Stitches

von Wildcat
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P18
02.11.2017
02.11.2017
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Hallo, ihr Lieben,

wie schön, dass ihr diesen kleinen One-Shot gefunden habt.

Die Grundidee der Story  ist an sich nicht neu, solche und ähnliche Storylines findet man hin und wieder im Netz. Ich lese sie immer gern, deshalb wollte ich es mir nicht nehmen lassen, auch einen Beitrag dazu zu leisten.
Bei einer dieser Geschichten einer englischen Seite lautete die Zusammenfassung in etwa: „Just a lame excuse to see Dean half naked and blood-covered.“ Das könne auch auf meine Geschichte zutreffen. ;-)

An dieser Stelle muss ich noch ein großes Dankeschön an die liebe Phoenix loswerden, die diesen One-Shot vorab gelesen hat, um mich auf einige unglückliche Formulierungen und Tippfehler hinzuweisen. Ich weiß deine Mühe wirklich zu schätzen, denn deine Tipps sind großartig. :-* Fühl dich umarmt!

Nun wünsche ich allen Lesern viel Spaß und ich hoffe sehr auf eure Rückmeldungen. Gute wie schlechte sind mir willkommen, ich will mich ja verbessern. :-)

Viele liebe Grüße,
eure Wildcat


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Disclaimer: Die Story ist mein geistiges Eigentum und freie Erfindung. Die Grundstory und die angegebenen Charaktere sind das Eigentum von Eric Kripke und The CW und urheberrechtlich geschützt. Ich verdiene kein Geld mit der Veröffentlichung, sie ist nur zur Unterhaltung geschrieben.

Spoiler: keine

Warnings: plastische Darstellung von Verletzungen und deren Notfall-Versorgung.

**********

Stitches



Sams Haare klebten nass am Kopf, so viel Blut strömte aus der Platzwunde. Seine Jacke war bereits vollgesogen und es tropfte immer noch mehr auf den Stoff.

Kopfverletzungen wirkten meist dramatisch, selbst die harmlosen bluteten heftig. Aber diese hier verursachte ein schlechtes Gefühl in Deans Eingeweiden. Es lag nicht an der Menge des verlorenen Blutes, sondern vielmehr an Sams Zustand. Binnen kurzer Zeit nahmen seine Lippen eine graue Farbe an, seine Augenlider sanken halb herunter und gen Ende des Weges ließ er sich mehr tragen, statt selbst zu laufen. Unterdessen gab er hin und wieder unwillkürliche Schmerzenslaute von sich. Das war mit Abstand das Besorgniserregendste daran.

Als Dean die Autotür öffnete, konnte er seinen kleinen Bruder kaum noch halten. Nur mit Mühe schaffte er es, ihn auf den Rücksitz zu bugsieren.

Sam blinzelte. Offenbar wurde ihm bewusst, wo er sich gerade befand.

„Wir haben es geschafft, Sammy.“ Dean redete, weil er die Stille nicht ertragen konnte. „Die Werwölfe sind tot, alle drei. Du warst gut, Mann, du warst wirklich gut.“

Sam stöhnte. „Bis ich den mit der Baseballkeule übersehen habe.“

„Passiert den Besten mal“, überspielte Dean seine Nervosität. „Aber, hey, dafür hat er eine Menge Silber gefressen!“ Er versuchte ein aufmunterndes Lachen. „Ich seh‘ mir deinen Kopf an, wenn nötig fahren wir zu einem Arzt, das wird schon wieder.“

„Dean, die Sitze…“

Als hätte Dean in solch einem Moment auch nur einen Gedanken an die dämlichen Ledersitze verschwendet! „Ja“, meinte er abwesend, während er nach dem Erste-Hilfe-Koffer griff, „die wirst du nachher brav sauberschrubben.“

Sam schmunzelte kurz. Es sah seltsam aus mit diesen blassen Lippen. Irgendwie in jeder Hinsicht falsch.

Dean sortierte zusammen, was er brauchen konnte: Reichlich steril verpackten Mull,  Desinfektionsmittel und Kompressen. Als alles bereit lag, wusch er sich mit dem alkoholhaltigen Zeug die Hände. Nicht perfekt, aber besser als nichts. Danach besprühte er ein frisch geöffnetes Verbandspäckchen mit der Flüssigkeit.

Das Wichtigste zuerst; unter dem vielen Blut musste er die Wunde finden, um deren Tiefe und Ausdehnung zu beurteilen. Schon als Dean die Haare vorsichtig zur Seite nahm, verzog Sam schmerzhaft das Gesicht.

Deans Hände begannen zu zittern; stärker als sie sollten. Irgendetwas war absolut nicht in Ordnung, das spürte er.

Er fand den Riss in Sams Kopfhaut schnell, der auf einer handtellergroßen, länglichen Erhebung etwa einen inch über seinem Ohr prangte. Die Haut klaffte fast fingerdick und ebenso lang auseinander. Der Knochen darunter war nicht zu sehen, das war die gute Nachricht. Eine direkte Schädelverletzung konnte er glücklicherweise ausschließen. Der Schwellung nach zu urteilen, schien eine Gehirnerschütterung recht wahrscheinlich, aber darum würde er sich später kümmern. Zuerst musste er die Blutung stoppen.

Dean drückte das getränkte Mullpäckchen in die Wunde. Sam stöhnte auf.

„Das wäre die Gelegenheit, dir einen anständigen Haarschnitt zu verpassen“, scherzte Dean, obwohl ihm nicht im Mindesten nach Witzen zumute war. Auch er hatte hart gekämpft und seine Muskeln zitterten vor Erschöpfung. Außerdem lief ihm von der Anstrengung der Schweiß am Rücken und den Seiten hinab, was ein unangenehm juckendes Gefühl auf der Haut verursachte.

Dean fühlte unterschwellige Nervosität in sich aufsteigen. Herzklopfen, Muskelzucken. Er konnte die Hände kaum ruhig halten. Etwas stimmte nicht, dessen war er sicher.

Langsam hob er die Kompresse aus der Wunde. Er entdeckte nichts, was seine bange Sorge erklären würde. Eine Platzwunde, wie er sie schon oft behandelt hatte. Schmerzhaft, blutig, aber mit der richtigen Versorgung relativ ungefährlich.

„Sammy, bist du noch bei mir?“

Sam schnaufte. „Ja, bin ich“, versicherte er, klang jedoch schwach.

„Das sieht schlimmer aus, als es ist. Nur eine Platzwunde, nichts weiter. In ein paar Tagen ist das vergessen.“ Dean meinte genau, was er sagte, doch warum zitterten seine Hände so sehr? Noch immer lief ihm der Schweiß den Rücken hinab, das Hemd fühlte sich kalt und klebrig an.

„Es wird jetzt wehtun“, erklärte Dean. Er versuchte, selbstbewusst zu klingen, schließlich hatte er bereits dutzende Male Platzwunden versorgt; schon seit er zwölf war. Aber aus irgendeinem Grund wurden ihm heute die Knie weich und ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. „Ich schiebe die Wunde mit den Händen so weit es geht zusammen und hefte sie mit ein paar Klammerpflastern. Wird ungemütlich in deinen Haaren, aber eine Naht könnte sich infizieren.“

Sam schwieg.

„Sammy?“ Dean rüttelte ihn. Nichts.

Er hielt kurz inne. Ziemlich sicher eine Gehirnerschütterung. Scheiße! Er musste Sam ruhig halten. Dabei möglichst aufrecht lagern. Und die Blutung stoppen.

Ganz schön viel auf einmal. Das flaue Gefühl in seinem Magen setzte sich hartnäckig fest.

Dean arbeitete so schnell es ging. Fieberhaft platzierte er die Klammerpflaster bestmöglich in dem viel zu dichten Haarschopf. Es blutete weniger, doch es hörte nicht auf. Also legte er noch einen Druckverband darüber. Schwierig am Kopf, aber machbar!

Der Schweiß hatte inzwischen Deans Hosenbund durchtränkt. Komisch, so warm war ihm gar nicht. Auf die Jacke konnte er dennoch verzichten. Schnell schlüpfte er heraus und schob sie Sam unter den Kopf. Mit einer Decke stabilisierte er ihn seitlich auf dem Sitz und hoffte inständig, die Fahrt zum Motel würde glimpflich ablaufen.

**********


Als er den Wagen auf den Motelparkplatz lenkte, verschwamm Deans Sichtfeld für einen Augenblick. Ein paar Blessuren des Kampfes meldeten sich inzwischen deutlich. Mit Sicherheit eine gebrochene Rippe mittig links. Zumindest sprachen der immense Druck an der Seite und seine Schwierigkeiten beim Atmen dafür. Er sah ab und an Doppelbilder, aber nicht seitlich, sondern von oben nach unten verschoben. Er schwitzte noch immer. Vermutlich ein leichter Schockzustand.

Ohne Rücksicht auf Parkstreifen oder Privatparkplätze zu nehmen, hielt Dean den Impala direkt vor ihrem Zimmer. Hastig sprang er aus dem Wagen und riss die hintere Tür regelrecht auf.

Es stellte sich als schwierig heraus, Sam aus dem Fond zu hieven. Wie ein nasser Sack mit viel zu langen Gliedmaßen hing er auf den rutschigen Ledersitzen. Dean konnte ihn zwar in eine sitzende Position ziehen, doch war das nicht gerade schonend für den Kopf. Für die Gehirnerschütterung bestimmt alles andere als förderlich.

Sam grummelte ein paar Schmerzenslaute.

„Sammy?“

Eine unverständliche Antwort. Halb geöffnete Augen.

„Komm schon, Mann, ein paar Schritte noch, dann kannst du dich ausruhen.“

Dean hakte sich selbst unter die Schulter seines Bruders, um ihn anzuheben. Einem unguten Gefühl zufolge stopfte er noch die recht geplünderte Erste-Hilfe-Tasche aus dem Fußraum in die Jacke.

Irgendwie schaffte er es, Sam aus dem Wagen herauszufalten und die paar Schritte zum Motelzimmer zu zerren. Die verletzte Rippe pochte mittlerweile wie wild. Er konnte nur noch flach atmen, was bald das beängstigende Gefühl auslöste, ersticken zu müssen. Seine Atemzüge gingen in rascher Folge, dadurch verstärkte sich die Beklemmung zusätzlich.

Der Schweiß lief ihm inzwischen in Sturzbächen die Seite entlang und er spürte eine bedrohliche Schwäche in sich aufsteigen.

Jetzt nicht, ermahnte er sich, du darfst nicht schlappmachen. Er braucht dich!

Die Schlüssel aus der Jackentasche zu fummeln, erforderte fast genauso viel Konzentration, wie das Schlüsselloch zu finden. Ungelenk stocherte er mehrmals in der Ummantelung herum. Seine Sicht um die beiden Metallstücke verschwamm ein paar Mal, was ihn zu häufigem Blinzeln zwang. Gleichzeitig musste er noch Sam festhalten, der sich stöhnend mit immer mehr Gewicht auf Dean lehnte.

Komm schon, knurrte Dean den Schlüssel in Gedanken an. Seine Muskeln bebten vor Anspannung. Blödes Mistding, komm schon!

Der Schlüssel rastete ein. Endlich! Hastig drehte Dean ihn herum und stürzte mit Sam durch die offene Tür. Er stolperte ungelenk zum Bett, auf dem er Sam sofort ablegte. Keine Sekunde zu früh. Sein kleiner Bruder hatte gerade wieder das Bewusstsein verloren. Das sah nicht gut aus. Hätte er doch lieber ein Krankenhaus aufsuchen sollen?

**********


Mit weichen Knien stand Dean auf, um abzuschließen. Auf dem Weg zur Tür entdeckte er blutige Fußspuren. Nicht nur ein bisschen blutig, sondern satt rot, als wäre jemand zu üppig mit Stempelfarbe umgegangen.

Seltsam, das war doch sein Stiefelprofil?

Nachdenklich schloss Dean die Tür ab. War Sams Wunde unter den Klammerpflastern doch aufgebrochen? Mit einem kurzen Blick prüfte er den Druckverband. Von außen sah er nicht vollgesogen aus.

Merkwürdig.

Um sicherzugehen, löste Dean die Bandage. Sie war nahezu trocken, alle Pflaster hielten an ihrem Platz. Zufrieden betrachtete er die leicht angeschorfte Wunde, deren Ränder sich ausreichend berührten. Er hatte gute Arbeit geleistet.

Warum dann das Blut?

Einer vagen Ahnung folgend sah Dean an sich herab.

Scheiße!
Mit einem Blick hatte er eine Erklärung für so ziemlich alles; für das miese Gefühl, den blockierten Atem, die Schwäche und die Doppelbilder... Es war sein Blut. Hemd und Hosenbund waren durchtränkt und es lief nun in seinen Schuh, aus dem es bei jedem Schritt wieder herausquoll.

Das war nicht gut, ganz und gar nicht.

„Sammy?“, sprach er den Bewusstlosen an. „Du musst dir hier mal etwas ansehen.“

Sam blieb reglos, auch als Dean ihn leicht an der Schulter schüttelte.

Mist!

Dean hob vorsichtig das zerrissene Hemd an. Die Wunde lag seitlich, auf der 5., 6. und 7. Rippe, sofern er das beurteilen konnte. Ein asymmetrisches Dreieck war aus seiner Haut gefetzt, das an der kurzen Seite wie ein halbtotes Stück Leder herabhing. Darunter schimmerte es gelblich. Ob es sich um Bindegewebe oder Knochen handelte, vermochte er nicht zu sagen, denn die Wunde schwamm in Blut.

Jetzt, da er von der Verletzung wusste, erwischte ihn auch der Schmerz in seinem gesamten Ausmaß. Und mit ihm die Schwäche. Alle Kraft wich aus seinen Muskeln. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Wie in Zeitlupe sank er auf die Knie, ohne das Geringste dagegen unternehmen zu können. Er stützte sich am Bett ab, um nicht auf dem Boden aufzuschlagen. Das Atmen wurde immer schwieriger, bei dem heftigen Reißen in seiner Seite.

„Sammy?“, versuchte er es noch einmal, erschrocken darüber, wie deutlich seine Stimme in der kurzen Zeit gebrochen war. „Sammy, du musst wach werden, ich schaff‘ das nicht allein.“

Sam blieb still. Flache, gleichmäßige Atmung, geschlossene Augen, regloser Körper.

Shit. Shit, shit, shitshitshit.

Dean spürte, wie ihm die Zeit davonlief. Er wurde immer schwächer und fing an zu frieren. Eine Bewusstlosigkeit konnte er sich nicht leisten.

Fahrig tastete er nach der Erste-Hilfe-Tasche und schleppte sich halb stehend, halb kriechend in das angrenzende Bad.

Dort fand er zwei Handtücher, beide relativ sauber. Er stopfte sie ins Waschbecken und ließ lauwarmes Wasser darüber laufen. Währenddessen zog er Hemd und Shirt aus.

Vorsichtig setzte er sich. Der Boden fühlte sich kalt an, ebenso die schäbig geflieste Wand in seinem Rücken. Es roch nach Schimmel und ungereinigten Abflüssen.

Das hier war definitiv eine der lausigsten Kulissen zum Abtreten. Er würde in diesem schmuddeligen Raum einen mehr als erbärmlichen Anblick bieten. Allein deshalb musste er es schaffen.

So stabil wie möglich klemmte er seinen Rücken in die Ecke zwischen Toilette und Waschbecken. Wenn er schwach wurde, konnte er wenigstens nur zusammensinken, nicht umfallen.

Er griff sein Hemd und wischte grob das Blut von der unversehrten Haut. Selbst das war schon unangenehm. Dann angelte er die nassen Handtücher aus dem Waschbecken.

Mit dem ersten rieb er sich die Hände ab, das zweite verwendete er zum Vorreinigen des Wundbereichs. Dabei erkannte er, wie ausgefranst die Wundränder waren. Das machte das Nähen deutlich schwieriger. Großartig!

Er versuchte, den zerfledderten Hautlappen zu säubern, doch er verteilte das angetrocknete Blut eher, als es zu entfernen. Er brach die nutzlose Prozedur ab, weil der Schmerz bald zu überwältigend wurde. Es musste genügen.

So weit, so gut. Desinfektion. Sorgsam rieb er sich die Hände ein und breitete dann ein steriles Tuch vor sich aus. Mit zitternden Fingern packte er die Nadel aus, die er mit Zahnseide bestückte und darauf platzierte.

Es folgte das Schlimmste. Er schluckte, hielt dann eisern den Zerstäuber an die Verletzung. Noch einmal durchatmen, dann sprühte er die Wundränder in Erwartung eines heftigen Schmerzes großzügig ein. Sofort spürte er das Zusammenziehen der Gefäße. Es brannte wie Feuer! Ein Beben fuhr durch seine Muskeln. Sein Kiefer krampfte so stark zusammen, dass die Zähne knirschten. Um ihn herum zog ein pulsierender, schwarzer Nebel auf.

Mühsam versuchte er, an etwas anderes zu denken. Er hatte einmal von diesem Trick mit dem Wohlfühl-Ort gelesen. Angeblich sollte es helfen, seinen Geist an einen Ort zu transferieren, an dem man sich geborgen fühlte. An dem einem das Atmen leichter fiel. So schirmte man sich vor den Schmerzen ab und ertrug sie besser.

Dämliche Idee!

Es funktionierte nicht. Solche Psycho-Tricks musste sich jemand ausgedacht haben, der noch nie echte Schmerzen gehabt hatte. Es tat trotzdem scheiße weh!

Das Brennen ließ irgendwann nach. Noch ein paarmal durchatmen, dann konnte er weitermachen. Er breitete alles an Verbandsmaterial aus, was er noch hatte. Mull in rauen Mengen und Kompressen in verschiedenen Größen. Sollte ausreichen. Ein Mullverband quetschte er sich vorsichtshalber gleich zwischen die Zähne.

Dean nahm die Nadel in die Hand und betrachtete die Wunde. Gerade letztens hatte er in einem Survival-Forum gelesen, dass es keine Verletzungen gäbe, die das eigenhändige Nähen von Wunden notwendig machte. Der Idiot, der den Text verfasst hatte, hatte wohl noch nie den Anblick gehabt, der sich Dean in diesem Moment bot.

Natürlich musste er nähen, anders war die Blutung nicht zu stoppen. Ein Druckverband schloss sich bei einer flächigen Wunde aus und Abbinden war bei einer Torsoverletzung unmöglich. Eine Z-Naht blieb die einzige Alternative, um die tiefliegenden Gefäße zuverlässig zu verschließen. Das bedeutete, einen tiefen Stich durch beide Wundseiten ausführen, den Faden über die Wundöffnung zurücklegen, von der gleichen Seite noch einmal durch alle Gewebelagen stechen und beide Enden einzeln verknoten.

Schon der Gedanke schien unmöglich!

Um genau solche Aktionen zu vermeiden, hatten sie sich vor einiger Zeit ein paar moderne Einmal-Klammergeräte besorgt. Praktisch. Steril, schnell, sicher und relativ schmerzlos, aber absolut ungeeignet für die Selbstversorgung. Dieses Instrument forderte einen großzügigen Arbeitsbereich, zwei freie Hände und eine gute Sicht auf die Wunde.

All das hatte Dean nicht. Ihm blieb nur Nadel und Zahnseide. Haltbar, schmerzhaft und ausschließlich für draufgängerische Idioten.

Dean schmunzelte bitter über den Gedanken. Eigentlich genau sein Ding! Wie John Rambo. Außer, dass er mit Sicherheit nicht so cool dabei aussehen konnte. Er würde zittern, sabbern, vielleicht sogar kotzen vor Schmerz. Alles andere als ein sehenswerter Anblick.

Der erste Stich war der schwierigste, damit musste er den Hautlappen repositionieren und fixieren. Vorsichtig schob er die linke Hand unter die abgetrennte Haut, um sie langsam auf die Wunde zurückzulegen.

Sein Körper schickte Schmerzenswellen durch die Seite. Heftige Schmerzenswellen. Alles in ihm schrie, er solle doch die Verletzung in Ruhe lassen. Die Muskeln in seinem Rücken vibrierten. Sein Atem zischte immer schneller an dem Stück Stoff in seinem Mund vorbei.

Dean stach die Nadel zuerst durch den Hautlappen, was sich schon echt mies anfühlte. Doch viel schlimmer war es, die scharfkantige Spitze so tief wie möglich durch die intakte Haut oberhalb der Wunde zu jagen. Das tat derart weh, dass er für einen Moment die Augen schloss. Es kostete elende Überwindung, weiterzumachen. Ohne hinzusehen, griff er die scharfe Nadelspitze und zerrte sie aus der Einstichstelle heraus.

Faden anziehen.

Der erste Knoten. Er legte die Zahnseide fehlerfrei um seine zitternden Hände, beachtete dabei sowohl Nadel als auch Fadenende. Dann bewegte er die Finger routiniert in der geübten Reihenfolge, bis die Schlaufen richtig lagen. Er ließ alles von den Händen gleiten und zog am überstehenden Faden. Die Schlingen wanderten in Richtung Wunde.

Ein heftiges Beben durchlief seinen Körper. Pulsierender, schwarzer Nebel hüllte ihn ein. Eine unsichtbare Macht schien den Raum um ihn herum zu drehen. Er stemmte die Füße fest in den Boden.

Atme!

Er sah Lichtblitze, hörte ein anschwellendes Rauschen, ähnlich einer Brandung bei Sturm. Der Untergrund fühlte sich an wie Watte. Er bot keinen Halt mehr.

Atme, verdammt!

Ein zentnerschweres Gewicht quetschte ihn von allen Seiten. Er konnte kaum Luft in seine Lungen bekommen.

Konzentrier dich! Atme endlich!
Er sank durch den weichen Boden wie durch zähen Schlamm. Hilflos hob er beide Hände. Krallte sich an etwas Kaltem fest. Keuchte zwei mühsame Atemzüge, bevor er die Augen öffnen konnte. Er gab dem Druck in seinen Eingeweiden nach und spie irgendetwas Bitteres zusammen mit dem Mullpäckchen aus. Dann wurde es besser. Er konnte wieder atmen. Der Nebel verzog sich und mit ihm das Rauschen.

Dean löste die Hände vom Waschbecken. Er blinzelte ein paarmal, um sich zu orientieren. Erleichtert stieß er den Atem aus. Geschafft; er war noch bei Bewusstsein.

Er blickte an sich herab. Der Hautlappen hielt. Der Knoten war festgezogen. Die Nadel baumelte unterhalb der Wunde. Alles noch einmal gut gegangen.

Entschlossen nahm das Werkzeug erneut in die Hand. Einstechen von der gleichen Seite durch beide Hautschichten. Schmerzhaft viel Gewebe mitfassen. Faden festziehen. Die Schlaufen um die Hände legen, Finger bewegen, Schlingen strammziehen.

Dean begutachtete den fertigen Stich. Es gab zwei knubbelige Knoten an den Einstichstellen, die Zahnseide lag in Form eines „Z“ über der ausgefransten Hautöffnung. Das Gebilde war etwas ungleichmäßig; die Hautschichten überlappten und die Knoten saßen unsymmetrisch. Eine dürftige Arbeit, aber angesichts der Umstände ausreichend.

Faden abschneiden.

Dean lehnte den Kopf schweratmend gegen die Wand. Er ließ beide Hände auf den Schoß sinken. Wenn es nach ihm gegangen wäre, reichte das.

Die Wunde blutete noch. Dean schluckte. Ein neues Mullpäckchen wanderte zwischen seine Zähne. Was blieb ihm übrig?

Er stach die Nadel tief ein. Der Stoff zwischen den Zähnen hielt seinem Biss kaum stand. Er ließ Fäden und weichte völlig durch. Schlaufen legen, Schlingen festziehen. Sein Rücken rumorte aufgrund der verkrampften Haltung und des ständigen Zitterns. Wieder einstechen, zweiter Knoten. Abschneiden.

Der Tremor seiner Hände reichte inzwischen bis zu den Ellenbogen hinauf und war kaum noch willentlich unter Kontrolle zu halten. Er brauchte eine Pause. Himmel, er brauchte ein Ende!

Einstechen, Schlaufen legen, Festziehen.

Sein Sichtfeld verschwamm. Es blieb auch unscharf, egal wie sehr er blinzelte. Er zog die Knoten einfach irgendwie fest.

Einstechen, Schlaufen legen, Festziehen. Einstechen, zweiter Knoten und abschneiden. Immer wieder und wieder.

Der vierte Stich, der achte Knoten. Dann floss endlich – endlich! – weniger Blut.

Dean lehnte den Kopf nach hinten, spuckte das übel schmeckende Mullpäckchen aus. Er ließ für einen Moment das Zittern seiner Hände zu und ruhte den verdrehten Nacken aus. Wie lange noch? Er konnte nicht mehr.

Die Wunde blutete noch. Bitte nicht!

Einstechen, Schlaufen legen, Festziehen…  

Fünf!

Es waren noch fünf weitere Stiche. Er erinnerte sich nicht mehr, wie er es gemacht hatte. Die letzten Minuten versanken in einem undeutlichen Wabern. Doch die Wunde war geschlossen und hatte fast aufgehört zu bluten.

Er war fertig. In absolut jeder Hinsicht.

Er hatte geschluchzt, gesabbert und zweimal gekotzt und war dankbar, dass niemand das mit angesehen hatte. Er war nicht so cool wie John Rambo.

Aber er war fertig.

Mühsam zog Dean die Beine unter den Körper und stemmte sich mithilfe der Wand im Rücken hoch. Ein kurzes Schwindelgefühl, das jedoch schnell wieder verging.

Aus dem Wasserhahn trank er noch so viel er konnte, um wenigstens ein wenig Blutvolumen auszugleichen. Dann hangelte er sich aus dem Badezimmer heraus und fiel matt aufs Bett.

Bald dämmerte er in eine Art Halbschlaf, in dem die Zeit bedeutungslos wurde und seine Gedanken wirr hin und her schwammen. Die Wunde pochte dumpf, mit jeder Minute dumpfer, bis er es fast ausblenden konnte. Gut!

Irgendwann hörte er Sam neben sich ruckartig einatmen.

„Dean?“, rief er in die Dunkelheit. In dessen Stimme schwang ein Tonfall mit, den der Ältere nur zu gut kannte. Als Sam 12 oder 13 war, hörte er sich nachts oft so an. In etwa zu dieser Zeit wusste er schon genau, was ihr Dad da draußen jagte, und es machte ihm Angst. Nicht nur die Monster. Seine größte Angst war es, eines Tages allein im Dunkeln aufzuwachen.

Super timing, Sammy, dachte Dean. Jetzt bin ich fertig. „Ich bin hier“, antwortete er so ruhig es ging. Das hatte ihn damals immer getröstet.

„Geht es dir gut?“

Dean hatte nicht die geringste Lust etwas zu erklären. Er wollte nur noch ausruhen. Mehrere Tage; Wochen am besten. „Schlaf jetzt, Sammy. Es geht mir gut.“

Sam antwortete nicht. Bald atmete er tief und ruhig. Er würde sich morgen nicht einmal mehr daran erinnern, aufgewacht zu sein.


Ende


**********




Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Absätze bilden hier „Sam“. Im Nachhinein fand ich, „Dean“ wäre sinnvoller gewesen, aber ich wusste nicht so recht, an welcher Stelle ich den vierten Absatz hätte einfügen sollen, deshalb habe ich es bei „Sam“ belassen.

Viele liebe Grüße,
eure Wildcat

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