Das Schicksal ist ein mieser Verräter

KurzgeschichteHumor, Schmerz/Trost / P6
Isaac Lidewij Vliegenthart Peter van Houten
01.11.2017
01.11.2017
1
1906
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Der Besuch von Hazel Grace Lancester und Augustus Waters hatte Peter van Houten nicht geändert. Er hatte nicht auf magische Weise aufgehört zu trinken, noch hatte er angefangen, ein netter Mensch zu sein. So etwas passiert in Filmen mit 90 Minuten oder in Büchern auf den letzten 40 Seiten.

Aber Peter van Houten hasst sowohl 90 Minuten Filme als auch Happy Ending Bücher. Außerdem war sein Leben, sollte man auf die fatale Idee kommen, es mit einem Film zu vergleichen, gerade einmal bei den 45 Minuten angekommen.

Hazel Grace hatte hingegen ihre 90 Minuten Marke vor zwei Tagen geknackt, wie es die Todesanzeigen von Indianapolis angaben.

Sie war fast 19 geworden, rechnete Peter van Houten mit zwei Gläsern Scotch intus aus. Sie war genauso fast 19 gewesen, wie seine Tochter fast ein schönes Leben gehabt hätte und er fast kein Arschloch geworden war.

Fast war ein dehnbarer Begriff. Ihre Eltern würden ihn dafür verwenden, dass Hazel Grace fast ein Erwachsener gewesen wäre und viel länger gelebt hatte, als die Ärzte sich jemals erhofft hatten.

Für Peter van Houten war die Bezeichnung von fast gleichzusetzen mit dem Begriff nicht.

Hazel Grace war nicht fast 19 geworden. Sie war tot.

Seine Tochter hatte nicht fast ein schönes Leben gehabt. Ihr Leben war qualvoll und schrecklich gewesen.

Und er war nicht fast kein Arschloch geworden. Er war ein zynischer, alkoholabhängiger Idiot.

Fast symbolisiert keine Hoffnung. Fast symbolisiert nur das Versagen.

Und trotzdem nagte etwas am Rande seines Gedächtnisses. Es nagte und kratzte und fühlte sich so an, wie eine Ratte, die versuchte einen Müllsack aufzunagen. Peter van Houten nannte sie Klaus.

Klaus nagte also, und kratzte und schabte und ließ sich nicht durch Alkohol oder Tabletten kurieren. Nicht durch stundenlange Spaziergänge und auch nicht durch endlose Monologe mit der Wand. Peter van Houten wusste sehr genau, was Klaus wollte. Und er weigerte sich vehement, darauf einzugehen.

„Schreib“, sagte Klaus und versuchte den Müllsack, symbolisch gesehen für Peter van Houtens Gedanken, obwohl, nein, nicht symbolisch, seine Gedanken waren verrottender Mist, aufzunagen. Der Schriftsteller hatte keine Ahnung, was Klaus damit bezwecken wollte, ob er daran glaubte, dass das hier ein 90 Minuten Film war und deshalb stritt er sich.

Er stritt sich betrunken mit einer imaginären Ratte in seinem Kopf über den wilden Drang, zu schreiben.

Es war pervers, dass Hazel Grace ihn angefleht hatte weiterzuschreiben. Dass Augustus Waters ihn dazu angehalten hatte. Und jetzt wo beide tot waren, da klickte es in seinem Kopf und wollte gar nicht mehr aufhören zu klicken. Wie kleine Rattenfüße auf Küchenfließen.

„Ich schreibe keine Fortsetzung“, sagte er laut lallend in einen leeren Raum. Er war sehr viel allein, besonders, da er noch keine neue Assistentin gefunden hatte. Oder finden wollte. Er hatte die Rothaarige Schönheit wirklich gemocht, was sich für ihn so seltsam angefühlt hatte, als würde er eine Kakerlake als süß bezeichnen.

Aber in seinem Kopf drehte es sich gar nicht um „Ein herrschaftliches Leiden“. Dass war das Schlimmste. Es waren neue Ideen. Neue Geschichten. Neue Figuren.

„Ich schreibe nicht mehr“, sagte Peter van Houten während seine Finger auf der Tastatur tippen. „Ich schreibe verdammt noch mal nicht mehr.“ Und trotzdem füllte sich Seite um Seite mit dieser neuen Welt, mit dieser neuen Person, die in seinem Kopf herumschwirrte, als wäre sie ein Schmetterling auf Koks.

„Ich schreibe wieder“, sagte Peter am nächsten Morgen zu einer sehr geschockten Lidewij Vliegenthart. Er hatte sie sehr lange sehr gut bezahlt und wenn er irgendetwas davon haben sollte, dann war es doch mindestens, dass sie ihn ins Irrenhaus steckte, bevor er einen großen Fehler begann.

Wie ein zweites Buch zu schreiben.

Das Problem, dem sich auch Klaus bewusst war, deshalb hatte er ihn wahrscheinlich auch hinterhältigerweise zu Lidewij mit dem schlimmsten Kater seines Lebens geschickt, war, dass sie begeistert war.

„Das ist wundervoll“, sagte sie und dann zog sie Peter van Houten in ihre Wohnung. Peter van Houten war noch nie in ihrer Wohnung gewesen. Rein theoretisch hatte er gewusst wo sie wohnte, aber er hatte sie immer versucht als ihr nicht mehr Wichtigkeit zuzuschreiben, wie er es mit Nebenfiguren tat.

„Das ist schrecklich“, hielt er dagegen und dann stritten sie sich. Über Hazel, über Augustus, über das Leben, über seine Alkoholsucht und darüber, dass die lilanen Vorhänge eines Tages dazu führen würden, dass die Menschheit zugrunde ging. Sie gewann, wie sie schon damals gewonnen hatte, als sie in seine Wohnung gestürmt war und den Brief verlangt hatte, den ihm der Bursche geschrieben hatte.

Diesmal schaffte sie es jedoch ohne ihren muskelbepackten Freund.

„Ich trinke“, sagte Peter van Houten in einem Kreis voll armseliger Gestalten in einem armseligen Keller in einem armseligen Haus. „Und die einzigen die damit ein Problem haben, sind meine Mitmenschen.“

Klaus kratzte und schabte und zerrte an seinen Gedanken, immer und überall. Sogar bei dem Treffen der Anonymen Alkoholiker, zu dem er nicht gehen wollte.

Er tat in letzter Zeit eine Menge Dinge, die er nicht tun wollte.

„Meine Tochter ist an Krebs gestorben. Ich trinke. Ich vergraule Menschen. Ich will nicht hier sein. Mein Name ist Peter.“

„Hallo Peter“, begrüßten ihn die anderen. Alles Leute mit Problemen. Er wünscht sich, Stift und Papier zu haben. Er wünscht sich seinen Laptop. Aber Lidewij hat es ihm verboten. Sie hatte diese Bedingung gestellt. Nüchtern werden. Ein Buch schreiben. In der Reihenfolge.

Er hasste diese Frau. Er überlegte, sich heimlich zu besaufen und dann von einer der unfassbar vielen Brücken zu stürzen, die es in Amsterdam gab. Wieso gab es eigentlich so viele Brücken? Und so viele Fahrräder?

Alles ist trostlos. Es ist so gezwungen fröhlich, so gezwungen herzlich. Alle waren sie hier, weil sie ein Problem hatten.

Und Klaus kratzte weiter.

„Ich bin der letzte der übrig ist“, sagt der blinde Junge, den Peter van Houten nicht hatte kennenlernen wollen aber es nun doch getan hatte. Es war ein Muster, ein verdammtes Labyrinth, durch das eine Ratte rannte, immer nach der Suche nach dem Käse.

„Das ist seltsam. Wir waren eine Art Trio gewesen. Obwohl, eigentlich war ich das dritte Rat an ihrer kitschigen Romanze. Aber jetzt bin ich der letzte der übrig ist.“

Peter van Houten nickt, obwohl er wusste, dass ihn der andere nicht sehen kann.

„Und Sie sind das Arschloch, das „Ein herrschaftliches Leiden“ geschrieben hat“, führte Isaac, sein Name ist Isaac wie sich Peter erinnerte, fort. „Ich höre es als Hörbuch, um irgendetwas zu haben, was mich noch zu ihnen verbindet.“

„Aha“, sagte Peter van Houten und starrte unschlüssig auf die Sonnenbrille des anderen. Wo sah man bei einem Blinden hin? Musste man trotzdem Augenkontakt aufrechthalten, auch wenn rein theoretisch, das Gegenüber, keine Augen mehr hatte? War das politisch unkorrekt so zu denken?

„Ich schreibe wieder“, sagte er und Isaac zog eine Augenbraue hoch. Auch wenn Peter seine Augen nicht sehen konnte, weil sie nicht mehr existierten, weil der Krebs sie ihm genommen hatte, vermutete, dass sie ihn ironisch ansehen würden.

„Hazel war die mit dem Litheratur-Gen. Und dann hat sie Gus mit dem Buch angesteckt. Ich bin der Videospielende Blinde in der Gruppe.“

Peter van Houten würde dem Jungen sagen, dass er aufpassen sollte, nicht anzufangen zu trinken. Er hörte sich nämlich gefährlich nach einer jüngeren Version von sich selbst an.

„Geht es in dem Buch um Krebs?“ bohrt der Junge nach, denn auch wenn er so tat als würde es ihn einen Dreck interessieren, aber er war neugierig. Vielleicht passierte nicht viel in seiner Welt, jetzt, da seine Freunde alle tot waren.

„Ja.“ „Aber es wird keine Fortsetzung?“ „Um Himmels Willen nein, ich schreibe keine Fortsetzungen!“

Isaac lehnte sich in seinem Computerstuhl zurück und schien nachzudenken.

„Schreiben Sie über Hazel und Gus“, sagte er dann in einem Ton, der eher wie ein Befehl klang.

„Ich hasse Liebesgeschichten und Happy Endings“, konterte Peter van Houten, um zu kaschieren, dass die Personen tatsächlich ein wenig an Hazel Grace Lancester und Augustus Waters angelehnt waren.

„Sie sind tot. Sie haben kein Happy Ending“, sagte der Junge trocken. Konnte er noch weinen? Er konnte ganz sicher noch weinen. Es waren ja seine Augen, nicht seine Tränendrüsen.

„Es könnte sein, dass es etwas daran angelehnt ist“, lenkte er ein, um nicht an Glasaugen zu denken.

„Und jetzt wollen Sie von mir wissen, wie sie denn so waren, wenn sie nicht verliebt durch Amsterdam streiften, oder ihr Idol fertigmachten?“

„So in etwa. Außerdem hat meine Assistentin darauf bestanden. Sie sagt, es täte mir gut, einmal aus dem Haus zu kommen.“ Peter van Houten gab sich wirklich sehr viel Mühe, es wie eine Tortur aus einem Saw Film klingen zu lassen. Es gelang ihm, seiner Meinung nach, ziemlich gut.

„Sie sind ja echt ein Sonnenschein“, sagte der Junge, aber er lächelte ein wenig, und das war doch schon einmal ein Anfang.

„Ich bin seit einem Monat nüchtern mein Junge und Klaus lässt mich nicht in Ruhe.“

„Wer ist Klaus?“

„Das Ding, dass mich zum Schreiben zwingt. Meine „Muse“.“

„Sie haben ihre Stimmen im Kopf nahmen gegeben? Sie sollten sich das mit dem nüchtern sein gut überlegen.“

Peter van Houten lachte. Es klang bröcklich und fast wie eine knarrende Tür.

„Klaus ist keine Stimme, er ist eine verdammte Ratte, die an einem Müllbeutel zerrt und durch ein Labyrinth läuft.“

Isaac sah, zu seiner Verteidigung, nicht im geringsten Überrascht aus. „Aha“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Genau“, sagte Peter van Houten und zückte einen Block. „Aha.“

Peter van Houten schrieb eine Liebesgeschichte. Was ein Paradox sein sollte, es aber leider nicht war. Er schrieb eine Liebesgeschichte und war zufrieden damit. Sein Leben war völlig außer Kontrolle geraten.

Es war keine besonders schöne Geschichte. Sie war realistisch, und die Realität war nicht schön. Die Realität war ein mieser Verräter.

Und Peter van Houten schrieb und schrieb und hörte auf zu trinken und telefonierte mit Isaac und musste Lidewij nicht dafür bezahlen, dass sie Zeit mit ihm verbrachte.

Sein Leben war ein verdammter 90 Minuten Film geworden und an manchen Tagen brachte ihn das so zur Weißglut, dass er sich betrinken, den Kontakt zu Isaac abrechen und kein Wort mehr mit irgendjemanden sprechen wollte.

Aber dann sah er sich die Seitenangabe bei Word an und dachte daran, dass Hazel Grace 90 Minuten Filme bestimmt auch verabscheut hatte, genauso wie Augustus Waters. Und die Tatsache, dass sie trotzdem am Ende so etwas wie Glück gefunden hatten, war wichtig.

Für all die Hazels und Augustus’. Und vielleicht auch ein wenig für Peter van Houten selbst.

Obwohl er sich das nie eingestehen würde. Nüchtern werden, Buch schreiben, Sozialkontakte knüpfen. Die Selbstreflexion und der Optimismus musste noch etwas warten. Man konnte immerhin auch von einem Litherarischen Genie nicht allzu viel auf einmal erwarten.

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Also, in meiner Fantasie schreibt Peter van Houten nicht, das Schicksal ist ein mieser Verräter. Aber so etwas ähnliches.
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LG Anemonenfisch
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