Gefangen in der Dunkelheit

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
01.11.2017
15.03.2019
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Freiheit.
Ich kenne das Gefühl von Freiheit. Man nimmt alles, was man berührt, umso deutlicher wahr. Alle Lasten, die man trägt, fallen einem von der Schulter. Dieses Gefühl hat man zum Beispiel, wenn man im Urlaub ist. Oder, wenn man high ist. Durch Drogen kann man alles wahrwerden lassen. Man zaubert sich die Welt, wie sie einem gefällt. Und wenn du drauf bist, hast du das Gefühl, es hört niemals auf. Doch es hört immer auf.
Ich erinnere mich an frühere Partys, an denen ich immer begeistert teilnahm. Bei den besten waren immer Drogen im Spiel. Angefangen hat es mit Alkohol und Gras. Später stieg ich auf Ecstasy um. Ich war auf Anhieb begeistert von diesen Pillen, genoß das Gefühl drauf zu sein. Die Musik, die Berührungen der Menschen - alles war so intensiv. Mein Gefühl von Müdigkeit wurde unterdrückt, bis ich irgendwann nach Hause und runter kam.
Runterkommen ist ganz einfach zu erklären: man wird zurück in die Realität geworfen. Das fehlende Hungergefühl ist dabei das kleinste Problem. Viel schlimmer sind die Depressionen, die einem zu verschlingen drohen. Und die schreckliche Realität, in der man sich befindet.
In der Eric sich nun wieder befindet. Die ganze Zeit über hat er kein Wort mehr gesagt. Er ging still neben mir den anderen Vampiren nach, versuchte, das Geschehene zu verstehen.
Nun sind wir wieder im Konferenzsaal. Die Vampire, die immer noch high sind, schwärmen von ihrer angeblichen Begegnung mit Lilith. Ich stütze mich derweil genervt an einen der Sofas ab. Eric steht hinter mir, eine Hand auf meinen Rücken platziert.
Innerlich schüttle ich meinen Kopf. Sie sollten sich mal selbst hören und erst mal ansehen. Die Münder und Kleider voll Blut beschmiert, abgesehen von den zerzausten Haaren! In meinen Augen machen sie sich mehr als lächerlich.
"Für diese Nacht hatte ich genug Spaß", sagt Eric dann und wendet sich zum Gehen ab. "Kommst du?" Er hält mir seine Hand hin, die ich ohne zu zögern ergreife. Eric schaut Bill noch auffordernd an, der nur leicht seinen Kopf schüttelt und sich zu den anderen wieder dreht.
Dann eben nicht, denke ich bissig und verlasse mit Eric den Saal. Nora winkt uns - vielleicht auch nur Eric - hinterher.

"Was ist denn geschehen?", frage ich, bevor die Tür in meinem Zimmer ins Schloss gefallen ist.
Eric sieht mich mit einem Ausdruck im Gesicht an, den ich wirklich noch nie bei ihm gesehen habe.
"Was ist", frage ich erneut. "Was hast du gesehen?"
"Es war kein normales Vampirblut", sagt er nur und setzt sich zu mir aufs Bett.
"Das ist mir schon klar, aber was hast du in der Gaststätte gesehen? Abgesehen von Godric."
Er dreht seinen Kopf in meine Richtung und seine blauen Augen mustern mich von oben bis unten. Dann wendet er ihn wieder ab und schüttelt ungläubig den Kopf. "Das war nicht real."
"Was denn? Was hast du gesehen? Lilith?"
Da er mir keine Antwort gibt, deute ich das mal als ja.
"Wie sah sie aus?"
"Wie du", sagt er nach eine langen Pause tonlos.
Jetzt bin ich es, die den Blick abwendet. Okay, Lilith ist meine Zwillingsschwester, aber mir war nicht bewusst, dass sie auch mein Ebenbild ist. Wie soll es denn jetzt weitergehen, wenn die anderen Mitglieder der Autorität ihren Rausch ausgeschlafen haben und herausfinden, dass wir das gleiche Aussehen haben? Sie können mich nicht töten, da ich unsterblich bin. Aber Vampire sind immer noch stärker als ich. Ich kann nicht erklären, wieso das der Fall ist, aber es entspricht der Wahrheit. Kurz nach meiner Rückkehr aus der... Hölle?, meinte Eric, ich bräuchte womöglich noch Jahrhunderte, bis ich meine Fähigkeiten voll im Griff habe.
Ich spüre Erics Finger, die über mein Kinn streichen und meinen Kopf in seine Richtung drehen. Tief durchdringen seine ozeanblauen Augen meine giftgrünen. Sein Daumen streichelt behutsam über meine Wange.
"Ich war high. Es kann gut möglich sein, dass ich tatsächlich nur dich gesehen habe. Dass es nur eine Illusion war. Noch dazu war das Bild nicht ganz klar", sagt er und klingt dabei richtig überzeugend.
Langsam beginnt das Blut aus Erics Öffnungen zu fließen. Das sagt mir, dass der Tag angebrochen ist und Eric ruhen muss. Ich lege mich mit ihm auf mein Bett, auch wenn ich noch keineswegs weniger besorgt bin.
Natürlich ist es möglich, dass er wirklich nur mich gesehen hat, doch was hat dann der ganze Rest gesehen? Eric weiß nicht das, was Godric mir in der Nacht erzählt hat, in der er und Bill mich in New Orleans ausgesetzt haben.
Meine Kopfhaut beginnt zu prickeln und die Härchen auf meinem Körper richten sich auf, als ich an Godrics Worte zurückdenke. Mit einem Mal ist es, als falle meine Welt auseinander und ein gähnender Abgrund tut sich vor mir auf. Plötzlich bin ich müde, unendlich müde. Ich will gehen. Ich will zurück nach Bon Temps. Zurück zu meinem Haus, mich mit Sookie und Tara treffen. Ich möchte wieder bei Sam im Merlottes kellnern, wo Lafayette lustige Sprüche klopft und Arlene mich zur Weißglut bringt. Ab und zu möchte ich Besuche von meinem Bruder Nelson bekommen. Und jede Nacht soll die von Eric und mir werden - ohne Probleme.
Doch das bleiben nur sehnsüchtige Träume. Ich kann nicht zurück nach Bon Temps - nie mehr. Sookie und Tara sind nicht mehr meine Freundinnen. Und Tara ist nun ein Vampir. Wer weiß, ob sie überhaupt noch in Shreveport im Fangtasia unter Pams Obhut ist. Sam und Lafayette sind wahrscheinlich immer noch sauer, dass ich ein Jahr spurlos verschwunden war und bei Nelson kann ich mich im Augenblick nicht sehen lassen. Nicht, solange er noch mit Sarah Newlin Geschäfte macht. Das Einzige, das mir geblieben ist, sind die Nächte mit Eric. Auch, wenn diese anders verlaufen, als wie ich mir erhofft habe.
Als ich sicher gegangen bin, das Eric abgeschaltet hat, stehe ich auf und stelle mich unter die Dusche. Ich lasse das kalte Wasser auf meine Haut abprasseln. Bei Einbruch der Nacht stand ich hier noch mit Eric. Für diesen kurzen Moment war unsere kleine Welt perfekt. Ich verteile das Duschgel auf meine Haut und spüle es dann wieder ab. Dann steige ich aus der Dusche und wickle ein Handtuch um meinen Körper. Ich stelle mich in den Türrahmen, um eine gute Sicht auf Eric zu bekommen.
Als ich Eric das erste Mal sah, amüsierte er sich gerade mit einer Sexsklavin. Seitdem ist so viel passiert. Aber nicht nur Negatives. Mit Erics Einmischen in meinem Leben wurde mir das erste Mal gezeigt, wie es ist, geliebt zu werden. Und ich durfte das erste Mal lieben. Und wahre Liebe ist alles wert.
Ich trockne mich ab, putze meine Zähne und lege mich zu Eric ins Bett. Es wird ein schwerer Weg werden, aber wir können es überstehen und wieder glücklich werden.
Glücklich bis in alle Ewigkeit.
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