Spielball der Götter

von Fulloath
GeschichteDrama, Romanze / P18
02.11.2017
19.07.2019
8
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Hi Leser.

Diese Geschichte wird von Romantik, Kämpfen und Dramen / Tragik dominiert, und diese Genres sind alles andere als üblich für mich. Ich hoffe dadurch zu lernen, wie man Zwischenmenschliches und Actionreiches glaubhaft schreibt. Hoffentlich habt ihr so viel Spaß wie ich =)




Zitat aus dem Buch "Die Nacht der Tränen" :

"Als die Nord ihre Stadt errichteten, stießen sie auf etwas, das tief im Boden vergraben war.
Sie versuchten, es verborgen zu halten, doch die Elfen erfuhren davon und begehrten es selbst. So griffen sie Saarthal an [...]"

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Kapitel 1
Die Nacht der Tränen
(Merethische Ära)



Mit der flachen, tropfenförmigen Spitze ihres Speeres wirbelte die Elfe den Schnee auf, der zu ihren Füßen knöchelhoch lag. In feinen Flocken stob er auf, der kalte Nachtwind trug ihn zu dem Kundschafter der Atmora, der die Elfe entdeckt hatte, und sein Gesicht mit der Armbeuge schützte. Als er aufblickte, war die Fremde verschwunden, doch sie hatte Spuren im Schnee hinterlassen, denen er zielstrebig folgte. Die Menschen waren wie Wölfe.
Wenig später verloren sich die Spuren mitten im Wald, und der Junge blickte sich fragend um. Das Blut von der Jagd erhitzt bildete sein Atem kleine Wolken in der schneidend kalten Luft. Als aus einem der Baumwipfel über ihm ein Klumpen Schnee zu Boden fiel, hob er den Blick gen Himmel.

Eine aus Stahlrim geschmiedete Klinge stieß in die Senke zwischen Schlüsselbein und Hals des Jungen, und hinter ihm fiel die Elfe geschmeidig wie eine Säbelzahnkatze auf den Boden. Stumm, mit geöffnetem Mund und weit aufgerissenen Augen hob der junge Nord die Hände, um den Dolch zu ergreifen, doch die Fremde kam ihm zuvor. Aurelies Dolch glitt aus seinem Fleisch, und in einer fließenden Bewegung ließ sie die himmelsblaue Klinge über seine Kehle fahren. Kalter Wind kam auf und ließ Flocken von den vom Schnee beschwerten Ästen der Nadelbäume fallen, die tänzelnd in der Schwärze der Nacht auf das ungleiche Paar hinabrieselten.
Der Junge gab ein gurgelndes Geräusch von sich, als er auf die Knie sackte und vornüber in den Schnee kippte. In farblosem Schwarz sickerte das Blut in das frische, leichte Weiß und brach damit die Eintönigkeit der Umgebung. Das Gesicht der Elfe zeigte keinerlei Regung.
"Velinaar ten sey gaerdil lit", verabschiedete sie das Leben des jungen Atmora.
Ihre Stimme war ein Hauchen, leise und betrübt. Die Schnee-Elfen töteten nicht aus Vergnügen, oder zum Ruhm. Sie töteten, weil sie es mussten.
Aurelies Mantel wehte im aufkommenden Wind, sie vernahm ein Geräusch und wandte den Blick über die Schulter. Ihre weißen Augen sahen in die Ferne, die Nacht machte ihr nichts aus. In einer flüssigen Bewegung steckte sie ihren Stahlrimdolch zurück in die Scheide an ihrer Hüfte. Der Schneesäbelzahntigerpelz, der ihr als Wärme und Tarnung gute Dienste leistete, umhüllte ihre Gestalt. Sie ließ den Toten, wo er war, und machte sich auf den Weg. Durch den dunklen Wald folgte sie einem für die Atmora unsichtbaren Pfad, immer auf die schwach zu erkennenden Leuchtfeuer zu.

Ihre Ankunft war unbemerkt geblieben, und so überraschte es alle Anwesenden, als Aurelie ungebeten in den Raum trat.
"Priesterin!", entfuhr es einem von ihnen, während er sich hastig erhob.
"Bitte, behaltet Platz", wehrte die Elfe ermüdet ab, eine Hand zur wegwerfenden Geste erhoben.
Die Priesterin von Auri-El bot einen befremdlichen Anblick. Ihr langes, schlohweißes Haar fiel in einem geflochtenen Zopf weich über ihre Schulter, welche von einem Panzer aus leichtem Stahlrim geschützt wurde. Der Pelz zeugte vom Einfluss der Nord, doch das scherte die stolze Frau nicht. Ihre Arme waren bloß, weiß wie Pergament und mit roten Linien verziert, eine Art der Bemalung, wie es bei Kriegern ihres Volkes üblich war. Der Schmuck in ihren Ohren war aus Gold, und dennoch mit nur wenigen Ringen und farblosen Steinen dezent gehalten.
Sie setzte sich auf einen der steinernen Stühle, die den den Raum dominierenden, runden Tisch umgaben. Die grauen Wände der Höhle, in der sich das Lager der Schnee-Elfen befand, weiteten sich hinter einem engen Pass, in den ein Tür eingelassen worden war. In diesem Abteil hatte man das Zimmer des Anführers dieser Initiative gegen die Nord eingerichtet. Es war strategisch klug, die natürlich vorkommenden Höhlen zu nutzen, denn sie boten Schutz vor Wind und Wetter und wilden Tieren, die es in diesem Teil des Landes in Hülle und Fülle gab. Aurelie sah sich um. Drei ihr fremde Männer, die Köpfe gesenkt, saßen nahe dem Schneeprinzen, der ihnen gegenüber einen imposanten Anblick bot. Unauffällig bedachte sie ihn mit einem eindeutigen Blick, den er gleichermaßen und ebenso unauffällig erwiderte. Es war nicht sein kräftiger Körper, der Aurelie von ihrer ersten Begegnung an fasziniert hatte, auch nicht seine gehobene Art, sich zu artikulieren oder sein Geschick im Kampf. Natürlich war es das Zusammenspiel all dieser Dinge, die dazu geführt hatte, dass sie ihm verfallen war. Doch es war der Ausdruck in seinen dunklen, grauen Augen, der Wildheit, Entschlossenheit und Intelligenz vereinte. Diese Augen, die ihr bis in ihre Seele zu blicken schienen, fesselten sie und ließen sie alle ihre Verpflichtungen vergessen.
Heute jedoch schien der sonst so gefasste Elf verärgert zu sein, und selbst das Auftauchen seiner Geliebten hatte sein Gemüt nur kurz erheitert. Ineinander verschränkt lagen seine Finger an seinen Lippen, die Unterarme hatte er auf den Tisch gestützt und die Augenbrauen zu einer missmutigen Linie verzogen. In Betrachtung der fast ängstlichen Gesichter der drei Fremden musste sich Aurelie ein erheitertes Lächeln verkneifen. Es folgte eine Stille, die einen Augenblick länger dauerte, als angenehm gewesen wäre.
"Geht", knurrte schließlich eine maskuline, befehlsgewohnte Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Wie aufgeschreckte Insekten leisteten alle Anwesenden Folge. Auch Aurelie erhob sich, um der Etikette Genüge zu tun. Sie wusste, was folgen würde.
"Ihr nicht", verlangte der Schneeprinz und streckte lediglich den Zeigefinger in ihre Richtung aus.
Mit Argusaugen beobachtete er, wie seine Berater einer nach dem anderen den Raum verließen. Einige Sekunden lang ließ er die Atmosphäre wirken, dann erhob er sich und näherte sich Aurelie langsam, wie ein Jäger sich seiner Beute näherte. Von unten herauf schenkte sie ihm ein verschmitztes Lächeln, und sie konnte zusehen, wie sich seine Laune binnen weniger Augenblicke deutlich besserte.
"Die Haare kurz geschoren wirkt Eure Kriegsbemalung noch markanter, sie zeichnet Eure Wangenknochen und Euer Kinn gut nach", stellte Aurelie lobend fest, während sie mit einer Hand deutend gestikulierte, und damit die Linien meinte, die sich in hellem Grau kaum von der Haut ihres Gegenüber abhoben. Der Prinz lächelte stumm und hielt ihr eine seiner Hände vor, die Handfläche zur Decke zeigend. Beiläufig streiften seine Finger ihr Haar als sie sein Angebot annahm und aufstand, er nahm sich eine lose Strähne und führte sie zu seinen Lippen, ohne auch nur eine Sekunde den Blickkontakt zu brechen. Die Verbindung, die die Priesterin und der Krieger zueinander pflegten ziemte sich nicht, doch Beide wussten, und ignorierten das. Meistens zumindest.
"Ich habe einen Späher entdeckt, kaum eine Meile außerhalb der Grenze", äußerte Aurelie unvermittelt und besorgt.
Der Schneeprinz erwiderte nichts, er umfasste sanft ihren Unterarm in der Hoffnung, sie zu sich ziehen und ihre Sorge für einige gesegnete Momente verlöschen zu lassen. Aurelie jedoch löste sich. Sie drehte sich weg, schloss die Arme um ihren Körper und teilte ihre Bedenken erneut mit ihm.
"Sie kommen jede Nacht näher. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sie einige der äußeren Stellungen entdecken und uns überraschen."
"Lasst das meine Sorge sein und zerbrecht Euch nicht Euren hübschen Kopf."
Sein Körper strahlte Wärme aus, als er ihre Taille fasste und sie rücklings an sich zog. Aurelies Zorn, mit dem sie sich ihm zuwenden und seine Frechheit kontern wollte, verpuffte mit den Küssen, mit denen er ihren Hals bedeckte und mit seinem Duft, der ihr den Atem raubte. Ein Schauer fuhr über ihren Körper, und sie verfluchte sich für ihre Schwäche, während sie die Augen schloss und seine Annäherung zu genießen begann. Flink fanden seine Finger unter all dem Pelz die Schnüre, die ihre Rüstung an ihrem Rücken zusammenhielten, und Aurelie genügte ein Wink mit der Hand, um die Tür von innen zu verschließen.

"In der morgigen Nacht werden wir angreifen, doch dies bedarf einiger Vorbereitung. Ihr, ich und zwei meiner vertrauenswürdigsten Krieger betreten die Siedlung um Mitternacht. Was wir tun werden wird nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Es wird weder ehrenhaft noch ruhmreich sein, aber einem Nutzen dienen."
In seiner Stimme schwang Unsicherheit mit, und Aurelie erkannte, dass er sich ihre Zustimmung erhoffte. Etwas zu oft in letzter Zeit gab er Wert auf die Meinung der Priesterin, und seine Berater missbilligten das. Aurelie stützte den Kopf auf eine Handfläche, die Ellbogen auf den Boden und zeichnete, ganz konzentriert, kleine Formen und Runen auf die nackte Brust des Schneeprinzen.
"Welchem Nutzen, mein Liebster?", hakte sie nach.
Unüblich für ihn fasste er rabiat ihre Hand in seine, nur, um sie dann liebevoller zu halten und mit dem Daumen über den Handrücken zu streichen. Er war offensichtlich aufgeregt. Aurelie sah ihn an und er brach den Blickkontakt nicht, als er entschlossen sagte: "Ich will das Auge. Bevor wir Saarthal zerstören, will ich das Auge."
"Das Auge von Magnus?", wiederholte Aurelie und zog eine Augenbraue hoch, "Zu welchem Zweck?"
Sie setzte sich auf, die Beine untergeschlagen. Nur um einen Bruchteil einer Sekunde versetzt folgte er ihr in seiner Bewegung. Ihre Hand gab er nicht frei, obwohl sie sich sanft zu entziehen versuchte. In den Beiden löste nicht der Fakt Unwohlsein aus, dass sie kurz davor waren eine menschliche Siedlung auszurotten, sondern allein die Erwähnung eines Artefaktes eines Gottes.
"Es besteht aus purer Magie", beschwor der Schneeprinz begeistert und in seine Augen trat ein Funkeln.
"Magie ist nicht greifbar. Die Kugel ist, soweit ich aus Aufzeichnungen der Alten weiß, durchaus ein Gegenstand", entgegnete Aurelie äußerst skeptisch.
Der Prinz schüttelte nachsichtig den Kopf und strich seiner Geliebten eine Strähne hinters Ohr. Die Ringe und Anhänger klimperten kaum hörbar.
"Wie konzentriert muss dann die Magie erst sein, damit sie greifbar wird? Eine unvorstellbare Macht wohnt dem Auge inne, meine Schöne, eine Macht, die die Menschen nicht zu nutzen wissen."
"Ihr aber schon?", argwöhnte Aurelie.
Der Prinz schwieg und ehrte sie mit einem wissenden, herausfordernden Lächeln, das sie so sehr hasste wie sie es liebte. Aurelie seufzte und wehrte mit einer Gestik ab, als er erneut zu sprechen beginnen wollte. Stattdessen konfrontierte sie ihn mit ihren Vermutungen.
"Ihr wollt den Nord das Auge stehlen. Soweit habe ich verstanden. Aber mein Prinz, es befindet sich in Saarthal, ihrer größten Siedlung, nördlich von... ach, ich weiß nicht einmal von einer größeren Siedlung als dieser. Mit Verlaub, aber was Ihr vorhabt scheint mir unmöglich."
"Sorgt Euch nicht. Mit Eurer Hilfe werden wir unentdeckt bleiben", versicherte der Schneeprinz.
Aurelie verengte die Augen zu Schlitzen, sie verschränkte die Arme und legte leicht den Kopf schief. Ihr schwante Übles, und sie sollte recht behalten.
"Also soll ich Euch den Weg in Saarthal hinein ebnen, mit Illusionsmagie und Veränderung, während Ihr das Auge stehlt und dabei wohl noch Nord im Schlaf ermordet? Nein. An einer derart anrüchigen Aktion werde ich nicht teilnehmen, tut mir leid", lehnte sie ab.
In einer fließenden Bewegung griff sie ihre Beinkleider und schlüpfte hinein. Es folgten Stiefel, die sie verschnürte, ehe sie nach ihrem Brustpanzer griff. Der Schneeprinz war so freundlich, ihr zu helfen. Er hielt sie nicht auf, war er doch fest davon überzeugt, dass er sie für sich gewinnen musste. Ihm fiel auf, dass die Kriegsbemalung an ihrem Oberarm während ihrer Aktivitäten verwischt war, und er schmunzelte darüber. Sanft strich er mit dem Daumen die aus der Form geratene rote Farbe fort, so gut es ging.
"Meine Berater dachten ebenso. Feiglinge, allesamt. Doch ich habe meinen Plan noch einmal überdacht, und ich scheue mich nicht vor unehrenhaften Methoden. Wäre es so schlimm, den Dolch zu ergreifen, wenn dafür dutzende, hunderte Elfenleben verschont blieben?"
Aurelie schwieg und der Prinz setzte nach, ignorierte ihr stummes Missfallen.
"Abseits davon: Nicht ich werde das Auge stehlen, Magierin. Ihr werdet das tun. Es wird sich nur von einer Elfe mit genügend Kenntnissen der Arkanen Mächte bewegen, ja, überhaupt berühren lassen. Im selben Atemzug studiere ich mit meinen Männern die Umgebung in der Siedlung, und wir bereiten uns damit gut auf die bevorstehende Schlacht vor."
Aurelies Magen verkrampfte sich, ihre Hände zitterten. Tief in sich selbst ahnte die geschulte Magierin dass diese Tat, einmal vollbracht, ein schreckliches Ende für ihr Volk nehmen würde. Die Atmora in Saarthal würden sterben, viele von ihnen, sicherlich. Und zu Anfang würde das ein strategisch guter Zug sein... doch die Menschen vergaßen niemals etwas, egal, wie kurz ihre Leben waren. Sie würden Rache üben.
"Ich habe bereits abgelehnt. Vertraut mir, Schneeprinz. Es ist besser, wenn das nicht geschieht", sagte sie voraus.
Aurelie ließ sich nicht auf ein Blickduell ein, wie er es stets zu beginnen pflegte. Sie stand auf. Als sie vollends in ihre Rüstung gehüllt war strich sie sich fahrig durchs Haar. Mürrisch und stur hielt sie an der Hoffnung fest, es zu glätten und so nicht ganz so auffällig preiszugeben, was sie und der Befehlshaber eben noch getan hatten. Nach kaum einer Minute gab sie allerdings auf und wandte sie sich um. Sie stutzte. Der Prinz hatte sich ebenfalls wieder angekleidet und betrachtete gerade von ihr abgewandt und vollkommen gedankenverloren den Knauf seines bläulich schimmernden Schwertes, das in einer Scheide an seiner Seite steckte. Aurelie spürte sein Unbehagen. Sie ließ die Spannung fallen, die sie bis eben gehalten hatte, näherte sich ihm an und schmiegte sich an seinen Rücken. Zwar tat ihr leid dass sie sein Anliegen abgelehnt hatte, doch es war notwendig, da war sie sich sicher. Stumm, um keinen weiteren Konflikt anzufachen, legte sie die Hände auf seine Brust, schloss die Augen und sog seelenruhig den Duft ein, den er verströmte.
"Tragt es mir bitte nicht nach, Liebster...", bat sie hauchend um Verzeihung, doch sie wurde unterbrochen.
Der Prinz sah stur an die Wand gegenüber, gab nichts auf ihre zärtliche Berührung.
"Und wenn ich es Euch befehle?"
Aurelie stockte. Sie tat einen Schritt zurück und er wandte sich zu ihr um. In seinen Augen brannte Feuer, doch es war ihr nicht wie sonst freundlich gesinnt. Die Hand locker am Knauf seines Schwertes, den Kopf erhoben und zu voller Größe aufgebaut schritt er auf sie zu und überwand den kleinen Abstand, den Aurelie aufgebaut hatte. Rasch griff seine freie Hand nach ihrem Kinn und zwang sie somit, ihn anzusehen. Die Priesterin hielt stand, erwiderte sein garstiges Gebärden mit einem nur umso garstigeren Blick, und griff seinen Unterarm mit beiden Händen. Ihr Herz klopfte stürmisch, und sie wusste diese Empfindung nicht einzuordnen.
"Was, wenn ich Euch befehle, mit mir zu kommen, Priesterin von Auri-El? Ihr seid hier, um meine Truppen zu unterstützen. Wie Ihr das tut, kann ich selbst entscheiden. Heilung, Tränke und verzauberte Waffen sind nicht alles. Darauf begrenzt sich Euer Tun hier nicht. Der Vorstand des Tempels von Auri-El, Euer Vorgesetzter, hat mir dieses Privileg verliehen", legte er klar und deutlich fest.
Noch einen Moment länger sahen sich beide an, giftig, weil keiner dem anderen nachgeben wollte. Dann jedoch lockerte sich des Prinzen Griff, und Aurelie wandte sich halb ab, die Arme vor der Brust verschränkt und das Kinn gesenkt. Ihre Wangen waren rot, doch das wollte sie nicht zugeben. Wollte nicht zugeben, dass Machtausübung ihr gefiel, denn das war anrüchig und einer Priesterin unwürdig, falsch und schmutzig. Sie hasste sich in diesem Moment selbst mehr, als dass sie genug Konzentration aufbringen konnte, um ihr weiteres Vorgehen und ihre Wortwahl zu überdenken.
"Zwingt mich nicht, es Euch zu befehlen, Aurelie. Ihr sollt nicht kämpfen, nicht morden, helft mir nur, so viele meiner Männer zu schützen wie möglich. Überwindet Euren Stolz", bat der Prinz nun leise.
Es folgte eine betretene Stille.
"In Ordnung", ergab sich Aurelie schließlich, "Ich tue, was Ihr verlangt."
"Sehr gut", lobte der Prinz und legte einen Arm um ihre Hüften.

Und tatsächlich schlichen sich in der nächsten, schicksalhaften Nacht vier Schnee-Elfen in Saarthal ein. Die drei Krieger und die Magierin waren erfolgreich, noch lange bevor der Morgen graute. Es fühlte sich für alle Vier surreal an, mehrere hundert Krieger anzutreffen, als sie Saarthal hinter sich ließen. Die Magierin ging und wich der Schlacht aus, die da folgen würde. Es gab andere Prioritäten für sie. Mit dem Wissen, das die Krieger über die Lage der Siedlung gesammelt hatten zusätzlich zu dem Element der Überraschung wären die Elfentruppen ohnehin im Vorteil .
Sie ging so still, wie sie gekommen war, und der Schnee fiel auf die Wipfel und Nadeln der Bäume. In der Dunkelheit der langsam endenden Nacht legte er Schweigen über die Welt und verbarg die Spuren, die die Truppen auf dem Boden hinterlassen hatten, als sei nie etwas geschehen.

"Was werdet Ihr tun, wenn Ihr ins Heiligtum zurückkehrt?", fragte der Schneeprinz trocken, und ohne jede Wertung.
Seine Geliebte setzte sich auf und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Nachdem die Krieger ihres Volkes am Morgen zurückgekehrt waren, hatte sie sich um die Verwundeten und Erschöpften gekümmert. Zu ihrer großen Überraschung gab es kaum Verluste, und die Erfüllung ihrer Pflichten hatte weniger Zeit in Anspruch genommen, als erwartet - umso besser, denn das vom Kampf in Wallung gebrachte Blut des Prinzen erforderte kurz darauf wie so oft ihre volle Aufmerksamkeit.
"Ich kann nicht glauben, dass wir es tatsächlich vollbracht haben", staunte Aurelie, um abzulenken.
Sie wollte nicht über dieses Thema reden, aber sie hatten es ja tatsächlich vollbracht. So unwahrscheinlich es auch gewesen war, und so schrecklich die Konsequenzen auch werden würden. Nicht nur die Krieger, sondern auch sie selbst. Das Auge des Magnus war mit ein wenig magischer Unterstützung des Schneeprinzen ins Heiligtum von Auri-El transportiert worden, was sich als einfacher herausgestellt hatte, als zunächst befürchtet. Wahrscheinlich weil der Prinz recht behalten hatte. Das Auge bestand tatsächlich aus reiner Magie, wandelbar und unstet, doch greifbar und unangenehm real. Aurelie erinnerte sich daran, dass das Auge sie zuerst angegriffen hatte, sich gewehrt hatte wie ein lebendiges Wesen - zumindest vermutete sie das. Eine andere Erklärung für den schmerzvollen, mächtigen Blitz, der ihren Körper unvermittelt durchzuckt hatte, als sie neugierig und unvorsichtig wie ein Kind eine Hand an die brüchige Schale des Auges gelegt hatte, fiel ihr im Moment nicht ein, doch sie konnte nicht zu Ende sinnieren. Die Priesterin wurde aus ihren Tagträumen gerissen.
"Antwortet, bitte", drängte der Prinz.
Aurelies ehrliche Worte, die daraufhin folgten, gefiel ihm nicht im mindesten.
"Was von mir erwartet wird. Ich werde tun, was von mir erwartet wird", gestand sie unschuldig, und ein Außenstehender hätte zweifelsohne die Pflichten einer Priesterin angenommen, oder das Studium des Auges von Magnus, der Prinz aber verstand weit mehr in ihrer Aussage.
Entnervt seufzend strich er mit den Fingerkuppen Aurelies Wirbelsäule nach, ehe er sich ebenfalls aufsetzte, und ihr ihre Rüstung reichte.
"Danke", hauchte sie leise, ohne ihn dabei anzusehen.
"Es ist nur Schmuck, Aurelie", erinnerte er sie scheinbar ohne jeden Zusammenhang.
Plötzlich schien sie es eilig zu haben, ihre Rüstung anzulegen. Der Prinz fragte sich, wie oft er ihr nun dabei zugesehen hatte. Ihn wurmte, dass sie ihm auswich, doch ihre Prinzipien waren eisern, und das machte sie deutlich.
"Das stimmt nicht, und das wisst Ihr", gab sie zurück, halb erzürnt, halb frustriert.
Ihre Emotionen übertrugen sich auf ihren Geliebten, als er ebenso angegriffen antwortete: "Ich will nicht, dass Ihr Euch zu ihm legt."
Aurelie schnaubte belustigt, während sie die Rüstung über ihre Schultern zog und die Verschlüsse klacken ließ. Kurz darauf erhob sie sich und wandte sich dem noch immer am Boden sitzenden Prinzen zu.
"Was gedenkt Ihr zu tun? Ich werde meinen Pflichten nachkommen, und ich kann nicht sagen, dass es mir Schmerzen bereitet. Er ist ein guter Mann, und hat mich nie schlecht behandelt."
Noch während sie sprach erhob er sich ebenfalls. Auf sie herabsehend stellte er sich ihrem kalten Blick, der ihn emotionslos durchbohrte. Seine Hand fasste sanft ihre Schulter, und er wollte etwas erwidern, irgendetwas, doch er fand nicht die Worte - im Gegensatz zu ihr. Es lag eine Form von scheltendem, entnervten Mitgefühl in ihren Augen, das ihn mehr verletzte als er erwartet hatte.
"Ich kehre zu meinem Gemahl zurück, und das bald. Wir beide wussten, dass es so enden würde."
Sie sprach die Wahrheit. Es war dumm von ihm gewesen, anzunehmen, dass es anders sein könnte. Dass sie ihren Mann verlassen könnte. Er hatte sich irgendwann während ihrer so wundervoll verbotenen, geheimen Treffen in einer Hoffnung, einem haltlosen Wunsch verloren. Zu spät war ihm klar geworden, dass sich mehr aus dieser rein körperlichen Beziehung zu entwickeln begann. Er begriff, dass diese Gefühle einseitig waren.
"In Ordnung", meinte der Schneeprinz urplötzlich kalt und schuf damit eine zuvor nicht dagewesene Distanz zu seiner Geliebten, "Dann werde ich Euch eine Eskorte bereitstellen, die Euch bei Einbruch der Nacht geleitet. Ich will der Erfüllung Eures Ehrgefühls nicht im Wege stehen."
Aurelie war versucht, einen Konter auszusprechen, doch sie tat es nicht. Sie hatte die Endgültigkeit, die diese Aussage innehaben konnte, erkannt. Einfacher würde es nicht werden. So sah sie ihren Geliebten kurz an, schwieg und wandte sich ab. Beide bauten wie schon so oft zuvor die provisorische Bettstatt ab und der Prinz kleidete sich an. Dann, nach einem unangenehmen Moment der Stille verbeugte sich Aurelie ergeben. Sie bemerkte, dass ihm Worte auf der Zunge lagen, die sie nicht hören wollte und entschloss sich, ihm zuvor zu kommen.
"Ihr braucht Euch nicht um mich zu bemühen. Ich werde sofort aufbrechen, gewährt mir nur etwas Proviant. Der Weg ist weit und ich..."
"Ein Wort von Euch", begann der Prinz in ungewohnt leiser, gequälter Tonlage und unterbrach sie damit, "Und ich begleite Euch. Bleibt an meiner Seite, Aurelie, bleibt mein. Ich fordere Euren Gemahl zum Kampf um Euer Herz und löse Euch aus Eurer Ehe aus."
Seine auffordernd ausgestreckte Hand fiel Aurelie ins Auge, doch dieses Mal ergriff sie sie nicht. Ein Moment der Sprachlosigkeit wurde von einem schmerzvollen Kopfschütteln abgelöst. Aurelie schob seine Hand von sich, während er sie mit einem Blick ansah der möglichst kalt zu sein versuchte, und doch kaum die Gefühle verbarg, die dahinter lagen.
"Der Kampf um mein Herz ist bereits gewonnen. Es tut mir leid. Ich liebe Gelebor."

So verließ sie den Schneeprinzen, sagte sich los vom Krieg, zumindest für eine gewisse Zeit.
Sie kehrte ins Heiligtum zurück, wie sie es geplant hatte, an die Seite ihres Gemahls, kehrte zurück in den Alltag ihres normalen Lebens, wenn auch mit einer kleinen Veränderung. Gelebor war darüber hocherfreut und verstand nicht, weshalb sich Aurelies Euphorie in Grenzen hielt. Die Frauen der Schnee-Elfen wurden schließlich nicht alle Tage mit einem so großen Geschenk Auri-Els bedacht, wie dem einer Schwangerschaft.
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