Die Alte im Wald - eine Interpretaion

GeschichteAllgemein / P12
29.10.2017
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Die Alte im Wald

Ein Märchen der Brüder Grimm


Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald,

•     Ein armes Dienstmädchen und seine Herrschaft: das ist ein klares Unter- bzw. Überordnungsverhältnis.

und als sie mitten darin waren, kamen Räuber aus dem Dickicht hervor und ermordeten, wen sie fanden.

•     Mitten im Wald: in meiner Vorstellung sind Wälder in Märchen immer sehr groß. Nur mitten drin zu sein, ist schon wie verlaufen, verloren. Und die Räuber sind immer dreckig, zerlumpt, hungrig, böse und bis an die Zähne bewaffnet. In diesem Dickicht geht gar nichts mehr. Und in ihrer Bosheit sind sie konsequent bis zum Schluss, denn es endet mit Mord.

Da kamen alle miteinander um bis auf das Mädchen,

•     Das Mädchen bleibt übrig, denn mit ihm soll die Geschichte weitergehen. Aber die Herrschaft ist nicht mehr da. Dadurch ist das Verhältnis, die Beziehung – zwar auf eine brutale Art, aber notwendigerweise – aufgehoben worden. Manchmal sind Brüche einfach heftig.

das war in der Angst aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einem Baum verborgen.

•     Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Selbst Angst ist manchmal gar nicht so verkehrt, um Veränderungen auszulösen. Und vielleicht viel öfter ein Auslöser für Veränderungen, als man sich das eigentlich vorstellen möchte.

Wie die Räuber mit ihrer Beute fort waren, trat es herbei und sah das große Unglück.

•     Welche Beute? Es wurde zuvor nicht beschrieben, dass die Herrschaft wertvolle Güter mit sich führte. Offenbar ist das aber nicht so wichtig. Ich habe das Bild der toten Herrschaft vor mir, das wohl an der Stelle des Überfalls zurückblieb. Und wenn das Mädchen in seiner Armut von dieser Herrschaft zumindest finanziell abhängig war, dann waren der Überfall und die Morde sehr wohl ein einziges Unglück.

Da fing es an bitterlich zu weinen

•     Alles ist am Ende. Da kann man nur noch seinen Gefühlen freien Lauf lassen.

und sagte: "Was soll ich armes Mädchen nun anfangen, ich weiß mich nicht aus dem Wald herauszufinden, keine Menschenseele wohnt darin, so muss ich gewiss verhungern."

•     Einsam, von aller Welt verlassen, in einem riesigen dichten Durcheinander.

Es ging herum, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden.

•     Das ist so, als wäre man in einem großen Glibberpudding eingesperrt und würde versuchen, sich boxend selbst heraus zu bugsieren. Unmöglich.

Als es Abend war, setzte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollte da sitzen bleiben und nicht weggehen, möchte geschehen, was immer wollte.

•     Jetzt geht auch noch das Licht aus. Weniger Hoffnung kann man nicht haben. Da bleibt nur das Vertrauen auf Gott. Als Konsequenz begibt sie sich in seine Obhut, denn ansonsten gibt es nichts und niemanden, und bleibt sitzen im Vertrauen auf eine Lösung.

Als es aber eine Weile da gesessen hatte, kam ein weiß Täubchen zu ihm geflogen und hatte ein kleines, goldenes Schlüsselchen im Schnabel.

•     Doch, manchmal ist das so: Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her – und dann schickt Gott einen „Engel“.

Das Schlüsselchen legte es ihm in die Hand und sprach: "Siehst du dort den großen Baum, daran ist ein kleines Schloss, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden."

•     Ups – so weit weg ist der Anfang des neuen Wegs ja gar nicht. Wohlgemerkt: wir befinden uns immer noch mitten im dichtesten Wald und das Mädchen ist nicht gelaufen. Aber der Baum, auf den das Täubchen weist, ist gleich „dort“.

Da ging es zu dem Baum und schloss ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, dass es sich satt essen konnte.

•     Das Mädchen erkennt die Hilfe in dem Täubchen und führt seinen Auftrag aus. Und als erstes findet es Nahrung, köstliche Nahrung, die seinen größten und leiblichen Hunger stillt.

Als es satt war, sprach es: "Jetzt ist es Zeit, wo die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müde, könnt ich mich doch auch in mein Bett legen." Da kam das Täubchen wieder geflogen und brachte ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagte: "Schließ dort den Baum auf, so wirst du ein Bett finden." Da schloss es auf und fand ein schönes, weiches Bettchen;

•     Abends fliegen die Hühner im Stall nach oben auf die Stange, um zu schlafen. Und auch das Mädchen möchte dieses weitere Grundbedürfnis des Menschen nach Schlaf stillen. Das dürfen ja sogar die Hühner ohne Not. Und wieder kommt Hilfe, die das Mädchen annimmt.

da betete es zum lieben Gott, er möchte es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein.

•     Die existenziellen Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf sind nun gestillt. Und da das Mädchen sehr wohl, wenn auch ärmlich bekleidet ist, ist auch das dritte Bedürfnis nach Kleidung grds. befriedigt. Aber auch in dieser schon besseren Situation vergisst es nicht, zu Gott zu beten und wieder auszudrücken, dass es sich in seine Obhut begibt und schläft ein. Beneidenswert! In dieser ja immer noch recht misslichen Lage einfach einzuschlafen, anstatt sich sorgenvoll hin und her wälzen zu müssen und gar nicht schlafen zu können, so wie es sicherlich viele kennen, wenn Sorgen sie plagen, ist schon toll.

Am Morgen kam das Täubchen zum dritten Mal, brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: "Schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden," und wie es aufschloss, fand es Kleider, mit Gold und Edelsteinen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat.

•     Neue, prachtvolle Kleider. Welches Frauenherz schlüge da nicht höher! Und da die Menschheit ja nun mal erwiesenermaßen immer noch dämlich genug ist, andere Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen, heben diese Kleider das Mädchen quasi in einen anderen Stand. Sie verlässt damit – zumindest äußerlich - ihr armes Dienstmädchenleben.

Also lebte es da eine Zeitlang, und kam das Täubchen alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und war das ein stilles, gutes Leben.

•     Eine ganze Weile lässt es sich die Hilfe gefallen und genießt sie. (Das erinnert an die Situation der Goldmarie, als sie gut versorgt bei Frau Holle lebt.)

Einmal aber kam das Täubchen und sprach: "Willst du mir etwas zuliebe tun?"

•     Auch wenn man jetzt urteilen möchte, dass das Verhalten des Täubchens vielleicht nicht so ganz uneigennützig ist, überrascht mich diese Frage nicht. Und selbst um Hilfe zu bitten, wenn man zuvor selbst hilfsbereit war, finde ich keineswegs egoistisch. Das Leben ist nun einmal ein Geben und Nehmen.

"Von Herzen gerne.", sagte das Mädchen.

•     Von Herzen… Hier zeigt sich ehrliche Dankbarkeit, die etwas zurückgeben möchte. Das ist ebenfalls ein christliches, gottgefälliges Verhalten, hier im Gegenüber zu einem Menschen.

Da sprach das Täubchen: "Ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh hinein, mittendrein am Herd wird eine alte Frau sitzen und ›Guten Tag‹ sagen. Aber gib ihr beileibe keine Antwort, sie mag auch anfangen, was sie will, sondern geh zu ihrer rechten Hand weiter,

•     Das Mädchen bekommt einen ganz klaren Auftrag: Klappe halten und weitergehen. Aber der Auftrag enthält auch indirekt die Begründung für die Warnung, keine Antwort zu geben: die Alte hat wohl so ihre Tücken und wird möglicherweise eine ganze Menge versuchen, um das Mädchen von der Erfüllung seines Auftrags abzuhalten. Insofern ahnt man, dass die Aufgabe zum Scheitern verurteilt ist, wenn das Mädchen der Alten nachgibt, hier indem es mit ihr redet. Ich meine, hier wird eine typische Frauenschwäche angesprochen: sich auch verbal dauernd für alles Mögliche zu rechtfertigen, anstatt einfach konsequent ein Ziel zu verfolgen, ohne immer Rücksicht auf jeden und alles zu nehmen.
(Da fällt mir eines meiner Lieblingsgedichte von Gisela Steineckert ein:
„Alles schon einmal gesagt, alles schon einmal getan. Jedem alles vergeben, das ist kein Leben.)

da ist eine Türe, die mach auf, so wirst du in eine Stube kommen, wo eine Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt, darunter sind prächtige mit glitzerigen Steinen, die lass aber liegen

•     Eine Türe zu öffnen, bedeutet hier vielleicht auch, etwas Neues zu wagen, zu beginnen. Das Täubchen macht es dem Mädchen aber insofern nicht schwer, als es schon vorher erfährt, was in diesem Raum sein wird.

und suche einen schlichten heraus, der auch darunter sein muss, und bring ihn zu mir her, so geschwind du kannst."

•     Hier wiederholt sich das Muster im Auftrag: Tue dies, aber pass auf! Lass dich nicht irre führen. Auch scheint das Täubchen sich mit den Ringen sehr gut auszukennen, denn der schlichte Ring „muss“ auch darunter sein.

Das Mädchen ging zu dem Häuschen und trat zu der Türe ein; da saß eine Alte, die machte große Augen, wie sie es erblickte, und sprach: "Guten Tag, mein Kind."

•     Da ist wohl jemand überrascht. Aber schnell hat die Alte sich wieder im Griff und grüßt arglos. Sie dürfte vielleicht auch beeindruckt von der äußeren Erscheinung des Mädchens sein. Denn wenn sie jetzt ein prächtiges Kleid trägt, wie sie es aus dem Baum erhalten hat, dann täuscht ihr Erscheinungsbild gekonnt über ihren Stand der Dienstmagd hinweg. (Nach dem Motto: „Kleider machen Leute.“)

Es gab ihr aber keine Antwort und ging auf die Türe zu. "Wohinaus?" rief sie und fasste es beim Rock und wollte es festhalten, "das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich's nicht haben will."

•     Das Mädchen aber verfolgt weiter sein Ziel und sofort wird die Situation für die Alte offensichtlich bedrohlich.

Aber das Mädchen schwieg still, machte sich von ihr los und ging gerade in die Stube hinein.

•     Das Mädchen bleibt ihrem Auftrag und dem Täubchen treu. Und letztlich stellt sich heraus, dass die Alte ihr Haus, ihr Reich nicht endlos gegen das verteidigen kann, was ihr sowieso nicht wirklich gehört.

Da lag nun auf dem Tisch eine übergroße Menge von Ringen, die glitzten und glimmerten ihm vor den Augen; es warf sie herum und suchte nach dem schlichten, konnte ihn aber nicht finden.

•     Das scheint so wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen zu sein, denn es war eine „übergroße“ Menge an Ringen dort. Und damit ist die Aufgabe eigentlich kaum noch lösbar.

Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daherschlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fort wollte.

•     Die Alte weiß genau, worum es geht. Aber indem sie versucht, diesen Ring für sich zu retten, verrät sie, wo er zu finden ist.

Da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand, und wie es ihn aufhob und hineinsah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel. Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit zum Haus hinaus

•     Gut und selbstständig mitgedacht hat da das Mädchen. Das entspricht nicht mehr dem Verhalten einer einfachen Dienstmagd. Das ist eigenverantwortlich und zielgerichtet – erwachsen.

und dachte, das weiße Täubchen würde kommen und den Ring holen, aber es kam nicht.

•     Das Täubchen kam nicht, denn es war nur (wichtiger) Helfershelfer.

Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten, und wie es so stand, da war es, als wäre der Baum weich und biegsam und senkte seine Zweige herab. Und auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum und waren zwei Arme,

•     Der bedrohliche Wald bzw. die vielen, dichten Bäume, die die Magd gefürchtet hat, können schlicht menschlich werden, denn das Mädchen kann ihnen mit gereiftem Herzen und erwachsenem Sinn auf Augenhöhe begegnen.

und wie es sich umsah, war der Baum ein schöner Mann, der es umfasste und herzlich küsste und sagte: "Du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befreit, die eine böse Hexe ist.

•     Und so ist das Mädchen auch bereit und fähig für die Liebe. Ich bin der Auffassung, dass es sich bei der bösen Alten wohl um die Mutter des Mannes handelt, die ihren Sohn nicht hergeben will und die ihn über das Instrument des Ringes gefangen hält und damit sein Leben (zum Baum) erstarren lässt. Aber sie kann ihm nicht bis ins Letzte für sich vereinnahmen. Sein Wunsch nach Freiheit und Selbstständigkeit lebt weiter und „fliegt“ (als Täubchen) hinaus in die Welt.
In den Märchen, die ich kenne, spielt die STIEFmutter die Rolle der bösen Frau anstelle der „echten“ Mutter. Zwar kommt z. B. in den Märchen Dornröschen, Rotkäppchen oder Schneeweißchen und Rosenrot auch die Mutter vor. Aber sie spielen hier eine sehr untergeordnete und eine gute Rolle. Hier ist es mal nicht die böse Stiefmutter, sondern eine böse Alte. Ihre Rolle wird gebraucht, um nicht direkt der Mutter eine böse Rolle geben zu müssen. Aber auch die Rolle der bösen Stiefmutter wäre hier nicht passend.

Sie hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tage ein paar Stunden war ich eine weiße Taube, und solang sie den Ring besaß, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wiedererhalten."

•     Mit dieser Erklärung wird im Nachhinein auch klar, wer die Grundbedürfnisse des Mädchens erfüllt hat. Erst als sie selbst erwachsen geworden war, konnte sie aber auch die Liebe eines Mannes annehmen und zurückgeben.

Da waren auch seine Bedienten und Pferde von dem Zauber frei, die sie auch in Bäume verwandelt hatte, und standen neben ihm.

•     Diese Bedienten hatten offenbar keinen eigenen Geist (kein eigenes Täubchen), der sich nicht einsperren ließ. Sie sind gebunden an den Geist ihres Herren.

Da fuhren sie fort in sein Reich, denn er war eines Königs Sohn, und sie heirateten sich und lebten glücklich.

•     Natürlich ist er eines „Königs“ Sohn. Denn nur als solcher ist er „Herr“.
……

OK – soweit meine Interpretation. Was haltet ihr davon?
Eine „aktuelle“ Geschichte als dritter Teil muss erst noch geschrieben werden, soll aber folgen.