Spielball der Götter

von Fulloath
GeschichteDrama, Romanze / P18
02.11.2017
19.07.2019
8
29112
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
Kapitel 2
Katz' und Maus



Ein leises Klirren ertönte und die massive Doppeltür sprang einen Spalt weit auf. Lautlos schob sich eine glänzende, schwarze Nase dazwischen und schnüffelte neugierig. Kurz darauf folgte der Nase die violette Schnauze einer Talwölfin, welche in der Vorrichtung auf ihrem Rücken einige Rollen Pergament trug. Rika, eine Botin der Truppen, war nach Hause zurückgekehrt. Der mandelförmige Kristall an ihrem vom schwarzen Fell verschluckten Halsband hatte seinen Dienst als Schlüssel getan. Er klingelte glücklich zwischen zwei Metallringen, während die Wölfin auf leisen Pfoten durch die Tür trat und diese mit einem kräftigen Wink ihres buschigen Schwanzes zufallen ließ. Dies sperrte die Kälte aus. Ihr war schon als Welpe beigebracht worden, den Eingang geschlossen zu halten, und die Wölfin gehorchte stets. Ihre hellblauen Augen musterten die hohen Wände der Eingangshalle, sie schnüffelte und wandte die Ohren nach vorn. In der vom Feuer erwärmten Luft lag ein Geruch, den sie nicht kannte. Die junge Wölfin duckte sich und öffnete das von schwarzen Lefzen umrandete Maul ein wenig, als sie einige bekannte Gesichter die weitläufigen Flure entlang huschen sah, viele in Bücher und Schriftrollen vertieft, manche im Gespräch. Ihre Stimmen hallten an den hohen Wänden und den polierten Böden wider. Sie wedelte mit dem Schwanz und hoffte darauf, getätschelt zu werden, dann jedoch stockte sie in der Bewegung, als sie realisierte, dass niemand sie bemerkt hatte.
"Rika!", rief eine ihr bekannte Stimme und die Wölfin gab ein heiseres Bellen von sich, ehe sie zu ihrem Besitzer stürmte.
Papier knisterte, und Aurelie blätterte eine Seite weiter. Sie saß auf einer Bank zwischen zwei Wachholdersträuchern und senkte den Blick von dem jungen Elfen und seinem Wolf zurück zu ihren Aufzeichnungen, die sie über das Auge von Magnus angefertigt hatte. Durch ein in die Decke des Heiligtums eingelassenes, großzügiges Fenster fiel Sonnenlicht herab und erleichterte ihr ihre Arbeit. Bevor der Schneeprinz eintraf galt es, ihre Ausarbeitungen in eine präsentablere Form zu bringen. Stirnrunzelnd legte Aurelie das Buch beiseite und nahm ihre Notizen auf, um ihrer Liste mit einem Kohlestift einen weiteren Punkt hinzuzufügen. Ihr Vortrag, den sie zu halten gedachte, musste verständlich sein. Die Priesterin brannte für ihre Forschung am Auge, und teilte gern alle ihre neuen Errungenschaften mit ihrer besseren Hälfte. Doch für einen Laien war das, was sie wusste, nicht gerade einfach zu verstehen. Zumal es sich um Laien mit begrenztem Wissen über Magie handelte.
Leises Lachen erfüllte die sonst so stillen Hallen des Heiligtums untermalt von dem Kratzen von Krallen auf Stein. Aurelie sah auf. Der junge Elf, dem der Wolf gehörte, spielte mit dem Tier, das sich schwanzwedelnd auf das Herumtollen mit seinem Besitzer einließ. Sie beobachtete beide eine Zeit lang, dann schlug sie die Augen nieder und lächelte still, ehe sie zu ihren Papieren zurückkehrte.

Seitdem sie wusste, dass sie schwanger war, brachen ihre Emotionen ungehalten über sie herein, gute wie schlechte. Gelebor bekam ihren Zorn ab, als er ihr von der vorgezogenen Anreise des Prinzen berichtete. So könne sie nicht arbeiten, ließ sie verlauten. Es sei unmöglich, in dieser kurzen Zeit einen Weg zu finden, um ihre Forschungen angemessen zu präsentieren. Es half alles nichts, denn egal, wie beschwichtigend er auch auf sie einredete, Gelebor konnte sie nicht beruhigen. Schlussendlich wandelte sich ihr ungehaltener Ärger jedoch allzu bald in Verzweiflung und Gelebor erkannte, dass sie Angst hatte, sich selbst und ihrer Arbeit nicht gerecht zu werden. Aurelie ließ sich auf einem Stuhl in seinem Gemach nieder, lehnte sich an, die Hände an die Stirn geschlagen ihre Schläfen massierend.
"Aber mein Herz, behaltet bitte einen kühlen Kopf. Es ist nicht gut, wenn Ihr Euch aufregt", erinnerte sie ihr Gemahl.
Kurz herrschte Stille, dann seufzte Aurelie.
"Vielleicht habt Ihr recht", lenkte sie nachdenklich ein und sah zu Gelebor.
"Als ich ging gab es eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und dem Prinzen. Seine Methoden waren mir nicht immer ganz schlüssig. Wahrscheinlich möchte er mich nicht sehen", prophezeite sie und als sie den fragenden Blick ihres Gemahls sah, schloss sie schnell an, "Euch jedoch respektiert er. Am besten wäre es wohl, wenn ich meine Forschung hierließe und Ihr sie ihm zeigt. Für Rückfragen stehe ich selbstverständlich gern zur Verfügung, nur... dies alles wird mir im Moment ein wenig zu viel."
Gelebor war erleichtert, schwieg und lächelte. Anscheinend brachte das Kind zumindest ab und an neue Ruhe in Aurelies stürmisches Wesen. Das war gut für sie. Er kam näher, strich seiner Gemahlin liebevoll über die Schulter, dann gab er ihr einen Kuss aufs Haar und senkte seine warme Hand zu der kaum sichtbaren Wölbung ihres Bauches. Aurelie genoss seine zärtliche Berührung schweigend, schenkte ihm jedoch einen liebevollen Blick. So schlug sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie kam sowohl dem Wunsch des Prinzen, der nach Informationen suchte, als auch dem ihres Gemahles nach, welcher jeden noch so geringen Stress von ihr abwenden wollte. Zudem war sie so nicht gezwungen, Ersterem zu begegnen... und das war das Beste für alle Beteiligten. Als Gelebor sich verabschiedete um einer Lehrstunde der Initianten beizuwohnen, strich Aurelie sanft über die gespannte Haut ihres Bauches. Ob ihr gefasster, sanftmütiger und überlegter Mann es ertragen könnte, wenn sie ihm beichtete, dass das Kind nicht das seine war?

Wie eine Maus, die sich vor einer Katze in ein Loch in der Wand verkroch, versteckte sich Aurelie in ihren Gemächern vor dem Prinzen. Sie schlug die Zeit zwischen Schriftrollen und Büchern tot, fixiert auf ihre Forschung und doch zu abgelenkt, um voranzukommen. Tief in ihrem Inneren gab es einen Teil von ihr, der sich wünschte, den Prinzen zu sehen, seine Stimme zu hören und seinen Geruch wahrzunehmen. Sie vermisste selbst sein verschmitztes Grinsen, das sie ihm noch vor einigen Wochen aus dem Gesicht hätte wischen können. Frustriert klappte sie ihr Buch zu und musterte einen Fleck an der Wand, der von einem geworfenen Tintenfass herrührte, und an dessen genaue Entstehungsgeschichte sie sich nicht mehr erinnerte. In letzter Zeit war sie einfach zu vielen Stimmungsschwankungen ausgeliefert, und dies war sicher nur eine weitere. Sie musste ihn nicht sehen. Sie würde nicht zu ihm gehen, würde nicht nach ihm suchen, und nicht durch die Gänge wandern, um ihm vielleicht über den Weg zu laufen. Eine lose Strähne fand ihren Weg in ihr Sichtfeld, und Aurelie blies sie fort. Das Sonnenlicht, das durch die milchigen Fenster ihr Studierzimmer flutete wurde langsam weniger, und sie nahm eine Kerze zur Hand. Gedankenverloren drehte sie das kühle, glatte Wachs in den Händen und beschloss, dass es kindisch war, wegzulaufen. Seufzend räumte sie langsamer als nötig gewesen wäre ihre Arbeiten zusammen und machte sich auf den Weg zurück in das Gemach, das sie sich mit Gelebor teilte.

Als der Kopf einer violett-schwarzen Wölfin hüfthoch im Türrahmen erschien, zog er die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich und das Gespräch, das sie führten, erstarb für einen Augenblick. Die Lippen des Einen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. Er nahm ungeachtet seines hohen Besuches einen Knochen aus einer mit einem Deckel verschlossenen Schale in der Mitte des Tisches, die sein Besucher für Dekoration gehalten hatte.
"Rika", sprach er die Wölfin an, welche schnaubte und flink den Knochen auffing, der ihr zugeworfen wurde. Ihr Schwanz wedelte zufrieden, und sie tat sich gütlich an ihrer Leckerei. Der Schneeprinz war fasziniert von dem anmutigen Wolf und tat seine Bewunderung kund.
"Es scheint sich sehr heimisch zu fühlen. Ist das Euer Tier?", fragte der jüngere Elf erheitert und deutete mit einem Blick auf die Wölfin.
Diese richtete die Ohren auf ihn, sah ihn aber nicht an. Sie knurrte leise, während sie sich in einer Ecke nahe der Feuerstelle niederließ und den Knochen auf ihren Vorderpfoten zerkaute, wobei sie den glattpolierten Boden beschmutzte. Gelebor beobachtete wie der Feuerschein auf ihrem glänzenden Fell tanzte.
"Nein, nicht das meine. Es gehört einem meiner Initianten, doch Rika darf sich frei bewegen und ist überall im Heiligtum gern gesehen", erklärte der Gastgeber.
Sein besorgter Blick galt weiterhin dem Boden, und neuerdings auch dem teuren Webteppich, auf dem der Tisch stand und der knapp neben den Lefzen der Wölfin endete. Seine Räumlichkeiten waren neu und edel, er hatte sie erst mit seinem Amtsantritt bekommen. Im der Sonne zugewandten Ostflügel des Palastes von Auri-El zu wohnen bedeutete, einige Standards zu erfüllen.
Gerade als sie ihr Gespräch wieder aufnehmen wollten, kam erneut Jemand hinzu. Die Vorhänge, die das Privatgemach des Ritter-Paladins vom ausladenden, weitläufigen Gang trennte, teilten sich und eine Frau betrat den Raum.
Er hätte sie beinahe nicht erkannt. Das weiße Kleid das sie trug umspielte ihren Körper weit, ganz im Gegensatz zu der Kampfrüstung in der er sie zu sehen gewohnt gewesen war.
"Ah, Liebling", wurde sie begrüßt und der Schneeprinz versuchte, den Blick von ihr abzuwenden, doch ihm fiel auf, was ihm unvermeidlich auffallen musste. Sie wiederzusehen hatte er erwartet, er hatte sich gegen die aufkommenden Gefühle gewappnet, doch er war nicht gut genug vorbereitet. Aurelie ging nahe an den Tisch heran, faltete die Hände zwischen den beiden Männern auf der blankpolierten Platte und der Schneeprinz starrte gegen jede Manier auf die leichte Wölbung ihres Bauches.
"Störe ich?"
Ihre Stimme zu hören riss ihn aus all den Gedanken, die über ihn hereinbrachen. Er fühlte sich machtlos, wie ein stummer Beobachter der Szene und konnte nichts tun, außer zuzusehen. So blieb er still und verschränkte die Finger ineinander. Er krampfte.
"Nicht doch", versicherte Gelebor sanft und legte seine Hand auf die von Aurelie.
"Würde es dir etwas ausmachen, uns etwas zu essen zu bereiten? Ich habe das Gefühl, dass unsere Unterhaltung noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird."
Der Schneeprinz sah Gelebor an, als hätte dieser gerade einer Säbelzahnkatze befohlen, durch einen brennenden Holzring zu springen.
"Ich lasse mir etwas einfallen", ließ die Priesterin vernehmen, zur vollkommenen Überraschung des Prinzen.
Sie ging unbeschwerten Schrittes in einen anderen Raum, der die Küche sein musste. Der Wolf sah ihr nach und murrte, nahm seinen Knochen vom Boden auf und folgte ihr schwanzwedelnd. Seine Krallen kratzten auf dem hellen Stein des Bodens.
"Mein Prinz?", sprach ihn Gelebor an.
Der Schneeprinz musterte seinen Gegenüber unverwandt, dann schüttelte er leicht den Kopf und massierte mit zwei Fingern seine Nasenwurzel.
"Verzeihung. Wiederholt bitte, was Ihr sagtet", erbat er höflich.
Gelebor hob eine Augenbraue und äußerte Sorge. Es war ungewohnt für ihn, seinen Freund so zerstreut zu sehen.
"Geht es Euch nicht gut?", wollte er mitfühlend wissen, "Kann ich etwas für Euch tun?"
"Ich wünsche nicht darüber zu sprechen", würgte der Schneeprinz das Thema in dem autoritären Ton ab, den er sich mühsam angewöhnt hatte.

Als Aurelie mit gedämpftem Gemüse und panierten, gebackenen Kartoffeldreiecken den Raum betrat, waren die Männer mit ihrer Konversation kaum vorangekommen. Beide waren stur und talentiert in der Redekunst. Aurelie stellte eine flache Schale mit dem was sie zubereitet hatte in die Mitte des Tisches, nahm die dort bereits befindliche Schale mit Leckereien für Rika fort und kehrte in die Küche zurück, um Teller und Besteck zu holen.
Voller Bedenken runzelte der Ritter-Paladin die Stirn und senkte seine zusammengepressten Lippen hinter die ineinander verschränkten Finger, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt. Der Duft des Essens erinnerte ihn mit einem Schlag an seinen leeren Magen, doch er ignorierte das Hungergefühl.
"Das... geht auf keinen Fall. Nicht mehr als zwölf, es tut mir leid", wehrte Gelebor ab und schüttelte den Kopf. Unzufrieden dachte er darüber nach, wen er auswählen würde, und ein leichtes Murren entrann seiner Kehle als ihm aufging, dass er zu seinem Bedauern Niemanden unter seinen Leuten wusste, dem er die Aufgabe bedenkenlos zutraute.
"Aber Gelebor", erklang die süffisant selbstsichere Stimme seines Gegenüber, "wir wollen verhandeln. Es gehört dazu, ein wenig Eindruck zu schinden."
Der Prinz erklärte dies vollkommen ruhig, als würde er die tiefliegende Abneigung seines Gegenüber nicht bemerken. Aber Gelebor war nicht gewillt, die Leben seiner Anhänger unnötig aufs Spiel zu setzen, weil sein Freund einer Sitte der Atmora verfallen war und glaubte, protzen zu müssen. Federleicht und kaum hörbar kehrte Aurelie mit dem Besteck und den Tellern zurück. Sie brachte nur zwei, und als sie sich anschickte, in die Küche zu gehen, hielt Gelebor ihren Arm fest.
"Esst etwas, mein Herz", forderte er sie leise auf und in seinem Blick lag Sorge.
Nachsichtig löste Aurelie ihren Unterarm aus seinem Griff und meinte: "Ich bin nicht hungrig."
"Ihr vielleicht nicht", erwiderte er, sein Blick fiel auf die Körpermitte seiner Gemahlin und der Schneeprinz fühlte urplötzlich das dringende Bedürfnis, sich zu übergeben.
Dazu kam es allerdings nicht, denn damit ging Aurelie wieder und Gelebor wandte sich, wenn auch kopfschüttelnd, seinem Gast zu. Er nahm Messer und Gabel auf, aß jedoch nicht sondern spielte damit herum wie ein nervöses Kind. Währenddessen spießte der Prinz eine Kartoffelecke von der Schale in der Mitte des Tisches auf. Er führte die Gabel ohne Umschweife zu seinem Mund, zögerte dann jedoch. Gift? - schoss es ihm in den Kopf, doch daran glaubte er nicht. Zu viel Skepsis war in ihm, seit er diesen Krieg begonnen hatte. Er biss ab und es schmeckte herrlich, die erste warme, frisch zubereitete Mahlzeit seit Tagen.
"Ich sehe den Punkt nicht. Worüber glaubt Ihr, verhandeln zu können? Sie wollen unser Land zu dem ihren machen und uns vertreiben. In meinen Augen gibt es da wenig Spielraum für Verhandlungen", gab Gelebor zu bedenken und lehnte sich zurück, wobei er die Arme verschränkte.
Der Schneeprinz sah kurz auf und lächelte müde. Warum hatte gerade Gelebor Ritter-Paladin werden müssen? Jeden anderen hätte er überzeugen können, aber der gutmütige, durchdachte Gelebor war ein schwieriger Verhandlungspartner.
"Wir brauchen einen Waffenstillstand, zumindest bis zum nächsten Sommer. Angesichts der Tatsache, dass sich unsere Gegner im Schnee nicht sonderlich gut schlagen könnte das eine Chance für uns sein, weitere Vorbereitungen zu treffen und Truppen zu sammeln."
"Aber auch die Atmora könnten diese Zeit nutzen", warf Gelebor ein, "Ihr wisst, sie vermehren sich wie die Kaninchen."
Aurelie betrat den Raum erneut mit zwei Krügen und einer Karaffe und stellte beides ab. Als sich der Schneeprinz nach einem weiteren Stück Gemüse umsah musste er feststellen, dass die Schale bereits leer war.
"Ganz so schnell nun auch wieder nicht. Ein Winter wird kaum reichen, um...", der Prinz ließ sich vom skeptischen Blick seines Gegenüber unterbrechen.
"Met?", fragte Gelebor und Aurelie zuckte die Schultern.
"Dein Gast trinkt es gern",  klärte sie ihn auf und wandte sich dann direkt an den Prinzen, der sich davon sichtlich überrascht zeigte. Sie hatte sich diese Kleinigkeit gemerkt?
"Wart Ihr mit meinen Ausarbeitungen über das Auge zufrieden, so, wie Gelebor sie erklärte?", wollte sie wissen und legte leicht den Kopf schief.
Der Schmuck an ihren Ohren klimperte leise und verhöhnte den Prinzen.
"Ich wünsche später noch einmal mit Euch zu sprechen", gab er bekannt und wandte sich seinem Krug zu. Nicht alles an den Atmora war schlecht, dachte er im Stillen, als er genüsslich einen Schluck trank.
Aurelie sah zu Boden, halb lächelnd. Sie wusste, dass er sich mit seiner Aussage nicht zwingend auf das Auge des Magnus begrenzte, aber das hatte sie erwartet.
"Natürlich. Ich ziehe mich solange zurück."
Und das tat sie. Sie ging in den Raum, in dem das Bett stand, welches sie sich mit Gelebor teilte und setzte sich auf die mit Stroh gefüllte Matratze. Aurelie wirkte dem Stress entgegen, indem sie ihr Haar bürstete. Sie tat das gründlich, dann flocht sie es und zog ein derberes Kleid an, das bieder bis zu den Knöcheln reichte und weniger luftig geschnitten war. Erst als sie fertig war fiel ihr auf, dass ihre Aufmachung der ähnelte, die sie getragen hatte, als sie damit rechnen musste, jeden Augenblick in einen Kampf geschickt zu werden. Genau genommen ähnelte die jetzige Situation der vor einigen Wochen sogar ein klein Wenig.

Genießend schloss Rika halb die Augen während sie gekrault wurde. Sie hielt sich gern in den Gemächern des Paladins auf, ließ sich gern tätscheln und mit Leckereien bestechen. Doch langsam war es Zeit, zu ihrem Besitzer zurückzukehren, der sich sicher schon um sie sorgte. So leckte die Wölfin Aurelies Handfläche mit schief gelegtem Kopf, wedelte mit dem Schwanz und wandte sich dann um, bevor sie mit leise auf dem steinernen Boden kratzenden Krallen nach draußen verschwand. Aurelie seufzte und sah ihr nach, beneidete das anmutige Tier darum, dass es gehen konnte, wohin es mochte. Der leichte Vorhang, der ein Zimmer vom anderen trennte, teilte sich.
"Es ist spät", merkte Aurelie tonlos an.
Der Schneeprinz ging nicht auf ihren Vorwurf ein und forderte sie stattdessen auf, sich umgehend mit ihm zum Auge zu begeben.
Es war schlau von ihm, die Unterhaltung in die Räumlichkeiten des Auges zu verlegen. Zu dieser Stunde war dort niemand mehr anwesend und so konnten sie offen sprechen. Der Weg in die tieferen Gefilde des Heilitums verlief schweigsam. Aurelie hielt eine Fackel und ging voran, während der Prinz ihr folgte. Sie ließen enge Tunnel hinter sich, eine Wendeltreppe und schließlich das Archiv des Heiligtums, gefüllt mit den Abschriften aller Aufzeichnungen der zivilisierten Welt, und der Prinz stellte ihr nicht eine einzige Frage. Seine Neugier hielt sich in Grenzen, im Moment hatte er keinen Kopf für die deckenhohen Regale voller Wissen, Poesie wie Prosa, Wissenschaften wie Magie. Ihn kümmerte nicht einmal das Auge wirklich.
"Er hat dafür gebetet", warf er ein und brachte Aurelie damit dazu, innezuhalten.
Die Fackel warf Schatten auf die nackten Wände des Ganges und das monotone Surren des Auges war bereits deutlich zu hören.
"Ja", bestätigte sie schließlich, ohne ihn anzusehen und lief weiter.
"Und Auri-El ignoriert selten die Wünsche seiner hochrangigsten Anhänger."
Für ihn war es mühsam, ein Gespräch in Gang zu halten, denn er bemerkte sehr wohl, dass Aurelie nicht über dieses Thema diskutieren wollte. War es ihr am Ende sogar zuwider, was sie getan hatte? Die Zweifel des Prinzen wurden zerstreut als Aurelie ihm einen freundlichen Blick zuwarf und mit den Schultern zuckte.
"Richtig. Nun, so fällt es Gelebor nicht schwer zu glauben dass es sein Kind ist, welches ich an dem Tag empfing, an dem ich zurückkehrte. Mir ist das nur recht", sagte sie leichthin und schritt weiter, die Fackel erhoben.
Der Schneeprinz schwieg und folgte ihr. Er spürte eine Art Erleichterung darüber, dass sie nicht bestritt, dass es sein Kind war. Gleichzeitig erinnerte er sich aber auch an Gelebors Gebärden ihr und dem Ungeborenen gegenüber und dachte nicht daran, ihm seine Illusion zu nehmen. Letztendlich war Gelebor sein Freund, ungeachtet der Tatsache, dass er dessen Weib bestiegen und ihr einen Bastard in den Bauch gepflanzt hatte.

"Es wirkt ganz anders als ich es in Erinnerung hatte", ließ der Prinz verlauten und trat ehrfürchtig langsam in den Raum.
Die Wände waren hoch und liefen in einem Punkt an der Decke zusammen, der sich genau über dem Becken befand, in dem die Kugel ruhte. Sie schwebte ruhig und drehte sich langsam um die eigene Achse. Das Licht, das sie ausstrahlte, leckte an den gebogenen Wänden und machte Aurelies Fackel unnötig. Auch Aurelie bemerkte das und steckte sie in eine Halterung in der Wand. Stille begann, sich auszubreiten, eine Präsenz lag drückend auf den Elfen. Unheilvoll und drohend schien das Auge zu sein, aber auch begehrenswert und anziehend. Die Priesterin ließ ihrem Besucher die Zeit, die er brauchte. Sein nachdenkliches Gesicht hielt sich eisern, ihm kam es vor, als hätte sich das Auge in irgendeiner Form verändert. Nicht äußerlich, die grauen Platten kreisten noch immer um das blau lumineszierende Innere. Vielleicht war es die Aura, die von der Kugel ausging? Er wusste es nicht.
Nur ungenau erinnerte der Schneeprinz sich an das, was Gelebor ihm über die Forschung offengelegt hatte, zu sehr war er mit Aurelie beschäftigt gewesen. Leider schien ihr der Gegenstand während der Wochen, die sie mit Beobachtungen und Versuchen zugebracht hatte recht wenig über sich offenbart zu haben. Ob er es schon erfahren hatte wusste er nicht mehr, deshalb fragte der Schneeprinz Aurelie leise: "Wisst Ihr wie wir es nutzen können?"
Aurelie hob nachdenklich die Augenbrauen. Sie hielt den Blickkontakt zu ihm eisern aufrecht und schüttelte entschlossen den Kopf. Mit einem enttäuschten Schnauben trat der Prinz näher heran, hielt einen Moment inne und hob dann zögernd eine Hand. Unsicher kam er der Oberfläche des Auges näher, spürte dessen Vibrationen in den Fingerkuppen.
"Nicht!", rief Aurelie plötzlich und riss mit einer schnellen Bewegung seinen Arm herunter. Sie ließ ihn sofort los und hielt seinem Blick stand, mit dem er sie ärgerlich bedachte.
"Nicht hier. Nicht so. Jeder Versuch, die geballte magische Energie zu nutzen endet in einem äußerst unangenehmen Schock, der die Glieder lähmt und den Geist für mehrere Minuten umnebelt..."
"Ihr habt es versucht", stellte der Prinz fest und betrachtete seine Hand, die noch immer kribbelte.
Aurelie blinzelte schnell und sah zur Seite, sie zuckte mit den Schultern und schob sich eine Strähne ihres Haares hinters Ohr.
"Ein paar Mal. Bitte erzählt es nicht Gelebor. Er würde mir vorhalten, dass ich das Kind in Gefahr gebracht habe."
"Keine Sorge", versicherte der Prinz schnell, "Ich werde schweigen."
Aurelie wollte dieses leidige Thema abwürgen und konzentrierte sich anstatt weiter über ihr Ungeborenes zu sprechen lieber wieder auf das, was sie zu sagen hatte. In der Hoffnung dass er gehen würde, sobald er hatte, weshalb er gekommen war, fasste Aurelie ihr Wissen zusammen.
"Dem Auge wohnt Macht inne, aber noch weiß ich nicht, wie genau wir sie verwenden können. In den Schriften der Alten wird ein Ort erwähnt, an dem dieses Auge entstanden sein könnte, und vielleicht finden wir dort eine Antwort. Der Chronist drückt sich allerdings nicht sonderlich exakt aus. Ich habe nachgeforscht und bin ziemlich sicher, dass er sich auf den Nordosten des Landes bezieht, genauer gesagt auf eine Insel. Wenn Ihr möchtet, fertige ich Euch eine direkte Abschrift auf einer Karte an", schlug Aurelie ohne jede Wertung vor.
Der Schneeprinz lächelte und erwiderte freudig: "Tut das. Wir werden zu diesem Ort aufbrechen, sobald die Verhandlungen mit den Atmora abgeschlossen sind. Wärt Ihr in der Lage, uns dann zu begleiten?"
Schweigend legte Aurelie eine Hand auf ihren Bauch und meinte, mit einem Lächeln an den Prinzen gewandt: "Wenn Ihr Euch mit den Verhandlungen beeilt, vermutlich schon. Gelebor allerdings wird von diesem Vorhaben weniger begeistert sein, fürchte ich."
Aurelie schien nicht abgeneigt, eine neue Reise anzutreten, und das stimmte den Prinzen überraschend fröhlich. Es war allgemein schön, sie wieder um sich zu haben, auch wenn er bezweifelte dass die Nähe, wie es sie einst zwischen ihnen beiden gegeben hatte, je wiederkehren würde. Über seine Gefühle diesbezüglich war er sich noch immer nicht im Klaren, aber alles würde sich in seine Bahnen fügen, sobald Gelebor nicht mehr direkt zwischen ihm und Aurelie stand.
Als sie seinen abwesenden, nachdenklichen Blick bemerkte deutete Aurelie eine gehorsame Verbeugung an, ehe sie die Fackel aus ihrer Halterung holte.
"Nun, ich werde Euch jetzt verlassen, denn ich bin wirklich müde. Habt eine geruhsame Nacht, mein Prinz", verabschiedete sie sich höflich.
Während sie ging musterte der Prinz ihre Kehrseite gründlich. Aurelie gefiel ihm noch immer, und auch wenn er seine Schwärmerei für sie überwunden zu haben glaubte, so begehrte er ihren Körper heute ebenso wie vor einigen Wochen.
"Niemandem würde es auffallen, wenn Ihr noch eine halbe Stunde länger abwesend wärt", merkte er fast unschuldig an.
Aurelie schien sein Angebot nicht bemerkt zu haben, und vielleicht war es auch besser so. Sie ging unbeirrt weiter den Flur entlang, auf das Archiv zu. Schnaubend schüttelte der Prinz den Kopf, er schmunzelte leicht über sich selbst.
Review schreiben