Double the Trouble

von Trinculo
GeschichteAbenteuer, Humor / P12
02.11.2017
20.11.2017
6
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Hey, ein Beitrag zum Fire Emblem Warriors - Wettbewerb von FF.de und Nintendo. Weil sich so ein Anlass immer fantastisch auf unsere Prioritätenliste auswirkt, und wir die Selbstkontrolle eines Stück Gurkenmaki haben (Uni? Was ist das? ^^°).
Dieses Prequel zu den Ereignissen von FE:W ist das Resultat der Kooperation von Trinculo und Thya Kalliope (sie hat die ganze Arbeit gemacht - ich hab vielleicht ein bisschen mit den Witzen geholfen). Manche Dinge mögen ein wenig von den Fakten im Spiel abweichen; wir sind nach unseren eigenen Vorstellungen für eine Vorgeschichte gegangen und haben uns ein paar kreative Freiheiten genommen.

Über Kommentare, Kritik und Empfehlungen würden wir uns dumm und dämlich freuen (und sollten wir tatsächlich was gewinnen, oder so: da wir uns als Studenten die teure Switch nicht leisten können, wäre das Spiel für den Nintendo 3DS fantastisch.)

Viel Spaß beim Lesen wünschen
Co-Autorinnen Thya Kalliope und Trinculo

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Kapitel 1: Brot und Scheppern


Lian stützte den Kopf in die behandschuhten Hände und versuchte krampfhaft, nicht zu gähnen. Sie konnte den verräterischen Druck im Rachen schon spüren; dieses unerträgliche, verlockende Bedürfnis, den Mund aufzureißen wie ein Löwenmaul vor dem großen Happen und ihre Langeweile als weiße Wölkchen in die Kälte hinaus zu pusten. Doch so etwas tat eine Prinzessin nicht - auch nicht, wenn sie kurz davor stand, rückwärts ins Reich der Träume zu kippen.

Irgendwo unter ihnen, hinter dem Holzgeländer der Tribüne, ertönte das scharfe Klirren kollidierender Schwerter. Eisen kratzte auf Bronze wie Kreide auf einer Tafel, dann erklangen ein Aufschrei und das Scheppern einer Klinge auf gefrorenem Boden.

Vorbei, dachte Lian, die von ihrem Platz hinter dem Königspaar nicht einmal den Sand des Turnierplatzes sehen konnte. Da waren es nur noch Siebzehn. Wieso habe ich kein Buch mitgebracht?

Das Kribbeln in ihren eingeschlafenen Füßen wurde stärker und sie streckte die Beine vor sich aus. Ein scharfer Schwefelgeruch wehte vom Platz herauf und Lian lehnte sich ein Stück vor. Die Luft knisterte vor Spannung. Unsichtbare Funken tanzten über ihre Haut und ließ die feinen Härchen auf ihren Armen zu Berge stehen.

Der Magier auf dem Platz sprach seine Formel und die schwirrende Energie ballte sich zusammen wie ein Gewittersturm, wirbelte hinunter Richtung Ziel und entlud ihre ganze Kraft mit einem ohrenbetäubenden Donnern. Schnee sprühte auf, so hoch, dass ein paar Flocken bis auf die Tribüne geblasen wurden.

Lians Vater, auf dem Sitz vor ihr, nickte anerkennend in seinen dicken Fellkragen. „Euer Sohn ist wirklich beeindruckend, Aegon.“

Der bärtige Mann zu seiner Linken zuckte die Schultern, als sei es keine große Sache, dass sein Sprössling wahrscheinlich gerade mit nur einem Wort die Haare eines der besten Ritter des Landes in Brand gesetzt hatte. „Er verlässt sich vollkommen auf seine einzige Stärke. Sein Mangel an Flexibilität ist beunruhigend.“

Etwas pikte Lians Arm. Stur hielt sie den Blick auf ihren Vater und den Grafen gerichtet. Obwohl die beiden leise miteinander redeten, blieben sie auf Abstand, und es schien Lian, als wäre die Stimmung zwischen ihnen so kalt wie die frühwinterliche Mittagsluft.

„Trotzdem, sein Händchen für Magie ist nicht zu verachten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Mann seines Talents eines Tages Euren Platz als Hüter der Nördlichen Grenze übernehmen könnte“, sagte der König mit einem abwägenden Seitenblick. „Graf Cesario, das klingt doch nach was.“

„Diese Entscheidung liegt in Eurer Hand, Bruder, nicht meiner. Aber–“, fuhr Graf Aegon ungerührt fort und klopfte auf ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen neben sich, „– wenn er sich heute beweisen kann, soll er meinen Segen haben.“

„Mit den Unruhen im Norden brauchen wir solch fähige Männer. Ähm -“, der König räusperte sich. „- nicht, dass Ihr nicht selbst äußerst fähig wärt. Wisst Ihr schon genaueres?“

Graf Aegon stieß die Luft aus und wirkte für eine Sekunde wie ein missgestimmter, haariger Drache. „Es gab ein paar seltsame Vorfälle. Die Leute sind verängstigt und reden von irgendeiner Dunkelheit, die aus den Bergen herunter kommt und ihre Dörfer verschlingen will. Völliger Unsinn.“

Das Stechen wanderte Lians Arm hinauf zu ihrer Schulter. „Psst! Lian!“

„Das ist besorgniserregend“, sagte der König. „Vielleicht sollten wir uns persönlich ein Bild von der Lage machen?“

„Das wird nicht nötig sein“, wehrte Graf Aegon ab. „Bis jetzt sind ja alle Vermissten wieder aufgetaucht.“

„Lian! Hey!“

Lian drehte sich um und fuhr ihren Bruder gereizt an. „Was?!“

Shion grinste so breit, dass seine Zähne im Dämmerlicht der Tribüne weiß strahlten. „Denkst du, was ich denke?“

„Dass man Pegasi vor der Schlacht die Mähne zu Zöpfen flechten sollte, wenn es schon niemand übers Herz bringt, sie zu stutzen, damit ihre Reiterinnen die heranfliegenden Pfeile auch mal sehen und nicht immer von oben davon überrascht werden? Stimmt, das wäre eine solide Maßnahme.“

Shion blinzelte. „Ähm, ja. Nein.“ Er hob sein Holzschwert, mit dem er Lian gepiesackt hatte, und deutete damit Richtung Kampfplatz. „Ich sollte da unten sein.“

Lian verdrehte die Augen und kassierte einen Stich in den Oberschenkel. Wütend zog sie ihr Bein weg. „Lass das!“

„Kinder“, mahnte eine andere Stimme und die Zwillinge drehten sich ertappt zu ihrer Mutter um. Die Königin, heute mit einer komplizierten Frisur aus goldenem Haar und Spangen auf dem Kopf, die schwer genug aussahen, um Migräne zu verursachen, runzelte die erhabene Stirn.

Lian setzte sich gerade hin. „Entschuldigt, Mutter. Shion wars.“

„Mir egal, wer es war. Benehmt euch bitte, wie es eurem Alter geziemt, sonst verbringt ihr den Rest des Tages im Musikzimmer, verstanden?“

Lian lief es eiskalt den Rücken herunter. Bloß nicht das Musikzimmer! Ihre Ohren schmerzten immer noch vom letzten Mal, als Shion versucht hatte, Klavier zu spielen. „Ja, Mutter“, sagte sie schnell.

Die Königin sah sie noch einen Moment strafend an, dann glitt ihr Blick zu Shion, der zumindest das Schwert senkte. Zufrieden wandte sie sich wieder nach vorne, überzeugt davon, dass ihre Mahnung angekommen war. Unten begann das nächste Duell.

Kaum, dass sie nicht mehr hinsah, lehnte sich Shion zu seiner Schwester. „Denen da unten würde ich schon zeigen, was eine Harke ist!“

Als ob du eine Harke von einer Haarbürste unterscheiden könntest. „Sei einfach still“, bat Lian resigniert.

Auf dem Kampfplatz ächzte eine Rüstung, die mit nach Schwefel miefender Magie bombardiert wurde.

„Komm schon“, drängte Shion. „Ich weiß, dass dir genau so langweilig ist wie mir.“ Er schwang sein Schwert - das er gefühlt jede Minute jeden Tages in der Hand hielt - probehalber ein paar Mal durch die Luft. Lian wünschte sich, sie hätte ein Buch und Ohrstöpsel mitgebracht, dann hätte sie wenigstens sein “männliches” Grunzen nicht mehr hören müssen. „Denk doch nur, was du mit der Zeit, die wir hier vergeuden, alles machen könntest. Die Bibliothek durchlesen! Den hübschen Knappen hinterher schmachten! Die korrekte Gabel für die Salatbeilage lernen!“

Lian bedachte ihren Bruder mit einem genervten Blick. Wie schwer es doch war, die Ältere zu sein. „Mutter würde uns umbringen. Und Vater erst.“

Shion machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das erfahren die gar nicht. Die freuen sich doch, wenn wir endlich die Klappe halten. Komm schon“, bettelte er. „Ich würde lieber nen Sack rohes Mehl essen, als noch länger hier herum zu sitzen!“

Lian biss sich auf die Lippe. Von hier zu verschwinden klang schon irgendwie verlockend. Die Bretter vor ihnen waren in den letzten Minuten auch nicht spannender geworden - geschweige denn die Hinterköpfe ihrer Eltern. Zudem kroch ihr langsam die eisige Winterkälte unter den Rock. Sie blickte in Shions erwartungsvolles Gesicht und seufzte geschlagen. „Aber wehe, du stellst irgendetwas an und ziehst mich da mit rein.“

Mit einem breiten Grinsen rutschte Shion von seinem Stuhl und schlich rückwärts zur kleinen Treppe, die von der Tribüne herunter führte. Lian folgte ihm unauffällig. Kaum, dass sie beide außer Hörweite waren, drehten sie sich um und polterten herunter, so schnell es die vom Eis glitschigen Stufen zuließen… und liefen prompt in einen Wachmann hinein.

„Ups, ups, keine Absicht“, rief Shion und wollte an ihm vorbei schlüpfen, doch die Wache packte ihn am Kragen.

„Ich habe strikte Befehle, niemanden vorbei zu lassen, Hoheit. Das gilt in beide Richtungen.“

„Aber, aber – hey, lass mich los! Ich kann es erklären!“ protestierte Shion und zappelte wie ein gestrandeter Fisch. Die Wache setze ihn ab. Shion richtete sich auf und zupfte sein Wams zurecht.

Die Wache hob die eine Hälfte seiner buschigen Monobraue.

„Ja. Also“, begann Shion und wandte sich hilfesuchend an seine Schwester. „Wir, ähm, sind nicht ohne Grund hier? Stimmts, Lian?“

Lian nickte ernst. In der eisigen Luft prickelte ihre Nasenspitze. „Jep.“

Danke für Nichts, sagte Shions Blick. Er kratzte sich am Hinterkopf. „Ähh, meine Schwester... muss sich die Nase pudern! Und ich muss… die Puderdose halten!“

Lian stöhnte.

Die Wache verzog das faltige, von der Kälte blass gewordene Gesicht. „Ja, sicher. Zurück nach oben mit Euch.“

Shion ließ die Schultern hängen. „Na gut. Aber bitte sagt Mutter und Vater nicht, dass Ihr uns -”, Shion unterbrach sich und schnappte theatralisch nach Luft. „Da kommt jemand!“

Kaum hatte die Wache sich umgedreht und die Lanze empor gerissen, schnappte sich Shion Lians Arm und zog sie mit, als er sich in den Schatten der Zuschauertribünen warf.

„Halt!“ rief die Wache hinter ihnen, so als erwarte er, dass sie tatsächlich stehen blieben. War doch klar, dass das nicht funktionieren würde! Sie schlüpften unter Querbalken hindurch und wichen dem ein- oder anderen über die Sitzbretter heraushängenden Zuschauer-Hintern aus, bis sie eine unbesetzte, windgeschützte Nische in einem Aufgang fanden, von der aus man eine bessere Aussicht auf die Arena hatte.

Dort machte sich Cesario, gekleidet in eine weite Magierrobe mit goldenen Stickereien, die Rechte um den Rücken eines schweren Zauberbuchs gekrampft, gerade daran, seinen sechzehnten – oder war es schon der siebzehnte? – Gegner zu plätten. Er hob die freie Hand. „Elfendonner!“

Die Luft um ihn herum begann zu flimmern. So nah dran fühlte Lian die Magie wie die schwitzige Hitze eines drückenden Sommertags, an dem jeder Atemzug in den Lungen brannte. Auch Cesario schien unter dem Effekt zu leiden, denn kaum, dass der blonden Ritterin der Fluch um die Ohren zischte und sie scheppernd zu Boden ging, stützte er die Hände auf die Knie und rang nach Luft.

Eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt, um… Lian piekste Shion. Die Statik entlud sich zwischen ihnen und er machte quiekend einen Satz zur Seite.

Sie blinzelte unschuldig. „Ups. Schon irgendwie cool, ne?“

Shion rieb sich den Handrücken. „Ja, ja, ganz -- “, er stoppte, den Mund noch geöffnet. „Oooh, weißt du was? Ich gehe da raus und fordere ihn zum Kampf! Den Bücherwurm mach ich fertig!”

„Bist du ir- Shion!“, begann Lian, doch er hörte sie nicht mehr. Er hatte sich bereits unter den Trennstangen hindurch gequetscht und im Sprint auf den Weg zur Waffenkammer gemacht. Wenn man das überhaupt als Sprint beschreiben konnte - auf dem vereisten Boden verloren seine Stiefel immer wieder den Halt, sodass er nur halb laufend, halb hüpfend voran kam. Er sah ein bisschen aus wie eine einbeinige Ente, die versuchte, den Regen herbei zu tanzen. Eine sehr kampfeslustige Ente.

Lian spähte schnell nach rechts und links, um sicher zu gehen, dass sie nicht beobachtet wurde, und folgte ihm. Wenn auch nur, weil sie wusste, dass ihre Eltern ohnehin einen Weg finden würden, sie beide für Shions Unfug verantwortlich zu machen.

Bei der Waffenkammer am Rande des Platzes handelte es sich um den äußersten Raum des Westflügels der Grafenburg, der gleichzeitig auch die Quartiere der Ritter beherbergte. Heute stand, wahrscheinlich aufgrund des steten Kommen und Gehens, nur ein verschnupfter Knappe davor Wache, und das nicht besonders aufmerksam. Lian sah, wie Shion einfach selbstbewusst an ihm vorbei spazierte, als hätte er etwas Wichtiges zu erledigen, und der Bursche nicht mal den Kopf hob.

Dafür war er allerdings umso aufmerksamer, als Lian dasselbe versuchte. Wahrscheinlich, weil ihr flatternder Winterrock nicht gerade 'Turnierteilnehmer' schrie.

„Halt!“ Er stand stramm. „Es tut mir leid, aber ich kann Euch nicht vorbei lassen.“

Lian richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Da sie immer noch kleiner war als der Knappe, blieb der gewünschte Effekt ein wenig auf der Strecke. „Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder“, sagte sie und setzte ihr lieblichstes Lächeln auf. „Er hat einen schrecklich schlechten Orientierungssinn und verläuft sich dauernd auf dem Weg zur Toilette.“

Der Knappe machte ein verblüfftes Gesicht. „Den Prinzen habe ich hier nicht vorbeikommen sehen.“

Kein Wunder, wenn du die ganze Zeit auf deine Füße starrst.  „Dann solltet Ihr vielleicht ein wenig aufmerksamer sein, er ist gerade vorbei gelaufen.“ Lian langte unter seinem Arm hindurch und stieß die angelehnte Tür auf. Tatsächlich kam dahinter Shion zum Vorschein, der in der Mitte des Raumes saß und versuchte, seinen Fuß in eine Beinröhre zu zwängen. Er war so konzentriert dabei, dass er seine Beobachter überhaupt nicht bemerkte. Seine Zunge lugte aus seinem rechten Mundwinkel.

„Ähm“, machte der Knappe.

„Meine Lippen sind versiegelt, wenn Eure es auch sind“, flötete Lian und rauschte an ihm vorbei. „Shion!“

Ihr Bruder drehte sich um. Über seinen Oberschenkeln lag ein grünes Schwert, dessen Farbe sich grässlich mit seinen Haaren biss. Das war typisch Shion, sich die geschmackloseste Waffe im Raum auszusuchen. „Da bist du ja. Hilf mir mal.“

„Vergiss es.“ Sie verschränkte entschieden die Arme vor der Brust. „Mutter und Vater würden das hier sicher nicht erlauben.“

Shion blies die Backen auf. „Spielverderberin.“

„Zieh das aus. Wir gehen wieder zurück.“

„Auf keinen Fall!“

„Doch!“

Lian packte ihren Bruder am Schlafittchen und zog, doch er rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen lehnte er sich mit einem Ruck dagegen. Leider hatte er seine Kraft unterschätzt und Lian stolperte und fiel auf ihn. Sie landeten mit einem dumpfen „Umpf“ in einem Knoten aus Gliedmaßen und Rüstungsteilen.

„Geh von mir runter“, knurrte Shion. „Du wiegst mehr als ein Pferd! Vom Gewicht her sind wir garantiert keine Zwillinge!”

„Wenn ich ein Pferd bin, dann bist du ein ganzer Wyvern“, keifte Lian zurück und stützte beim Aufsetzen die Hand auf seinen Bauch.

„Ey!“ Shion machte ein Geräusch wie ein erstickendes Rebhuhn. Er rollte sich unter ihrer Hand weg und Lian gab ihm einen Schubs. Mit einem Aufschrei kullerte Shion direkt in die nächste Ritterrüstung, die scheppernd zu Boden ging.

„Das hast du jetzt davon“, sagte Lian triumphierend und wollte ihrem Bruder gerade die Hand hinstrecken, um ihm aufzuhelfen, als sie bemerkte, dass die am nächsten stehende Rüstung gefährlich schwankte.

„Shion, pass auf!“

Lian und ihr Bruder konnten nur wie festgefroren zusehen, wie Unheil die bis dahin friedliche Waffenkammer - naja, so friedlich wie ein Raum zur Aufbewahrung von Kriegsgeräten eben sein konnte - heimsuchte. Die Rüstung schwankte noch einen Moment, so als überlegte sie es sich noch ein letztes Mal, und kippte dann vornüber. Mit einem infernalischen Krachen, das im ganzen Anwesen zu hören gewesen sein musste, donnerte sie in einen Stapel Kisten, der einknickte wie ein Turm aus Bauklötzen.

Was folgte, war eine Kettenreaktion, wie sie im Buche stand. Die Kisten rissen gleich die nächste Rüstung und einen Ständer mit Lederjacken um, der gegen das Fenster knallte und einen Teller Obst zur Seite fegte. Ein Dutzend matschiger Orangen ergossen sich über den Fußboden und blieben mit einem feuchten Platschen dort liegen, wo sie aufkamen. Eine von ihnen wurde von einer fallen Axt gespalten, dass der Fruchtsaft nur so spritzte. Speere klapperten zu Boden, Brustplatten schepperten hinterher. Man hätte meinen können, ein Blitzkrieg wäre ausgebrochen.

Als das Chaos um sie herum endlich zum Stillstand kam, war das einzige, das noch stand, ein einsamer, aus Sandsäcken und Holzstangen zusammen gebastelte Trainingsdummy hinter der Tür, der traurig auf das Schlachtfeld zu starren schien.

Unheilvolle Stille senkte sich über den Raum.

Die Zwillinge wechselten einen alarmierten Blick.

Shion hob langsam die Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf die erste Ritterrüstung, die zur Hälfte über ihm lag. „Das ist hundertprozentig ganz allein deine Schu –“

Die Tür zur Waffenkammer flog auf und traf den armen Trainingsdummy voll ins Gesicht. „Shion! Lian!“

Der König stand im Türrahmen, beide Arme in die Seiten gestemmt. Sein roter Mantel wehte um seine Schultern wie ein Schatten aus Blut. Er warf einen Blick durch den Raum und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. „Nicht schon wieder.“

Shion sprang auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. Dann schüttelte er sich den Beinschutz vom Fuß. Lian folgte seinem Beispiel etwas langsamer.

„Vater...“

Der König hob die Hand. „Ich will es nicht hören“, sagte er.

„Wir können es erklären“, rief Lian.

„Lian wars“, rief Shion. Er wurde ignoriert.

„Auch von dir nicht, Lian“, sagte der König streng. „Ich bin sehr enttäuscht von euch beiden.“

„Aber Shion hat angef–“

Bitte was?!“, quiekte Shion. „Du bist doch diejenige, die mich nicht in Ruhe lassen wollte!“

„Genug jetzt.“ Entschieden wandte sich der König an einen der beiden Ritter seiner Leibgarde. „Bringt meine Kinder hinauf ins Musikzimmer. Dort werden sie die Zeit bis zum Abendessen verbringen.“

„Was?!“, riefen Lian und Shion wie aus einem Mund.

„Alles, nur nicht das Musikzimmer!“

„Vater! Kannst du Shion nicht woanders -“

Ein Blick ihres Vaters brachte sie beide zum schweigen. Das hielt Lian jedoch nicht davon ab, ihren Bruder böse anzufunkeln. Das hast du ja wieder super hingekriegt, Blödmann!

Als sie mit beschämt hängenden Köpfen an ihrem Vater vorbei stiefelten, einem ganzen Nachmittag langweiligem Hausarrest entgegen, streckte ihr Shion die Zunge heraus.