Die Söhne Nebelheims

KurzgeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
02.11.2017
12.11.2017
3
5017
1
Alle
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Ich habe diese Kurzgeschichte im Rahmen des Wettbewerbs/Gewinnspiels zu Nintendo Fire Emblem Warriors verfasst. Ohne weiter Worte zu verschwenden, erlaubt mir, nun das erste Drittel meines bescheidenen Beitrags zu präsentieren:


„Ich fasse es immer noch nicht! Seit Wochen freue ich mich darauf, dass Godan uns besuchen kommt und dann bekomme ich ihn nicht einmal kurz zu Gesicht!“
„Weil du verschlafen hast! Und weil er als Pegasusritter der Einzige ist, der schnell genug auf den Nebelheim-Vorfall reagieren kann!“Lians Empfinden nach führte sich ihr Zwillingsbruder Shion für einen Prinzen unangemessen laut auf. Darüber hinaus wollten sie möglichst unerkannt bleiben, sodass sein auffälliges Verhalten ihnen nur schaden konnte. Und er könnte endlich mal darüber hinweg kommen, dass er nicht wie gehofft mit Ritterkommandant Godan trainieren konnte.
Schon das ganze Frühstück über hatte er ihr und ihrer Mutter Yuana, Königin von Aitoris, davon vorgejammert; so lange sogar, bis ihre Mutter beschlossen hatte, Lian solle ihn mit einen kleinen Abstecher zu einem nahegelegenen Dorf, welches heute großen Markttag hatte, auf andere Gedanken bringen. Bisher schien die Idee allerdings nicht ganz aufzugehen: „Aber sobald Godan sich darum gekümmert hat, kommt er sicher schnell wieder zurück! Allzu lange dauert das sicher nicht; wer auch immer sich schließlich einem so mächtigem Ritter in den Weg stellt, wird in Nullkommanichts niedergestreckt!“ Wie zur Unterstreichung seiner Worte hieb er mit einem imaginären Schwert durch die Luft.
„Hörst du eigentlich niemals zu? In Nebelheim gab es einen Bergsturz und keinen Überfall oder was auch immer du dir gerade vorstellst. Das einzige, was er also niedermachen kann, sind höchstens Steine!“
Shion sah sie etwas ratlos an. „Aber wenn es keine schlimmen Feinde zu bekämpfen gibt, warum muss dann ausgerechnet er sich darum kümmern?“
„Denkt doch mal nach! Weil seine Ritter und er schnell, gut organisiert und allgemein erfahren sind, können sie sich schnell um die Erstversorgung kümmern und Informationen zum Beispiel über den Zustand der Pässe dort oben sammeln, damit unsere Wagen mit den Versorgungsgütern auch sicher in Nebelheim ankommen. Schließlich ist es schon mindestens einen Monat her, seit…“ Es war nicht das erste Mal, dass sie ihrem Bruder den Sachverhalt erläutert hatte, doch ist vermutlich auch jetzt nicht viel mehr als die Lobpreisung der Pegasusritter zu ihm durchgedrungen. Stattdessen wurde er vollkommen von dem Geschehen auf dem Marktplatz, welchen sie nun betraten, absorbiert. Da das sowieso der Sinn des Ganzen gewesen war, beließ sie es also dabei und schickte ihn einige Äpfel kaufen.

Es war zwar nicht so viel los, wie auf dem Basar, welcher alljährlich in ihrer Stadt abgehalten wurde, dafür war es hier weitaus farbenfroher und man konnte den heiteren Lebenspuls des Dorfes spüren.
Als Shion sich mit dem 200-Gold-schweren Beutel, dem ihm seine Zwillingsschwester in die Hand gedrückt hatte, einem Obststand nährte, begrüßte ihn die mittelalte Verkäuferin nach einem kurzen Blick auf seinen hochwertigen doch nicht auffälligen Mantel freundlich: „Seid gegrüßt, junger Herr! Ich habe euch hier noch nie gesehen. Darf ich nach eurem Namen fragen und was ich euch geben kann?“
„Ja, sonst habe ich noch nie hier vorbeigeschaut. Aber ich war einige Male beim Herrn Veita zu Gast. Mein Name ist Shion und ich hätte gerne fünf dieser Äpfel.“
Während die Frau sich um die Äpfel kümmerte, schien sie über etwas nachzugrübeln – „Beim Dorfschulzen, soso…“ – bis ihr etwas eingefallen war und sie laut nachfragte: „Ihr seid doch nicht etwa der Shion, Prinz von Aitoris?“ – „Genau der!“
Da brach ein Tumult los und schlagartig fiel ihm wieder ein, wie seine Schwester ihm erklärt hatte, dass sie, um größere Unannehmlichkeiten zu vermeiden, ihre Identitäten als Zwillingsprinz und Prinzessin geheim halten sollten, deshalb wohl auch dieses Dorf und diese Mäntel. Er hatte es so hingenommen, wie sie es gesagt hatte, aber erst jetzt verstand er, was damit gemeint gewesen war. Die Stimmen von allen Seiten waren zu viel für ihn; er verstand keine einzige von ihnen und konnte als Erwiderung nur halbe Sätze hervorbringen. Lian rettete ihn, indem sie höflich kurz ihren Besuch erklärte dann die Leute freundlich abzuwimmeln versuchte.
Da er nun nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, konnte sich Shion aus der Menschentraube heraus kämpfen. Wie er Lian daraus bekam, wusste er allerdings nicht. „So ein Mist! Wenn ich daran denke, dass ich, wäre dieser komische Vorfall nicht, stattdessen eben jetzt den tapfersten Pegasusritter Aitoris' treffen würde!“ – „Entschuldigung“, sprach ihn ein gut gebauter, doch schäbig aussehender junger Mann an, der vielleicht ein, zwei Jahre älter war, als er selbst. „Hast du gerade gesagt, dass du auch gerne mal einen Pegasus sehen würdest?“
„Nein, die Ritter! Ihre Stärke und ihr Mut sind unübertroffen! Es gibt nichts edleres, als ein Ritter zu sein!“
Der junge Mann kratzte sich leicht verunsichert an der Nase. „Nun, jedenfalls habe ich gerade einige Pegasusritter über dem Wald gesehen. Es gibt dort eine Lichtung, wo sie immer Pause machen. Wenn wir uns beeilen, erwischen wir sie noch! Los, komm!“ Und Shion wurde am Arm gefasst und mitgezerrt.
„Ich bin gleich zurück“, rief er Lian noch zu, dann beeilte er sich, Schritt zu halten und diese Lichtung schleunigst zu erreichen. Was für ein Glück er doch hatte! Später würde er sich doch noch bei Lian und seiner Mutter dafür bedanken, dass sie gerade hierhin gegangen waren!

„O ja, ich glaube ich weiß, wohin er gegangen ist“, antwortete die alte Blumenhändlerin.
Endlich! Denn sowie sie es endlich geschafft hatte, wieder Ruhe in die Menge zu bringen und die Obstverkäuferin dazu, die 2 Gold für die Äpfel zu nehmen, musste sie feststellen, dass Shion wie vom Erdboden verschluckt war.
„Er ist mit einem dieser Streunerjungen gegangen, welche die letzten Tage immer mal wieder was von den Ständen stibitzt haben. Ich denke, sie habe eine Art Lager in dem Wäldchen dort drüben. Jedenfalls sind sie da hin gegangen.“
Stirnrunzelnd sah Lian in die Richtung, in welche die Alte wies. „Ich muss zugeben, dass ich mir ein wenig Sorgen um meinen Bruder mache. Wärest du so freundlich, mir etwas mehr über diese Streuner zu erzählen?“
„Aber natürlich, meine Liebe. Es sind vielleicht ein Dutzend Halbwüchsiger. Vor vier Tagen kamen die ersten von ihnen zum Wochenmarkt und versuchten, Decken und Lebensmittel – Brote und etwas Dörrfleisch, wenn ich mich nicht irre – zu erwerben. Als sie dann aber merkten, dass ihr Geld nicht für die gewünschte Menge an Waren reichte, haben sie einen ziemlichen Aufstand gemacht. Ich glaube so wütend habe ich noch nie jemanden gesehen – Ich glaube es war der selbe, mit dem euer werter Bruder gegangen ist. Naja, jedenfalls kommen seitdem hin und wieder einige von ihnen ins Dorf und versuchen mehr oder weniger geschickt, etwas mitgehen zu lassen.“ – Die Alte gluckste kurz erheitert auf – „Sie sind wohl nicht aus der Gegend, jedenfalls hat sie hier noch nie jemand zuvor gesehen, zumindest soweit sie es vor mir zugeben würden. Nun, sie haben noch niemandem ernsthaft geschadet und wir leben dank eurer werten Frau Mutter nicht gerade im Mangel, sodass noch keiner etwas gegen sie unternommen hat – jedenfalls nichts, was über einige Ohrfeigen und eine Standpauke hinaus geht. Was sie allerdings von eurem werten Bruder wollen könnten, weiß ich nicht.“
Lian ebenso wenig – bloß einige Befürchtungen kamen in ihr auf. „Herzlichen Dank! Das hat mir sehr weitergeholfen!“, verabschiedete sie sich mit einer angedeuteten Verbeugung.
„Aber gerne; gerne doch helfe ich euch“, winkte die Alte ab.
Was nun? Im schlimmsten Fall schwebte Shion wirklich in Gefahr und sie sollte wohl einige Wachen bitten, mit ihr im Wald nach ihm zu suchen. Aber nein! Warum sollte er in Gefahr sein? Ihr Bruder war so ein offenherziger Mensch, dass er mit allen möglichen Leuten schnell Freundschaften schließen konnte – eine Eigenschaft, für die sie ihn sehr bewunderte. Sollte sie also einfach in dem Vertrauen, dass er nur etwas mit einem neuen Freund unternahm, hier auf ihn warten? Nein, das war zu unsicher und sei es auch nur, weil er die Zeit vergessen könnte.
Sie würde wohl am besten erst einmal sehen, ob sie einen dieser „Streuner“ auftreiben könnte und dann weitersehen. Optimalerweise könnte man sie zu ihrem Lager führen, wo sich hoffentlich Shion rumtrieb.

Shion war so froh, endlich einen mehr oder weniger gleichgesinnten gefunden zu haben, der ihn sogar doch noch zu einem Ritter führte, dass er gar nicht mehr aufhören konnte, von Rittern zu schwärmen. Sein Begleiter, er hatte sich als „Skoll“ vorgestellt, wurde hingegen immer schweigsamer und setzte bald eine verschlossene Miene auf.
Der Weg über die Felder und in den Wald hinein hatte noch keine zehn Minuten gedauert, da blieb Skoll auch schon stehen. Sie hatten wohl ihr Ziel erreicht. „Ich kann's kaum erwarten!“, gab Shion zu. „Hoffentlich finden sie die Zeit, mit mir die Schwerter zu kreuzen! – O verdammt! Ich habe ja gar kein Schwert dabei! Ob sie mir eine ihrer Waffen leihen werden? Das wäre sowas von genial!“
Er sah sich nach der Lichtung und vor allem den Rittern um, fand allerdings keine Spur von beidem: Es gab zwar kaum Unterholz und die Bäume standen nicht sonderlich dicht, dafür hatten diese breite Stämme, welche in imposanten Baumkronen mündeten. Shion war sich zwar sicher, dass ein erfahrener Pegasusritter hier mit Ach und Krach landen könnte, aber es wohl kaum zum Rasten tun würde. Vielleicht hatte Skoll sich ja auch verlaufen, doch es klang anders: „Das ist wohl die größte Sorge eines Prinzen: Ob er Leute findet, die ihn unterhalten könnten! Ich bin mir sicher, in deinem Schloss kümmern sich täglich unzählige Bedienstete darum, dir deine königliche Langeweile zu vertreiben, aber wenn es um das einfache Volk geht – und sei es ein ganzes Dorf! – dann schickt das Königshaus nicht einen einzigen!“