Als die Welt unterging

von Reno VII
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Jacob Kowalski Queenie Goldstein
31.10.2017
31.10.2017
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Hallo zusammen!
Diesmal gibt es einen kleinen Queenie/Jacob-OS, auch wenn der Part der Zwei doch sehr kurz ausfällt und sich der Hauptteil mehr auf Jacob selbst konzentriert.
Er bezieht sich auf eine der entfernten Szenen, die im Kino nicht zu sehen war.
Und ja, auch diesmal ist es eher wieder ein „Hurt“, als ein „Fluff“ geworden.
Trotzdem wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

Disclaimer: Natürlich gehören alle vorkommenden Charaktere nur ihrem Schöpfer/ihrer Schöpferin und nicht mir, ich leihe sie mir lediglich für diese Geschichte aus und verdiene auch kein Geld damit.

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Als die Welt unterging


~ * ~ In den Wäldern Europas ~ * ~


Es ist November 1917 und das Beißen von Rauch schmerzt in meinen Augen. Ob die donnernden Detonationen, die die Erde erschüttern, echt sind oder in meinem Kopf stattfinden, weil ich schon seit Wochen - nein - seit Monaten nichts anderes mehr höre, weiß ich nicht. In der stickigen Luft hängt der Geruch von verbranntem Fleisch und ich kann mir nicht helfen, aber ich muss einfach an Großmutters herrlich duftendes Gepäck denken, bevor ich mich übergeben muss.
Wenn ich mich nicht in eine Traumwelt aus fluffigem Kuchenboden und zartschmelzenden Schokoladenglasuren retten würde, wäre es mir unmöglich, meinen Verstand nicht zu verlieren. Oder vielleicht hatte ich es auch schon, weil ich in so einer Situation überhaupt an Gebackenes denken konnte. Ich wusste es nicht. Aber ich dachte oft an die einzigen Dinge, die mir früher immer Freude bereitet und diesen voluminösen Körper geformt hatten, für den der Feldwebel verzweifelt eine Uniform hatte auftreiben müssen.
Ja, ich war nie der sportliche Typ gewesen, aber das hatte mir nichts ausgemacht. Ich hatte nie einen Werdegang angestrebt, der etwas Derartiges voraussetzte. Ich hatte immerhin einen älteren Bruder, der nur zu bereitwillig etwas aus sich machen wollte und das Familienunternehmen eines Tages übernehmen wollte. Nur ein kleiner Verlag für eine lokale Zeitung, aber unsere Eltern hatten damit ein gutes Auskommen.

Aber nein... Das war nichts für mich. Nachdem meine Großmutter mir erzählt hatte, dass sie gerne eine Bäckerei gehabt hätte und ich all die wunderbaren Rezepte von ihr kannte, wusste ich, was ich wollte. Leider hatte Großmutter sich diesen Traum nie erfüllen können, aber ich wollte es. Ich wollte, dass jeder ihre guten Rezepte kannte und das lag mir viel mehr, als die Druckerei. Ich musste es irgendwie schaffen, aber ich bräuchte Startkapital.
Leider war ich über diese Überlegung nie hinausgekommen, denn nun war ich hier, mitten im Chaos und der Zerstörung, die der weltweite Krieg angerichtet hatte. Ich konnte es nicht glauben, dass ich hier gelandet war. Es kam mir unwirklich vor, wenn ich auf mein bisheriges Leben blickte. Ich passte hier nicht hin. Ich war kein Soldat, kein Krieger, aber das konnten wir uns nicht aussuchen. Wir mussten einfach alle kämpfen. Kaum volljährig und schon wurde man einberufen.
Oft fragte ich mich, wie es unserer Mutter ging und ob sie zurechtkam. Ich fragte mich, ob mein Vater und mein Bruder noch am Leben waren und ob ich sie jemals wiedersehen würde. Wir waren in ganz unterschiedlichen Einheiten und nicht zur selben Zeit in den Krieg gezogen. Ich war der letzte und hatte immer zu das Bild meiner Mutter vor Augen, die alleine zurückgeblieben war. Was sollte aus ihr werden, wenn wir nicht zurückkehrten?

Entschieden schüttelte ich den Kopf und versuchte diese grässlichen Gedanken zu vertreiben. Ich musste daran glauben, dass das nicht passieren würde. Solche Gedanken halfen einem hier nicht weiter. Die sensiblen Jungs packten es hier nie lange und hatten es am schwersten, aber auch ich gehörte wohl eher nicht zu den Harten.
Offengestanden, war ich sogar eine ziemliche Katastrophe. Wenigstens gaben mir nicht Wenige hier das Gefühl, als sei es so. Ein Grund mehr, die Kraft der Gedanken darauf zu verwenden, sich aus dieser Hölle zu befördern und in glücklichere Tage zurückzuversetzen. Was wir hier taten… Das war doch Irrsinn. Krieg war Irrsinn. Zumindest konnte ich nichts Vernünftiges daran finden.
Mein ganzes Leben hatte ich etwas tun wollen, was die Menschen glücklich macht und nun war ich an einem Ort, an dem es nichts als Verzweiflung gab. Jeden Tag hoffte man nur zu überleben, man machte einfach weiter. Man versuchte das alles irgendwie durchzustehen, aber ein Ende dieser Tage schien einfach nicht in Sicht zu sein. Wie hatte es soweit kommen können? Das würde ich nie begreifen.

Aber auch hörte waren wir es, die überlebten. Einen Sieg wollte ich es einfach nicht nennen. Nein. Im Krieg gab es keine Gewinner. Es gab nur Verlierer. Menschen die Leben verloren, Frauen, die Ehemänner verloren, Kinder, die Väter verloren und Eltern, die Söhne verloren. Und die, die noch da waren, waren diejenigen, die hofften, dass sie nicht an einem anderen Tag sterben würden.
Also saß ich auch in dieser sternenklaren und finsteren Nacht vor einem aufgebauten Zelt und versuchte zu ergründen, wie so viele, fähige Soldaten fallen konnten und ich – der pummelige Bäcker – war immer noch hier. Das war so absurd.
In der Ferne knisterte ein Lagerfeuer, an dem unsere dezimierte Truppe sich aufwärmte. Man sollte meinen, wir hätten schon genug Feuer gesehen, aber die Nächte waren rau und kalt. Ich hatte die Gesichter meiner gefallenen Kameraden vor Augen und fragte mich, wie lange mich das noch verfolgen würde, ob ich diese aufgerissenen Augen jemals würde vergessen können.
Was machte das mit mir? Was würde ich für ein Mensch sein, falls ich doch durchkommen würde? Aber das war eigentlich unwahrscheinlich. Ich musste an meinen Bruder denken. Er würde es vermutlich eher packen als ich. Er war schon immer der Kämpfer von uns gewesen. Ein stämmiger Junge, mit breitem Kreuz und immer einen guten Kopf größer als seine Mitschüler. Ich musste daran denken, dass wir uns selten einig werden konnten und ganz verschieden waren. Schon immer, aber…
Ich erinnerte mich auch, wie er mich immer auf dem Schulhof verteidigt hatte, wenn die anderen Jungs mich wieder triezten, weil ich eben immer schon etwas zu schwer für meine Größe gewesen war. Aber er… Er hielt immer zu mir.

Und plötzlich spürte ich einen seltsam heftigen Stich in meiner Brust. Einen Moment glaubte ich, nicht mehr atmen zu können und fasste automatisch an die Stelle, wo das Herz saß. Ich konnte es selbst durch die dicke Stoffschicht der Uniform hämmern fühlen. Ich war wie erstarrt. Ein ungutes Gefühl der Leere breitete sich in mir aus und hinterließ einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge.
Mir ging durch den Kopf, dass etwas geschehen war. Für einen Augenblick war mir so, als sei es kälter um mich geworden, als sei das Lagerfeuer in der Ferne geschrumpft und als habe ein dunkler Schleier die Sterne verdeckt.
Und so plötzlich, wie mich dieses Gefühl überkommen hatte, war es auch schon wieder verschwunden. Ich konnte mir das einfach nicht erklären. Ich schüttelte den Kopf, wischte mir über das Gesicht und versuchte, mich wieder einigermaßen zu fangen. Es war schließlich ein langer und harter Tag gewesen. Ein bisschen Ruhe könnte mir sicherlich guttun. Ich sollte mich wirklich langsam hinlegen und versuchen, einen weiteren, fürchterlichen Tag hinter mir zu lassen.



Am nächsten Morgen sah die Welt nicht besser aus. Die Sonne gaukelte einem zwar einen klaren und wunderschönen Tag vor, doch in meinem Inneren sah es ganz und gar nicht hell aus. Dieses seltsame Gefühl von gestern steckte mir noch in den Knochen.
Just in dem Moment, als ich mein Zelt verlassen wollte, um meine erste Runde durch unser kleines Expeditionslager zu machen, stand auf einmal der Feldwebel unserer Einheit vor mir.
„Kowalski, zu Ihnen wollte ich“, ließ er mich mit seiner strengen Stimme wissen und es überraschte mich, dass er das Wort direkt an mich wendete. Normalerweise sprachen wir selten miteinander und dass er mich sehen wollte, kam auch nicht alle Tage vor.
„Zu mir?“, entgegnete ich verwundert und bekam dafür natürlich gleich einen Anranzer.
„Hören Sie schlecht, Kowalski? Ja, zu Ihnen wollte ich“, bestätigte er noch einmal, doch den zweiten Satz sprach er schon wieder sehr ruhig, fast schon schuldbewusst für den Ausraster, zu dem er sich hatte hinreißen lassen. Ein Verhalten, das ich überhaupt nicht verstand.

Ich atmete einmal tief durch, versuchte mich zu beruhigen und so gelassen wie nur möglich zu klingen, als ich nachfragte: „Und was wollen Sie von mir?“
„Traurige Nachricht für Sie“, teilte er mir nun mit und ich musste unwillkürlich schlucken. Was sollte das bedeuten? Doch nicht etwa…?
Ich hatte sofort die schlimmsten Bilder und Szenarien vor Augen und selbstverständlich eine ungefähre Ahnung, was gemeint sein könnte, aber ich hoffte, dass ich mich täuschte. Ich wünschte mir von ganzem Herzen, dass ich damit unrecht haben würde.
„Hab die Nachricht erhalten, dass es Ihren Bruder erwischt hat. Mein Beileid, Mr. Kowalski“, fuhr er fort, schlug mir kurz die Hand auf die Schulter, was gewiss sein Mitgefühl ausdrücken sollte, ehe er kehrtmachte und wieder verschwand.

Ich war wie gelähmt und das hatte nichts mit der Kälte zu tun, die einen hier so erbarmungslos im Griff hatte. Nein. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich gestern bereits gespürt hatte, dass so etwas geschehen war, dass unsere Bindung zueinander vielleicht enger gewesen war, als mir all die Jahre bewusst war.
Mir schossen in diesem Augenblick so viele Dinge durch den Kopf und am Ende konnte ich mich an nichts mehr davon erinnern. Das entsetzliche Gefühl der Endgültigkeit, saß wie ein kalter, schwerer Klumpen in meinem Magen und wollte sich auch nicht mehr vertreiben lassen. Es dauerte lange, bis die Worte und deren Bedeutung überhaupt richtig zu mir durchdringen konnten.
Was ich so sehr befürchtet hatte, war tatsächlich eingetreten und alles, woran ich mich bis heute erinnern konnte, war die pure Verzweiflung, die mich nach einer gefühlten Ewigkeit überkam. Und eine brennende Wut auf diese Ungerechtigkeit.

~ * ~ New York City, Dezember 1926 ~ * ~


Sie hatte es gesehen. In einem nur kurzen Moment, kaum länger als ein Wimpernschlag, doch hatte er ihr gereicht, um die schlimmsten Augenblicke zu ergründen. Den Tag, an dem seine Welt zerbrochen war und der Tag, der entschieden hatte, weshalb sie sich jetzt nicht trennen würden. Es bedurfte keiner weiteren Worte.
Das Grollen, irgendwo in der Nacht, der laute Tumult… das alles nahm Queenie in dieser Sekunde gar nicht mehr wahr. Und doch war sie hin und hergerissen. Schließlich wollte sie dieses schreckliche Schicksal nicht teilen.
Wenn sie Tina nun alleine ließ, wenn sie ihr nicht half… Sie konnte Jacobs Schmerz verstehen. Auch sie würde es niemals ertragen können, wenn ihr etwas geschehen würde. Auch Tina und sie waren ganz verschieden und doch gab es seit sie sich erinnerte immer diese ganz besondere und starke Verbindung zwischen ihnen.

Auch sie spürte immer, wenn etwas mit ihrer Schwester war. Auch sie erinnerte sich, dass sie gerade erst so entsetzliche Angst um sie gehabt hatte. Aber Jacob hatte nichts unternehmen können, um seinem Bruder zu helfen.
Seine Situation war eine vollkommen andere und er war kein Zauberer, hatte keine magischen Fähigkeiten, die ihm sein Leben erleichtern könnten.
Ihr schwirrte ein wenig der Kopf. Diese ganzen Gefühle drohten sie zu überrollen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, besann sich allerdings wieder auf die Worte, die Jacob zu ihr gesprochen hatte. Und auf jene, die sie selbst gesagt und an die er sie wieder erinnert hatte.
Er war einer von ihnen. No-Maj oder nicht. Queenie erkannte, dass das überhaupt keine Rolle spielte. Sie wollte so gerne ihrem Herzen folgen. Sie wollte so verzweifelt, dass dieses kleine Märchen – ihr Märchen – gut ausgehen könnte.
Wie jene, die Tina und sie sich vor dem Einschlafen als Kinder so oft erzählt hatten. Am Ende hatte es immer ein Happy End gegeben.

Queenie wünschte, dass auch sie ein Happy End haben könnte und Jacob…
Viel lieber würde sie ihm diese fürchterlichen Erinnerungen nehmen, als jene, an alles Magische. Viel lieber würde sie dafür sorgen, all diese schrecklichen Dinge in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses zurückzudrängen und es mit guten Erinnerungen zu füllen, aber…
Ihr war bewusst, dass dieser sehnliche Wunsch, der in ihrem Inneren brannte, wohl unerfüllt bleiben musste.
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