Die Sache mit der Hoffnung

von KarlamitK
GeschichteRomanze / P16
Felix Brummer / Kummer
31.10.2017
29.06.2018
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„Versprich mir, dass wir mindestens ein Mal die Woche telefonieren! Und dass du mir immer sofort schreibst, wenn etwas Wichtiges passiert ist! Und vor allem versprich mir, dass du ihn dir zurückholst! Ich ertrage es nicht, wenn du so traurig bist!“ Ich nicke und schaue in die mit Tränen gefüllten Augen meiner besten Freundin. „Mia ich bin nur fünf Stunden entfernt..“ Ironisch lacht das blonde Mädchen vor mir. „Nur ist gut.“ Entschuldigend schaue ich sie an. „Hey wir schaffen das! Außerdem komme ich immer zu Feiertagen zu dir, versprochen!“ Jetzt nickt Mia. „Okay.“ Ich höre ein leises Schniefen. „Nicht weinen, sonst muss ich auch gleich..“ fange ich leise an, doch merke, dass mir bereits Tränen die Wange runter kullern. „Wir werden uns oft genug sehen okay?“ Wieder nickt Mia. „Du wirst mir trotzdem fehlen!“ Sie zieht mich in eine feste Umarmung. „Du mir auch.“ Nuschle ich in ihre Haare und dann steige ich in meinen alten vollbepackten Polo, starte den Motor und fahre los.

Seit zwei Jahren ist Mia nicht nur die tollste Mitbewohnerin, sondern auch die tollste beste Freundin der Welt. Wenn man an Seelenverwandtschaft glaubt, dann würde man bestimmt sagen, wir seien Seelenverwandt. Zumindest sagt Mia das immer. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als wir uns kennen gelernt haben. Ich hatte seit 4 Tagen die Zusage für meine drei Zimmer Wohnung in Hamburg bekommen und am selben Abend eine Anzeige ins Internet gestellt, in der ich eine Mitbewohnerin suche. Mia war die erste, die sich gemeldet hat und die erste, die ich zu mir eingeladen habe, um sie kennen zu lernen. Schon bei unserem ersten Treffen ist uns aufgefallen, wie sehr sich unser Charakter ähnelt. Und ich behaupte mal, dass es schwer ist jemanden zu finden, der genauso bescheuert ist wie ich selbst. Selbst unser Aussehen unterscheidet sich kaum, außer unsere Haarfarbe. Eigentlich ist Mia auch brünett, jedoch hat sie entschieden, dass blond ihr besser steht. „Braune Haare sind so langweilig gewöhnlich.“ Hatte sie immer gesagt und jedes Mal habe ich sie dafür böse angeschaut und empört „Ich bin nicht gewöhnlich!“ geantwortet.

Ein Anruf über die Freisprechanlage reißt mich aus meinen Erinnerungen. „Ja?“ Ohne auf den Namen geguckt zu haben weiß ich, wer am anderen Ende der Leitung ist. „Na bist du schon auf dem Weg?“ Die tiefe Stimme meiner Cousine ertönt durch die Lautsprecher. Sie sieht zwar aus, wie eine Tussi, aber ihre Stimme ist eher so Holzfäller. „Ja ich bin seit fast zwei Stunden unterwegs.“ „Also nur noch weniger als drei Stunden.“ Brummt der Holzfäller in der Leitung. „Gut gerechnet Maya.“ „Ja okay ich wollte nur wissen, wann ich die Pizza bestellen soll. Bis gleich, Ciao.“ Und schon hat sie aufgelegt. Ich bin ihr dankbar, dass sie gleich am ersten Tag für mich da ist. Meine Möbel, Geschirr und ein paar Klamotten sind schon in Chemnitz, heute habe ich den Rest dabei, der aber mehr ist, als erwartet. Schon bei dem Gedanken daran alles in den dritten Stock schleppen zu müssen, bekomme ich schlechte Laune, also mache ich mir Musik an und starte meine Spotify Playlist.

„Ich steh auf Kaffee, Kippen und Diamant-Räder, ich war nie der in-der-Klasse-vorne-Sitzer-und-die-Hand-heber.“ Als ich Felix Stimme höre bekomme ich eine Gänsehaut und sofort fängt mein Herz an schneller zu schlagen. Ich hatte ganz vergessen, dass ich Lieder von Kraftklub in meiner Playlist habe. Einerseits freue ich mich ihn wieder zu sehen, andererseits weiß ich nicht, was mich erwartet. Immerhin hatte ich mit keinem von meinen damals besten Freunden seit fast zwei Jahren Kontakt. Am Anfang haben wir noch ab und zu geschrieben, vor allem Felix hat nicht aufgehört mir einzureden, dass ich wieder kommen soll, doch irgendwann hat auch er beschlossen, dass es das Beste für ihn wäre, wenn er den Kontakt mit mir komplett abbricht. Acht Wochen später habe ich es dann gemerkt. Ich wachte nach einem Traum, in dem er mich zu sich ran zieht und mir sagt, dass er mich liebt, auf und fing an zu weinen. Dann wusste ich, dass Maya die ganze Zeit Recht hatte, oder eher gesagt jeder. Alle sagten mir, dass ich mir meine Gefühle für Felix nicht eingestehen wollte, weil ich Angst hatte verletzt zu werden, doch ich wollte es nicht sehen.

„Felix ist sowas wie mein bester Freund, mehr nicht.“ Ich erinnere mich daran, wie Felix geschaut hat, als er mich und Steffen im Türrahmen belauscht hatte und ich ihn zu spät bemerkte. Sein Gesichtsausdruck glich dem meiner Mutter, als ich ihr erzählt hatte, dass ich nach Hamburg ziehen würde, um dort zu studieren. Am selben Abend habe ich den anderen davon erzählt und alle waren der Meinung sie könnten mich umstimmen, doch im Endeffekt hat es keiner geschafft. Ich wollte Felix nicht immer wehtun. Ich wollte ihn nicht jedes Mal wieder enttäuschen, weil er mir wichtig war. Ich wollte nicht, dass er mich wieder betrunken küsst und ich ihn abweisen muss. Es war einfach besser für alle, wenn ich nicht mehr da wäre, dachte ich. Doch dem war nicht so. Je mehr ich mir klar wurde, dass ich ihn schon immer geliebt habe, desto weniger hatte er sich gemeldet. Ich verfluche mich bis heute, dass ich nicht sofort zurückgekommen bin. Alles, was ich wollte, war das Beste für ihn. Ich hatte Angst, dass ich ihn nicht glücklich machen würde, wenn ich wieder kommen würde. Ich hatte Angst, dass ich mir meine Gefühle vielleicht doch nur einbilde, weil er auf einmal nach vier Jahren nicht mehr da war. Also habe ich gewartet und je länger ich von Felix getrennt war, desto mehr wurde mir klar, dass ich ihn will. Nur ihn.

Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Was ist, wenn er nichts mehr von mir wissen will? Ich muss an das Lied „Irgendeine Nummer“ denken. „Jetzt willst du dich mit mir treffen, jetzt willst du wissen wie's mir geht. Tut mir leid, mir geht es bestens, das kommt jetzt ein bisschen spät. Ich hab vergessen wer du bist, vergessen wo du wohnst. Du bist nur noch irgendeine Nummer in meinem Telefon.“ In Gedanken verpasse ich fast meine Ausfahrt. Verdammt, nur noch eine halbe Stunde und jetzt fällt mir auf, dass das alles vielleicht ein riesen Fehler war. Ich hätte ja wenigstens bei ihm klingeln können BEVOR ich mir eine Wohnung in Chemnitz besorgt habe. Was ist, wenn er mich zum Teufel schert und Steffen, Karl, Till und Max mich jetzt auch hassen? Dann wäre ich alleine in der Stadt mit Maya. Selbst meine Freundinnen von früher sind nicht mehr in Karl-Marx-Stadt. Verdammt, warum muss ich mir auch immer so verdammt unsicher sein? Können meine Gefühle und Entscheidungen nicht einmal richtig sein?

Die letzte halbe Stunde vergeht wie im Flug und ehe ich es mir versehe stehe ich vor dem Gebäude, in der sich meine neue Wohnung befindet. Einen Parkplatz habe ich erstaunlich schnell bekommen, das hatte ich anders in Erinnerung. Hektisch krame ich in meiner Handtasche rum. Die Tür zum Treppenhaus wird geöffnet. Maya steht in der Tür und strahlt. Sie sprintet auf mich zu und zieht mich in eine feste Umarmung. „Maya wir haben uns zwei Wochen nicht gesehen.“ Lache ich und erwidere die Umarmung zögernd. „Zwei Wochen zu viel!“ entgegnet sie und drückt mich noch fester. „Okay, kein Grund mich umzubringen.“ Krächze ich und sie lässt mich abrupt los. „Stimmt, das mach ich erst, wenn du wieder auf die Idee kommen solltest von hier zu verschwinden.“ Grinst sie und im selben Moment habe ich meinen Schlüssel gefunden.

„Versprich mir, dass du beim nächsten Umzug ins Erdgeschoss ziehst.“ Maya schmeißt sich aufs Sofa und ich muss über ihr Gesicht lachen, dass durch die Anstrengung ganz rot geworden ist. „Du siehst aus wie eine Tomate.“ Ignoriere ich gekonnt ihre blöde Bemerkung und lege mich zu ihr. Nach einem Moment der Stille traut sie sich zum ersten Mal, seitdem ich wieder hier aufgekreuzt bin, mich nach Felix zu fragen. „Hast du schon mit ihm gesprochen?“ Ich schlucke. „Nein.“ Antworte ich dann heiser und wende meinen Blick von ihr ab. „Du hast aber die Klappe gehalten oder?“ Ein lauter Seufzer ihrerseits. „Ich hab Felix fast so lange wie du nicht gesehen. Manchmal laufe ich ihm noch über den Weg, aber meistens eher Karl und Max. Alle begrüßen mich jedes Mal, aber mehr als ein ‚Hallo‘ ist es nie.“ Ich nicke und sehe mich im Zimmer um. Ich habe eindeutig noch viel zu tun, aber jetzt ist es erstmal zu spät alles einzurichten, immerhin ist es schon dunkel draußen. Ich kann es kaum erwarten, bis es endlich wärmer wird und abends lang hell bleibt. „Hast du Lust was zu bestellen? Und dann gönnen wir uns eine Flasche Wein?“ „Oder zwei?“ Kopfschüttelnd nehme ich mein Handy vom Couchtisch und wähle die Nummer des Lieferdienstes.

Nachdem wir jeder fast eine ganze Pizza gegessen haben machen wir uns an den Wein. „Das haben wir uns jetzt aber so richtig verdient.“ Erklärt Maya, während sie irgendwie versucht mit dem Korkenzieher den Wein aufzumachen. Nach 5 Minuten übernehme ich und keine 20 Sekunden später ist die Flasche offen. „Angeber.“ Triumphierend grinsend schaue ich Maya an. „Ich bin eben ein Naturtalent.“ „Von wegen Naturtalent, du trinkst doch bestimmt jedes Wochenende ne Flasche.“ Kontert diese und ich werfe ihr einen bösen Blick zu. Punkt für sie. „Wenn wir die leer haben ab ins Atomino?“ scherzt sie dann und mein böser Blick wechselt zu einem tötenden Blick.

„Ich gehe auf gar keinen Fall irgendein Risiko ein Felix zufällig zu treffen, vor allem nicht betrunken!“

„Aber was wäre das denn für ein Unterschied? Ich meine, wenn ihr euch im Atomino sehen würdet, wäre Felix vielleicht auch betrunken und dann lockerer drauf. Und du sowieso.“

„Maya du verstehst das nicht. Er hat mich geliebt, wirklich aufrichtig geliebt und ich habe ihn nicht nur einmal abgewiesen und jetzt komme ich nach zwei Jahren wieder und gestehe ihm meine Liebe. Wie würdest du denn reagieren?“

„Naja du musst ihm doch nicht sofort sagen, dass nach Hamburg zu gehen der dümmste Fehler war, den du je gemacht hast. Du könntest auch einfach anfangen mit: Hi ich bin wieder da.“

„Ja toll und dann? Da würde er sich doch auch fragen, warum ich auf einmal wieder da bin. Immerhin habe ich ihm damals gesagt, dass ich nicht seinetwegen weg gehe, aber er hat mich durchschaut. Und dann komme ich wieder und sage nicht mal was? Das wäre nicht richtig. Außerdem will ich endlich mit ihm glücklich sein, das wünsche ich mir schon viel zu lange. Also knalle ich gleich die Karten auf den Tisch. Ich habe nur Angst, dass er nichts mehr von mir wissen will. Ich habe keine Ahnung, was ich dann machen würde..“

„Lara, jeder der Augen im Kopf hat, hat damals gesehen, was Felix für dich empfunden hat. Ihr seid füreinander bestimmt, das hab ich dir damals schon gesagt. Natürlich hättet ihr einiges nachzuholen, bevor ihr komplett glücklich wärt, aber mit wem sollte er denn sonst glücklich werden?“

Ich seufze. „Ich hoffe du hast Recht.“ Die erste Flasche Wein ist mittlerweile leer und ich bitte Maya darum das Thema „Felix“ erstmal in Ruhe zu lassen. Ich nehme mir vor morgen zu ihm zu fahren, zu hoffen, dass er noch dort wohnt und dann zu klingeln. Als die zweite Flasche Wein ausgetrunken ist, kommt Maya nochmal mit ihrer Spitzenidee. „Wollen wir nicht doch ins Atomino? Wir treffen bestimmt eh keinen.“ „Okaaaay.“ Lache ich betrunken und springe auf, um in mein Schlafzimmer zu laufen. „Was machst du?“ höre ich eine leise Stimme aus der Küche. „Mir was anderes anziiehn.“ Lache ich und renne gegen einen Karton. Ich halte stand, der Karton nicht, also kippt der halbe Inhalt aus. Genervt krame ich schnell alles wieder zusammen, bis ich eine kleine Schachtel entdecke. Als ich ausgezogen bin habe ich mich gezwungen sie nicht zu öffnen und sie schnell wegzupacken, doch jetzt bin ich betrunken und nicht zurechnungsfähig. Langsam öffne ich den Deckel und zum Vorschein kommt ein kleines goldenes Kettchen mit einer goldenen Rose als Anhänger. Ich versuche so gut es geht meine Erinnerungen zu verdrängen, doch es geht nicht.

Zwei kalte Hände legen sich um meinen Kopf herum auf meine Augen. Sofort bildet sich ein Lächeln auf meinen Lippen. „Felix ich weiß, dass du es bist.“ Er nimmt seine Hände von meinen Augen und zieht mich in eine Umarmung, erst dann kann ich mich umdrehen. „Ich dachte du hasst Jahrmärkte?“ Felix schüttelt vorsichtig den Kopf. „Ich hasse keinen Ort, wenn ich dich dort sehen kann.“ „Ach so ist das also.“ Grinse ich und drehe mich kurz zu Sophie, doch ich muss gar nichts sagen, sie deutet meinen fragenden Blick genau richtig. „Geh nur mit ihm, ich muss sowieso bald nach Hause. Viel Spaß euch noch.“ „Danke.“ Flüstere ich, drehe mich um und hake mich bei Felix ein. „Dir ist aber schon klar, dass du jetzt mit mir in jedes Fahrgeschäft gehen musst, das es hier gibt oder?“ „Wie ihr befielt, euer Gnaden.“ Ich schüttle lachend den Kopf. „Du bist bescheuert.“

Wir stürzen uns zuerst auf ein Fahrgeschäft, dass aussieht, wie ein riesiger Arm, unten sind drei Gondeln befestigt, die sich drehen und der Arm scheint hin und her zu schwingen. „Geht das über Kopf? Wenn ja kann ich nicht mit, sonst muss ich kotzen.“ Genervt verdrehe ich die Augen. „Sieht das aus, als würde es über Kopf gehen?“ Einen kleinen Moment beobachtet Felix das Ding noch, das gerade zum stehen kommt. „Ich hoffe nicht.“ Keine zwei Minuten später sitzen wir in einer Gondel und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. „Bist du auch so aufgeregt?“ Ich blicke zu Felix, der total entspannt neben mir sitzt. „Solange es nicht über Kopf geht ist alles gut.“ Nervös schaue ich zu den Leuten, die vor dem Fahrgeschäft stehen. Anscheinend scheint das hier eine große Attraktion zu sein. Komisch, so spektakulär fand ich das gar nicht. Zögernd steigen immer mehr Leute ein und meine Nervosität steigt von Sekunde zu Sekunde. „Warum trauen die sich denn alle nicht? Das sah doch nicht schlimm aus oder?“ frage ich panisch, in der Hoffnung Felix würde mich beruhigen. „Wir können auch wieder aussteigen, wenn du möchtest.“ Ich schüttle hastig den Kopf. „Nein. Ich bin nur aufgeregt.“ Im selben Moment gehen die Bügel, die uns sichern sollen runter und ich kann Felix nur noch sehen, wenn ich mich strecke. „Oh Gott warum wollte ich überall mitfahren.“ Verfluche ich mich selbst und halte mich krampfhaft an den Bügeln vor meine Brust fest.

Feelix kannst du bitte meine Hand halten.“ Ohne zu zögern nimmt Felix meine Hand und drückt sie fest. „Alles gut, es wird Spaß machen.“ Lächelt er und dann setzt sich der Arm in Bewegung. Er schwingt hin und her und die Plattform, an der die Gondeln hängen, dreht sich im Kreis. Soweit so gut. Als der Arm in einem rechten Winkel schwingt merke ich, dass es gar nicht schlimm ist, eher langweilig. Ich fange an wieder mutig zu werden. „Laaangweilig!“ rufe ich und lache laut. Felix schüttelt lachend den Kopf. Doch plötzlich schwingen wir noch höher. Je länger wir schwingen, desto höher werden wir. „Feeelix.“ Ich schreie, weil er mich sonst nicht verstehen würde. „Jaaa?“ schreit er zurück. „Ich glaube das geht doch über Kopf.“ Und im selben Moment dreht der Arm eine ganze Runde. Ich schreie aus voller Kehle und Felix drückt meine Hand. Als ich wieder bemerke, dass ich nicht sterben werde, fange ich an die Fahrt als spaßig zu empfinden. Auch Felix sieht wieder entspannter aus, doch zu früh gefreut. Auf einmal fangen auch die Gondeln selbst an sich zu überschlagen, während wir von dem Arm in einem Kreis rumgewirbelt werden.

„Vielleicht hätten wir nicht nur am Ende zugucken sollen, was das Ding macht.“ Stelle ich lachend fest, als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben. „Mir ist schlecht. Ich hasse dich.“ Sagt Felix ernst und ich grinse ihn an. „Du kannst mich gar nicht hassen, ich bin viel zu cool.“ „Und ganz schön frech.“ Entgegnet der Blondschopf und hebt mich hoch. „Felix lass mich runter.“ Protestiere ich, doch er denkt gar nicht daran und läuft in eine Richtung, die ich nicht sehen kann, da ich über seiner Schulter hänge. „Feeelix, lass mich runter!“ jammere ich, jetzt ein bisschen lauter und tatsächlich, er setzt mich ab. „Dafür, dass ich mit dem Fahrgeschäft des Antichristen fahren musste, gibst du mir jetzt was zu essen aus. Pizza mit Salami bitte. Ich warte hier.“ Er setzt sich an einen der vielen Biergarnituren, die vor dem Pizzastand stehen und blickt mich erwartend an. Nach kurzem überlegen gebe ich nach. „Na gut.“ Zehn Minuten später komme ich mit einer Pizza Salami und einer mit Brokkoli wieder. „Wie kann man nur Brokkoli auf einer Pizza essen?“ „Wie kann man nur tote Lebewesen auf einer Pizza essen?“ gebe ich lachend zurück und beiße genüsslich in meine Pizza.

„Verdammt ich hol noch was zu trinken.“ Fällt mir auf, doch Felix hält mich fest. „Du gehst nicht alleine zu den besoffenen an den Bierstand, das mach ich.“ Er steht auf und verschwindet in der Menge. Es ist gerade mal kurz nach 15 Uhr, da sind doch noch gar nicht so viele Leute betrunken. Außerdem ist Felix gerade am Bierstand vorbei gelaufen. Ich nehme einen weiteren Bissen von meiner Pizza und lasse meinen Blick über den Jahrmarkt schweifen. Ich sehe viele Kinder, die an den Buden stehen oder Zuckerwatte essen. Plötzlich erblicke ich jemanden in der Menge, der auf mich zukommt. Schlagartig werde ich unruhig. „Hier bist du also.“ Begrüßt Paul mich und drückt mir einen Kuss auf die Lippen. „Ich hab dich schon die ganze Zeit gesucht.“ Ohne zu fragen setzt er sich zu mir. „Wem gehört die andere Pizza?“ Ich schlucke. „Ich bin mit Sophie hier, sie kommt gleich wieder. Wir wollten heute einen Mädchentag machen, wäre es okay, wenn du uns allein lässt?“ Verständnisvoll steht Paul auf. „Ja klar, viel Spaß und bis heute Abend.“ Ein weiterer Kuss und schon ist er verschwunden. Sofort fühle ich mich schlecht, weil ich ihn angelogen habe, aber ich wollte jetzt einfach lieber Zeit mit Felix verbringen und Paul ist leider nicht so gut auf ihn zu sprechen. Er ist zwar nicht eifersüchtig, aber er mag ihn einfach nicht, was ein Witz ist, denn ich kenne so ziemlich keinen Grund warum man Felix nicht toll finden sollte.

Nach über einer viertel Stunde kommt endlich ein freudestrahlender Felix zu mir zurück. „Deine Pizza ist jetzt bestimmt kalt.“ Sage ich und beschwere mich somit indirekt, dass er solang weg war. Doch er stellt mir nur meine Fanta hin zuckt mit den Schultern. „Du könntest auch einfach danke sagen.“ Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Danke.“  

Als auch Felix aufgegessen hat sitzen wir noch da, nippen an unserm Getränk und reden. „Ich bin übrigens enttäuscht, dass wir hier alkoholfreie Getränke trinken. Damals mit 17 war ich um diese Uhrzeit schon besoffen.“ Ich werde schief angeguckt. „Zum Glück kannte ich dich da noch nicht, du musst ja ein unglaublich schlechter Einfluss gewesen sein.“ Ein empörtes „Ey“ meinerseits. „Die anderen waren der schlechte Einfluss, nicht ich.“ Lachend stehe ich auf. „Wollen wir weiter?“ Felix schmeißt seinen Müll in den Mülleimer neben uns. „Moment noch. Ich hab dir was mitgebracht. Deshalb hat das mit den Getränken solange gedauert.“ Verwirrt beobachte ich ihn dabei, wie er in seiner Jackentasche rumkramt. „Augen zu.“ Befielt er und ich halte mir die Hände vors Gesicht. „Hab ich ‚Hände vors Gesicht‘ gesagt? Nur die Augen zu machen, Hände weg. Nicht schummeln.“ Ich tue wie mir befohlen und nehme meine Hände runter. Was soll das? Ich merke, wie Felix hinter mich geht und dann plötzlich ein minimales Gewicht an meinem Hals. „Augen auf.“ Mein Blick geht sofort runter zu meinem Hals, wo ich eine Kette vermute und ich habe Recht. Eine kleine goldene Rose ziert nun meinen Hals. „Wo hast du die denn her?“ strahle ich und kann meine Begeisterung nicht zurück halten und falle ihm um den Hals. „Ein Zauberer verrät niemals seine Tricks.“ Entgegnet er und ich muss lachen. „Das ergibt doch in dem Kontext gar keinen Sinn.“ Genervt seufzt er. „Du weißt, was ich meine. Du weißt immer, was ich meine.“

Ich schlucke den aufkommenden Schmerz runter. Mal wieder merke ich, wie sehr Felix mir fehlt und wie kaputt mich die zwei Jahre ohne ihn gemacht haben. Damals habe ich mir noch eingeredet, dass es nur eine Frage der Zeit sei und ich ihn dann schon irgendwann vergessen würde, aber Pustekuchen. Schnell krame ich ein schönes Oberteil aus meinem Kleiderschrank, ziehe es an und gehe dann zurück zu Maya in die Küche. „Sieht sehr gut aus.“ Kommentiert sie mein Outfit, ohne, dass ich danach gefragt habe und steht auf. „Sollen wir?“ Ich nicke und schon machen wir uns auf den Weg zum Atomino.

Draußen ist es ziemlich kalt. Schnell ziehe ich den Reißverschluss meiner Winterjacke höher und blicke mich um. Die Nacht ist rabenschwarz und die meisten Laternen in meiner Straße sind kaputt. Typisch Karl-Marx-Stadt eben. „Wo lang müssen wir jetzt überhaupt? Ich glaube wir waren vor zwei Jahren immer bei mir vortrinken oder?“ Maya nickt und geht vor. Als ich vor zwei Jahren hier war, habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Wir hatten einen Fußweg von gerade mal zwei Minuten zum Atomino, deshalb waren immer alle bei mir. Und weil meine Eltern am Wochenende fast nie da waren, was aber nicht ungewöhnlich ist, wenn die Eltern beide Chirurgen sind.

Als wir in eine Straße einbiegen schlucke ich. Sie kommt mir gefährlich bekannt vor. „Warte mal.“ Stoppe ich Maya. Sie bleibt stehen und dreht sich zu mir um. „Was ist?“ Als sie neben mir steht und in die selbe Richtung blickt, versteht sie. „Okay wenn du nicht gesehen werden willst, dann müssen wir jetzt schnell gehen.“ Ich schüttle den Kopf.

„Ach Quatsch, als ob er jetzt hier noch rumlaufen würde. Entweder bleibt er zu Hause oder er wäre schon im Atomino.“

„Okay und warum bleibst du jetzt hier stehen? Mir ist kalt.“

Ich zögere.
„Ich möchte kurz schauen, ob er noch hier wohnt.“

„Das ist nicht dein ernst. Lara. Warte!“

Doch ich bin schon auf dem Weg. Einfach so, ohne nachzudenken. Selbst im Dunkeln weiß ich genau welches Gebäude es ist. Die Klingelschilder sind beleuchtet.

Brenmann

Kaiser

Müller

Hansen

Schumann/Kummer

Ich atme erleichtert aus. Obwohl ich nicht mal weiß, warum ich erleichtert bin. Weil ich jetzt weiß, wo ich ihn finde? Oder weil ich mir jetzt sicher sein kann, dass Felix nicht mit einer anderen zusammen wohnt? Ich hätte nicht gedacht, dass die zwei noch immer zusammen wohnen. Vielleicht kenne ich sie doch nicht so gut, wie ich dachte? „Lara können wir jetzt weiter? Sonst bin ich wieder nüchtern, wenn wir ankommen.“ „Nicht so laut!“ Ich reiße meinen Blick vom Klingelschild los und folge Maya zum Atomino.

Drinnen angekommen ist es so wie vor zwei Jahren, es hat sich nichts verändert. Zuerst gehen wir an die Bar, obwohl ich eigentlich schon genug getrunken habe, doch es ist mir egal. Ich habe das Gefühl mir Mut für etwas antrinken zu müssen. Aus einem Bier werden drei und noch ein paar Jägermeister und schnell bin ich so betrunken, wie schon lange nicht mehr. Als ich zu erschöpft bin, um noch weiter mit Maya auf der Tanzfläche zu irgendeinem bescheuerten Chartlied zu tanzen, setze ich mich allein an die Bar und bestelle nochmal einen Jägermeister. „Meinst du nicht, dass du genug getrunken hast?“ Die Barkeeperin sieht mich besorgt an. „Ich muss mir Mut für morgen antrinken, ich muss jemandem, den ich ewig nicht gesehen habe meine Liebe gestehen.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Und das willst du wann machen? Früh um 6 Uhr? Wenn du zu ihm gehst solltest du nüchtern sein, sonst nimmt er dich nicht ernst.“ Schreit sie gegen den Lärm und ich nicke. Theoretisch hat sie Recht.

Maya kommt zu mir und starrt erst die Barkeeperin und dann mich völlig perplex an. „Alter ich musste grade echt überlegen, welche von beiden du bist Lara. Ihr seht euch total ähnlich.“ Ich muss laut lachen. „Tja, aber ich bin Olivia und nicht Lara. Wer bist du?“ Maya sieht aus, als müsste sie sich ziemlich anstrengen, um Olivia zu verstehen. „Ich bin Maya.“ Schreit sie schließlich und Olivia nickt. „Okay Maya dann schlage ich vor, dass du…“ „Lara.“ „..genau, dass du Lara nach Hause begleitest, damit sie morgen frisch ist, wenn sie ihrem Typen die Liebe gesteht.“ Maya nickt hastig. „Okay!“ und zieht mich am Arm. Ich flüstere Olivia ein lautloses „Danke“ entgegen und gehe dann mit Maya wieder nach Hause. Jemanden von Kraftklub haben wir also zum Glück nicht getroffen, obwohl diese Aktion schon ziemlich riskant war. Verwirrt laufe ich Maya hinterher und versuche nicht zu stolpern. „Maya wo sind wir eigentlich?“ Keine Antwort. „Maya wo sind wir hier?“ Sie dreht sich zu mir um und schaut sich um. „Oh, keine Ahnung.“ Lachend greife ich mein Handy und rufe ein Taxi.



Mit dem vielleicht schlimmsten Kater meines Lebens werde ich am nächsten Morgen gegen Mittag wach. Ich höre Maya neben mir schlafen. Obwohl sie im selben Gebäude wohnt wie ich, hat sie es anscheinend gestern nicht mehr geschafft nach Hause zu finden. Müde und mit tierischen Kopfschmerzen stehe ich auf und mache mir erstmal einen Kaffee und setze mich damit aufs Sofa. Da ich noch kein Fernsehen habe mache ich mir eine Folge Greys Anatomy auf dem Laptop an. Natürlich muss ich bei der Folge weinen, aber das muss man bei fast jeder Folge. „Warum weinst du?“ Maya schlurft ins Wohnzimmer und lässt sich neben mir fallen. „Greys Anatomy.“ Ist das einzige, was ich antworte und rücke ein Stück, damit sie sich gemütlicher  hinsetzen kann. „Gleich kommt übrigens Hendrik rüber mit geschmierten Brötchen für uns.“ „Ich liebe Hendrik. Lass den nie gehen.“ Antworte ich, ohne meinen Blick vom Bildschirm zu lösen. Als es klingelt geht Maya an die Tür. „Hallo Hendrik!“ Rufe ich laut und bekomme ein ebenso lautes „Hallo Lara!“ zurück. Mit den Brötchen setzt Maya sich wieder zu mir. „Wollte er nicht mit uns essen?“ Sie schüttelt den Kopf. „Er hat gesagt ich stinke und soll erst rüber kommen, wenn ich wieder gut rieche.“ Ich muss grinsen. Hendriks Humor ist einfach fast identisch mit meinem. „Naja Recht hat er.“ Lache ich und rücke ein Stück von Maya weg, sie ignoriert das aber gekonnt und beißt in ihr Brötchen.

Als ich fertig geduscht, angezogen und geschminkt bin, stelle ich mich noch einmal vor den Spiegel. „Man du siehst gut aus. Wenn Felix da nicht die Augen aus dem Kopf fallen, dann weiß ich auch nicht.“ Ich atme einmal tief ein und wieder aus. „Okay, ich schaffe das. Bleibst du hier?“ Maya schüttelt den Kopf. „Ich lass mich jetzt von Hendrik massieren, ich hab von gestern total Rückenschmerzen. Ruf mich sofort an, wenn du wieder zu Hause bist. Oder eher, wenn du überhaupt nach Hause kommst.“ Zwinkert sie und ich verdrehe die Augen. Entschlossen trete ich aus meiner Wohnungstür die Treppe hinunter. Bei jedem Schritt schlägt mein Herz schneller, obwohl es noch gute 15 Minuten dauert, bis ich überhaupt bei Felix und Karl angekommen bin. Auf dem Weg zu ihm kann ich mich kaum konzentrieren. Ich merke nicht, dass ich auf dem Fahrradweg laufe, bis ein älterer Mann mich „freundlich“ darauf hinweist. Okay noch die Straße runter und ich bin da. Moment, was sage ich überhaupt? Hallo Felix ich bin wieder da und achja, ich liebe dich?

Abrupt bleibe ich stehen. Wie habe ich mir das überhaupt vorgestellt? Ich bin kein Mädchen, das sich verbal gut ausdrücken kann. Meine Emotionen kann ich schriftlich viel besser festhalten und jetzt gehe ich einfach los, ohne mir zu überlegen, was ich überhaupt sage? Was wenn ich vor ihm stehe und kein Wort raus bekomme? Egal. Je länger du wartest, desto unerträglicher wird es. Du musst es endlich hinter dich bringen. Nicht ganz so entschlossen wie am Anfang gehe ich weiter und als ich vor der Eingangstür in den Flur stehe klopft mein Herz so laut, dass ich Angst habe das ganze Viertel könnte ihn hören. Die Tür ist angelehnt, also entschließe ich mich dazu hochzugehen und oben zu klingeln. Ich habe das Bedürfnis mich zu übergeben. Warum habe ich gestern nur getrunken? Doch jetzt gibt es kein zurück mehr. Mit zittrigen Fingern drücke ich die Klingel und halte die Luft an.

Ich höre, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht und im nächsten Moment geht die Tür auf. Olivia öffnet die Tür. Ich will etwas sagen, doch bekomme kein Wort raus. „Hi.. Lara richtig? Von gestern? Willst du es ihm sagen?“ Ich nicke. „Okay Moment ich hole ihn.“ Sie verschwindet und mein Herz schlägt noch schneller als vorher. Ich habe das Gefühl meine Brust würde gleich zerspringen. Ich höre Schritte und sehe einen Schatten. „Felix ich..“ Doch Karl steht in der Tür.

„Karl?“

„Lara?“

„Ich dachte du..“

„Was machst du denn hier?“

„Ich wollte zu Fee…“

„Welche Lara?“

Felix Stimme. Er klingt ungläubig. An Karls Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten, ob er sich freut mich zu sehen oder nicht. Er sieht einfach nur verwirrt aus, als hätte er einen Geist gesehen. Plötzlich geht die Tür weiter auf und Felix steht in der Tür, hinter ihm Olivia. „Lara? Was… was machst du hier?“ Ich Schlucke. Olivia umarmt Felix von hinten. „Ich bin wieder hergezogen.“ Antworte ich zögernd. Mehr bringe ich nicht heraus. Weder Felix, noch Karl sagen etwas. Olivia stellt sich neben Felix und ihr Blick wandert von ihm, zu mir. Es scheint, als ob ich vergessen habe, wie man atmet. Ich starre ihn und Olivia an und er mich und plötzlich sehe ich in Olivias Augen, wie der Groschen fällt. „Du bist die Lara?“ Ich nicke, dann wird mir schwarz vor Augen.
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