Freude, Neid und Ungerechtigkeit

DrabbleRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
02.11.2017
02.11.2017
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Drabble-Turnier 2017/1018
Runde 1, Gruppe C

Drabble-Art: Ein Quadrabble (400 Wörter)
Prompt: Ein Charakter lebt in einer scheinbar normalen Welt, kann jedoch etwas, das andere tun können, nicht tun.
Stylistische Vorgabe: Zwei Alliterationen sollen eingebaut werden
Zusätzliche Aufgabe: Das Zitat: "Weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!" von Erich Kästner soll eingearbeitet werden

Anmerkung: Die "normale Welt" aus meinem Drabble ist glücklicherweise seit dem 1. Oktober außer Kraft gesetzt.



Freude, Neid und Ungerechtigkeit



Ich versuche ja, mich für meine Freunde zu freuen. Ich versuche es so sehr, dass ich mir schmerzhaft auf die Lippen beiße und mir Tränen in die Augen treten. Natürlich siehst du das – du setzt dich neben mich, legst deine Hand auf meine, die wie verkrampft die Computermaus umklammert. „Macht schon wieder jemand den großen Schritt?“, fragst du und lehnst deinen Kopf an meine Schulter um mit mir auf das Blau-Weiß der Facebook-Timeline zu starren. Ankündigungen dieser Art überfluten in letzter Zeit gefühlt täglich meinen Feed – „Ihr kommt eben langsam in das Alter“, um es mit den Worten meiner Mutter zu sagen. Das Foto, das heute auf meiner Startseite erschienen ist, zeigt eine ehemalige Schulfreundin, mit der ich jetzt immer noch Kontakt pflege. Entrückt strahlend hält sie einen schmalen Ring, den ein kleiner Diamant ziert, in die Kamera. Die Freude steht ihr gut; vor Glück sieht sie umso hübscher aus. Ich freue mich für sie, ich freue mich für sie, ich freue mich für sie … Wenn ich es nur oft genug wiederhole, wird es umso wahrer, rede ich mir ein. Eine Lüge ist es ja nicht, ich freue mich! Ich wünschte nur, dass auch ich ein vielsagendes Foto des Ringes, den du mir schon vor Jahren geschenkt hast, hochladen könnte, und dieselben Reaktionen erhalten würde, die unter ihrem Bild gepostet werden. Doch ein Facebookfoto auf dem ich mit dem glänzenden Stein um die Wette strahle würde nur zu verwirrten Fragen, vielleicht fiesen Witzen, führen.
Es wissen doch alle, dass wir das nicht dürfen: dass ich deinen Ring zwar tragen kann, doch niemals in den Augen des Gesetzes – und denen der meisten Moralapostel – als deine Frau gelten werde.
Deine Hand streichelt meine und du siehst mich nicht an, eher durch mich hindurch. Ich kenne diesen Blick, dieses vollkommene in dir Gefangensein, wenn du dir eine Idee durch den Kopf gehen lässt. Ich liebe diese Angewohnheit, so wie ich dich liebe. Du siehst mir jetzt in die Augen, mit so viel Zuneigung und Zärtlichkeit, dass es mir gänzlich egal ist, ob jemals ein Pfarrer für uns die Worte „Sie dürfen die Braut jetzt küssen“ aussprechen wird. „Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!“, zitierst du einen unserer Lieblingsdichter und wischst mir die Tränen weg. „Scheiß‘ auf ‚eingetragene Lebenspartnerschaft‘! Wir feiern eine Hochzeit! Mit Torte und Brautkleidern und Spaß! Die homophoben Hohlbirnen hier in der Regierung können mich mal, du wirst meine Ehefrau!“
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