Die Legende vom Nebelwolf

DrabbleMystery, Familie / P12
06.11.2017
06.11.2017
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Dies ist mein Beitrag zur Wichtelaktion Nebel-Drabble 2017 von Nairalin und wurde für Amaineko geschrieben. Ich hoffe, es gefällt dir.
Lg
Frostschimmer
Ich wünsche dir und allen anderen viel Spaß beim Lesen^^
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Die Geschichten der alten Nan hatten Jon Schnee schon immer fasziniert, allen voran die düstere Legende vom Nebelwolf, die sie stets an trüben Tagen zu erzählen pflegte. Immer, wenn sie das geisterhafte Heulen des Nebelwolfes nachahmte, lief es ihm in kalten Schaudern den Rücken hinab und er stellte sich vor, wie das Tier wohl aussehen mochte. Er hatte keine Angst davor, nicht so wie seine Halbgeschwister oder Theon, die stets nur behaupteten, keine Angst zu haben und heimlich doch zitterten, wenn draußen dann die Wölfe heulten. Kindermärchen waren Jon Schnee gleich, doch die unheimlichen Sachen regten ihn zum Träumen an:

Einst lebte ein mächtiger Schattenwolf hier in diesen Wäldern, der große Zauberkräfte besaß. Wann immer er den Wald verließ, brachte er den Nebel mit, trug ihn in Hügel und Wiesen, in Senken und Täler, über Flüsse und Seen und sogar in die Höfe der Burgen. In diesem Nebel wandelte er so lautlos wie ein Schatten dahin und kannte nur ein Ziel. Er wollte Kinder stehlen, um sie zu seinesgleichen zu machen und mit sich in den Wald zu nehmen. Vor langer Zeit hat ihn ein Lord der Starks vertrieben, doch wird erzählt, dass er noch immer im dichten Nebel lauert.

Und wenn die anderen zitterten und einander verschämt die Hände reichten, überlegte sich Jon Schnee, wie es wohl sein mochte, als Wolf zu leben. Ein Wolf trug keinen Namen, weder Schnee noch Stark. Ein Wolf war kein Bastard. Und als die alte Nan die Legende abermals erzählte, beschloss der Junge, beim nächsten Nebel hinauszugehen und den Nebelwolf zu suchen. Da der Wolf Kinder stahl, würde er ihm nichts antun, schließlich war er ein Kind, zählte gerade neun Jahre, doch wusste schon genau, warum er anders war. Er hatte keine Mutter und war somit kein Stark, doch Wölfe trugen keine Namen.

Der nächste dicke Nebel kam schon am Tag darauf nach Winterfell und statt der alten Nan zu lauschen, nahm Jon Schnee sein Schicksal nun selbst in die Hand. Sollte ihn der Nebelwolf doch mit sich in die Wälder nehmen und ebenso einen Wolf aus ihm machen. Dick in einen Fellmantel eingepackt trat er mutig in den Sommerschnee hinaus, der an diesem Tag besonders reich gefallen war, und schritt in Richtung Wald davon, wo der Nebel am dichtesten war. In schweren Schwaden hing er zwischen den Bäumen, verschluckte alle Wesen darin und verhüllte seine Sicht. Jon Schnee hatte jedoch keine Angst.

Im Nebel war es kalt und er drang durch seine Kleidung an seine Haut und ließ ihn frösteln. Die weißen Schwaden schluckten das Licht und dämpften jedes Geräusch. Schnell verlor Jon Schnee die Richtung und wusste nicht mehr, wo er war, doch das war nicht wichtig. Was zählte, war, dass der Nebelwolf ihn fand, also ahmte er wie Nan das Geisterheulen nach, doch schien es im Wald keinen Widerhall zu geben, nicht so, wie in der großen Halle vor dem Kamin. Es herrschte eine Stille, die so allgegenwärtig war, dass sie schon laut erschien. Doch er wollte keine Angst haben.

Im dunstigen Wald hatte er sich verlaufen und noch immer hatte ihn der Nebelwolf nicht finden können. Vielleicht wollte er ihn nicht? Wollte auch ein Wolf keinen Bastard wie ihn zu den seinen zählen? Seine Beine schmerzten und sein Körper schien langsam zu gefrieren. War es im Wald stets so kalt? Froren die Wölfe unter ihrem dichten Fell? Hier stand er nun einsam und allein unter den Tannen, die Sicht verhüllt und zitternd und musste sich an eine andere Geschichte der alten Nan erinnern, an die finstere Legende vom Frostgeist, der verirrte Jäger heimsuchte, und sie zu Eis erstarren ließ:

Vom Unglück verfolgt ist der, der sich in einer kalten Nacht im Wald verirrt und den heimischen Herd nicht mehr findet. Die Glücklichen unter ihnen erfrieren bloß und werden Tage später von ihren Brüdern und Schwestern gefunden, doch die wahrhaft vom Pech verfolgten spürt der Frostgeist auf, um sie für sich zu nehmen. Berührt der Frostgeist deinen Leib, erstarrst du an Ort und Stell zu Eis, doch wirst du ewig leben, um zu sehen, wie die Welt um dich herum entsteht und wieder zerfällt. Und der Frostgeist wird dich rufen, bis eines fernen Tages der Glanz in deinen Augen verlöscht.

Jon Schnee begann zu laufen, wohin er wollte, wusste er nicht, doch eines war ihm gewiss: Der Frostgeist durfte ihn nicht haben und er wollte keiner der Glücklichen sein, die alleine im Wald erfroren. Er erkannte, wie dumm er gewesen war. Warum sollte er ein Wolf sein wollen, wenn er auch schlicht er selbst sein konnte? Er war gerne er selbst, bloß wollte er kein Bastard sein. Doch das war jetzt egal, denn die Kälte begann ihn zu lähmen, ihn ganz zu erfüllen, und plötzlich wusste er, dass er nach Hause wollte, gleich mit welchem Namen. Jetzt hatte er Angst.

Der Nebel schien ihm nachzujagen und als er sich umdrehte, konnte er eine Gestalt darin erkennen. Hatte der Nebelwolf ihn nun doch gefunden? Er fühlte sein Herz schneller schlagen und wild in seinem Brustkorb pochen. „Geh weg, ich will kein Wolf mehr sein!“, rief er verzweifelt und wich vor der Gestalt zurück. Die Nacht senkte sich über den Wald herab und Jon Schnee fühlte Tränen in seine Augen steigen. Würden auch sie zu Eis gefrieren? Die Gestalt näherte sich bedrohlich und er erkannte verhüllt vier Beine und einen großen Kopf. Vor sich sah er den Nebelwolf und zitterte vor Angst.

Er wollte fliehen, doch seine Beine waren vor Schreck und Kälte erstarrt, und als die Schnauze des Wolfes ihn berührte, schrie er schrill auf wie seine Geschwister, wenn sie Angst hatten. Doch statt ihn zu verwandeln, schleckte der Wolf ihm mit einer warmen Zunge über das halb erfrorene Gesicht und verblüfft öffnete Jon Schnee die verängstigt geschlossenen Augen. Vor ihm stand kein Schattenwolf mit magischen Kräften und auch kein Frostgeist, der ihn bis in alle Ewigkeit rufen würde. Vor ihm stand ein großer Hund, der ihn fröhlich erkannte und sich warm an ihn drückte. Hinter dem Hund stand der Wolf.

Lord Stark sprach kein Wort und das war auch nicht nötig, denn Jon Schnee wusste, dass er seinetwegen hier war. Er war in den Wald gegangen, um seinen Sohn, den Bastard, zu finden, bevor Frostgeister und Nebelwölfe es taten. Er war nicht eines Namens, sondern eines Jungen wegen gekommen und brachte diesen nach Hause, zurück in die Halle mit dem Kamin, vor dem Nan und seine Geschwister saßen. Durchgefroren setzte er sich neben Robb und als die Geschichten zu gruselig wurden, umfasste er seines Bruders Hand und drückte sie. Robb erwiderte den Druck und er wusste, er war zu Hause.
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