Sehnsucht nach Freiheit

von sharon62
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
30.10.2017
25.05.2020
21
103.631
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30.10.2017 2.185
 
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Ich überarbeite meinen Roman "Sehnsucht nach Freiheit". Schwachstellen, unnötige Längen und sonstige Fehler werden/sollen ausgemerzt werden.

Kritik, Hinweise auf eventuelle Fehler oder immer noch vorhandene Schwächen sind mir sehr willkommen.

Zum Buch: Es ist eine Mischung aus Abenteuer (Piratenroman) und damit auch historischem Roman. Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen, obwohl Freundschaft und Loyalität die wichtigeren Themen im Buch sind.

Zum Inhalt: Es handelt sich um die Geschichte eines jungen Mädchens, das im 17. Jahrhundert lebt. Sie sehnt sich danach, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, der als Pirat lebte. In einer höchst außergewöhnlichen Verkleidung gelingt es ihr, als junger Mann (Billy Morgan) in die Mannschaft eines karibischen Piraten aufgenommen zu werden. Natürlich muss sie dann mit den Schwierigkeiten zurecht kommen, als Frau unerkannt unter Männern zu leben.
Wirklich problematisch wird es jedoch, als ihre junge Schwester Rose von ihrem eigenen Kapitän gefangen genommen wird. Sie beschützt Rose, obwohl sie dadurch ihre Entlarvung riskiert, da diese sie erkennt und weiß, dass sie in Wirklichkeit eine Frau ist. Die Verwicklungen dadurch und ihre eigene beginnende Liebe zu ihrem Kapitän bringen sie immer wieder in große Schwierigkeiten und sogar in Lebensgefahr.



Liebe Grüße
Sharon/Anne

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Auf dem großen Platz mitten in London drängten sich die Menschen. Selbst der laute Glockenschlag der nahen Kirche, der die achte Stunde anzeigte, ging in dem Stimmengewirr fast unter. Nur rechts und links des breiten Eingangstores, auf den beiden breiten Tribünen, war es deutlich stiller. Auf der einen befanden sich die wohlhabenderen Bürger, die sich einen Sitzplatz leisten konnten, die andere war den Mitgliedern des Adels vorbehalten.
In der Mitte des Platzes stand unheimlich und faszinierend zugleich der große Galgen. Und direkt daneben, stumm und unbeweglich die maskierte Gestalt des Henkers. Als die acht Glockenschläge verklangen, wandten sich alle Gesichter dem breiten Gang zu, der von den britischen Soldaten freigehalten wurde. Zwei von ihnen führten ein kleines Mädchen bis dicht vor den Galgen. Verwundert folgten die Blicke der Menschen dem Kind. Ein paar Frauen schlugen das Kreuz und sahen mitleidig auf die schmächtige, armselige Gestalt.
Das etwa vierjährige Mädchen war totenblass. Dadurch erschienen die dunklen, verängstigten Augen noch größer in dem kleinen Gesichtchen. Sein Blick irrte über die Menschenmenge, während es unbarmherzig von den Soldaten bis zu den Stufen, die zum Galgen hinaufführten, gezerrt wurde.
Hinter dem Galgen begannen die Trommler zu schlagen. Dumpf hallten die lauten Töne über den Platz. Kurz wurde es leiser in der Menschenmenge. Dann erschollen die ersten Rufe: „Da! Seht! Sie bringen ihn.“
Mehrere Soldaten führten einen Mann heran, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Das kleine Mädchen richtete sich auf und wollte zu ihm laufen, wurde von den Soldaten jedoch sofort festgehalten.
„Bleib stehen, Göre!“
Gonzales Karemindaz, der Gefangene, presste kurz die Lippen zusammen, als er seine Tochter erblickte. Als der bis dahin so gefürchtete spanische Pirat an ihr vorbeigeführt wurde, flüsterte er fast lautlos zwei Worte: „Sei tapfer“. Nicht einmal die Soldaten hörten es, doch die kleine Inez las die Worte von seinen Lippen. Ihr schmächtiger Körper straffte sich. Als der Henker ihrem Vater die schwarze Kapuze überstreifte, verkrampfte sich ihr Magen vor Kummer und Entsetzen. Ihre kleinen Fäuste schmerzten, so fest presste sie die Finger zusammen, doch ihr entfuhr kein Laut. Stumm, mit starrem Blick sah sie zu, wie der Vater gehenkt wurde.
Inez wusste nicht, wie viele Schiffe durch den Piraten versenkt, und wie viele Menschen durch seine Hand getötet worden waren. In ihre junge Seele brannten sich die Bilder des sterbenden Vaters ein – und des dabei jubelnden Volkes. Ebenso wie es immer wieder den gräßlich zugerichteten Leichnam der Mutter vor sich sah, die bei dem Angriff der britischen Soldaten tapfer an der Seite der Männer gekämpft hatte.

Auf der Zuschauertribüne saßen auch Lord Couland und seine Gattin, Lady Marian Couland. Die anmutige, schöne Frau sah mit großen Augen auf das kleine Kind, das bewegungslos und bleich vor dem Galgen stand. Der Anblick löste ein seltsames, unbekanntes Gefühl in ihr aus. Sie atmete schneller und konnte die Augen nicht von der kleinen Gestalt abwenden.
„Wer ist dieses Kind?“ flüsterte sie ihrem Gatten zu.
„Die Tochter dieser Bestie“, erwiderte er bissig. „Die kleine Ratte gehört ebenfalls an den Galgen. Aber Seine Majestät möchte nicht, dass Kinder öffentlich getötet werden.“
Deshalb hatte er sich gehütet, seine Meinung laut zu äußern. Mit seinen knapp über vierzig Jahren war er einer der jüngsten Berater des Königs und würde diese einflussreiche Stellung garantiert nicht aufs Spiel setzen.
„Was ist mit dir? Du wirst doch nicht unwohl werden? Heute Abend ist im Palast ein großer Empfang. Ich brauche dich dort. Du weißt, der König liebt es, mit den Gattinnen seiner Berater zu plaudern.“ Mehr verärgert, als besorgt über die Blässe seiner Gattin, musterte Lord Couland sie.
„Natürlich. Es ist nichts. Selbstverständlich werde ich mit dir dorthin gehen.“ Lady Couland riss sich zusammen. Doch von der Hinrichtung des spanischen Piraten bekam sie kaum etwas mit. Ihre Augen sahen nur das blasse Kind.

Lady Couland amüsierte sich prächtig auf dem Ball des Königs. Ihre Schönheit wurde ebenso wie ihre Klugheit von vielen bewundert. Sie verstand es, sich weiblich zurückhaltend zu geben und dennoch ihre Meinung zu den meisten politischen wie gesellschaftlichen Themen selbstbewusst zu vertreten.
Der König lehnte sich interessiert zu ihr: „Ihr glaubt wirklich, Kinder aus niederen Schichten könnten tatsächlich wertvolle, nützliche Menschen werden?“
„Ich bin davon überzeugt, Euer Majestät. Heute Morgen erst habe ich darüber nachgedacht, als ich ein kleines Mädchen sah. Sie ist wohl die Tochter dieses grässlichen Piraten, der endlich gefasst und hingerichtet wurde. Ich bin sicher, mit einer guten Erziehung würde aus diesem Kind eine wohlerzogene, junge Dame.“
Nachdenklich blickte der Herrscher in ihre schönen, klaren Augen. „Aber in welchem Haus – und es müsste ja wohl ein gebildeter Haushalt sein – wäre eine solche Kreatur willkommen?“
Einen Moment zögerte Lady Marian noch. Ihr Blick streifte den Rücken ihres Mannes, der sich gerade mit einem hohen Militäroffizier unterhielt. „Ich habe mit meinem Gatten noch nicht darüber gesprochen. Aber ich wäre gerne bereit, diese Aufgabe auf mich zu nehmen. Sind wir als gebildete Menschen nicht geradezu verpflichtet, solch minderwertigen Geschöpfen zu helfen, taugliche, nutzbringende Mitglieder der Gesellschaft zu werden?“
Niemals würde sie zugeben, dass sie das kleine Mädchen einfach nicht vergessen konnte. Es hatte eine unbändige Sehnsucht in ihr geweckt. Seit Jahren hoffte Lady Marian vergebens darauf, einem Kind das Leben zu schenken. Sie konnte sich selbst nicht erklären, weshalb ausgerechnet dieses kleine, verdreckte, schwarzhaarige Mädchen ihren Kummer neu entfacht hatte. Doch sie wünschte sich innig, diesem Kind eine Zukunft und vor allem die Liebe einer Mutter geben zu können.
„Ein wirklich bemerkenswerter Gedanke, Lady Couland. Es wäre sehr interessant zu beobachten, wie ein solches Kind sich in einer gebildeten Umgebung entwickelt. Die Idee gefällt mir immer besser. Ich werde mich mit Lord Couland darüber beraten. Doch die Kapelle beginnt wieder zu spielen. Sicher wartet schon ein Tanzpartner auf Euch. Ich werde Euch nicht länger um Euer Vergnügen bringen.“ Der König küsste ihr lächelnd die Hand und Lady Marian erhob sich gehorsam.

Wenige Tage später holte die Leiterin des Armenhauses, in das Inez sofort nach dem Tod ihres Vaters gebracht worden war, das Kind in die Küche. Sie stellte ihr einen großen Teller Suppe mit Brot hin. „Iss!“
Inez schlang das Essen hungrig hinunter. Etwas ängstlich folgte sie der Frau dann in den Nebenraum, in dem eine große Wanne stand, aus der Dampf aufstieg.
„Na, los! Rein mit dir. Du wirst abgeholt und sollst sauber sein.“
Die harten Hände rubbelten sie derart schmerzhaft ab, dass Inez kaum ein Wimmern unterdrücken konnte. Nachdem sie saubere Kleidung angezogen hatte, schubste die Frau sie zum Hauseingang. Ein Mann stand wartend dort.
„Das ist die Kleine.“
Der Mann nickte und zog Inez zu einer Kutsche. Er hob sie hinein und setzte sich ihr gegenüber. Streng musterte er sie: „Du wirst dich anständig und respektvoll verhalten. Wage es nicht, einfach loszuplappern! Du schweigst, solange du nicht angesprochen wirst. Und wenn du etwas gefragt wirst, antworte offen und ehrlich. Hast du das verstanden?“
Verschüchtert nickte Inez. Der Mann meinte abfällig: „Kannst du dich überhaupt englisch ausdrücken? Nun los, sag etwas!“
Wieder nickte sie erst stumm, dann brachte sie leise und stockend hervor: „Ich spreche englisch.“
„Was für ein grässlicher Akzent. Ich weiß wirklich nicht, was Ihre Ladyschaft sich dabei gedacht hat“, seufzte der Mann.
Als die Kutsche endlich hielt, kletterte Inez vorsichtig die steilen Stufen hinunter. Dann staunte sie bewundernd die große Villa an, die inmitten eines herrlichen Gartens lag.
„Hör auf zu starren und komm!“
Durch einen schmalen Seiteneingang führte der Mann Inez hinein und schubste sie vor sich her in den großen Ballsaal. Tief verbeugte er sich: „Euer Majestät, Mylord, Mylady. Hier ist das Kind.“
Der König in dem breiten, extra für ihn herbeigeschafften herrschaftlichen Sessel, blickte neugierig das kleine Mädchen an. Inez sah ihm direkt in die Augen. Der Bedienstete stieß ihr hart in den Rücken. „Los, verbeuge dich endlich, dummes Ding.“
Lady Marian stand auf. „Bitte, Euer Majestät. Die Kleine hat noch keine Ahnung von anständigem Benehmen, wie Ihr seht. Wenn Ihr Euch einen Moment gedulden würdet.“ Sie wartete kaum dessen Nicken ab und beugte sich leicht zu Inez hinunter. „Ich bin Lady Marian Couland, meine Kleine. Du musst vor dem König einen Knicks machen. Weißt du, wie das geht?“
Inez sah die Frau vor sich erstaunt an. Ihre Stimme klang so lieb und freundlich, ganz anders als die harten, schrillen Befehle der Frauen im Armenhaus. Und sie war wunderschön. Sie nickte und knickste leicht.
Lady Couland lächelte. „Das hast du sehr gut gemacht. Jetzt noch einmal zum König, so tief du es kannst.“ Sie drehte das Kind ein wenig, so dass es wieder zu Seiner Majestät sah. Inez beugte das Knie, bis es fast den Boden berührte.
„Seht Ihr, Majestät? Sie ist willig und lerneifrig.“
„Es scheint so“, wohlwollend lächelte der König Lady Couland an. „Wo war das Kind inzwischen untergebracht?“
Während die Erwachsenen sprachen, sah Inez sich verstohlen um. Als ihr Blick den von Lord Couland traf, wich sie erschrocken zurück und senkte sofort wieder den Kopf. Seine Augen waren voller Wut und Abscheu. Sie wagte es nicht mehr aufzuschauen, bis sich eine weiche Hand auf ihre Schulter legte.
„Komm, mein Kind. Ich zeige dir dein Zimmer.“ Lady Couland lächelte sie liebevoll an und Inez folgte ihr verwirrt. Noch verblüffter betrachtete sie dann den großen, herrlich ausgestatteten Raum. Hier war es noch schöner und größer als in ihrem früheren Zimmer zu Hause. Bei der Erinnerung an das wundervolle Haus auf ihrer Insel, traten ihr Tränen in die Augen. Inez hatte längst begriffen, dass sie wohl niemals wieder dorthin zurückkehren konnte, jetzt, wo Vater und Mutter tot waren.
„Elisabeth, was hast du denn? Gefällt es dir nicht?“
Das Mädchen sah verwirrt zu Lady Couland hoch. „Ich heiße In..“
Marian Couland hielt ihr den Mund zu und schüttelte den Kopf. „Nein. Ab jetzt heißt du Elisabeth. Elisabeth Couland. Wir haben dich adoptiert, mein kleiner Schatz. Du bist jetzt meine Tochter.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Du wirst es verstehen, Elisabeth. Jetzt sieh dich um.“
Gehorsam blickte Inez umher, ein Regal mit kostbar gekleideten Puppen entlockte ihr ein sehnsüchtiges Lächeln. „Ich muss wirklich nicht mehr zurück ins Armenhaus?“, versicherte sie sich vorsichtig.
Lady Couland strich ihr liebevoll über die Haare. „Nein. Nie wieder.“
Inez sah dankbar zu ihr auf. Hier war es viel schöner, auch wenn sie sich dafür Elisabeth nennen lassen musste.
Eine weitere Frau trat ein. Sie knickste vor Lady Marian und musterte Inez dann aufmerksam.
„Dies ist Mrs. Garenter, Elisabeth. Sie wird bei dir sein und dir alles erklären und beibringen, was du lernen musst. Ich habe nicht genug Zeit dafür, aber ich werde oft zu dir kommen. Dann sprechen und spielen wir miteinander“, erklärte Lady Couland ihr. „Du musst aber schön brav sein und gut aufpassen. Ich komme heute Abend und bete mit dir.“
Lady Couland traf ihren Gatten vor dem Zimmer des Kindes. Nun, da sein Herrscher nicht anwesend war, zeigte er seinen Zorn offen. „Wie konntest du dem König diesen Vorschlag machen?“, fuhr er sie an. „Du weißt genau, dass ich diesen Bastard nicht in meinem Haus haben will.“
„Ich habe es für dich getan“, verteidigte sich Lady Marian. „Seine Majestät hat mir gegenüber schon oft von seinen Ideen zur Erziehung gesprochen. Ich habe das nur aufgegriffen. So kannst du dich ihm gegenüber auszeichnen.“
Lord Coulands Miene glättete sich wieder. Auch wenn ihm das Kind zuwider war, seine Gattin hatte Recht. Er musste jede Gelegenheit nutzen, seine Stellung zu stärken. Nur so würde er der erste Berater des Königs werden können.
„Nun gut. Es ist ohnehin nicht mehr zu ändern. Der König möchte regelmäßig Bericht über das Kind erhalten. Sorge dafür, dass sie ihm gefallen. Aber halte mir diesen Balg vom Hals.“
„Du wirst sie kaum sehen. Sie wird von der Gouvernante unterrichtet und sich meist in ihren Räumen aufhalten. Natürlich muss sie regelmäßig an die Luft, aber der Garten ist groß“, versprach Lady Marian. Heimlich warf sie einen Blick zurück zum Kinderzimmer.  Sie fühlte schon jetzt Sehnsucht nach dem Kind. Wenn ihr Gatte Elisabeth fernblieb, würde er zum Glück nicht bemerken, wie viel ihr die Kleine bedeutete.
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