Jonas

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 Slash
06.11.2017
10.02.2018
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Elgalion durchwühlte die Kleider und den Rucksack des Toten. Fand aber nichts aufschlussreiches. In den Jackentaschen war nur Staub und Dreck. Und in dem Rucksack befand sich lediglich ein Laib Brot und eine Trockenwurst. Wahrscheinlich hatte man dem Kerl irgendwo in der Nähe ein Portal geöffnet. Obwohl er nichts in den Sachen des Mannes fand, spürte er dennoch etwas mit seinen magischen Sinnen. Es war ein Surren und es wurde stärker je näher er sich der Leiche näherte. Er begann die Kleidung mit seinem Messer zu zerschneiden und tastete die abkühlende Haut des Menschen ab. Da war eindeutig etwas Hartes unter der Bauchdecke. Er fuhr mit dem Messer auf den Bauch hinab und begann ihn aufzuschneiden. Zwischen den Innereien fand er einen kleinen zylinderartigen Behälter.  Er wischte etwas von dem Blut ab und sah, dass es aus gold-glänzendem Metall war. Der Mann hatte es also die ganze Zeit in sich getragen und hatte wahrscheinlich noch nicht einmal was davon gewusst. Wer immer ihn auch geschickt hat, hatte ihn auch loswerden wollen. Er war nur der Botschafter und ein Köder. Er würde es Rulliobh zeigen.

Auf dem Rückweg zum Schloss biss in die Wurst. Sie war nicht schlecht, er hatte Ähnliche oft auf Reisen in den menschlichen Küstenregionen im Süden gegessen. Es war nichts Besonderes aber es vertrieb den Hunger. Als er den Übergang zur Insel erreichte sah er, das Flut herrschte. Er würde bis zur Ebbe warten müssen. Der Elf kletterte auf einen der hohen Bäume und machte es sich auf einem dicken Ast bequem. Er betrachtete den goldenen Zylinder in seiner Hand. Es hing an einer goldenen Kette. Filigrane Muster waren in die Oberfläche geschnitzt und beide Enden waren abgerundet. Er wollte eine Klappe am unteren Ende öffnen als leise Schritte erklangen. Ein leichtfüßiger Elf. Wahrscheinlich männlich. Hohe Selbstsicherheit. Er hatte ihm gerade noch gefehlt.

"Wer schleicht des Nachts durch den Wald?" fragte er.

Eine Stimme lachte und er hörte wie der Andere den Baum hochkletterte. Bald erschien ein dunkler Haarschopf vor ihm. Der Elf setzte sich vor ihm auf den Ast. Das Holz knarrte. Avely lauerte immer im Hintergrund wie ein Schatten. Bei den Versammlungen war er still und aufmerksam. Er war ein begabter Heiler und war erst vor fast hundert Jahren zum Syndikat gestoßen.

"Ich habe deinen Mist weggeräumt," Sagte der Dunkelhaarige spöttisch.

"Den Menschen? Wieso? Er hätte in den nächsten Wochen den Waldboden fruchtbarer machen können."

"Was hast du da?" Avely deutete auf den Anhänger. Elgalion zuckte mit den Schultern.

"Ich habe es in der Bauchhöhle des Menschen gefunden." Mit dem Daumennagel kratzte er einen getrockneten Blutfleck ab.

"Ich bin überrascht, dass du nicht von seiner Leber gekostet hast. Sie war zwar reichlich mit Fett durchzogen aber..."

Er warf ihm einen warnenden Blick zu. Avely fuhr unbeeindruckt fort.

"Kannst du mir denn sagen was es ist?"

"Ich weiß es nicht. Er hat irgendetwas von Rakel gefaselt. Die Prinzessin der menschlichen Kolonie. Sie ist aber seit Jahrhunderten tot."

"Es ist ein Erbstück" sagte Avely und riss es ihm aus der Hand ehe er reagieren konnte.

"Was?"

"Die Dynastie aus der Rakel entsprang war bekannt für ihre... familiäre Liebe. Sie wollten ihr Blut so rein halten wie möglich. Die Menschen damals waren einfach zu dumm um zu verstehen welche Konsequenzen sowas hatte. Rakel soll das hässlichste Weib der Welt gewesen sein, auch wenn man das unter Drohung der Todesstrafe nicht sagen durfte. Sie glaubten von einem Jahrtausende alten Elfen abzustammen der ihr besonderes Geschlecht gezeugt haben soll und auf diese elfische Blut beriefen sie sich. In solchen Gefäßen haben sie sein Blut angeblich aufbewahrt um die Kraft des Ahnen in Momenten der Not zu nutzen. Natürlich waren das alles nur Irrsinn und Lügen."

Er schüttelte es und hielt es sich ans Ohr.

"Es ist scheinbar wohl versiegt.“

"Du wusstest also, dass er kommen würde? Hast du ihn hie reingeladen?" Elgalion war nicht blöd.

"Rulliobh hat diesen Boten erwartet."

"Und was wollte er?“

"Rulliobh?

"Nein der verdammte Bote!" Sein Geduldsfaden spannte sich.

"Das kann ich dir nicht sagen"

Elgalion will ihm die kette entreißen doch Avely war wieder zu schnell.

"Willst du Ärger mit ihm? Du hast wieder Mist gebaut. Deine gute Stellung ist bröckelig. Ich könnte..."

Elgalion wurde still und lehnte sich zurück. Er war müde.

"Geh!" sagte er bedrohlich ruhig und der Dunkelhaarige verschwand.

X


Die Krallen des Dämons fuhren über die Schriftzeichen des Dokuments. Im Hintergrund blubberten mehrere Behälter mit geruchlosen Flüssigkeiten.

"Irgendjemand hat was von Feen gesagt," sagte Jonas um die Stille zu vertreiben. Er saß nun schon seit Stunden Rulliobh gegenüber. Beide hatten es sich in den rot-gepolsterten Sesseln gemütlich gemacht und auf dem Runden Tisch lagen stapelweise Bücher und Schriftrollen. Bisher hatte er selbst keine Aufgabe erhalten und blätterte nur ab und zu Mal in den Schriften die der Dämon zur Seite gelegt hatte.

"Mhm. Irgendjemand..." flüsterte sein Gegenüber und sah nicht von seiner momentanen Lektüre auf.

"Was sind denn Feen?"

Rulliobh sah ihn an.

"Feen. Manche nennen sie auch Geister. Menschen setzen sie mit Göttern gleich doch, doch soweit würde unser Volk nicht gehen. Sie sind höhere Wesen der Magie. Einige Philosophen sind der Meinung, dass Feen Magie selbst sind. Magie, die wegen Einflüssen außerhalb unseres Verstandes ein Bewusstsein erlangt haben. Es gibt sie in jeder Welt, auch in deiner."

Jonas dachte darüber nach. Ob Anun wohl einer von ihnen war? Er zögerte kurz, doch als Rulliobh ihn erwartungsvoll anblickte erzählte er von der nächtlichen Begegnung mit dem Wassergeist.

Der Blick des Halbelfen ging ins Leere. Dann sah er ihn solange an bis der Augenkontakt unangenehm wurde. "Ich habe von diesem Wesen noch nie gehört. Es war klug von dir ihm nicht die Hand gegeben zu haben. Du solltest aufpassen, wenn du des Nachts allein in den Wald gehst." Er zwinkerte.

"Er meinte also irgendwas sei mit deinem Blut?" Jonas nickte. Und blitzschnell griff er Jonas rechtes Handgelenk und presste die kühle Nasenspitze darauf und schnupperte. "Mhm.“

Rullibohs Augen verengten sich und sie rollten nach oben. Dann sah er ihn an als würde er ihn gleich eines schweren Verbrechens beschuldigen. Jonas macht große Augen und zuckte mit der Schulter. Plötzlich stieß der Halbelf heftig Luft aus und schüttelte angewidert den Kopf. Er ließ die Hand einfach runterfallen, als sei sie das ekelhafteste, was er jemals gehalten hatte.

„Was…“ fing Jonas an.

„Vampire!“ fauchte ihn der Dämon an. Tiefe Falten bildeten sich zwischen den Brauen und er sah wahrlich zum Fürchten aus wenn er so wütend war. Jonas unterdrückte das Verlangen sich schützend an die Kehle zu greifen.

„Ich…“

„Sei still!“ Rulliobh stand schnell vom Sessel auf und stapfte in einer der anderen Kammer, die in sein Schlaf- und Wohnzimmer mündeten. Er hörte wie schwere Bücher und andere Dinge auf dem Boden fielen als der Dämon wie ein Irrer nach dem wühlte was er suchte. Jonas Schulter verkrampfte sich. Verdammt, was hatte er falsch gemacht?

„Sie haben dich geschickt, nicht wahr?“ Hörte er die stimme des Dämons sagen als er wieder ins Zimmer kam. Er trug eine ellenlange Nadel an deren einen Ende ein Glasgefäß mit einer blauen Flüssigkeit saß. Eine Spritze? Rulliobh war schneller bei ihm als er gucken konnte und griff ihn am Hals und drückte ihn gleichzeitig zurück in den Sessel. Er konnte kaum atmen. Er versuchte still zu bleiben. Sonst würde dieses scharfe Ding…

„Beantworte meine Frage,“ sagte Rulliobh nun ruhig.

„I-ich weiß nicht was los ist. Ich habe keine Ahnung. Ich…“ Sein Satz wurde im wahrsten Sinne des Wortes abgewürgt. Die Hand schloss sich nun noch länger um seinen Hals.

„Bleib ganz still. Nicht Zappeln.“

Jonas tat wie geheißen und ehe er wusste wie ihm geschah ließ der Dämon seinen Hals los und legte Zeigefinger und Daumen um sein Auge und zog die Lider auseinander, so als würde er ihm Kontaktlinsen einsetzten.

„Sie mich an. Ja, genau so.“

Mit der anderen Hand nahm er die riesige Nadel und hielt sie auf Augenhöhe, so als würde er mit einem Wurfspeer zielen. Die Nadelspitze kam immer näher bis sie zu einem grauen Schemen verschwamm. Das konnte einfach nicht wahr sein. Dann war die Nadel in seinem Auge. Er zuckte kurz zusammen, wie ein Fisch und dann erschlaffte alles. Er war immer noch bei Bewusstsein aber seine Wahrnehmung hatte sich verändert. Er hörte ein Klickern und mit dem anderen Auge sah er wie die blaue Flüssigkeit im Glasgefäß durch die Nadel lief und…

Die Welt schien sich kurz zu verbiegen, dann wurde sie wieder gerade. Rulliobh entfernte die Nadel und setzte sich vor ihm in den Sessel. Etwas war eindeutig anders. Aber was? Die Welt sah genauso aus wie vorher… oder hatte sich etwas verändert? Er wackelte mit den Kopf, dann schüttelte er Arme und Beine aus. Er war also nicht gelähmt. Er sah sich um. Der Raum war so wie immer aber die Farben waren falsch. Die Farben waren heller und blasser, als sei ihnen alle Sättigung entzogen worden.

„Eine Lobotomie,“ sagte er zu dem Dämon. Und seiner eigenen Stimme haftete eine Eiseskälte an, die er nicht von sich erwartet hätte. Er sah Rulliobh nun an und erschak. Der Schrecken haftete aber nur in seinem Inneren. Sein Körper war ganz locker. Vor ihm saß ein Elf. Das Haar schien an dem Schneidepunkt zwischen Blond und Brünette zu sein, so ähnlich wie die Elgalions. Sie fielen leicht gelockt nur bis zur Schulter, wo sonst die hüftlangen rosanen Haare sein durften. Die Augen waren von einem hellen Braun, das in ihm die Lust für heiße Schokolade weckte. Die Pupillen waren rund. Ein makellos schöner aber sonst nicht außergewöhnlich aussehender Elf. Wären da nicht die blauen Tentakel die aus dem Rücken wucherten.

„Keine Sorge. Die Wirkung wird über die nächsten Stunden hinweg nachlassen. Bald wirst du nichts mehr davon spüren.“

„Was ist das?“ Er wusste nicht ob er Rulliobhs neue Erscheinung meinte oder das Mittel, das er ihm gespritzt hatte.

„Dies?“ Er hielt die Nadel hoch.

„Dieses Serum gehört zu den wenigen Substanzen, die sowohl in der materiellen Welt als auch in der Geisterwelt existieren. Sehr selten, sehr kostbar. Ein Vermögen wert. Es lässt dich für eine kurze Zeit durch den Schleier blicken, ohne selbst dabei sterben zu müssen.“

„Es sieht fast alles aus genauso wie vorher.“

„Ich muss mich verbessern. Es ist nicht in dem Sinne eine andere Welt, wie es deine Heimatwelt ist. Ich würde sagen, dass jede Welt ein Zimmer ist, zwischen denen man hin und her gehen kann. Das Haus ist ein Gefüge mehrerer Welten. Alles was sich außer des Hauses befindet ist die Geisterwelt. Man befindet sich immer in ihr. Du bist und warst sozusagen immer im Jenseits, auch zu deinen Lebzeiten und scheinbar hattest du einige Lebzeiten hinter dir.“

Er machte eine Bewegung mit dem Kopf, die Jonas dazu veranlasste sich selbst näher zu betrachten. Auch er sah anders aus. Seine Haut war etwas dunkler, so als hätte er viel Zeit an der Sonne verbracht. Auch war sein Haar länger geworden. Es war nicht mehr schwarz, sondern grau. Er tastete sein Gesicht ab. Die Haut war immer noch jung und glatt. Aber die Position seiner Augen, seiner Nase und seines Mundes war falsch. Statt seines T-Shirts trug er ein Kettenhemd, über dass sich ein weißes Laken mit einem roten Kreuz spannte.

„Oh Gott,“ sagte er, wieder mit dieser tonlosen Stimme.

„Erinnerst du dich?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Scheinbar aber schon. Ob bewusst oder unbewusst, du hast diese Erscheinung gewählt.“

„Und ich nehme an du hast Deine gewählt?“ fragte er. Er drückte sich auf einmal so… gewandt aus.

„Ja und nein. Verstehe mich nicht falsch. Ich bevorzuge meine Erscheinung in der materiellen Welt, auch wenn ich mich als Kind ihrer geschämt habe. Aber hier versuche ich immer meinem Vater zu ähneln, denn er hat mich den Großteil meines magischen Wissens gelehrt. Die Tentakel sind unfreiwillig.“ Er lachte. „Sie haben ihren Charme aber ich kann sie nicht verschwinden lassen. Es ist wie eine energische Erinnerung an meine Mutter, die ich nie kannte.“

Jonas betrachtete das riesige rote Kreuz auf dem weißen Laken. Reinkarnation? Das war ihm zu viel des Guten.

„In dir steckt ein Krieger und ihn gab es schon lange vor deiner Geburt.“

Jonas schüttelte den Kopf.

„Wieso sind wir hier? Also, ich meine, wieso hast du den Schleier beiseite gezogen?“ fragte er.

„In diesem Zustand ist die Wahrheit ein Naturgesetz. Weder andere noch sich selbst kann man anlügen,“ antwortete Rulliobh.

„Du hast was von einem Vampir gesagt.“

Rulliobhs Gesicht wurde wieder ernst.

„Ja. Du wurdest angesteckt. Ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich habe etwas überreagiert.“

„Aber wann? Ich verstehe das nicht. Ich kann mich daran nicht erinnern.“ Wann sollte das denn gewesen sein?

„Dieser Wassergeist sagte dir doch es sei einige Monate her gewesen. Kannst du dich an irgendein Ereignis in deiner Heimatwelt erinnern, dass dir im Rückblick seltsam vorkommt?“

Jonas dachte nach. Das Jahr in der psychiatrischen Anstalt war ereignislos gewesen. Weiße Wände. Nichts als weiße Wände.

„Da ist nichts.“

„Denk nach. Da muss was gewesen sein. Vampire sind Meister der Illusion aber fast immer gibt es einen Fehler der Logik in ihren Illusionen. Sobald der Logikfehler auffällt zerbricht die Scharade.“

Jonas presste seine Finger auf die Stirn und schloss die Augen. Er ging all die Erinnerungen durch. Wie ein Film liefen sie vor seinem inneren Auge vorbei. Er ging zu dem Tag zurück an dem er versucht hatte sich das Leben zu nehmen. Er hatte sich im Fitnessstudio die Pulsadern in der Dusche aufgeschnitten und es dann aber mit der Angst zu tun bekommen und den Krankenwagen gerufen. Er erinnerte sich an den blutverschmierten Bildschirm seines Smartphones. Die dickflüssigen Roten Flecken auf dem Holz der Sitzbank.

Wieder schüttelte er den Kopf. Rulliobh seufzte.

„Nun, dies ist nicht so gelaufen wie ich es mir erhofft hatte aber ein Anfang ist gemacht.“

Rulliobh stand auf und streckte sich. Auch Jonas erhob sich von seinem Sessel. Unten wurde ihm schnell kühl und er vermisste bereits die warmen roten Polster.

„Bist du nicht neugierig?“ fragte der Dämon und trat näher. Er berührte Jonas Schulter. So sanft, wie ein Kätzchen. Und doch konnte es unerwartet umschlagen und er würde einen hungrigen Tiger vor sich haben. Er zwang sich den Halbelfen anzulächeln.

„Ich bin sehr neugierig. Viel zu neugierig. Ich glaube das ist nicht gut für mich.“

Der Halbelf verpasste ihm einen freundschaftlichen Hieb auf die Schulter.

„Was redest du da? Ich glaub es wird Zeit für dich ins Bett zu gehen.“

Er begleitete ihn zurück zur Schreibkammer und dann zur großen Tür hinaus.

X


Das Bild des mittelalterlichen Kriegers verblasste langsam, als er den Gang hinabging. Und er war froh den wohlvertrauten Adidas-Anzug zu sehen. Morgen war wieder Training. Er sollte früh ins Bett gehen. Aber erst wollte er in die Küche. Eine heiße Schokolade klang genau richtig. Es musste hier Kakaopulver und Zucker geben. Beide Zutaten würde er mischen und in kochendes Wasser geben. Schließlich hatte er ein kulinarisches Talent. Früher hatte er vieles selbst gemacht, anstatt es fertig verpackt im Supermarkt zu kaufen und dies hatte er in der Anstalt aufgegeben. Er war sich immer noch nicht sicher ob er einfach so in die Küche gehen durfte. Er hatte andere ein und aus spazieren sehen aber… Das genügte. Er musste diese Zweifel ablegen. Wenn es jemandem nicht passte würde es sich einfach entschuldigen und sich zurückziehen.

Er durchschritt den Raum mit der Speisetafel und betrat die große Anreihung von Speisekammern und Zubereitungsräumen, die einfach als „die Küche“ bezeichnet wurden.  Hinter der Tür war ein kurzen Gang der in einem weiß-gekachelten Raum mündete. In den großen Regalen an den Wänden wurden Tomaten gelagert. Die grünen Früchte sollten dort im Zwielicht reifen. Riesige Säcke voller Reis waren auf dem Boden verteilt, als hätte sie jemand gerade dort abgeliefert und sie wären noch nicht eingeräumt worden. Er musste über sie hinwegklettern. Neugierig ging er durch einige Zimmer wo etliches Gemüse und Getränke aufbewahrt wurden bis er das gelbe Flackern des Kochfeuers an den Wänden reflektiert sah. Er hielt inne als er zwei Männer streiten hörte. Jonas schlich zur Wand neben der Türöffnung und spähte in den Raum. Bellrios führte eine energische Diskussion mit Avely. Die beiden Elfen standen in der Mitte des Zubereitungsraumes. Das Feuer brannte im Offen, etwas blubberte in einem Kessel. Scherben von zerbrochenem Porzelan waren auf dem Boden. Zerschnibbeltes Gemüse lag in ordentliche Streifen verteilt auf einem Holztisch. Bellrios war an diesen Holztisch gelehnt und hielt ein Messer locker in der Hand. Die Spitze war auf den Boden gerichtet und Saft so rot wie Blut tropfte an der scharfen Kante entlang auf den Boden. Das musste Tomate sein, sagte Jonas sich. Das kastanienbraunen Haar des Elfen war hinten zusammengebunden und er trug seine charakteristische Schürze, die nicht befleckt war. Sie war nie befleckt, obwohl er hier die meiste Zeit von Soßen und anderem Kram umgeben war.

Avely stand vor ihm und hatte die Arme verschränkt. Er war in feinsten blauen Roben bekleidet, als wäre er kurz davor einen Ball zu besuchen. Sein Haar wurde durch einen Reif zurückgehalten. Er sah aus wie ein Prinz.

"Ein Schattenschlüssel. Bellrios? Hörst du mir zu?"

"Ja, Ich habe gehört was du gesagt hast. Aber was hat das mit mir zu tun? Ich bin nur der Koch." Selbst in Jonas Ohren klang es wie eine Lüge.

Avely lachte und klopfte dem anderen auf die Schulter.

"Nur ein Koch. Sicher doch. Du bist ein hervorragender Koch." Er tunkte seinen Finger in eine Schale mit Soße und leckte ihn ab. Er verdrehte die Augen leicht dabei und Jonas wusste nicht ob der Elf einfach nur theatralisch drauf war oder es wirklich so gut schmeckte.

„Das ist verdammt gut,“ sagte der Elf. Er meinte es wirklich so.

Auf Bellrios Gesicht erschien ein selbstgefälliges Grinsen.

„Natürlich ist es gut, ich habe es auch gemacht.“

Avely zog die Augenbrauen hoch.

„Weißt du, Ich habe lange darüber nachgedacht wie ein Kerl wie du hierherkommt. Ein ganz einfacher Koch, den ich bisher auf keine Mission habe gehen sehen, der aber allen Sitzungen beiwohnen darf und das Vertrauen des Herrn genießt. Das solll ich glauben?"

Nun war es Bellrios der die Arme verschränkte und die Tomatensoße spritze vom Messer. Er hielt die Klinge fest umklammert.

"Ja, das kannst du ruhig glauben. Es ist mir egal was du mit dem Schattenschlüssel tust, lass mich da raus."

Avely holte einen goldenen Zylinder aus seinem Gürtel. Der Zylinder hatte die Maße seines Daumens und hing von einer Kette. Die Kette klimperte als er den Zylinder vor dem anderen hin und her schwingen ließ.

"Wieso solltest du so ein mächtiges Objekt nicht gerne haben wollen? Wie du weißt gibt es nur ein Dutzend von ihnen in dieser Welt."

Bellrios zuckte lässig mit den Schultern.

"Du würdest es mir doch sowieso nicht geben. An deiner Stelle würde ich es an einen sicheren Ort verstecken bis die richtige Zeit gekommen ist."

"Ja...die richtige Zeit. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Jetzt ist die richtige Zeit. Und es ist kein Zufall, dass der Mensch genau jetzt auftaucht."

Meinte er damit Jonas? Vorsichtig tastete er sich weiter vor um noch mehr zu hören.

"Wo ist der Mensch jetzt?"

"Elgalion hat ihn abgemetzelt. Wie immer. Der Kerl kann sich einfach nicht zurückhalten."

Von ihm war also keine Rede, Jonas fühlte sich nämlich noch ziemlich lebendig. Er atmete erleichtert aus. Bellrios schnalzte mit der Zunge.

"Und wieso hat er den Schattenschlüssel nicht behalten?"

Avely schnaubte. "Der Narr wusste nicht was es war. Ich konnte ihn davon überzeugen es mir zu geben, auch wenn er misstrauisch war. Wir müssen vorsichtig sein. Er scheint den Köder mit Rakel zwar geschluckt zu haben aber…"

Bellrios seufzte und wand sich zu dem Tisch um, um weiter Gemüse zu schneiden. Avely legte ihm eine Hand fest auf die Schulter.

"Ich bin noch nicht fertig mit dir!"

"Aber Ich mit dir," erwiderte der Koch locker. Er schien überhaupt keine Angst vor dem unheimlichen Dunkelhaarigen zu haben. Avely hätte ihm die Kehle durchschneiden oder sonst was machen können, aber er wandte sich noch nicht mal um. Kein Muskel in seinem Rücken war angespannt. Er war vollkommen ruhig.

"Ich werde morgen nochmal kommen.“ Der Elf trat einige Schritte zurück.

Jonas wusste, dass dies ein Zeichen war. Er würde wohl ohne die Schokolade ins Bett gehen. Er wand sich leise um und schaffte es zwischen den Reissäcken nach draußen zu schleichen. Gottseidank war keiner im Speisesaal und er eilte einige Gänge runter und nahm hier und da eine Biegung damit man ihn nicht so leicht folgen konnte. Als er dachte er würde sich verirren war er in einer der Gänge mit den vielen Gemälden die zu Rulliobhs Gemächern führten. Dort war er vorhin gewesen. Nun konnte er den Weg zu seinem Zimmer finden. Als er merkte, dass seine Schnürsenkel offen waren beugte er sich runter um sie zu schnüren. Er würde stolz darauf verharren, dass seine Trainingsschuhe besser geeignet waren als diese eigenartigen Stiefel.

Fußschritte erklangen aber blieb locker und ließ sich die Anspannung nicht anmerken. War Avely ihm gefolgt? Er wusste nicht wie gut der elfische Geruchssinn war, aber sicherlich gab es Zauber, die die Sinne verstärkten. Wenn er doch nur zaubern lernen könnte. Das einzige Magische was er konnte war sich auf übermenschliche Weise schnell und leicht zu bewegen. Erwyn hatte ihm das beigebracht und er hatte es schnell erlernt. Ob es daran lag, dass er eine ausgeprägte magische Begabung hatte oder der Trick an sich einfach war, wusste er nicht.

Es war tatsächlich die rothaarige Schönheit die er kommen hörte.  Er sah ihre Spiegelung im polierten Marmor der massiven Wand. Sie trug ihr Haar offen und es reichte ihr bis zur Hüfte. Ihr dunkelblaues Kleid war eng an ihren Körper geschmiegt und es passte zu ihren Haaren. Sie glänzten wie Fäden auf Kupfer. Er verkniff sich ein Lächeln und drehte sich nur halb-interessiert zu ihr um. Wären da nicht diese verdammten Stoppeln. Sie lächelte ihn nur an und ging an ihm vorbei. Er konnte die Brüste unter dem Stoff erkennen und er wandte den Blick ab.

In seinem Zimmer angekommen legte er sich sofort auf sein Lager. Er bemühte sich noch nicht einmal die Schuhe auszuziehen. Auf einmal schien die Erschöpfung der letzten Stunden ihn zu übermannen. Er fühlte sich erschlagen. Er wedelte mit seiner Hand vor dem Lampenschirm mit Feenlicht das auf dem Nachttisch stand und murmelte „Blau“. Sofort wurde das grelle gelbe Licht durch ein tiefes Blau ersetzt. Doch es war immer noch zu hell. „Dunkler“ grummelte er. Nun war das Zimmer fast stockdunkel und er konnte nur noch die Konturen seines Rucksacks und seiner Kleidertruhe im blauen Zwielicht sehen. So eine ähnliche Lampe hatte er auch zuhause gehabt, nur war sie im Gegensatz zum magischen Gegenstück weniger zuverlässig gewesen war. Diese hier hatte den einzigen Makel, dass man Farbe und Lichtstärker getrennt sagen musste. „Hellgelb“ schien das Ding nicht zu verstehen. Er schlug die Decke über sich zu und schloss die Augen.

Doch die Dunkelheit rief ihn nicht. Noch nicht. Die Gedanken kreisten wieder in seinem Kopf wie ein diabolisches Karoussell.

Sein Blut war verändert worden. Aber was sollte das heißen? Das Blut im Körper wurde regelmäßig erneuert und von den eigenen Systemen gereinigt. Die Sache mit dem Vampir musste ein Jahr her gewesen sein. Was hatte der Vampir ihm eingeflößt? Ein Krankheits-Erreger. Ein Virus. „Scheiße“ fluchte er leise in der Dunkelheit. Krank schien er nicht zu sein. Er fühlte sich nicht anders. Er musste das Rätsel um den geheimnisvollen Vampir lösen. Wann sollte derjenige zu ihm gekommen sein. Er hatte keinen klaren Kopf gehabt.  Ein Vampir… Er schüttelte den Kopf. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken.

Seine Gedanken schweiften weiter. Es gab hier Geheimnisse. Das sollte ihn nicht verwundern aber die Gruppe war ihm eigentlich immer als zusammenhaltende Gemeinschaft erschienen. Er überlegte Elgalion von dem Schattenschlüssel zu erzählen. Nur wusste er nicht ob das gute oder schlechte Konsequenzen haben würde. Sollte er Avely und Bellrios morgen noch einmal auflauern? Der Gedanke machte ihn nervös und doch spürte er den erregenden Nervenkitzel. Verdammt, er wollte einfach nur schlafen.

Er musste an etwas angenehmes Denken. Er stellte sich vor wie er die Gänge im Schloss erkundete. Wie ein Geist schwebte er unter den Lampenschirmen, über endlose Teppiche hinweg und an Skulpturen mit schreckensweiten Augen vorbei. Dann kam er an eine blaubemalte Holztür, die er noch nie gesehen hatte. Er öffnete sie und kam in eine Kammer. Sie war etwas großer als seine. Hatte auch ein Bett und eine Truhe, aber an der Wand stand ein Schreibtisch mit hohen Bücherstapeln bedeckt. Auf dem Bett schlief jemand. Langes kupferfarbenes Haar wallte über das Kissen.

Sie hatte ihm immer wieder diese Blicke zu geworfen. Wenn er jetzt weitermachte, wusste er nicht was geschehen würde. Er wollte nicht enttäuscht werden, sollte dieser Traum letztendlich nicht wahr werden.  Kurz blinkte er den Traum weg und war wieder im Zwielicht seines Zimmers. Er griff an seinen Hosenbund und öffnete ihn und fuhr mit der Hand hinein. Die leichte Berührung reichte um sein Blut in Wallung zu bringen. Die Berührung war erst sachte doch sein Griff wurde stärker und die Bewegungen schneller als er wieder in den Traum zurückkehrte. Er war in sekundenschnelle bei ihr im Bett und zog an dem Stoff ihres Kleides als er ihren mit Sommersprossen überzogenen Rücken küsste. Dann ihren Nacken, ihren weichen Hals und er spürte den heißen Puls unter der Haut. Die Visualisierung war lebensechter als erwartet. Er strich mit seiner Hand durch ihr rotes Haar und küsste ihr Ohr. Immer noch war ihr Gesicht von ihm abgewandt und zum Großteil von ihrem Haar bedeckt. Schlief sie? Was war das für eine Frage? Es war sein Traum. Das Pulsieren zwischen seinen Beinen stieg an als er sich vorstellte in sie einzudringen. Seine Berührung wurde schneller und es war nicht lange bis zum Höhepunkt. Aber sie rührte sich nicht. Kein lustvolles Aufstöhnen war von ihr zu hören. Er musste sie doch dazu bringen können, schließlich war sie nur ein Konstrukt seiner Fantasie. Aber das Stöhnen kam nicht. Er stieß im festen Rhythmus zu. Er bewegte sich in ihr und ihre feuchte Wärme mache ihn verrückt. Es erfüllte ihn ganz und gar. Er wollte sie. Wollte ihren Leib mit seinem verschlingen. Oder war sie es die ihn verschlang? Eigentlich ja. Er küsste sie erneut. Küsste ihren Hals energisch und wollte zubeißen. Da hörte er ihre Stimme. Es war ein Flüstern. "Dein Bart kratzt." Er rieb sich die Stoppeln am Kinn.

Wieder schlug er die Augen auf und war wieder in seinem Zimmer. Er keuchte auf und ließ los. Sein Glied erschlaffte aber die Wärme glühte noch nach. Es hatte sich so gut angefühlt wie immer. Aber er hatte das Gefühl, dass etwas fehlte. Er wollte erneut in den Traum eintauchen als er Schritte vor seiner Tür vernahm. Hatte er zu laut geatmet?

Die Tür knarrte aber sie öffnete sich nicht. Wieder ein Schritt. Noch einer. Dann Stille. Er setzte sich im Bett auf und band leise seine Hose wieder zu. Er wischte seine Hand an der Decke ab. Wer wollte ihn besuchen? Er wartete einige Herzschläge ab aber nichts tat sich.

„Was ist? Wer ist da?“ fragte er schließlich und versuchte mehr genervt zu klingen als nervös.

Die Tür öffnete sich endlich. Oder, eigentlich hatte er nicht gewollt, dass sie sich öffnete. Egal. Er schwang sich vom Bett und kam federnd auf seine noch mit Schuhen bekleideten Füße. Der dunkle Spalt wurde nur langsam größer. Er ballte die Fäuste. Was sollte die Scheiße?

„Ich beiße nicht.“ Er versuchte spöttisch zu klingen.

„Ich auch nicht. Hi hi hi.“ sagte eine weibliche Stimme. Er erkannte sie nicht. Vom seltsam resonierenden Klang her war es eine Elfe. Sollte das eine Art Streich sein? Seine Neuankömmlings-Phase war eigentlich vorbei. Plötzlich fiel die Tür mit einem lauten knall zu. Der Knall hallte im Gang draußen wieder. Das donnernde Geräusch fegte ihn fast von den Beinen.

Er ging auf die Tür zu, dann hielt er inne. Nein, so blöd würde er nicht sein. Stattdessen wand er sich zur Seite. Mit einem Ruck schob er die Kleidertruhe vor die Tür. Seine Bärenkräfte schienen wieder in ihm aufzuflackern. Das tägliche Training hatte seine guten Seiten, auch wenn er immer noch keine Gewinne erzielte und eigentlich regelmäßig verprügelt wurde. Der Schmerz brannte die Depressionen weg, redete er sich ein.

X


Sie liebten sich lange auf dem Labortisch. Während der rhythmischen Bewegungen krallte sie ihre Hände in das rosane Haar und zog an den Strähnen. Sie wiegten sich gegenseitig hoch bis beide warmen Leiber die sich aneinander rieben erschauderten und schlaff wurden. Sie musste sich Mühe geben die Balance zu halten und nicht von ihrer sitzenden Position auf dem Tisch herunterzufallen. Er stand zwischen ihren Schenkeln und seine Knie wabbelten.

„Wie war das?“ fragte er mit dunkler Stimme. Er hatte seine Lippen gegen ihr Ohr gepresst und sein zerzaustes Haar klebte ihr im Gesicht. Ein Schauer lief über ihren Nacken.

„Es war… es war…“

Es war unglaublich gewesen. Wie immer. Er biss ihren Nacken und wieder erschauderte sie. Sein heißer Atem war überall zu gleich auf ihrer Haut. Es war so lange her gewesen. Er küsste ihr Ohr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Sie sahen sich lange tief in die Augen. Als sie an sich hinabschaute sah sie die roten Bisspuren und Striemen, die langsam verblassten. Er liebte wie ein Raubtier. Einst war seine Liebe zu ihr nicht freiwillig gewesen.

Hunderte zarte Blütenblätter segelten aus unbekannten Höhen zu ihnen herab. Wie immer war die Decke des sonst ausreichend beleuchteten Raumes in Dunkelheit gekleidet. Es war fast wie eine Öffnung in seine mysteriöse Dimension. Er wirkte den Zauber schon seit einer Stunde und der warme Steinboden war fast vollkommen mit Blüten bedeckt. Diesen einfach erscheinenden Trick hatte sie nie erlernen können. Dinge einfach so aus dem nichts erscheinen zu lassen, egal wie klein sie waren. Es musste an seinem Blut liegen. Sie hatte es geschmeckt als sie ihn leicht in den Hals gebissen hatte, während einer der vielen Höhepunkte.

Es war die Belohnung für ihren heimlichen Auftrag.

"Wärestt du zu mir zurückgekehrt, hätte er dich akzeptiert? Dich anerkannt?"

Sie gab ihm keine Antwort. Etwas von dem Glanz des Momentes schwand.  Er redete von dem Mann, den sie einst geliebt hatte. Sie hatten sich in der Nacht in ihrem Heimatdorf geliebt. Jahrelang hatten sie sich Briefe geschrieben und sie hatte bei ihren Reisen immer dort Halt gemacht. Aber seine Liebe für sie war längst nicht so fest wie ihre. Er hatte eine andere.... eine schönere Elfe als sie. Sie wollte nicht an ihn denken. Es war vorbei. Sie schaute in die geschlitzten Pupillen des Dämons. Zu oft war ihr Herz in den Jahrhunderten gebrochen worden. Und immer wieder säuberte und vernähte Rulliobh die Wunden in ihrer Seele. Narben blieben immer. Aber wenn sie sich in seinen Augen verlor, wich der Schmerz.

"Ich habe dir gesagt, dass seine Seele dich betrügen wird."

Sie nickte einfach nur.

"Wirst du dich mir jetzt vollkommen unterwerfen?"

"Ja," sagte sie leise. Das hatte er jedes Mal gefragt, wenn sie enttäuscht worden war. Er stellte diese Frage immer halb im Scherz. Auch diesmal war seine Stimme ernst aber sie konnte den Schalk hören.

"Was hast du gesagt? Ich habe es nicht verstanden,“ sagte er mit rauchiger Stimme. Er hatte ein scharfes Gehör. Ein sehr scharfes.

"Ja." Diesmal lauter.

"Das hörte sich aber widerspenstig und rebellisch an. Sag es freundlicher. Zarter.“

"Ja," sagte sie und ließ es wie einen Singsang klingen

"Nochmal."

Nun fing sie an zu lachen. Er knuffte ihre Wange.

"Ja. Ja. Ja." Er lächelte sie an und sie betrachtete sie Reihe von spitzen Zähnen. Er hatte sie gebissen und sie liebte es auch wenn es schmerzte. Die Wunden waren bereits verheilt. Die Narben kitzelten.

"Du bist so schön wenn du lachst."

Sie errötete.

Er trug Erwyn zu dem großen Bett im Sitzraum. Es war viel gemütlicher als diese verdammten Tische auf denen experimentiert wurde. Er platzierte sie sachte auf der dunkelroten weichen Decke. Eine Weile stand er vor dem Bett und sah sie an. Eigentlich waren sie fertig. Was wollte er noch?

"Liebst du mich?"

"Ja." Es stimmte sogar, da war sie sich sicher.

"Wieso machst du immer dieses unglückliche Gesicht? Immer diese kalten Augen und die erstarrten Züge.“

Sollte sie ihm die Wahrheit sagen, sich ihm anvertrauen?

"Mein Großvater will nicht, dass ich hier bin," sagte sie knapp. Das entsprach der Wahrheit, auch wenn es nicht die Ganze war.

Er zog die Augenbrauchen hoch und setzte sich im Schneidersitz neben sie aufs Bett. Auf einmal wurden die Papierlampen dunkler und es herrschte Zwielicht. Die magischen Blütenblätter hörten auf von der dunklen Decke zu fallen aber sie war froh, dass die Exemplare auf dem Bett und auf dem Boden liegen blieben. Er nahm ihre Hand und massierte sie, dabei betrachtete er ihren Handrücken. Las er etwas in den blauen Adern unter der Haut. Ihr Schicksal?

"Wieso will er denn nicht, dass du hier bist?"

Sie atmete tief ein.

"Er nennt uns Mörder."

"Mörder. Mhm."

Mehr sagte er nicht und auch sie blieb still. Es gab auch eigentlich nichts zu sagen. Ihr Großvater hatte ja Recht. Sie erinnerte sich an jedes Leben, das sie genommen hatte und sie fühlte nichts dabei. Das einzige was ihr Herz berührt hatte, war die Enttäuschung Selenians. Sie hatte ihrer Familie Schande gebracht. Dabei hatte sie sie nie gekannt. Als sie ein Kleinkind gewesen war hatte ihre Mutter mit ihr das Dorf verlassen und ist mit ihr durch die Länder gezogen, bis sie sich in einer der Ebenen etwas weiter südlich niedergelassen hatten.

"Hast du das gefunden, für das ich dich ausgesandt habe?"

Sie nickte, froh über den Themawechsel. Endlich redeten sie über den Auftrag. Sie wollte vom Bett aufstehen als er sie mit einer Hand auf ihrem Bauch zurückhielt.

"Es hat Zeit. Ich will deine Gesellschaft. Sag mir einfach wo es ist."

"Ich habe es im Weinkeller versteckt, dort bei den Ältesten." Sie meinte die das Jahrtausende alten Gefäße, deren Nische so sehr von Schimmel überdeckte war, dass man sie nur finden konnte, wenn man wusste wo sie waren. Der Schimmel war wie eine Wand, die mit dem Rest des Gesteins dort unten verschmolz. Dort hatte sie es versteckt. Das Artefakt. Seit Jahren war keiner dort runtergegangen. Außer ihr.

XXX

Ein ultralanges Kapitel, aber diesmal sind meine kreativen Säfte um einiges geschmeidiger geflossen. Sowas muss man ausnutzen. Ich habe bereits eine Karte gezeichnet und Ich weiß ziemlich genau wie alles aussieht aber Ich muss sie noch mit all den Namen und Bezeichnungen „updaten“. Der ein oder andere Kontinent und das ein oder andere Volk habe Ich bereits benannt.
 
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