wohl noch auf der Alm stand. Danach wollte sie noch ins Pfarrbüro. Ihre Mutter hatte sich gewünscht hier in Ellmau beigesetzt zu werden.
Christina hatte gewusst, dass dies auf sie zukommen würde. Sie war vorbereitet gewesen, aber jetzt war es doch trotz aller Auseinandersetzung im Vorfeld so plötzlich, unwirklich und enorm schwer.
Aber sie hatte sich von dem innerlichen Chaos wieder etwas erholt. Sollte Martin ihr noch einmal begegnen, war sie nun vorbereitet. Nie hätte sie damit gerechnet, dass er noch hier leben würde. Er hatte damals immer hinaus in die Welt gewollt, erinnerte sie sich. Christina ärgerte sich über sich selbst. Sie verbannte die Gedanken an Martin Gruber aus ihrem Kopf. So wie es schien, hatte er sie im Gegensatz zu ihr gar nicht erkannt. Das war auch gut so.


Hans saß am Schreibtisch und las gerade den Bericht vom Einsatz, als sich die Tür öffnete.
„Entschuldigung, ich suche meinen Rucksack.“ sagte eine weibliche Stimme. Hans blickte auf.
Eine Frau mit etwas wirren blonden Haaren, die im Nacken hochgebunden waren und Wanderkleidung stand an der Tür.
„Meinen Sie den?“ Er hob einen türkis-grauen Wanderrucksack hoch, der neben dem Schreibtisch stand. „Ja, genau!“ bestätigte sie.
Hans stand auf, um ihr den Rucksack zu bringen. Als er näher kam, stutzte er plötzlich. Er warf einen  Blick auf das ordentlich beschriftete Namensschild am Rucksack. Christina Weiland.
„Tina?“ fragte er ungläubig.

Heute ging aber auch alles schief. Sie nickte: „Hallo Hans!“
„Das gibt es doch gar nicht!“ rief er erfreut. „Wie geht es dir?“ Dann fiel ihm ein, dass er gerade im Einsatzbericht gelesen hatte, dass Christina Weiland die Bergrettung zur Kaiser-Hochalm gerufen hatte und ihre Mutter im Krankhaus verstorben war. „Also, ich meine, es tut mit leid mit deiner Mutter.“ ruderte er zurück. „Es ist nur..., Mensch, es ist so lange her!“ ging die Begeisterung wieder mit ihm durch. Christina musste lächeln. Hans Freude rührte sie. „Ja, das ist es wirklich! “


Helena saß mit Sophia in ihrem Zimmer. Sie zeichnete Wünsche von Sophia vor, die diese dann begeistert ausmalte. „Ein Kälbchen, wie bei Oma!“ wünschte sie sich nun.
„Oh, ich versuche es.“ meinte Helena etwas skeptisch.
Sophia hatte die Ellenbogen aufgestützt und legte den Kopf auf den Händen ab. Interessiert beobachtete sie, wie die Striche auf dem Papier nach und nach zu Formen und Gestalten wurden. Hin und wieder radierte Helena, wischte die Radiergummireste von Blatt und korrigierte die Zeichnung konzentriert.

Susanne machte Steffi und Martin ein Zeichen leise zu sein und winkte sie zur Tür zu Sophias Zimmer heran. Die drei schauten auf die friedliche Szene zwischen den beiden.
„Na, ihr beiden. Schaut mal, wer hier ist!“ sprach Susanne sie an.
Helena sprang sofort auf. „Und?“ fragte sie gespannt.
Steffi machte ein paar Gebärden und umarmte dann ihre Tochter.

Martin war zufrieden. „So, ich habe versprochen, heute Pizza auszugeben. Auf dem Hof warten sie bestimmt schon. Fahrt ihr mit?“ fragte er.
Helena nickte und übersetzte für ihre Mutter.
„Ich will auch mit!“ meldete sich Sophia.
Susanne nahm sie auf den Arm. „Oh, nein, du bleibst hier!“
Schmollend schob sie die Unterlippe vor. „Mein Kälbchen ist aber noch nicht fertig!“
„Warte, ich male es noch zuende.“ meinte Helena versöhnlich und begann sofort.
Steffi schaute ihr anerkennend zu.
Review schreiben