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I won't judge you

von Akiharu
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
Accelerator Last Order
06.11.2017
06.11.2017
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Warum hat man mich an ihre Seite geschickt? Warum niemand anderen? Einen Helden, der sie richtig beschützen kann? Der neben der Kapazität auch das Recht besitzt, einen Beschützer darzustellen, dessen Spuren nicht aus dem tiefsten Abschnitt der Finsternis stammt, dessen Hände nicht voller Blut getränkt sind, der ein reines Herz hat und einen reinen Pfad vor seinen Augen?

Ich starre an die Decke und lasse mich in hasserfüllte Gedanken fallen. Am liebsten würde ich jetzt irgendwen zerquetschen, am besten jemanden, der es auch verdient hat. Aber meine Kraft ist begrenzt, mal davon abgesehen.                

„‘Accelerator!‘, ruft Misaka erzürnt zum 32-sten Mal, während sie an deinem Ärmel mit deutlichem Druck zupft“, dringt eine quirlige Stimme an mich heran. Ich stöhne in mich herein und starre zur Seite.

„Was ist?“, frage ich genervt.

„‘Misaka hat so Hunger‘, jammert sie bemitleidenswert, als sie sich den Bauch reibt.“ Die kleine Göre starrt mich vielsagend mit riesigen, karamellbraunen Augen an.

„Frag Yomikawa oder wen auch immer“, knurre ich und drehe mich auf die Seite. Sie harrt immer noch neben der Couch aus und macht keine Anstalten mich in Ruhe zu lassen.

„Aber niemand außer wir sind zuhause, erinnert Misaka und rüttelt erneut an deinem Ärmel, um nicht locker zu lassen, denn ihr Magen zerreißt fast vor großen Hunger“, fährt sie ungerührt fort und ich drehe mich wieder zu ihr um.

Sie starrt mich an, blinzelt. Ich seufze.

„Gut, komm.“

„‘Yay!‘, freut sich Misaka, während sie fröhlich umher hüpft.“



Wir gehen die Straße entlang. Der Himmel wirkt düster, der Weg finster. Innerhalb von Minuten zünden sich die Laternen an und innerhalb von Sekunden klammert sich die kleine Last Order an meinen Armen.

„Hey“, knurre ich, „Du störst beim Gehen.“ Sie scheint sich daran nicht zu stören, dass sie mich stört.

„Misaka fürchtet sich und kann den Grund nicht erklären, versucht sie zu vermitteln, während sie sich noch fester an dich klammert.“ Ich lasse meinen Blick von hier über die Straße hinwegstreifen.

Sie fürchtet sich und ich bin die erste Person, die sie als Beschützer aussucht. Das Ganze ist nicht nur völlig hirnverbrannt, der Fakt, dass ich sie nicht mal mehr abwimmeln will, lässt mich noch viel dümmer vor meinen eigenen Augen dastehen.

„Ja, ich bestreite es gar nicht mehr“, flüstere ich. Ich will sie beschützen.

Ich schließe die Augen, dann höre ich Schritte, schnell trampelnd nähern sie sich. Verdammte Scheiße. Sofort reiße ich Last Order herum, stelle mich vor ihr, schalte mein Elektroden-Band um meinen Hals an und baue eine Schutzwand durch meinen Vektorenfluss auf. Meine Reflektion lässt drei Kerle, die sich an uns von hinten genähert hatten mit einem gewaltigen Schlag nach hinten prallen. Sie kommen auf den Boden auf und wie erwartet: Die Scheißer haben noch nicht genug.

Ein irrer Funken sprüht in mir auf, was ich immer verspüre, wenn sich Leute mit Kampfabsicht mir entgegenstellen. Ich setze ein schiefes Grinsen auf, da bemerke ich, wie die kleine Göre an meinem Ärmel zupft und ängstlich zu mir aufsieht.

Vernunft bringt mich zurück. Ich schnappe sie mir unter Arm, lasse ein erneutes Mal Vektoren fließen, die die Kerle ein zweites Mal zurückprallen lässt und laufe um die Ecke.

Davonlaufen, jemanden beschützen, etwas Gutes tun. Das passt nicht zu mir. Die Gedanken fressen mich von innen auf.

Du hast mehr als 10.000 Schwestern auf dem Gewissen, als Beschützer wirst du auch nichts mehr gut machen können. Das stimmt, das stimmt. Aber meinen Wunsch sie beschützen, etwas Gutes zu tun, auch wenn es nicht zu mir passt und ich es auf meine Weise machen werde, darf mir gewährt werden. Gerade weil ich all das angerichtet habe, werde ich jetzt erst recht diesen Weg einschlagen und mich dabei weiter... abgrundtief... verabscheuen.

Ich stolpere im Dreck der Gasse und knalle hin. Erbärmlich. Last Order rappelt sich auf und springt an meine Seite.

„‘Alles in Ordnung?‘, fragt Misaka besorgt, als sie-“

„Ja, es geht mir gut“, schneide ich ihr das Wort ab.

Mörder. Ich schaue ihr ins kindliche Gesicht und betrachte ihre sorgenvollen Augen.

Abschlachter. Nicht sie sollte sich um mich sorgen, sondern umgekehrt.

Auch sie wird durch deine Hand sterben. Ich rapple mich auf und strotze voran.

Mein Magen dreht sich mir um. Als ich kurz zurücksehe, schaut auch die kleine Göre nach hinten, doch niemand ist uns gefolgt. Diese Typen wollten sich beweisen, einem Level 5-Esper gegenüberstellen, aber was haben sie schon davon, wenn sie von dem gebrochenen, stärksten Esper der Stadt zerschmettert werden. Nichts. Dann kann ich sie genauso gut am Leben lassen.

Auch sie wird sterben. Etwas dringt meine Kehle hoch. Schleim und Kotze. Der beißende Gestank verätzt meine Lunge, während ich mich plötzlich vor meinen Füßen übergebe.

„Accelerator!, ruft Misaka besorgt und berührt ihn mit zitternden Händen. Bist du krank? Verletzt?, fügt sie fragend hinzu und setzt eine angstzerreißende Miene auf.“

Ich gehe in die Knie, spüre schmale Hände an meinem Arm. Der Geruch umschlingt uns. Mit meinem Ärmel wische ich mir über den Mund und raffe mich wieder auf.

Was stimmt nicht mit mir, verdammte Scheiße!? Mein ganzer Körper fühlt sich auf einmal schrecklich zittrig an. Die Gedanken schweben immer noch in meinem Kopf. Ich will sie nicht sterben lassen, nicht nicht beschützen können. Das will ich nicht.

„Komm.“

„Aber dir geht es nicht gut, klagt Misaka, als sie hinter dir herläuft und besorgt zu dir aufsieht.“

„Mir geht’s bestens. Gehen wir.“ Stille. Die schnellen Schritte der kleinen Göre und meine dumpfen, beständigen sind das einzige in der dunklen Gasse, was zu hören ist.

Der Konbini ist nicht weit entfernt. Ich schicke sie durch die Gänge – sie solle sich etwas aussuchen – bezahle und wir machen uns wieder auf den Weg zurück. In meinem Magen ist ein Loch. Es schmerzt und ich habe die ganze Zeit das Gefühl, mich nochmals auskotzen zu müssen, allerdings ist in mir nix mehr drin zum Übergeben. Last Order schaut immer wieder zu mir auf und ich spüre ihre besorgten Blicke, dennoch ist sie ungewohnt still, dafür, dass sie sonst immer so viel plappert.

Plötzlich hält sie inne, ich gehe weiter. Sie kommt nicht nach, auch ich halte an.

„Komm jetzt“, sage ich ernsthaft am Ende meiner Nerven.

„Accelerator.“ Sie macht eine Pause, als würden ihre ewigen, nicht endenden Nachsätze nicht kommen, doch dann fährt sie fort. „Haucht Misaka, als sie sich keinen Schritt weiterrührt.“

„Was ist denn?“ Ich drehe mich um und schaue sie an. Ihre untertassentellergroßen Augen wirken den Tränen nah.

„Huh? Was ist? Spuck‘s aus, verdammt!“

„Dir geht es nicht gut, weiß Misaka und stellt das Offensichtlich laut klar.“

„Und?“

„Bitte lass Misaka dir helfen, sagt Misaka voller Besorgnis und kommt einen kleinen Schritt näher.“

„Niemand kann mir helfen“, erwidere ich ehrlich mit leiser Stimme. Mein Magen dreht sich mir erneut um. Ich lege meine linke Hand auf den Bauch, während die andere immer noch die knisternde Tüte mit den Lebensmitteln trägt.

Last Order legt den Kopf schief. Ihr himmelblaues Kleid weht im Wind. Inzwischen ist der Himmel dreckig schwarz. Sie leuchtet auf in der Dunkelheit, eingehüllt von dem stählernen Licht der Laternen.

„Das stimmt nicht, stellt Misaka leise klar und sieht zu dir auf. Accelerator. Misaka...“ Ich horche auf, als würde ich daran hängen, dass ihre Worte mein Inneres retten. Völliger Schwachsinn. Niemand kann mir helfen und das ist auch richtig so.

Misaka verurteilt dich nicht. Das hat sie schon einmal gesagt und sie wird es so oft wiederholen, bis du es wirklich weißt, erklärt sie wahrheitsgemäß und setzt ein feines Lächeln auf. Denn obwohl Misaka weiß, was du getan hast und du weißt, dass Misaka das weiß, verurteilt sie dich nicht und das sollte dir auch genauso klar sein, betont Misaka und nickt kräftig.“

Ein Klumpen ballt sich in meinem Inneren fest zusammen. Ein schwerer Brocken, der schon immer da gewesen war, seit Beginn des Experiments oder vielleicht sogar noch viel weiter zurück. „Aha.“

„Misaka möchte immer bei Accelerator bleiben.“ Ja, das... möchte ich auch, bei ihr bleiben.

Der Klumpen wird leichter. Ich drehe mich um, höre trippelnde Schritte. „Geht es Accelerator wieder etwas besser, fragt sie, als sie eilig an deine Seite rennt.“ Ich erwidere nichts. Sie sieht zu mir auf, ich sehe zu ihr hinab. Eben noch sah sie sehr besorgt aus, doch plötzlich ändern sich die Züge in ihrem feinen Gesicht. Sie lächelt mich breit an und mir wird ungewollt warm ums Herz.

„Ich muss unbedingt ein Bad nehmen, wenn wir zuhause sind“, knurre ich. „Misaka auch!, ruft sie erfreut und freut sich auf das Baden und Essen genauso sehr wie du, so vermutet sie.“

Der Himmel wirkt tatsächlich nicht mehr so schwarz wie vorhin, sondern beleuchtet von den Lichtern der Stadt eine Mischung aus grau und weiß, ähnlich wie mein Hemd. Heller als zuvor zumindest.
 
 
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