Organisationstalent

OneshotHumor, Romanze / P12 Slash
31.10.2017
31.10.2017
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Dieses Kapitel
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Geneigter Leser!
Vielen Dank, dass Du Dich für diese Geschichte entschieden hast. Möge sie Dich unterhalten und zu Fanfictions, Fan-Arts und Tagträumen inspirieren.
Ich begrüße besonders herzlich all jene Leser von meiner laufenden Kuroko-no-basuke-Fanfiction „Alle meine Freunde, alle meine Sorgen“. Ein fröhliches Halloween für Euch alle!


Hinweis:
Die auftretenden Charaktere gehören nicht mir, sondern Watanabe Wataru, ich habe sie mir nur ausgeliehen und für meine Zwecke missbraucht. Ich verdiene mit dieser Fanfiction kein Geld. Ähnlichkeiten zu realen sowie fiktiven Personen oder Vorkommnissen sind zufällig. Das Kopieren und Verbreiten dieser Fanfiction ohne Genehmigung des Autors ist untersagt.
Es handelt sich bei dieser Geschichte um reine Fantasie, deshalb sind einige Fakten aus dem Original abgeändert worden. Die Namen der auftretenden Charaktere richten sich nach der japanischen Reihenfolge, beginnend mit dem Familiennamen und gefolgt vom Eigennamen. Teile der Geschichte können auf Anfrage gern weiter verwendet werden.


Meine Anime-Empfehlung:
Ich möchte den Anime „Yowamushi Pedal“ empfehlen. Einzuordnen in das Genre Sport handelt dieser Anime auf der Grundlage des gleichnamigen Mangas von Onoda Sakamichi, der an die Sohoku-Oberschule wechselt und dort in den Fahrradclub eintritt. Onoda hat nie daran gedacht, dass ihm professioneller Radsport liegen könnte. Ein Zufall sorgt dafür, dass man sein Talent erkennt. Fortan darf Onoda beweisen, was in ihm steckt.
Die Manga-Serie ist bislang noch nicht abgeschlossen und besteht aus ca. 51 Bänden.
Der Anime ist ebenfalls noch nicht abgeschlossen und besteht aus derzeit 3 Staffeln; die vierte Staffel wird im Jahr 2018 ausgestrahlt. Die erste Staffel umfasst 38 Episoden, die zweite Staffel umfasst 24 Episoden und die dritte Staffel umfasst 25 Episoden. Darüber hinaus gibt es 4 Filme und 6 kurze Sonderepisoden.
Wer sich gern vom Gegenteil, dass Radrennen öde sind, überzeugen und von skurrilen Charakteren unterhalten lässt, ist bei „Yowamushi Pedal“ genau richtig.


Organisationstalent


Der Mond beschien die Szenerie, in der das Schulgebäude der Sohoku High von Schatten und silbernem Licht gezeichnet dalag. Stille beherrschte den Ort, denn um diese Zeit trieb sich hier für gewöhnlich niemand mehr herum – außer ein paar verirrten Mardern und Eichhörnchen aus dem umliegenden Waldgebiet.
Ein großer Schatten huschte über das Gelände, machte sich eine Zeit lang am Clubhäuschen des Rennrad-Clubs zu schaffen und nahm sich später auch die Schule vor. Erst kurz vor Sonnenaufgang verließ der verräterische Schatten den Ort, erschöpft, aber zufrieden.

Ein Tag wie jeder andere – das dachte Imaizumi Shunsuke, als ihn sein Wecker aus dem Bett klingelte zu einer Zeit, da andere Menschen noch tief und fest schliefen, während er sich hochquälte, um sein allmorgendliches Trainingspensum zu absolvieren. Zunächst eine Stunde auf dem Übungsgerät für sein Fahrrad, dann eine Stunde im Park joggen, danach Duschen und Frühstücken, mit dem Fahrrad in Richtung Schule fahren, dabei allerdings einen weitläufigen Umweg nehmen, denn zwei Stunden zu früh vor dem Unterricht aufzutauchen bereitete ihm nicht nur Unbehagen, sondern vermutlich auch einen schlechten Ruf. Ein Tag also wie jeder andere – wenn da nicht schon erste Anzeichen zutage träten, dass dieser Tag alles andere als normal werden würde.
Als Imaizumi sein Fahrrad ins Zimmer trug, bemerkte er erst recht spät den Anhänger an seinem Lenkrad. Es handelte sich um eine Papierfigur, die mit großer Sorgfalt gebastelt worden war. Imaizumi erkannte die Figur: Hime aus Onodas Lieblings-Anime. Der große Rennradsportler errötete kurz, doch dann schüttelte er den Kopf. Diese Figur konnte nicht von Onoda stammen. Warum? Weil statt des hübschen Gesichts der Prinzessin ein Kürbis dort klebte und ihn gruselig angrinste. Imaizumi bekam eine Gänsehaut, aber keine angenehme. Womit hatte er einen solchen Streich verdient? Und wer war dafür verantwortlich? Unmöglich konnte er Onoda dazu befragen! Der Kleine würde in Tränen ausbrechen, wenn er seine geliebte Hime so verunstaltet zu Gesicht bekäme. Aber wer konnte sich Zutritt zu Imaizumis Fahrrad verschaffen und ihm eine solche Figur hinterlassen? An diesem Morgen verlief das Training irgendwie etwas holpriger als sonst, denn Imaizumis Gedanken hingen ganz woanders als bei seinem Rad im eigentlichen Sinn. Onoda... Der kam auch noch dazu. Imaizumi wollte ihn gern sehen. Der Brillenträger mit dem gewaltigen Potential zum erfolgreichen Radsportler nahm inzwischen einen nicht irrelevanten Platz in seinem Herzen und seinen Gedanken ein, worüber er unwillkürlich lächeln musste.
Ein gehässiges Lachen riss Imaizumi aus seiner Grübelei, sodass er innehielt und vom Fahrrad fiel. Hatte... hatte etwa die Kürbis-Hime-Figur...? Ja, die Bastelei kicherte und lachte manisch und Imaizumi packte leichte Panik. Ein Horrorspielzeug kam ihm gerade mehr als ungelegen... Er verstaute den Unglücksbringer in den Untiefen seiner Schultasche; vielleicht konnte er den spirituell erfahrenen Makishima Yusuke danach fragen.

Ein Tag wie jeder andere – das dachte Naruko Shoukichi jedenfalls, aber sein Wecker gab merkwürdige Geräusche von sich. Bis ihm einfiel, dass er seinen Wecker gar nicht gestellt hatte, weil dieser gestern unter Narukos wütenden und morgenmuffligen Attacken zu Bruch gegangen war. Wie hatte er das eigentlich vergessen können? Er musste doch sein allmorgendliches Trainingspensum absolvieren und dessen Zeitplan war straff organisiert, da durfte er nicht einmal eine Sekunde zögern! War gestern etwas passiert, das ihn derart beschäftigt hatte, dass er so etwas Wichtiges vergessen konnte? ... Ah, ja! Naruko war gestern ein wenig deprimiert gewesen, weil er im Rennen gegen Imaizumi verloren hatte. Er tat Onoda wohl leid, denn der Brillenträger lud ihn ein, mit nach Akiba zu fahren. Naruko wollte sich wirklich nichts darauf einbilden, unter keinen Umständen, doch er konnte einfach nicht leugnen, dass es ihm gefiel, diese Aufmerksamkeit von dem kleinen Talent zu bekommen. Er mochte sich gar nicht verabschieden, auch weil Onoda es offensichtlich schwerfiel, sich von Akiba zu trennen, aber schließlich schwangen sie sich doch auf ihre Räder. Naruko war so glücklich gewesen, dass er daheim auf seinem Bett lag und einfach komplett alles vergaß, worüber er sich natürlich am nächsten Morgen ärgerte.
Sein Wecker war es also nicht, dennoch klingelte hier irgendwas. Doch bevor Naruko die Quelle ausfindig machen konnte, hörte es auf. Gott sei Dank!
Aufgrund seiner Verspätung war er mit seiner morgendlichen Trainingsrunde etwas früher dran als sonst, weil er einiges an üblichen Aktivitäten auslassen musste. So kam es, dass er auf einen Rivalen traf: Imaizumi Shunsuke. Sie radelten urplötzlich nebeneinander her und es dauerte eine Weile, bis sie sich bemerkten, denn ihre Gedanken hingen ganz woanders.
„Ah!“, machten sie beide gleichzeitig. „Was machst du denn hier? Ich hab dich zuerst gefragt!“
Sie knurrten einander an und vereinbarten schließlich ein Wettrennen bis zur Schule. Auf dem Weg dorthin vernahm Imaizumi wieder das gehässige Kichern aus seinem Rucksack, wenngleich gedämpft, und Naruko klingelten erneut die Ohren. Es hörte sich an wie eine schrille Fahrradklingel, aber er konnte nirgends etwas Verdächtiges finden. Unheimlich...

Für Naruko und Imaizumi war der Tag eigentlich schon gelaufen, aber offenbar hatte sich irgendjemand zum Ziel gesetzt, sie ausgerechnet heute in den Wahnsinn zu treiben. Naruko hielt sich die Ohren zu, da das Klingeln noch immer nicht aufhörte und er befürchtete, dass er es auch nie wieder aus seinem Kopf bekommen würde – ähnlich dem Ohrwurm des Anime-Openings, den Onoda ihnen beständig eintrichterte. Natürlich war es niedlich, mit wie viel Leidenschaft der süße Brillenträger das Lied trällerte und sich daran erfreute, wenn jemand Interesse bekundete, aber irgendwann reichte es auch. Nun, das beständige Klingeln stellte Narukos Geduldsfaden auf eine Zerreißprobe, die man normalerweise nicht freiwillig austesten wollte.
Imaizumi stellte seufzend seine Schultasche auf dem Pult neben Onodas Platz ab und wollte gerade seine Schulmaterialien auspacken, als ihn drei weitere Hime-Figuren mit Kürbisgesicht ankicherten. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Die selbstgebastelten Anhänger lagen unschuldig auf dem Tisch, kicherten hinterhältig und brachten Imaizumi vollkommen durcheinander. Hastig steckte er auch diese Exemplare in seine Schultasche. Niemand schien ihn oder die kichernden Basteleien zu beachten, wie er mit einem Rundumblick feststellte, und Onoda war zum Glück auch nicht in der Nähe. Dieser sollte wirklich nichts davon erfahren, das endete vermutlich in einem Trauma...

Die erste Schulstunde ging fast reibungslos über die Bühne. Naruko fiel ein einziges Mal aus seiner Bank, weil das Klingeln plötzlich wieder einsetzte, doch selbst mit Hilfe der anderen Schüler und dem Lehrer fanden sie die Lärmquelle nicht, die nach zwei Minuten verstummte. Imaizumi musste zwei weitere kichernde Hime-Anhänger in die gedämpfte Sicherheit seines Rucksacks bringen; sie baumelten seitlich am Tisch an dem Haken, der für die Schultaschen vorgesehen war. Kurz vor Stundenende kicherten sie alle zusammen los und machten damit auch den Lehrer verrückt, der allerdings nicht recht damit umgehen konnte. Glücklicherweise hörte das Gemeinschaftsgelächter schnell auf.

„Naruko-kun, Imaizumi-kun, ist alles in Ordnung mit euch? Ihr seht müde aus...“, fragte Onoda in der ersten kurzen Pause höflich und freundlich und besorgt nach.
An jedem anderen Tag hätten sich die beiden durchaus so sehr über Onodas Besorgnis gefreut, wie er es verdient hatte, doch gerade heute geschahen all diese seltsamen Dinge, von denen Onoda nichts erfahren durfte, sonst hielt er sie noch für völlig verrückt! Das konnten sie sich nicht leisten, immerhin stand hier einiges auf dem Spiel im Konkurrenzkampf um Onoda! Imaizumi hatte darüber hinaus schon einen gewaltigen Vorsprung, weil er mit Onoda in eine Klasse ging und der süße Brillenträger sich ausgerechnet ihn zum Vorbild genommen hatte. Das wurmte Naruko mächtig, doch er war es gewohnt, unter solch schwierigen Bedingungen an den Start zu gehen. Die gemeinsamen Nachmittage mit Onoda in Akiba sollten ihn dafür entschädigen, denn Dates außerhalb der Schule konnte Imaizumi bislang nicht vorweisen.
„Ach, sicher hab ich gestern nur etwas zu viel trainiert“, meinte Imaizumi leichthin.
„Genau“, schloss Naruko sich an.
Onoda schien nicht sonderlich überzeugt, doch bevor er nachfragen konnte, klingelte es bereits – diesmal zum Unterrichtsbeginn, dennoch zuckte Naruko zusammen, als hätte man ihn mit einem Rennrad überrollt.

Die zweite Unterrichtsstunde verlief überraschend ruhig: Naruko konnte sich vorübergehend von dem Klingeln erholen, Imaizumi stopfte die nächsten vier Hime-Anhänger, die nach der Pause diesmal auf seinem Stuhl lagen, eilig in seine Schultasche und war beruhigt, dass das Kichern ausblieb. Vielleicht funktionierten die Basteleien mit Solarenergie? Solange er sie also im Dunkeln aufbewahrte, sollte er sicher sein...
Dann jedoch brach das Chaos aus. Mitten in der Mathestunde ertönte ein leises Pfeifgeräusch, das alle Schüler erstarren ließ, dann hörte man ein Britzeln und schließlich stieben kleine Funken direkt von Onodas Pult auf und ein kleines Tischfeuerwerk knallte und puffte vor sich hin, begleitet von einem irren Kreischen und jeder Menge Rauch, bis die Fontäne aus buntem Licht mit einer kleinen Explosion endete und verkohlte Papierfetzen hinab auf Onodas Tischoberfläche schwebten.
Wie eine Statue saß der Kleine da, während alle anderen ihn anstarrten, immerhin passierte es nicht oft, dass mitten im Unterricht ein Tischfeuerwerk gezündet wurde. Imaizumi klopfte das Herz bis zum Hals aus Sorge um seinen Freund, der glücklicherweise nichts abbekommen zu haben schien – bis auf die paar schwarzen Rußflecken in seinem Gesicht, das er ihm nun entsetzt zuwandte. Dem Größeren fiel einfach nichts zu sagen ein, das übernahm dann der Lehrer. Oh, Onoda würde Ärger bekommen für diesen gefährlichen Scherz! Allerdings konnte Imaizumi nicht länger seine Gedanken an mögliche Konsequenzen verschwenden, denn sein Rucksack begann zu kichern. Mochte ein kichernder Hime-Anhänger auch nicht sonderlich laut sein, in der Gruppe schwoll ihre Lautstärke durchaus an und bereitete Imaizumi Probleme. Bisher blieb er unbehelligt.

Mit baumelnden Beinen saß Onoda im Sekretariat der Schule und wartete darauf, zum Direktor aufgerufen zu werden.
„Sakamichi!“
Onoda hob den Kopf und errötete leicht.
„Ah, Makishima-san“, sagte er.
„Ist alles in Ordnung?“
Der Ältere mit dem langen grünen Haar setzte sich besorgt neben ihn und betrachtete eingehend sein Gesicht.
„M-mh, es ist nichts passiert“, sagte Onoda. „Außer dass ein Tischfeuerwerk auf meinem Platz los-ging. Ich... ich kann es mir nicht erklären... Ich war das nicht...“
Makishima sah mit Unbehagen, wie sich Tränen in Onodas Augenwinkel sammelten, deshalb nahm er den Jüngeren in den Arm und strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Mach dir keine Sorgen, Sakamichi, ich regle das“, meinte Makishima.
„Hm? Wie willst du das machen, Senpai?“
„Lass das meine Sorge sein.“
„Aber-“
„Kein Aber. Ah, Herr Direktor, wenn Sie einen Moment Zeit haben...“
Der Schuldirektor war gerade heraus getreten und Makishima sprang auf, um ihn zu bearbeiten. Der Mann ließ sich von Makishima überreden, ihm noch vor Onoda eine Audienz zu gewähren.
Onoda starrte verdutzt auf die Tür, die sich hinter den beiden schloss. Was Makishima wohl vorhatte...? Nach fünf Minuten wusste Onoda nicht mehr, außer dass Makishima wohl ein gutes Wort für Onoda eingelegt hatte, was den Kleinen verunsicherte. Jedenfalls kam er straflos davon; der Direktor vertrat die Ansicht, dass er ihn nicht bestrafen sollte, wenn er sein Vergehen nicht beweisen konnte. Onoda nahm es verwirrt hin und kehrte in den Unterricht zurück. Er musste Makishima aufsuchen und ihm danken, doch die Pause endete, also verschob er das Unterfangen auf die Mittagspause.

Aoyagi hatte sich das alles ganz anders vorgestellt, zumal er angenommen hatte, dass heute ein Tag wie jeder andere wäre: Teshima hatte ihm eine süße Guten-Morgen-SMS zugesandt, war noch vor dem Frühstück bei ihm vorbeigekommen und hatte mit ihm und der ganzen Familie zusammen gegessen. Dann waren sie gemeinsam zur Schule gefahren, wobei sie etwa auf der Hälfte ihres Schulwegs kurz abbogen in ein kleines Wäldchen zu einer abgelegenen Lichtung, auf der sich um diese Uhrzeit niemand herumtrieb. Sie lehnten ihre Räder an einen Baum, suchten sich ein trockenes Plätzchen in heimeliger Atmosphäre und gaben sich ihren Zärtlichkeiten hin. Aoyagi mochte es, wenn Teshima ihn sanft im Arm hielt und einfach verstand, was der wortkarge Zweitklässler dachte oder sagen wollte. Er mochte auch die liebevollen Küsse, die sie jeden Morgen vor der Schule tauschten. Auf diese Weise fühlte Aoyagi sich gewappnet und gestärkt; so begann ein guter Tag für ihn. Teshimas schwarzes Haar fühlte sich gut unter seinen Fingern an und die gesprächigeren Lippen nahmen ihn jedes Mal gefangen, sodass er sich in einen unwirklichen Traum versetzt fühlte, als Teshima den Kuss löste. Er lächelte und strich noch einmal zart über Aoyagis Gesicht, tupfte ein Küsschen auf Stirn und Nase. Aoyagi verband ihre Blicke miteinander, schrie dem anderen förmlich zu, was er für ihn empfand, und Teshima grinste.
„Ich liebe dich auch, Aoyagi.“
Sie genossen eine letzte innige Umarmung, dann radelten sie zurück auf die Straße und auf direktem Weg zur Sohoku-Oberschule.
Ja, ein Tag wie jeder andere.
Und doch zitterten Aoyagi gerade die Hände und seine Knie schienen ihn nicht halten zu wollen. Der fuchsteufelswilde Blick seines Gegenübers war an Wut und Ärger wohl nicht mehr zu übertreffen. Was hatte er nur getan?
„Teshima, Aoyagi, mitkommen!“
Die Stimme der Lehrerin schallte durch die gesamte Cafeteria der Schule und ließ alle anwesenden Schüler augenblicklich verstummen. Oje, da hatten sie sich ja was eingebrockt...
Aoyagi blinzelte und versuchte auf dem Weg zum Lehrerzimmer zu rekapitulieren, was geschehen war: Wie üblich diskutierte er mit Teshima über die Auswahl des Mittagsmenüs, plauderte mit ihm (bzw. ließ Teshima reden und hörte ihm aufmerksam zu) und dann... musste es wohl passiert sein. Teshima rannte in jemanden hinein, der natürlich das gesamte sorgfältig ausgewählte Nahrungssortiment auf Teshimas Tablett in farbenfroher Pracht auf seiner Kleidung wiederfand, worüber Aoyagi dermaßen erschrocken war, dass er seine Miso-Suppe gleich hinterher warf. Allerdings konnte er den Rest noch irgendwie abfangen. Da hatten sie den Salat – oder eher das Menü A – und erwischt hatte ihr kleiner Unfall ausgerechnet die furchtbar strenge Literaturlehrerin. Sie war eine sehr herrische, stolze und kleinliche Frau, mit der nicht gut Kirschen essen war, deshalb schlug man lieber einen Bogen um sie. Nun hatte sie Teshimas Mittagessen bekommen, dafür würde es schwere Strafarbeiten geben.
Aoyagi seufzte ungehört und tastete hastig nach Teshimas Hand, um sie ihm ermutigend zu drücken, was der Schwarzhaarige erwiderte. Mehr trauten sie sich nicht und ließen einander wieder los. Kurz darauf standen sie im Lehrerzimmer vor dem Schreibtisch der gepeinigten Dame.
„Es tut mir wirklich sehr leid, Sensei“, begann Teshima sofort und verbeugte sich tief, was Aoyagi ihm nachtat.
„Davon kann ich mir auch keine sauberen Kleider leihen“, antwortete die Lehrerin.
„Wir übernehmen natürlich die Reinigung, wie es sich gehört“, sagte Teshima, der auf geglättete Wogen bedacht war.
In Wahrheit mochte die Lehrerin die beiden Jungen, die gerade sehr unterwürfig vor ihr standen. Sie waren besonders lieb und ein Muster an Teamarbeit. Noch nie hatten sie den Unterricht gestört, sie passten sehr aufmerksam auf und gaben sich Mühe. Solche Schüler müsste es öfter geben, dachte die Lehrerin. Zumal sie außerdem das schlechte Gewissen plagte. Teshima und Aoyagi waren ja überhaupt nicht schuld an dem Zwischenfall... Sie räusperte sich und schob ihre Lesebrille die Nase aufwärts.
„Nun denn, das ist ein konsequentes Angebot, ohne Frage, aber ich habe da eine andere Aufgabe für euch, bei der ihr mir wesentlich nützlicher unter die Arme greifen könnt. Unsere Theater AG bereitet sich momentan auf eine große Aufführung vor, aber es müssen noch Kostüme genäht werden. Ihr werdet dem Hausarbeitskurs deshalb zur Hand gehen.“
Teshima und Aoyagi richteten sich ein wenig auf und sahen ihre Lehrerin an. Wirklich? Das war alles?
„Nach dem Unterricht geht ihr sofort zum Kurs, die Mädchen wissen Bescheid und werden euch unterweisen. Ich werde hin und wieder nach dem Rechten sehen, also denkt gar nicht daran, euch davonzustehlen, haben wir uns verstanden?“
„Selbstverständlich, Sensei“, beeilte sich Teshima mit einer neuerlichen tiefen Verbeugung zu antworten.
Der gar nicht so bösartige, sondern eher sanftmütige Ton ihrer Lehrerin verunsicherte den Schwarzhaarigen, aber er war ja nicht lebensmüde und würde sich nach dem Grund erkundigen.
„Gut, dann könnt ihr nun gehen. Und nehmt das Menü B, das schmeckt wesentlich besser.“
Mit diesen Worten wurden die beiden Jungen entlassen.
Aoyagi sah Teshima stirnrunzelnd an.
„Ja, ich glaube schon, dass sie eben einen Witz gemacht hat, aber ich weiß nicht warum... Komm, lass uns gehen. Wir haben unglaubliches Glück gehabt.“
Auch wenn Teshima bezweifelte, dass die Sache mit dem Kostüme Nähen leicht werden würde. Nun, solange Aoyagi bei ihm war, nahm er jede Strafe in Kauf. Der Braunhaarige lächelte glücklich und berührte erneut Teshimas Hand. Ihre Finger spielten ein wenig miteinander, ehe sie sich wehmütig voneinander trennten.

Tadokoro empfand den heutigen Tag ganz gewiss nicht als Glücksfall, obwohl er an diesen Tag herangegangen war wie an jeden anderen. Bis zur Mittagspause verlief auch alles nach Plan, aber dann stürzte seine ganze Welt ein: Das Mittagessen war aus. Wie konnte das sein? Hier saßen doch überall Schüler, die noch etwas abbekommen hatten, wie konnte es da nichts mehr für Tadokoro geben? Selbst der Getränke- und Snack-Automat streikte, als Tadokoro versuchte, ihn mit Münzgeld zu bestechen. Reine Energie- und Geldverschwendung! Wie sollte er denn jetzt überleben? Ihm wurde schon ganz schummrig vor Augen aus lauter Hunger und sein Magen machte merkwürdige Geräusche, die sich nicht gesund anhörten. Ah, er brauchte unbedingt was zu essen... Schon tanzten die köstlichsten Gerichte vor seinem inneren Auge auf und ab, als wollten sie ihn foltern. Essen... Essen... Essen...
Es beherrschte Tadokoro so sehr, dass Sugimoto Terufumi, ein Erstklässler wie Imaizumi, Onoda und Naruko, ihn mehrmals ansprechen musste. Diese nervige, von sich selbst überzeugte Stimme war bisher einmalig unter Tadokoros Bekannten, daher ahnte er bereits, wer ihn gerade in seiner depressiven Phase aufstörte. Er seufzte und riss sich zusammen. Womöglich fraß er den Kleinen noch auf...
„Was gibt’s, Sugimoto-kun?“
„Diesen Brief soll ich dir geben, Senpai“, sagte Sugimoto etwas nervös und reichte dem eindrucksvollen Tadokoro das entsprechende Papier.
Verdutzt blickte Tadokoro darauf, dann wieder auf seinen Kohai.
„Von wem ist das?“
„Das weiß ich nicht. Der Brief lag in meinem Spind, dazu die Notiz, dass ich dir das Schreiben aushändigen soll. Warum man es dir dann nicht ebenfalls in den Spind oder ins Schuhfach gelegt hat, weiß ich nicht...“
„Hm, danke dir, Sugimoto-kun.“
Der Jüngere nickte nur und entfernte sich eilig. Nachdem er zuvor große Reden auf sich selbst gehalten hatte, fiel Sugimoto nach der Inter High auf, dass niemand ihn mochte, deshalb gab er sich Mühe, an sich zu arbeiten. Erster Punkt: keine Überheblichkeit und Arroganz walten lassen. Zweiter Punkt: nicht nerven. Bislang klappten die beiden Punkte ganz gut.
Tadokoro besah sich den Brief von allen Seiten, ehe er ihn öffnete. Immerhin eine Ablenkung von seinem rebellierenden Magen, der nach Nahrung verlangte...
/Da das Essen aus ist, begebe sich Tadokoro Jin in den Innenhof und suche den ersten Hinweis/, las der Dicke laut vor.
Hm, das klang wie eine Schnitzeljagd. Schnitzel... Sein Magen grummelte zornig.
„Na schön, na schön, wer weiß, vielleicht gibt es ja einen essbaren Preis?“, überlegte Tadokoro und schwankte in den Innenhof, wo er tatsächlich unter einem unscheinbaren Stein eine Nachricht fand.
/Finder dieses Hinweises: Folge dem Lauf der Sonne, wo ein neuer Hinweis auf dich wartet. Bist du erfolgreich, wirst du belohnt werden./
Nun denn, er hatte nichts zu verlieren. Und so machte sich Tadokoro auf die Suche nach dem nächsten Hinweis.

Nach dem Unterricht kehrten Teshima und Aoyagi im Handarbeitskurs ein, um beim Nähen der Kostüme zu helfen, wie sie es der Literaturlehrerin versprochen hatten. Aoyagi drängte sich etwas dichter an Teshima, denn Mädchen behagten ihm nicht. Manche benahmen sich entsetzlich laut, andere unerträglich schüchtern und viel zu viele von ihnen wollten ihm Teshima wegnehmen. Aoyagi mochte kein Kämpfer sein, aber wenn es um seinen Teshima ging, wurde er zur Raubkatze.
Die Mädchen wiesen sie übertrieben freundlich ein, zeigten ihnen ein paar einfache Tricks und Kniffe und dann legten sie gemeinsam los. Nur staunten Aoyagi und Teshima darüber, was für seltsame Kostüme das waren, die sie hier nähen sollten. Und es war an Teshima, eifersüchtig zu sein. Diese Mädchen schwirrten viel zu eifrig um seinen Aoyagi herum...!

Kinjou Shingo war vermutlich der einzige des Fahrradclubs der Sohoku High, der seinen Schultag ganz ähnlich den vorangegangenen verbrachte, zumindest passierte ihm nichts Außergewöhnliches wie ein Tischfeuerwerk oder ständig losklingelnde Geräusche oder gehässig lachende Basteleien. Er wurde auch nicht auf eine Schnitzeljagd oder zur Strafarbeit geschickt. Wie es sich für den Kapitän des Fahrradteams, das gerade die Inter High gewonnen hatte, gehörte.
Dann betrat er das Clubhäuschen – und hätte er etwas in der Hand gehalten, so wäre es ihm entglitten. Der Clubraum begrüßte ihn mit gähnender Leere. Für gewöhnlich stellten die Clubmitglieder ihre Räder bei den normalen Fahrradständern ab, wenn sie morgens zur Schule kamen. Doch die anderen Vehikel, die sonst hier drin verstaut wurden für Mitglieder, die sich kein eigenes Rennrad leisten konnten, waren verschwunden. Fassungslos sah Kinjou sich in den Räumlichkeiten um, doch nichts war hinterblieben. Dann stutzte er. Auf einem kleinen schmalen Klapptisch hockten vier Kürbisse, daneben lagen Messer, Löffel, Schüsseln und Stifte sorgfältig aufgereiht. Kinjou kratzte sich am Kopf. Was hatte das zu bedeuten?

/Kommst du auch zur Party?/, las Onoda auf seinem Handy.
Endlich besaß er ein Mobiltelefon und er lächelte glücklich über die Mail, die er bekommen hatte, doch dieser Satz fast am Ende der ausführlichen Nachricht ließ ihn innehalten. Was für eine Party? Angestrengt überlegte er, welcher Tag heute war, welches Datum... Und plötzlich begriff Onoda. Ein breites Grinsen der Vorfreude breitete sich auf seinem Gesicht aus, heller als das Strahlen der Sonne. Oh ja, er würde zur Party kommen, auf jeden Fall! Rasch tippte er eine liebevolle Antwort mit reichlich Emoticons, dann schnappte er sich seine Schultasche und seinen Blazer. Er musste zu Makishima!
„Hey Sakamichi, wo willst du denn hin?“, fragte Imaizumi nach Unterrichtsschluss.
Misstrauisch hatte er Onodas glückliches Gesicht registriert, als dieser eine Mail auf seinem Display las, und nun wollte der Brillenträger wohl schleunigst verschwinden.
„In die Stadt, Feuerwerk kaufen“, rief Onoda ihm zu, winkte und rauschte aus dem Klassenzimmer.
Perplex griff Imaizumi an seiner Tasche vorbei.
Feuerwerk kaufen? Hatte Onoda etwa einen Schaden von dem Tischfeuerwerk auf seinem Pult davongetragen? Was sollte das alles? Doch ehe Imaizumi genauer darüber nachdenken konnte, vernahm er das inzwischen vertraute gruselige Kichern der gesammelten Hime-Anhänger. Mittlerweile mussten es wohl an die hundert sein. Er hatte versucht, sie im Papierkorb zu entsorgen, war jedoch gescheitert, denn die Anhänger hatten ihren Weg wieder zu ihm zurückgefunden. Was sollte er nun mit ihnen anstellen? Nun, jetzt ging er erstmal zum Training. Ob Onoda das vergessen hatte?

Makishima lächelte gequält, als er Onodas strahlendes Gesicht sah.
„Du weißt es schon, hm?“, begrüßte er seinen Kohai.
„Das war doch deine Idee, oder, Makishima-san?“, fragte Onoda freudig.
„Ja, könnte man sagen“, antwortete der Ältere und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Ich besorge ein wenig Feuerwerk, aber vielleicht sollten wir nach den anderen schauen? Ich bin mir nicht sicher, ob Imaizumi-kun und Naruko-kun alles verstanden haben“, schlug Onoda vor.
„Ich hoffe, Tadokorocchi lässt von seiner Belohnung was übrig, das war der größte Schwachpunkt...“, gab Makishima zu.
„Soll ich noch etwas aus der Stadt mitbringen?“, fragte Onoda und zückte sein Mobiltelefon, um eine etwaige Einkaufsliste anzufertigen.
„Nein, Toudou und die anderen bringen wohl noch was mit... Hoffentlich jedenfalls.“
Onoda lachte.
„Wenn du es ihnen nicht allzu kryptisch mitgeteilt hast, werden sie es wohl verstanden haben“, meinte Onoda beruhigend.
„Nun, bei Toudou kann ich mir nie sicher sein, ob er mich wirklich versteht“, zwinkerte Makishima.
„Ich könnte unauffällig nachfragen“, bot Onoda an.
„Tja... Das wäre vielleicht nicht schlecht, obwohl sie dir ja wohl einen Hinweis gegeben haben müssen, sonst wärst du nicht hier, oder?“, grinste Makishima süffisant.
Onoda wurde rot, lächelte und nickte.
„Ich kümmere mich um die anderen“, sagte Makishima.
„Ist gut, Senpai. Dann fahre ich los.“
„Sei vorsichtig, Sakamichi.“

Erzürnt pfefferte Imaizumi alle Hime-Anhänger auf den Tisch, der mittlerweile von orangem Fruchtfleisch übersät war.
„DAS war DEINE Idee?“, fauchte er Makishima an und vergaß vorläufig ihre Senpai-Kohai-Beziehung, auf die er sonst stolz war.
Andererseits gefiel es ihm überhaupt nicht, dass auch Makishima seinen Onoda mit Vornamen ansprach; sie wirkten ihm viel zu vertraut miteinander und diese Vertraulichkeit machte den Grünhaarigen somit zu einem weiteren Konkurrenten. Makishima grinste über diese offensichtliche Abneigung, weil er die Emotionen dahinter erkannte, doch er ließ sich nichts anmerken, denn es würde ohnehin nichts nützen.
„Gut, oder? Jetzt sei so lieb und hänge sie auf einer Schnur auf. Warte, ich hab hier irgendwo-“
„Sei froh, wenn ich DICH nicht aufhänge“, entgegnete Imaizumi boshaft.
„Na, na, was ist das für ein Ton?“, erkundigte sich Kinjou, der mit rotem Gesicht dem letzten Kürbis die hässlichste Fratze verpasste, die er sich ausdenken konnte.
Imaizumi wäre vermutlich leicht zusammengezuckt, wenn er dem Werk etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, doch er war viel zu sehr von Makishimas Erläuterungen abgelenkt, die er ihm eben mitgeteilt hatte. Konnte man das Ganze eigentlich noch komplizierter machen? Allerdings erklärte das nun auch Onodas Eile nach dem Unterricht, wenngleich noch nicht unbedingt sein glückliches Gesicht beim Lesen der Mail. Imaizumi hatte versucht, seine Neugier im Zaum zu halten und ihm nicht über die Schulter zu gucken, aber er war auf ganzer Linie gescheitert, allerdings konnte er den Absender und die enthaltenen Worte trotzdem nicht lesen.
Naruko zockelte in den Clubraum.
„Was ist denn hier los?“, fragte er baff.
Imaizumis wütendes Gesicht verhieß definitiv nichts Gutes. Makishima begrüßte den Erstklässler und reichte Imaizumi eine dünne Schnur, die ihm der Schwarzhaarige knurrend entriss und an der die Basteleien mit dem höhnischen Gekicher aufgereiht wurden, als wollte er sie persönlich umbringen.
„Setz dich, Naruko, das gibt mir Zeit, um mich in Sicherheit zu bringen“, sagte Makishima vergnügt.
Er war mit seiner Idee eigentlich sehr zufrieden – dank Onodas Reaktion. Eine solche hätte er sich aber von allen Clubmitgliedern gewünscht. Nun, Kinjou sah auch einigermaßen zufrieden mit sich aus, als er seine Arbeit beendete, aber dem Kapitän war keine Herausforderung zu schwer, er nahm jede an, das mochte Makishima an ihm. In dem Moment, da der Grünhaarige zum Sprechen ansetzte, stolperte Tadokoro in den Clubraum. Er war mit einem riesigen Beutel beladen, der ihm die Sicht versperrte, deshalb räumten die anderen schnell alles aus dem Weg, damit er den Sack abstellen konnte. Schnaufend richtete der Dicke sich auf und fixierte Makishima.
„Sehr nett von dir, Makishima“, sagte Tadokoro, sah aber auch nicht böse aus, was Makishima erleichterte. „Du hast dir dieses Jahr ja richtig Mühe gegeben! Ein wenig hinterlistig, aber spannend! Was machst du im nächsten Jahr?“
Makishima lachte.
„Erstmal sollten wir uns um dieses Jahr kümmern“, meinte Kinjou. „Zumal wir nächstes Jahr wahrscheinlich nicht alle zusammen sind.“
Prompt war die gute Stimmung verflogen und selbst Imaizumis Wut verwandelte sich rasch in Unbehagen. Daran hatte er gar nicht gedacht... Bald würden die Drittklässler die Universität besuchen.
„Mann, Kapitän, jetzt hast du die Stimmung versaut“, sagten Tadokoro und Naruko im Einklang.

„Das ist ja wohl nicht sein Ernst!“
Zeternd schmiss Toudou sein Handy aufs Bett, was Manami mit einem leichten Lächeln zur Kenntnis nahm.
„Ich bin erstaunt, dass du das Rätsel nicht lösen konntest, Senpai“, sagte er behutsam. „Ihr versteht euch doch sonst auch blind.“
„Das hat damit überhaupt nichts zu tun“, erwiderte Toudou heftig und zog seine Schuluniform aus. „Diese Blitzideen entstehen aus dem Moment heraus, wie könnte ich sie vorhersehen oder auch verstehen, wenn er sie mir nicht erklärt?“
Manami zuckte die Schultern.
„Dann wirst du wohl lernen müssen, damit umzugehen, denn es wird nicht bei dieser kleinen Überraschung bleiben, wenn ihr weiterhin...“
Manami verstummte unter Toudous Knurren. Wenn es um Makishima ging, verstand die „Sleeping Beauty“ keinen Spaß. Andererseits amüsierte sich Manami herrlich bei diesem Spielchen. Dieser Makishima wurde ihm immer sympathischer.
„Sag den anderen Bescheid, wir müssen noch einkaufen“, befahl Toudou etwas ruhiger.
Manami kam der Aufforderung schleunigst nach, denn er wollte nicht riskieren, dass er zurückblieb, immerhin bedeutete das bevorstehende Event, dass er eine gehörige Strecke über die Berge zurücklegen konnte. Vielleicht ließ sich ja auch jemand auf ein Wettrennen ein...
„Ach, und Manami? Du fasst dein Fahrrad erst wieder an, wenn wir wirklich, wirklich unterwegs sind“, bläute Toudou ihm schlechtgelaunt ein.
„Verstanden, Senpai.“
Toudou quittierte das Zufallen der Zimmertür mit einem tiefen Grollen.
„Maki-chan, du...! Einladungskarten wie letztes Jahr hätten auch gereicht!“, grummelte er.
Aber die hast du ja auch kritisiert, bemerkte seine innere Stimme.
„Schnauze! Weil sie hässlich waren!“
Nein, weil du sie gleichzeitig mit den anderen bekommen hast und nicht extra.
„Hab ich nicht gesagt, du sollst die Schnauze halten?!“
Ganz wie du meinst, aber meine Schuld ist deine miese Laune nicht.
„Ruhe jetzt!“

Mit belustigter Miene verfolgte Tadokoro das Schauspiel vor seinen Augen: Naruko war dermaßen verblüfft, dass seine Augen riesig und sein Mund sprachlos war. Eine Seltenheit bei dem kleinen Sprinter, wie der Senpai feststellte, und es amüsierte ihn. Makishima holte an den unmöglichsten Stellen an Narukos Schuluniform klitzekleine Lautsprecher hervor und sammelte sie auf einem Häufchen neben sich auf dem Boden.
„Ich dachte, du magst dich vielleicht um die Musik kümmern?“, hakte der Grünhaarige vorsichtig nach.
Der Rothaarige starrte ihn fast erschrocken an.
„Dafür hast du mich so gefoltert?“, hauchte er mit Grauen in der Stimme.
Offenbar entwickelte er eine ungesunde Angst vor Makishima.
„Es sollte nur ein kleiner Hinweis sein“, antwortete Makishima gleichgültig, doch Narukos Panik ließ ihn nicht kalt.
Wie eine leere Hülle stand Naruko auf und schwankte aus dem Clubraum Richtung Musikzimmer, um entsprechende Technik zu besorgen.
„Teh... Wie ein Zombie. Tadokorocchi, vielleicht solltest du ihn begleiten“, meinte Makishima.
Der ältere Sprinter legte beruhigend eine Hand auf die Schulter seines Teamkameraden.
„Keine Sorge, der fängt sich schon wieder“, sagte er munter.
„Hm... Ich wäre sehr traurig, wenn er mich fortan meiden würde“, überlegte Makishima.
„Niemand könnte es ihm verübeln“, zischte Imaizumi leise.
Auch er konnte Makishima nicht so leicht verzeihen, was er ihm angetan hatte. Das wiederum brachte den Älteren zum Lachen.
„Darf ich daraus schließen, dass dich ein kichernder Anhänger aus der Bahn wirft, kleiner Kohai? Als ob du keine anderen Sorgen hättest! Um die darfst du dich aber jeden Tag kümmern. An einem Tag im Jahr mal ein anderes Problem zu bewältigen, sollte deine Psyche stärken, hm?“
Makishima grinste und auch Kinjou konnte es sich nicht verkneifen, obwohl er sonst kaum Emotionen auf seinem Gesicht zeigte. Darin ähnelte er dem Kapitän von Hako Gaku, der mit dem Steingesicht. Dieses Gesicht zierte übrigens den Bauch von einem der vier Kürbisse, die der Sohoku-Kapitän geschnitzt hatte. Das andere gruselige Gesicht erinnerte an einen vollkommen irren Midosuji. Die übrigen zwei wurden zum einem vom verrückten Gesicht eines Konkurrenten aus dem Inter High-Rennen geziert, der den Mob zur Schlange gemacht hatte – Machimiya –, und dann war da noch das Gesicht von einem zähnefletschenden Arakita auf einem Kürbis angebracht. Ja, Kinjou besaß eine Menge Fantasie, er wusste sie nur nicht recht zum Ausdruck zu bringen. Auf jeden Fall machten die Kürbisse einen verheerend unheimlichen Eindruck.
„Wir sollten Sitzmöglichkeiten und Tische bereitstellen“, sagte Kinjou.
„Jawohl, Kapitän“, sagte Makishima. „Um die Deko kümmert sich Imaizumi, nicht wahr?“
Der Schwarzhaarige knurrte nur, bevor die Älteren den Raum verließen. Konnte er Onoda das wirklich zumuten? Hoffentlich erlebte der Kleine keine herbe Enttäuschung, wenn Imaizumi in einem Anflug von Zorn einen der Hime-Anhänger an der nächsten Wand festnagelte. Wie er diese Grimassen hasste! Und dieses permanente Gekicher! Er konnte es echt nicht mehr hören! Wie musste es da erst Naruko gehen?

Teshima und Aoyagi kamen mit Bergen von Stoffen beladen ins Clubhaus.
„Ah, Imaizumi“, sagte Teshima gut gelaunt. „Zu was hat Makishima-senpai dich verdonnert?“
„Deko“, murrte der Erstklässler nur und hängte die vollendete Hime-mit-Kürbisgesicht-und-Hexengekicher-Girlande über die Spinde.
Makishima hatte ihm einen Karton gezeigt, in dem noch mehr Deko-Artikel lagen, aber Lust hatte er dazu eigentlich nicht, sich damit zu befassen.
„Ich muss sagen, ich bin ziemlich erstaunt von unserem Senpai, dass er sich das alles so gut hat einfallen lassen“, sagte Teshima und nahm Aoyagi die Kostüme ab. „Er ist ein richtiges Organisationstalent.“
„So, meinst du?“, gab Imaizumi nicht begeistert zurück. „Wenn ihr dann mit euren Lobeshymnen auf die giftgrüne Spinne fertig seid, dann helft mir mal, die ganzen Girlanden aufzuhängen.“
Teshima warf Aoyagi ein Grinsen zu, der es erwiderte, und kam Imaizumis schlechtgelaunter Aufforderung nach. Onodas Abwesenheit erklärte einiges, wie die beiden Zweitklässler vergnügt feststellten.
„Oh, und was ist hier drin?“
Teshima hatte den großen Sack in der Ecke gefunden und lugte hinein.
„Hat Tadokoro-senpai angeschleppt“, antwortete Imaizumi.
„Ah, Süßigkeiten!“, rief Teshima begeistert und wollte schon mit seinen Händen hineingreifen, da zog Aoyagi schüchtern an seinem Ärmel.
Teshima lächelte und ließ den Süßigkeitenbeutel sofort achtlos stehen.
„Keine Sorge, du wirst immer meine Lieblingssüßigkeit bleiben, Aoyagi“, flüsterte er ihm ins Ohr.
Aoyagi lief knallrot an und Teshima umarmte ihn fröhlich lachend, was Imaizumi nur mit einem Augenverdrehen quittierte.
Während die Drei Papier-Fledermäuse an Nylonfäden, Kürbis-Scherenschnitte und Hexen auf Besen mit schwarzen Katzen überall im Clubraum verteilten, kehrten die beiden Sprinter mit einer Musikanlage zurück, die ihnen die Musiklehrerin überlassen hatte. Makishima und Kinjou ächzten unter den schweren Tischen, da kamen ihnen die anderen zu Hilfe und etwa eine Viertelstunde später trudelte auch Onoda wieder ein. Sie alle sahen ein wenig verschwitzt, aber zufrieden aus. Onoda verstaute die Feuerwerke und Wunderkerzen sorgfältig in einem Spind, damit sie nicht zufällig Feuer fingen und den ganzen Clubraum in Brand setzten. Makishima lobte Imaizumis Händchen und geübtes Auge für die optimale Anbringung der Dekorationsartikel, während Teshima und Aoyagi sich einen Spaß daraus machten, Tadokoro am Naschen zu hindern. Kinjou hatte einen ganzen Beutel Teelichter organisiert, sodass er nun die vier Kürbisse mit je einer Kerze versah und sie schon mal anzündete. Zwar war es noch taghell im Moment, doch ein kleiner Probelauf sollte nicht schaden.
„Oh, die sind dir wirklich sehr gut gelungen, Kinjou-san“, komplimentierte Onoda die Arbeit seines Kapitäns, was dieser schweigend zur Kenntnis nahm. „Und Naruko-kun hat sich um die Musikanlage gekümmert! Und Imaizumi-kun, dank dir macht der Raum echt was her! Dann kann Halloween ja kommen!“
Der Brillenträger lachte und freute sich und den Gelobten fiel es schwer, ihre Freude zu verbergen. Dann besprach der Jüngere mit Makishima das Essensangebot, wobei sie Tadokoros Süßigkeitenbeutel plünderten und ein nettes Buffet zusammenstellten.
„Dann kommen wir jetzt zu den Kostümen“, meinte Makishima schließlich. „Die Vorbereitungen sind soweit abgeschlossen und unsere Gäste müssten auch bald eintrudeln.“
„Gäste?“, echoten Naruko und Imaizumi.
„Ja, wir haben ein paar Freunde eingeladen, mit uns zusammen Halloween zu feiern“, antwortete Makishima. „Teshima, Aoyagi, zeigt her, was ihr geschaffen habt.“
Jetzt wurden Imaizumi und Naruko von einer seltsamen Unruhe erfasst. Wen hatte Makishima noch eingeladen? Wer waren diese Freunde? War es nicht schon schlimm genug, dass Makishima anwesend war? Wie sollte denn einer von ihnen heute Abend Onoda erobern? Denn still und heimlich hatten Imaizumi und Naruko für sich festgelegt, das heutige Event zu nutzen, um endlich einen entscheidenden Schritt nach vorn zu wagen, den Brillenträger für sich zu gewinnen. Die konkurrierende Spannung zwischen ihnen war beinahe greifbar.
Onoda jauchzte vor Vergnügen und konnte es einfach nicht lassen, auch Aoyagi und Teshima Komplimente zu machen bezüglich ihres Beitrags zur Party. Nun mussten sie sich alle nur noch entscheiden, obwohl die beiden Zweitklässler schon einen genauen Plan hatten, wer welches Kostüm tragen sollte: Kapitän Kinjou wurde zum Zombie, Tadokoro zu Frankensteins Monster, Makishima – gemäß seinem Spitznamen – zur Spinne mit weiteren vier Armen, sodass er insgesamt acht Beine hatte. Onoda wurde in ein Mumien-Outfit gesteckt, Teshima wurde zur Hexe und Aoyagi zum Werwolf. Die braunen Ohren und das weiche Fellkostüm standen ihm ausgezeichnet und Teshima konnte kaum damit aufhören, ihn zu streicheln. Jetzt blieben nur noch Naruko und Imaizumi übrig, die sich um das letzte Kostüm stritten: ein Umhang wie für einen Vampir.
„Gut, spielen wir Schere, Schädel, Bandage“, sagte Makishima, damit sie den Konflikt friedlich lösten.
Die anderen starrten ihn nur unverständlich an. „Wie Schere, Stein, Papier, nur dass die Schere den Schädel aufschneidet, der Schädel die Bandage verblutet und die Bandage die Schere fesselt. Alles klar soweit?“
Verdutzt nickten Imaizumi und Naruko, während Teshima und Aoyagi hinter vorgehaltenen Händen kicherten. Narukos und Imaizumis Kampf war absolut unnötig, aber gut, mal sehen, wer gewann...
„Schere, Schädel, Bandage!“, schrien die beiden und hielten sich ihre Hände unter die Nasen.
„Haha, ich habe gewonnen!“, sagte Naruko. „Schere schneidet Schädel!“
Imaizumi knurrte wütend, wurde dann aber von den Zweitklässlern getröstet.
„Hier, Imaizumi. Wir haben extra für dich noch ein zweites Vampir-Kostüm angefertigt“, sagte Teshima.
Die anderen lachten nun ebenfalls.
„Da hat Naruko wohl völlig für umsonst gewonnen, was?“, lächelte Makishima.
So hatte er sich das vorgestellt: Die Stimmung war schon ein wenig ausgelassen und sehr gemütlich, dann konnte die Party ja steigen, denn draußen wurde es langsam dämmrig.

Als sie sich gerade alle in Stimmung gebracht hatten, trat Makishima ein wenig besorgt aus dem Clubraum, um nachzuschauen, ob das Rennrad-Team von Hako Gaku irgendwo zu sehen war. Mittlerweile war die Sonne im schönsten Blutrot untergegangen und hinterließ ihre Schatten, die sich wie unheimliche Gruselgestalten über den Boden zogen. Etwa dreißig Meter von den hell erleuchteten Vierecken der Clubhausfenster entfernt sprang Makishima plötzlich etwas an und er taumelte unter der Wucht zurück, hatte nicht mal Zeit für einen Schrei oder eine Gegenwehr. Schmerzhaft landete er auf dem Boden, doch dann spürte er die Wärme, die ihm bekannt vorkam, und ein frecher Mund küsste erst seinen linken, dann seinen rechten Mundwinkel, bevor sich ihre Zungen in Makishimas Mund vereinten. Der Grünhaarige lächelte und griff nach dem Kopf des anderen, der von einem Helm geziert wurde.
„Das nenn ich Timing“, sagte Shinkai leise, der kurz einen Lichtstrahl aus seiner Taschenlampe über die beiden Küssenden laufen ließ. „Wir wollten uns gerade ankündigen.“
„Mit Timing kennen die beiden sich doch am besten aus“, kommentierte Izumida.
Die anderen von Hako Gaku lachten leise, während Makishima und Toudou sich aufrappelten.
„Maki-chan... Tut mir leid, hast du dir wehgetan?“, flüsterte Toudou im Schutz der Dunkelheit.
„Teh, stürmisch wie eh und je, was, Toudou?“, grinste Makishima und zog den Kleineren in eine feste Umarmung. „Schön, dich zu sehen.“
„Dabei haben wir uns noch gar nicht gesehen“, spottete Toudou und schmiegte sich an seinen Freund. „Sag mal... Bist du mutiert? Warum hast du so viele Arme?“
„Bin als Spinne verkleidet, wie es sich gehört“, erklärte Makishima amüsiert.
„Kostüme? Die haben wir gar nicht bedacht...“, fiel Toudou ein.
„Macht nichts. Habt ihr wenigstens was zu essen und zu trinken dabei?“
„Klar, Toudou-san hat uns noch einkaufen geschickt“, klinkte sich plötzlich Manami ein, der ganz nah bei ihnen hockte.
„Manami!“, ereiferte sich Toudou erschrocken.
„Pssst, Toudou, du verrätst uns noch und dann ist die ganze Überraschung hin!“, kam es geflüstert von Toudous Teamkameraden.
Makishima lachte leise. Dann konnte das Spektakel ja beginnen. Das Team von Hako Gaku umringte das Clubhaus, nachdem sie ihre Mitbringsel in unmittelbarer Nähe aufgereiht hatten, selbst Fukutomi, der Kapitän, machte mit. Dann stellte Makishima den Strom für das Clubhaus aus und Dunkelheit legte sich über das Schulgelände.
„Wa-? Was ist los? Hey, das Licht ist aus!“
Makishima hörte seine Mitschüler aufgeregt schnattern und lotste nun die anderen mit in das Getümmel, dann stellte er den Strom wieder an – und mit dem Licht begannen die Schreie.
„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Naruko hatte sich an Imaizumi geklammert (und umgekehrt), als sie der Ankömmlinge ansichtig wurden. Tadokoro und Kinjou äußerten sich nicht so schrill, sondern begnügten sich mit überraschten Gesichtern, während Arakita, Shinkai und Toudou sich ebenfalls ein wenig erschrocken Luft machten, denn die Kostüme waren ein wenig gewöhnungsbedürftig, zumal besonders Kinjou und Tadokoro sehr lebensecht wirkten. Onoda war in einem stummen Entsetzensschrei verharrt und kam erst wieder zu sich, als Manami ihn ansprach.
„Ne, Sakamichi-kun, wie geht’s?“, fragte der Erstklässler vergnügt.
„Ah, Manami-kun! Und... Arakita-san!“
„Teh!“, machte der Drittklässler und grinste breit. „Was hab ich dir gesagt, wie sollst du mich nennen, Onoda-chan?“
Naruko und Imaizumi wurden plötzlich hellhörig.
„Ah, uhm,... Yasutomo...“, sagte Onoda leise und errötete.
Die beiden standen sich mittlerweile sehr nah gegenüber; zu nah, wie Imaizumi und Naruko erbost feststellten.
„Hm, genau!“
Arakita beugte sich zu Onoda herab und küsste ihn.
„Eine süße Mumie bist du, da krieg ich ja gleich Lust, dich auszuwickeln...“, grinste er.
Onoda lief glühend rot an, rührte sich aber nicht von Arakita weg, der seinen Hals liebkoste. Imaizumi und Naruko beobachteten versteinert, was da vor sich ging. Für die beiden war die Party damit wohl schon gelaufen, denn dieser Anblick war unerträglich...
„Yo, Leute, da draußen stehen noch Lebensmittel, die wir gut für unsere Party gebrauchen könnten“, sagte Makishima.
Sofort fanden sich ein paar fleißige Helfer fürs Reintragen und dann beruhigten sich die Gemüter ein wenig und die Party konnte steigen.

Der Abend schritt voran. Zuerst wollten sich Imaizumi und Naruko – ganz entgegen ihrer Einstellung, sich niemals entmutigen zu lassen oder gar aufzugeben! – an den Süßigkeiten bedienen, bis ihnen schlecht werden würde, doch Makishima schien das aus irgendeinem Grund immer vorauszuahnen und konnte das Stimmungstief vereiteln. Zunächst fanden die Oberschüler Gefallen daran, „Trick or Treat“ zu spielen. Während Aoyagi und Teshima Süßes gleich haufenweise absahnten, mussten Naruko und Imaizumi sich dauernd neue Tricks überlegen, die sie den Geizkragen spielten. Makishima und Manami waren nicht sonderlich leicht hereinzulegen, aber Fukutomi beging den Fehler, ein Glas alkoholfreie Bowle zu trinken, nachdem er Naruko keine Süßigkeiten gegeben hatte. Was immer der kleine Sohoku-Sprinter in das Glas gegeben hatte, der bittere Geschmack zog dem Steingesicht von Hako Gaku die Schuhe aus. Shinkai erwies sich als überaus großzügig, denn immer, wenn er angebettelt wurde, gab er seine Süßigkeiten mit vollen Händen aus. Die anderen wunderten sich noch darüber, bis Izumida einen Karamellbonbon probierte, der ihm beinahe im Hals stecken blieb. Im Herz der Süßigkeit befand sich ein totes Insekt. Schreiend begab sich Izumida in die Dunkelheit und erbrach sich dort ein wenig melodramatisch.
Arakita hatte sein eigenes Gesicht auf dem einen Kürbis erkannt und sich mit Kinjou in ein wortreiches und geistloses Gespräch verwickelt, wobei der Sohoku-Kapitän wohlweislich schwieg und eher Fukutomi besorgt im Blick behielt, der sich von Narukos Bowle noch nicht wieder erholt hatte. Als Onoda zaghaft an Arakitas Ärmel zupfte, um ihn nach „Trick or Treat“ zu fragen, drehte der Drittklässler sich um, wurde sofort ruhig und grinste, ehe er sich zu dem Kleinen hinunterbeugte.
„Du bekommst später was ganz Süßes von mir“, flüsterte er ihm ins Ohr und Onoda errötete noch mehr. „Aber als kleinen Vorgeschmack...“
Er ließ den Satz unbeendet, um ihn mit einer bedeutungsvollen Geste zu beschließen: Er küsste Onoda sanft und strich ihm durch die Haare.
Makishima, der diese Szene beobachtete, äugte schnell hinüber zu Imaizumi und Naruko, doch die waren glücklicherweise gerade damit beschäftigt, Tadokoro um weitere Süßigkeiten aus dem großen Beutel zu erleichtern.
„Kinder“, sagte Toudou genervt und zog seine Beine auf die Bank.
Makishima grinste.
„Trick or Treat?“, fragte er leise.
Toudou erschauderte, dann sah er den Grünhaarigen lächelnd an.
„Eigentlich müsste ich dich das fragen, immerhin hast du mir schon einen Streich gespielt. Was sollte das überhaupt? Manami hat das Rätsel gelöst, das ist wirklich mehr als enttäuschend“, beschwerte Toudou sich. „Was soll ich bloß machen, wenn ich dich nicht mehr verstehe...“
Niedergeschlagen ließ er sein Kinn auf sein Knie sinken und umschlang seine Beine mit seinen Armen. Makishima zuckte und betrachtete seinen Freund nachdenklich. War sein Rätsel wirklich so schwierig gewesen? Dabei hatte er doch einfach nur immer mit unterdrückter Nummer und verzerrter Stimme bei Toudou angerufen, um scheinbar wahllos Zahlen zu nennen. Diese Zahlen gaben allerdings die Koordinaten der Sohoku High an.
„Manami, huh?“, machte Makishima. „Naja, ihr seht euch sehr ähnlich und ihr seid beide Climber... Wenn er mich besser versteht als du...“
Er linste hinter seinem Pony zu Toudou hinüber, der ganz blass wurde und entsetzt den Kopf hob.
„...Was? Du willst... mich loswerden? Mich ersetzen? Ausgerechnet mit Manami?“
Jetzt schrie er schon fast, doch Makishima wusste ganz genau, wie er ihn zum Stillschweigen bringen konnte, und küsste ihn daher lange und intensiv. Toudou schmolz unter dem Kuss dahin und legte seine Arme um Makishimas Nacken.
„Ein Trick und ein Treat“, sagte Makishima, als sie sich voneinander lösten. „Du bist mir was schuldig, Toudou.“
„Ts“, machte Toudou nur, lehnte sich jedoch vertrauensvoll an seinen Freund.
Das würde Toudou sicher nicht auf sich sitzen lassen.

Toudous Retourkutsche folgte bald darauf auf dem Fuße: Irgendwie gelang es ihm, dass Makishima plötzlich vor allen Anwesenden ein Lied schmetterte – somit war der Karaoke-Wettbewerb eröffnet. Der Sohoku-Climber kitzelte seinen Freund nach dieser Aktion ordentlich durch, vertrug sich aber auf dieselbe Weise wieder mit ihm wie zuvor.
„Dein ‚Treat‘ könnte ruhig etwas überzeugender ausfallen“, murmelte Makishima und fuhr mit seiner Nase durch Toudous Haar.
„Wenn wir allein sind, Maki-chan“, versprach Toudou.

Ein paar Stunden später saßen Naruko und Imaizumi vollkommen erschöpft nebeneinander auf einer Bank und sahen sich im Clubraum um. Sie waren alle zur Ruhe gekommen und hatten sich paarweise zusammengesetzt. Die beiden Erzrivalen vermieden es dabei, in Onodas Richtung zu schauen, der direkt neben ihnen seelenruhig in Arakitas Schoß schlummerte und ein ätzend glückliches Gesicht machte. Allerdings verbesserte der Anblick von Teshima und Aoyagi ihre Launen genauso wenig. Die Zweitklässler lagen in der Löffelchenstellung auf einer anderen Bank; Teshima wandte den anderen den Rücken zu und verhinderte es - weil er vorn lag -, dass Aoyagi von der Bank purzelte, außerdem hatte er beschützend einen Arm um den Braunhaarigen geschlungen. Das Bild eines perfekten Liebespaares. Es führte Naruko und Imaizumi vor Augen, dass es ihnen nicht vergönnt war, ebenso wundervoll auszusehen, solange sie einander nicht einig über Onoda wurden, der schlussendlich von Arakita gekapert wurde. Unverzeihlich! Beim nächsten Rennrad-Turnier würden sie diesen Arakita in seine Einzelteile zerlegen! ... Ach nein, er war ja Drittklässler... Dann eben, wenn sie in der Universität waren! Niemand durfte Onoda still und heimlich, völlig ohne Erklärung aus ihrem Kampf um seine Gunst entreißen, das gehörte sich einfach nicht! Ein richtiger Mann stellte sich seinem Gegner in einem Duell! Jawohl!
Und mit diesen kämpferischen Gedanken fielen den beiden Erstklässlern die Augen zu. Narukos Kopf sank an Imaizumis Schulter, der seinen Kopf auf Narukos Haar bettete, und so verbrachten sie alle die Halloween-Nacht – oder das, was noch davon übrig war – im Clubhaus der Sohoku High.

Makishima grinste über dieses Bild, das sich ihm bot, als er plötzlich erwachte und sich dachte, er könnte das Licht löschen und die Kerzen in den Kürbissen auspusten. Wie friedlich sie alle schliefen.
„Ah, Makishima-san“, sagte Onoda leise, der ebenfalls aus seinem kurzen Schlaf geschreckt war.
„Ne, Sakamichi, hattest du Spaß?“, fragte der Ältere ebenso leise.
Onoda nickte und befreite sich vorsichtig aus Arakitas besitzergreifender Umarmung, ohne ihn zu wecken.
„Aber wir haben gar kein Feuerwerk gemacht, dabei hast du dir das so schön ausgedacht“, bedauerte Onoda.
„... Wollen wir das nachholen? Jetzt?“
Onoda machte große Augen, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus und er nickte.
„Hai.“
Gemeinsam kramten sie die Feuerwerkskörper und Wunderkerzen aus dem Spind und schlichen sich mit einem Feuerzeug nach draußen. Dort fuhr ihnen ein kühler Wind in die Kostüme und sie erzitterten. Es wurde bald Winter, so viel stand fest...
Knisternd fraßen sich die Funken an den Metallstäben hinauf und Onoda und Makishima betrachteten sie mit entrückten Blicken.
„Ne, Makishima-san“, begann Onoda. „Vielen Dank, dass du diese Halloween-Party organisiert hast. Den anderen hat es bestimmt auch so viel Spaß gemacht wie mir. ... Ihr werdet mir sehr fehlen, wenn ihr die Schule verlasst.“
Makishima blickte zu Onoda hinüber. War denn überall nur noch Trauer zu finden oder was? Er selber mochte ja auch nicht daran denken, dass sie nie wieder in dieser Konstellation in einem Team die Inter High bestreiten würden... Er seufzte.
„Danke, dass du uns eine so wunderbare Erinnerung gegeben hast, Makishima-san“, sagte Onoda und lächelte den Älteren an.
„Hoi, hoi, Sakamichi, ich werde gleich ganz rot bei all dem Lob“, wehrte Makishima bescheiden ab und häufte die abgebrannten Wunderkerzen neben sich an.
„Aber er hat Recht“, tönte es plötzlich hinter ihnen.
Da standen sie alle in der Tür des Clubhauses und beobachteten die heimlichen Brandstifter. Wer da gesprochen hatte, war Arakita, der vor allen anderen mit verschränkten Armen dastand.
„Dass wir gestern und heute so viel Spaß hatten, ist ganz allein dein Verdienst“, fuhr Arakita fort. „Dafür wollen wir uns bei dir bedanken, Makishima.“
Nun umringten die anderen die beiden und grinsten unheimlich im wenigen Licht, das aus dem Clubhaus herüberfiel.
„Wir haben beschlossen...“, begann Kinjou.
„... dass wir unsere Rivalität...“, setzte Fukutomi fort.
„... und unsere Freundschaft...“, sagte Manami.
„... nicht einfach so im Sande verlaufen lassen“, sagte Shinkai.
„Darum sind hiermit alle Anwesenden...“, fuhr Naruko fort.
„... zu den folgenden Events persönlich eingeladen“, sagte Tadokoro.
„Zur Weihnachtsfeier an der Hako Gaku“, sagte Izumida feierlich.
„Zur Neujahrsparty an der Sohoku“, sagte Imaizumi stolz.
„Und zum Hanami auf dem Hakone-Berg“, beendete Toudou die Liste der Events.
„Dazwischen liegen ja noch etliche andere Feiertage, die sicher nicht vergessen werden“, grinste Teshima und Aoyagi nickte zustimmend.
Onoda und Makishima tauschten einen verdutzten Blick, dann lächelten sie.
„... Wir sind dabei“, sagten sie gleichzeitig.
Es folgte Applaus und Jubeln und Lachen und einige Minuten später erhellten bunte Lichter den stockdunklen Himmel, durchbrachen die Stille mit tosenden Geräuschen und lenkten hervorragend von den Tränen der Anwesenden ab, die sie sich verstohlen aus den Augen strichen. Onoda lehnte in Arakitas Armen und schniefte leise vor sich hin, während sein Freund ihn tröstend streichelte und festhielt. Makishima und Toudou hatten sich einander einen Arm um die Hüfte geschlungen und schwiegen in einer Einvernehmlichkeit, die sonst nur bei Teshima und Aoyagi zu finden war. Tadokoro ertränkte seine vorübergehende Melancholie in Süßigkeiten, wobei auch Naruko und Imaizumi kräftig zulangten. Izumida, Shinkai und Manami verinnerlichten diese Atmosphäre, um sich später gut daran zu erinnern, und Kinjou und Fukutomi erlaubten sich wie üblich keinerlei Emotion. Sie waren allerdings vermutlich am tiefsten getroffen von dem, was zu Ende ging und demnächst auf sie zukam, denn bald würden sie keine Mannschaftskapitäne mehr sein. Ihre Kohais würden ihnen fehlen.
Nachdem auch das letzte Feuerwerk verpufft war und alle Onoda komplimentiert hatten, dass er sie gut ausgesucht hatte, kehrten sie zurück in das Clubhaus und richteten sich so bequem wie möglich zum Schlafen ein. Den Älteren ging sehr schnell der Gedanke durch den Kopf, dass sie für derlei Aktionen tatsächlich zu alt wurden, und die Jüngeren redeten sich ein, dass sie nur noch ein paar Stunden durchhalten mussten, dann konnten sie zurück ins Bett krabbeln, doch vor den Senpais durfte man sich keine Schwächen erlauben! Bald hatte jeder einen Arm oder ein Bein oder einen Bauch gefunden, damit zumindest der Kopf halbwegs weich lag, und synchrones Schnarchen und Atmen erfüllte den Raum. Na dann...

Happy Halloween!

Wenn Dir, geneigter Leser, die Geschichte gefallen hat, dann schaue doch gern bei meiner oben genannten Kuroko-no-basuke-Fanfiction vorbei. Dort geht es am 14. November mit dem nächsten Kapitel weiter. Ich würde mich sehr über Deinen Besuch freuen.
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