Double the Trouble

von Trinculo
GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Lian Shion
02.11.2017
20.11.2017
6
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4
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Kapitel 2: Des Prinzen neue Kleider


„Das ist so unfair!“

Shions Stiefelspitze donnerte zum dutzendsten Mal erfolglos gegen die Tür. Naja, nicht vollkommen erfolglos: eine kleine Kerbe hatte sich in das edle Holz geschnitten, wo er seine Wut an ihm ausgelassen hatte, und die kaum erkennbare Imperfektion füllte ihn mit grimmiger Genugtuung. Das habt ihr halt davon, wenn ihr mich einsperrt!

„Das Einzige, das nicht fair ist, ist, dass ich hier auch festsitze“, giftete Lian von ihrem Platz auf der Couch. „Du hast das Musikzimmer jedenfalls verdient.“

Niemand hat das Musikzimmer verdient“, gab Shion zurück und stapfte in Richtung einer Reihe von Streichinstrumenten, die unschuldig an der hinteren Wand angelehnt standen. Beleidigt zupfte er an einer der Saiten eines Cellos herum und erzeugte einen unmelodisches, verloren klingendes „Twäng“, das seine Stimmung ziemlich akkurat widerspiegelte.

Das Musikzimmer war sein ganz persönlicher Albtraum. Shion hatte als kleiner Junge das Schwert im Arbeitszimmer seines Vaters nur schief ansehen müssen, und schon durfte er dort den Rest seiner Tage Klaviertasten malträtieren. Was anderes gab es ja auch nicht zu tun, außer vielleicht auf dem Boden herum zu rollen und Staubmäuse unter dem Sofa hervor zu pulen...

Und nicht mal das konnte man im Musikzimmer des Grafen – der Raum hatte vielleicht die Größe von zwei Konzertflügeln, und eine Hälfte wurde von einem ebensolchem eingenommen. Das Instrument glänzte schwarz-blau wie ein gigantischer Mistkäfer und fletschte Zähne schadenfroh in Shions Richtung. Komm her, schien es zu rufen. Damit ich dich besser fressen kann! Daneben stand ein Regal mit einer breiten Auswahl von Flöten und Blasintrumenten.

Shion visierte das nächste Opfer seiner schlechten Laune an. Er stapfte hinüber und griff sich eine Klarinette, die er gleich wie eine Waffe durch die Luft schwang, um die traumatischen Erinnerungen zu verscheuchen. In diesem Moment wäre er lieber splitterfasernackt und nur mit einer Klarinette bewaffnet in die Arena gestiegen, als noch eine Sekunde länger hier zu bleiben. Na gut, vielleicht nicht ganz nackt, immerhin war die Kälte draußen schmerzhafter als seine Klavierversion des Frühlingsmarsches.

„Vater hätte mir wenigstens mein Schwert lassen können“, grummelte er.

Seine Schwester beobachtete ihn missbilligend. „Deine Obsession mit dem blöden Ding ist doch erst der Grund, warum wir hier sind!“

Er wirbelte zu ihr herum, Wut deutlich auf seinem verzerrten Gesicht. „Ach, jetzt bin ich es wieder Schuld! Du bist doch diejenige, die mir die ganze Zeit hinterher gelaufen ist und Radau gemacht hat! Ohne dich hätte niemand gemerkt, dass wir überhaupt weg waren!“

Lian straffte die Schultern. „Du hast doch mich überredet, von der Tribüne abzuhauen!“

„Und du hast das als Einladung verstanden, deine gepuderte Nase in sämtliche meiner Angelegenheiten zu stecken!“ Shion breitete die Arme aus, die Augen vorwurfsvoll aufgerissen. „Und jetzt stecken wir hier.“

„Wenn deine Angelegenheiten nicht das Plündern einer Waffenkammer und Herausfordern eines der talentiertesten Magier im Norden des Königreiches beinhaltet hätten, wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen!“, schnaubte Lian und rutschte von der Couch. Sie war immer noch eine Haaresbreite größer als Shion. „Nächstes Mal sollte ich einfach zusehen, wie der Sohn des Grafen dich in der Rüstung kocht wie ein Brathähnchen.“

Pfft! Shion stieß genervt die Luft aus. „Als ob! Dem hätte ich-“

„Gezeigt, was eine Harke ist, schon klar. Du hast aber schon gesehen, was Cesario mit seiner Magie angestellt hast, oder brauchst du eine Brille? Ach nein, warte,“ sie verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf ein Stück zurück, um ihn an ihrer Nase herab spöttisch anzusehen. „Das einzige, was du brauchst, ist ein Hinterntritt zurück in die Realität!“

„Ich trainiere seit ich fünf bin mit Vaters besten Rittern!“, keifte Shion. „Du kannst wahrscheinlich nicht mal mehr ein Schwert von einem Buttermesser unterscheiden. Kein Wunder, wenn du den ganzen Tag nur mit den Burgfräuleins im Rosengarten sitzt und Tee trinkst!“

Empört stakste Lian zu ihm herüber, um sich vor ihm aufzubauen. Ihre Augen schossen Blitze. „Da sieht man mal wieder, dass du keine Ahnung von dem hast, was außerhalb der stinkenden Trainingshallen vor sich geht,“ zischte sie giftig.

Jetzt war es an Shion, höhnisch zu gucken. „Oh, entschuldige bitte, natürlich habt ihr euch auch eure tollen Haare gemacht oder so. Nichts ernst zu nehmendes jedenfalls. Pah.“

Er trat nach dem kleinen Kaffeetisch, der vor dem Sofa stand, welcher ein Stück aus dem Weg hopste. Das kleine Deckchen darauf rutschte herunter, doch abgesehen davon passierte nichts. Sehr unbefriedigend.

„Seltsam, und warum bist du dann derjenige, der von Vater nicht ernst genommen wird?”

Das enttäuschte Gesicht seines Vaters tauchte vor Shions inneren Auge auf und er spürte einen merkwürdig klammes Gefühl in der Brust. Er gab sich die größte Mühe, es nicht zu zeigen. Er war schon fast erwachsen – vierzehn immerhin – und ein guter Prinz und Sohn wusste, seine Emotionen im Zaum zu halten. Was man von Lian nicht behaupten konnte. Ihr Gesicht war ein einziger Gewittersturm, so wütend war sie.

„Du hast überhaupt keinen Respekt,“ keifte sie. „Du bist kindisch und dämlich und hältst dich für ach so gut, aber du könntest einen Trainingsdummy nicht mal treffen, wenn er genau auf dein Schwert fällt. Und weißt du, was du noch bist?“

Shion ballte die Hände zu Fäusten. „Was?“

Kein Ritter.“

Noch nicht,“ knurrte Shion. Er drehte sich um und stampfte zum Fenster, einen bitteren Geschmack im Mund. Leider konnte man von hier den Kampfplatz nicht sehen. Stattdessen hatte er einen guten Blick auf die gräflichen Gärten, die sich etwa eine Meile um das Anwesen spannten. Keine Pflanze wuchs in den Beeten und alles Gras war von einer weißen, glatten Schneedecke bedeckt. Dahinter begann der Wald: finster und verheißungsvoll reihten sich Kiefern und Fichten aneinander, die Schatten zwischen ihnen so dunkel, dass selbst das dämmrige Nachmittagslicht verschluckt wurde. In der Ferne ragten die Berge auf, verhüllt von dichtem, tief hängendem Nebel. Ein weißer Fleck entstand dort, wo Shions Atem das kalte Glas berührte.

Vor ihm auf der Fensterbank standen ein Dutzend kupferne Spielsoldaten, die wahrscheinlich ein erwachsen gewordenes Kind einmal hier zurückgelassen hatte. Vielleicht gehörten sie einst Cesario, doch der hatte inzwischen mehr Interesse an echten Soldaten als an Spielzeug. Shion hatte die Figuren aus Langeweile mal ordentlich aufgereiht – der König mit dem erhobenen Schwert in der Mitte, umringt von seiner berittenen Garde und drum herum das Fußvolk. Ganz am Rande stand die Bauernmiliz.

Er drehte sich zurück zu seiner Schwester.

„Wenn du mich nicht aufgehalten hättest, wäre ich bestimmt einer geworden. Aber nein, du musstest ja mal wieder dein Gewissen raushängen lassen und mit in die Quere kommen! Wie immer! Lian, der Angsthase!“

„Weil ich schon vorher wusste, dass wir Riesenärger dafür kriegen würden,“ rief sie. Ihre Stimme war so dicht an Shions Ohr, dass er unwillkürlich einen Schritt zur Seite machte.

Lian interessierte es gar nicht. Sie kam nur noch näher, und ihr langer blonder Flechtzopf schwang mit der Bewegung. „Aber so weit denkst du ja nicht. Das tust du nie!“

Das letzte Wort war fast ein schriller Schrei, und in einem Moment der Wut langte sie an ihm vorbei und fegte mit einer Hand die Spielzeugsoldaten vom Fensterbrett, ehe Shion sie aufhalten konnte.

Wütend schubste Shion sie zur Seite. „Weil das nicht meine Aufgabe ist! Ich werde später mal König!“ Er langte zu Boden und hob den Spielzeugmonarchen auf. Das Metall lag kühl und vertraut in seiner Hand. Er hielt ihn Lian direkt vor die Nase. „Da!“

Lian schlug seine Hand weg. „So wirst du garantiert nicht König!“

Sie verengte die Augen zu Schlitzen, drehte sich um und marschierte zurück zum Sofa. Diese Manier kannte Shion schon – es bedeutete, dass sie ihn wahrscheinlich für den Rest des Nachmittags ignorieren würde. Normalerweise hatte er da nichts gegen, sie ging ihm ja sonst eh nur auf die Nerven, doch heute war er zu wütend, um es schleifen zu lassen.

„Weißt du, es ist gar nicht so einfach, Kronprinz zu sein,“ sagte er, laut und deutlich, um sicher zu gehen, dass sie ihn verstand, auch wenn sie sich Mühe gab, ihm nicht zuzuhören. „Das ist nicht so leicht, wie ein Mädchen zu sein. Du musst nur Bücher mit langen Sätzen lesen und nen reichen Lord heiraten, und alle lieben dich. Ich dagegen muss –“

Lian wirbelte herum. Ihre Wangen waren fleckig rot vor Zorn. „Ja? Du musst was, du aufgeblasener, engstirniger Ochse, der nie über den Tellerrand guckt?“

Shion machte gerade den Mund auf, um ihr haarklein zu erklären, welchen anspruchsvollen Pflichten er jeden Tag nachgehen musste, als sie ihm mit einer Handbewegung das Wort abschnitt.

„Wenn du dir so verdammt sicher bist, dass Prinzessin sein so einfach ist, dann kannst dus ja mal versuchen!“

Das… hatte Shion nicht erwartet. Vor Verblüffung blieb ihm der Mund offen stehen. „Hä?“

Statt einer Antwort langte Lian in ihr Haar und zog die erste Spange heraus. Dem folgten die Blüte an ihrem Zopf und die kleinen, juwelenbesetzten Clip-Ohrringe. Sie sammelte den Goldschmuck in einer Faust und knallte sie Shion auf die Brust.

Vor Überraschung konnte der nicht anders, als zurück zu zucken. „Uwaah! Was soll das?!“

„Wetten, dass du es keinen ganzen Tag lang aushältst, ich zu sein? Gib mir deine Klamotten,“ befahl Lian.

Die Herausforderung stand deutlich in ihren Augen – und wenn es etwas gab, dem Shion nicht widerstehen konnte, dann war es eine Herausforderung.

Er riss ihr die Sachen aus der Hand. „Wetten, dass du dich nicht traust, dich solange als mich auszugeben?“

„Dann mach dich bereit, unangespitzt in den Boden gestampft zu werden!“

“Der erste, der kneift, ist ein Waschlappen.” Die beiden Geschwister starrten sich an, und Shion musste an zwei Steinwände denken, die aufeinander prallten. Klein beigeben war keine Option.

Shion presste grimmig die Lippen aufeinander. Er würde nicht verlieren. Schon gar nicht gegen seine schlecht gelaunte, verräterische Schwester. Wäre doch gelacht, wenn er nicht ein paar Stunden in hohen Schuhen aushielt. Eins stand fest: er würde nicht derjenige sein, der zuerst das Handtuch warf.

Fest entschlossen schnappte er sich den ersten Ohrring aus Lians Fingern und clippte ihn an.
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