Vögel auf den Dächern

GeschichteMystery, Romanze / P12 Slash
Dr. John Watson James "Jim" Moriarty Mycroft Holmes Sherlock Holmes
04.11.2017
06.11.2017
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Vögel auf den Dächern


für accio-hope




I. Gespräch zur Teatime

„Wenn du es lange mit dem aushältst, wäre das ein Wunder!“ hatte Mike noch gemurmelt, als John ihm erzählt hatte, dass er nun wirklich mit Sherlock zusammen gezogen war. Zwar hatte er es mit einem neckischen Augenbraue-Hochziehen als Scherz gekennzeichnet, schließlich hatte er die Wohngemeinschaft ja vermittelt, doch John hatte vermutet, dass sein Gegenüber bestimmt schon längst Wetten abgeschlossen hatte, wie lange er es mit Sherlock Holmes aushalten würde.

Er hatte beschlossen, vorurteilsfrei an die Zweckgemeinschaft heranzugehen. Er war ja selbst kein einfacher Mitbewohner. Seine posttraumatische Störung ließ ihn ab und an in Flashbacks versunken kurzzeitig den Kontakt zur Realität verlieren und ins Leere starren, sein Bein machte seine Fortbewegung umständlich und für einen ständig hastig herumeilenden Sherlock oft nervig. In vielen Nächten war er schon aufgeschreckt, als Sherlock aus unerfindlichen Gründen mitten in der Nacht Türen knallen oder Dinge zu Boden fallen ließ. Ja, zu Anfang hatte es wirklich nach einer Mitbewohnsituation der problematischen Art ausgesehen. Zu Anfang?

Inzwischen teilte er schon einige Wochen das Zuhause mit Sherlock, und noch immer hatte sich die Situation nicht gebessert. Oder er hatte sich noch nicht an sie gewöhnt. Wie auch immer man es sehen wollte, und John wusste nicht genau, wie er es sah. Mal war er wütend auf sich selbst. Auf die verdammte Schreckhaftigkeit bei plötzlichen Geräuschen und Bewegungen, die ihn aus dem Krieg begleitet hatte. Die Verwirrung und das Gefühl des Überfordert-Seins, das auf Schreckmomente folgte. Laut seinen Ärzten war all das „normal“, aber was war an Krieg schon normal, was war überhaupt normal? Laut seinen Ärzten brauchte er Verständnis und Rücksicht, doch diese Worte waren für Sherlock Fremdworte, und John würde nicht mehr darum bitten, nein. Manchmal wollte er ausziehen, dann wieder verfluchte er sich selbst und seine Unfähigkeit, sich zusammenzureissen. Und dann schreckte er wieder des Nachts auf weil Sherlock anscheinend nie schlief, aber immer Geräusche machte. Dann verfluchte er den seltsamen Mitbewohner.

Es war ein seltener Nachmittag an dem sie sich gleichzeitig in der Küche aufhielten und Tee tranken. John saß da, seine Krücke neben sich an den Tisch gelehnt. Sherlock konnte nicht still sitzen und lehnte am Küchentisch, das ständige klirrende Geräusch, mit dem er fortlaufend in seiner Teetasse rührte, zerrte an Johns Nerven. Er fasste so etwas wie Mut, vielleicht sammelte er auch nur genug Genervtheit zusammen: „Als du mich vor nächtlichen Geigenklängen gewarnt hast, hast du ganz vergessen, dass du nie zu schlafen scheinst.“ Das klang eher ironisch gemeint als wirklich wütend und so verzog Sherlock auch nur den Mund zu einem schmalen Lächeln. „Ich schlafe nur, wenn nichts Spannenderes meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt“, entgegnete er, ohne auch nur zu versuchen, entschuldigend zu wirken. John nippte an seinem Tee, überlegte. Er wollte dem Mitbewohner nicht Gelegenheit geben, in seiner arroganten Stimmlage zu dozieren, aber ach, was sollte es schon. „Und was nimmt zur Zeit deine Aufmerksamkeit gefangen?“

Statt eine Antwort zu geben lief Sherlock zum Fenster und zeigte hinaus. „Was ist da?“ fragte John, mäßig interessiert, doch als Sherlock immer noch nichts sagte, wurde die Neugierde immer stärker, bis er schließlich auch, auf seine Krücke gestützt, zum Fenster humpelte. Was er sah war die gegenüberliegende Häuserreihe in der Baker Street. Sherlock bemerkte seine Ratlosigkeit und deutete noch ein Mal, vehementer, diesmal in Richtung Himmel, oder nein, in Richtung der Dächer. „Aha, Vögel.“ John konnte sich kaum zurückhalten, die Augen zu verdrehen. „Du betreibst also Vogelbeobachtung, sehr britisch.“

Sherlock hatte für Scherze und Spott nicht viel übrig - in einer Manier, die man schon zickig nennen konnte, wandte er sich wieder vom Fenster und von John ab. „Wenn dich die außergewöhnlichen Vorkommnisse hier in dieser Gegend so wenig interessieren und du sie gar als ‚typisch britisch‘ abstempelst, wo du doch einen Bilderbuch über Großbritannien entnommen sein könntest, dann werde ich mich ganz bestimmt nicht damit aufhalten, dir zu erklären, was mich daran so fesselt.“

Nur mit Mühe unterdrückte John ein Seufzen. Was für ein aufgeblasener, arroganter Mensch Sherlock doch war. Da konnte er noch so intelligent sein, daran bestand ja keinen Zweifel, aber mit einer derartigen Unhöflichkeit behandelt zu werden brauchte John sich nicht gefallen zu lassen. Allerdings … irgendwie interessierte es ihn doch, was Sherlock an den Vögeln so faszinierte. Dass sein neuer Mitbewohner ungemein talentiert darin war, in nur scheinbar alltäglichen Situationen die vielsagendsten Details herauszupicken, das hatte John rasch gemerkt, und ein bisschen weniger Alltag käme ihm sehr gelegen. „Also gut. Erklär‘ es mir: Was ist denn mit den Vögeln?“

Er musste gar nicht darum bitten, Sherlock hatte offensichtlich nur darauf gewartet, dass er Interesse zeigte. Wie aufgezogen hüpfte er aus seiner vorgespielten Lethargie und begann heftig gestikulierend auf John einzureden: „Schau doch mal genauer hin, und wenn du hingesehen hast, dann überlege dir – nein, schließ am besten sogar die Augen und erinnere dich daran, wie der Anblick, der sich dir aus diesem Fenster bietet, sonst so aussieht.“
Auch wenn er sich dabei etwas dämlich vorkam, tat John wie geheißen. Er schloss die Augen, überlegte kurz: „Gerade sind hier unglaublich viele Vögel, sehr, sehr viel mehr als sonst!“
Sherlock nickte und John durchfuhr, auch wenn seine Beobachtung ihm wohl nicht gerade den Nobelpreis einbringen würde, ein Gefühl von Stolz. „Ja, aber was bedeutet denn das?“ fragte er sogleich. „Ich meine, du wolltest nicht als Vogelbeobachter dastehen, doch hat das außer einer potentiellen ornithologischen noch irgendeine andere Bedeutung?“
„Ja.“ Sherlock machte eine dramatische Pause. „Eine okkulte.“
„Eine was?“ John konnte es nicht glauben, wollte das Wort nicht einmal wiederholen.
„Okkult. Okkult bedeutet so etwas wie ‚paranormal‘, ‚übersinnlich‘, im allgemeinen Sprachgebrauch wird es auch degradierend für ‚esoterisch‘ verwendet.“
Nur schwerlich konnte John seine Ungeduld unterdrücken. „Ja, was das Wort bedeutet weiß ich doch. Aber was haben die Vögel damit zu tun? Und vor allem, was hast du damit zu tun? Ich dachte, du währest wissenschaftlich interessiert und strikt rational.“
Sherlock zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Du machst es dir hier sehr einfach. Was deiner Einschätzung meiner Person und die der Welt an sich betrifft. Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden als eure Schulweisheit sich träumen lässt“, zitierte der Detektiv.
„Oh, ein Shakespeare-Kenner bist du auch noch“, murmelte John. „Jetzt sag‘ mir doch einfach, was es mit den Vögeln auf sich hat, okkult oder nicht!“
„Das werde ich. Aber ich kann dir schon mal versprechen, dass es dein Gehirn und deine Vorstellung der Realität auf die Probe stellen wird. Mach‘ lieber noch mal einen Tee!“
Und das tat John. Wenn sich schon sein Bild von der Welt von Grund auf ändern sollte, mit einer Tasse heißen Schwarztees in den Händen war das doch halb so schlimm.

So saßen sie sich die beiden Männer wieder am Küchentisch gegenüber, diesmal jedoch nicht in aufgeladenem Schweigen, sondern in ein Gespräch vertieft. Das heißt, Sherlock war in einen ausufernden Monolog übergegangen und John hing an seinen Lippen, ab und an einen Schluck Tee nehmend, und nicht einmal merkend, dass er sich die Zunge verbrannte. Denn was Sherlock erzählte, zog ihn so in seinen Bann, dass er den Mitbewohner plötzlich nicht mehr als einen arroganten Schnösel wahrnahm, der ihn wahlweise ignorierte oder rumkommandierte, sondern für einen exzentrischen Mann, der leidenschaftlich für etwas brannte. Und dieses Etwas war ein Sachverhalt, der über alle Vorstellungen hinausging, die sich John je über die Welt im Allgemeinen und London im Besonderen gemacht hatte.
Zunächst war John voller Bewunderung davon gefesselt, wie sachlich Sherlock sich gebärdete, während er die ganze abstruse Geschichte entfaltete. Doch gerade Sherlocks vollkommen ernsthafte – und ja, immer noch überhebliche – Aufrichtigkeit, war es, die jeden Zweifel an seiner Erzählung nahezu im Keim erstickte. Nahezu.

„Es begann alles mit den Vögeln. Sie sind mir zu Beginn des Monats zum ersten Mal aufgefallen. Selbstverständlich sind auch in einer Großstadt wie London Vögel unterwegs, doch zumindest im Stadtinneren sind das meistens Tauben. Und auch, wenn man gerade in den Parks auch auf Raben stößt, nicht in diesem Ausmaß, wie sie gerade uns gegenüber auf den Dächern lauern. Zunächst dachte ich noch, es beträfe vielleicht ganz London oder sogar die ganze Insel. Aber da ich weder in Zeitungen noch in den eher verschwörungstheoretisch angehauchten Ecken des Internets entsprechende Hinweise fand, genauso wenig, wie ich oder Leute, die ich damit beauftragte, Ausschau zu halten, an irgendeiner anderen Stelle dieser Stadt solche Mengen dieser Vögel entdeckten, erkannte ich, dass es wirklich etwas sein muss, das spezifisch mit der Baker Street zu tun hat.“
„Naja“, John zuckte mit den Schultern um gleichsam auch das unheimliche Gefühl, das ihn beschlichen hatte, abzuschütteln. „Vielleicht wohnt in der Gegend ein Vogelfreund, der sie auch füttert. Das wäre doch eine naheliegende Erklärung!“
Sherlock rollte mit den Augen, doch ausnahmsweise war John von seiner herablassenden Art nicht genervt, zu sehr fesselte ihn das seltsame Vogelphänomen. „Das habe ich natürlich auch zunächst vermutet, aber so ist es nicht. Die Vögel werden hier nicht gefüttert, nähern sich auch keinem spezifischen Gebäude. Sie sitzen einfach nur da und schauen unsere Seite der Baker Street an. Sie beginnen sich immer gegen drei Uhr nachmittags zu versammeln, dann werden es immer mehr. Gegen sechs ist die Dunkelheit zwar schon hereingebrochen, doch habe ich mit meinem Nachtsichtgerät grob einschätzen können, dass sich ihre Zahl bis dahin ungefähr verdoppelt hat. Um neun Uhr abends ist das Bild, das sich mir durch die Gläser bietet zwar viel zu gedrängt, noch viel erkennen zu können, doch würde ich darauf wetten, dass es sich um dreimal so viele Vögel handelt, wie sich am Nachmittag eingefunden haben. Dann beginnt sich die mysteriöse Versammlung wieder aufzulösen, gegen Mitternacht ist wieder alles wie gewohnt. Keine Vogelschwärme, nur ab und an eine vereinzelte Taube auf den Dächern.“

John stand auf und humpelte wieder auf das Fenster zu. Tatsächlich, die Anzahl der Vögel schien sich inzwischen beträchtlich erhöht zu haben; in der einbrechenden Dunkelheit wirkten die schwarzen Tiere bedrohlich. Wenn er sich anstrengte, konnte er auch über den Straßenlärm hinweg ihr Krächzen durch die Fenster dringen hören. Eine Unbestimmte Furcht stieg in ihm hoch und er umklammerte seine Krücke fester als er sich wieder zu Sherlock herumdrehte. „Und du sagst, das geht schon den ganzen Monat so?“
„Ja – wie passend für den Oktober. Es würde mich nicht wundern, wenn alles am 31. auf eine Ende oder einen Klimax irgendeiner Art zustrebt.“
„An Halloween, also?“
„An Samhain.“
Das seltsame alte Wort klang bedrohend und viel zu real in Sherlocks tiefer, rauer Stimme.

In dieser Nacht schlief John mal wieder schlecht – aber es war ein besseres ‚schlecht‘ als zuvor. Während ihn bisher immer Albträume an Afghanistan geplagt hatten und ihn jedes Geräusch, das von Sherlocks nächtlichen Aktivitäten herrührte, in hysterische Hyperventilation stürzte, schauten nun in seinem Traum unzählige starre Vogeläuglein auf ihn herab, und als er schweißgebadet und heftig atmend erwachte, nahm er Sherlocks Violinenspiel nicht als Störung, sondern als Trost wahr.

Sie hatten am Abend zuvor noch lange geredet. John hatte zwischen Unglauben und Furcht geschwankt. Einerseits hielt er Sherlock nicht für einen Phantasten, andererseits, die Dinge, von denen er sprach … Magie, die Beschwörung und Gefügig-Machung von Tieren, all dies waren Sachen, die er noch nie ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Er konnte aber nicht leugnen, dass die Belagerungssituation mit den Raben keineswegs normal war, und, wenn man die flatternde Masse genau betrachtete, nahmen sie nicht deutlich die Baker Street 221B ins Visier? Von der steigenden Nervosität, vor allem angesichts der Tatsache, dass Halloween, nein, Samhain, nun nur noch eine Woche entfernt war, hatte ihn nur Sherlocks Versicherung, er wüsste, wer ihnen helfen konnte, ein wenig erlösen können. Woher kam nur dieses plötzliche Vertrauen in den Mitbewohner?

Er schwang beide Beine aus dem Bett und atmete die kalte Morgenluft ein. Er schob sich hoch, um eine warme Dusche zu nehmen, und zum ersten Mal seit langem war er zu abgelenkt, beim Aufstehen als erstes nach seiner Krücke zu greifen.

Als John die Küche betrat registrierte er mit Verwunderung, dass Sherlock am Tisch auf ihn wartete. Augenscheinlich, wie der krümelige und mit Marmelade beschmierte Teller vor ihm verhieß, hatte er schon gefrühstückt, aber abgesehen davon hatte er gewartet.

Ohne ein „guten Morgen“ oder eine andere Begrüßung begann er gleich damit, zu reden. „Hör zu – wir müssen heute einiges erledigen. Aber wenn alles klar geht, werden wir uns diese Woche optimal auf das vorbereiten, was uns Samhain erwartet.“ In der Erwartung eines längeren Vortrags hatte John damit beginnen wollen, sich Tee aus der Kanne, die noch auf dem Herd stand, einzuschenken, doch ohne sich zu ihm umzuwenden unterbrach Sherlock ihn: „Den Tee hab‘ ich getrunken, bis du endlich aufgewacht bist, und Milch ist auch keine mehr da. Komm‘ jetzt, du kannst im Taxi frühstücken!“

Mehr Informationen hatte Sherlock ihm nicht gegeben und man hatte ihm die Ungeduld angemerkt, als John sich bei Speedy’s noch schnell ein Sandwich kaufte. Nun saßen die beiden im Taxi, John essend und Sherlock herumhibbelnd. John wusste immer noch nicht, wo es hinging, doch das ihm, wie er vor sich selbst widerwillig zugeben musste, irgendwie auch egal. Hauptsache, er hatte etwas zu tun, an diesem Samstagvormittag, den er sonst wohl in seinem Zimmer und in trübe Gedanken versunken verbracht hätte.

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Hallo accio-hope!

Wie du siehst, waren deine Vorgaben allzu inspirierend und haben mich total auf Abwege geführt. Ich hoffe, du kannst auch mit meiner "etwas" alternativen Version der ersten Folge etwas anfangen ... Ich hatte auf jeden Fall großen Spaß beim Schreiben! Und keine Sorge wegen dem Johnlock - das kommt noch! :D

Liebe Grüße
fortassis
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