Paging Dr. House

GeschichteHumor, Romanze / P12 Slash
Dr. Allison Cameron Dr. Eric Foreman Dr. Gregory House Dr. James Wilson Dr. Robert Chase
29.10.2017
29.10.2017
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29.10.2017 3.934
 
Titel: Paging Dr. House
Autor: Lady Charena (Mai 2007)
Fandom: House, MD
Charaktere: Gregory House, James Wilson, Robert Chase, Eric Foreman, Allison Cameron
Pairing: House/Wilson
10-ff-Challenge Thema: #026. Teamkameraden
Worte: 3.940
Rating: ab 12, slash
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len fürs Beta lesen.

Summe: Ein frühmorgendlicher Telefonanruf bringt House‘ Team zum Spekulieren über die Beziehung zwischen ihrem Boss und seinem besten Freund.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.




Dr. James Wilson versuchte es zu ignorieren, doch das Geräusch wollte nicht verschwinden. Es bohrte sich mit geradezu teuflischer Beharrlichkeit durch den angenehmen Nebel in seinem Kopf, der den Zustand zwischen Wachsein und Schlafen kennzeichnete. Schließlich verabschiedete er sich mit einem Seufzen von seinen Träumen und schlug die Augen auf. Graues Dämmerlicht erfüllte das Zimmer. Es war definitiv zu früh, um wach zu sein.

Einen Moment lang irrte sein Blick orientierungslos durch den Raum, bis sein schläfriges Gehirn die Zusammenhänge geknüpft hatte. Ein sehr warmer und äußerst angenehm nackter Körper war halb an, halb auf ihn drapiert und er lächelte unwillkürlich, als er daran dachte, welche Verlegenheit er mit diesem unbewussten Klammerbedürfnis bei seinem Partner würde auslösen können, wenn er nur eine Kamera zur Hand hätte.

Wieder bohrte sich dieses irritierende Geräusch in sein Bewusstsein und dieses Mal registrierte er auch, was es war – ein Pager. Aber unglücklicherweise schien er der einzige zu sein, der davon wach geworden war. Er streckte die Hand aus und tastete nach der Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett, die er gerade noch so erreichen konnte.

Er knipste sie an und blinzelte, bis sich seine Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten. Vorsichtig beugte er sich über House und griff nach dem nervtötenden Pager, um ihn stumm zu schalten und die Nummer abzulesen. Anstatt dem plötzlichen Drang nachzugeben, den Pager aus dem Fenster zu werfen, legte er ihn auf seine Seite des Bettes und überlegte, ob er wohl genügend Bewegungsspielraum hatte, um das Handy zu erreichen, ohne House dabei zu wecken.

Wie immer, wenn ihn ein besonders schwieriges Puzzle beschäftigte, hatte House den größten Teil der vergangenen Nächte mit allerlei Aktivitäten verbracht – außer zu schlafen. Kein Wunder, dass er den Pager nicht gehört hatte. Doch zumindest gestern Abend hatte er den anderen Mann mit sanfter Gewalt und unter Einsatz seiner nicht unbeträchtlichen Verführungskünste aus seinen Grübeleien gerissen und ins Bett gelockt. Die Erinnerung an das, was dann passiert war, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Kein Wunder, dass House völlig ausgepowert war. Er verspürte selbst eine sehr angenehme Lethargie und einen geradezu physischen Unwillen beim Gedanken daran, das Bett zu verlassen.

Vorsichtig – und vor allem darauf achtend, House rechtes Bein nicht zu berühren – beugte er sich wieder über ihn, streckte den Arm so weit es ging... Mit einem zufriedenen Seufzen schlossen sich seine Finger um das Handy und er ließ sich zurücksinken, kuschelte sich wieder an seinen Liebhaber und drückte die Schnellwahltaste.

Am anderen Ende der Verbindung herrschte einen Moment fragendes Schweigen, nachdem er sich gemeldet hatte und sich danach erkundigte, was los sei. Chase schien allerdings seine Fassung sehr schnell wieder zu finden, wenn er sich auch am Ende nicht ganz die Frage verkneifen konnte, wieso sich Wilson meldete, wenn er Dr. House anpiepste.

Wilson hingegen beschloss, die Frage zu ignorieren. „In Ordnung, ich werde ihn wecken. Wir sind in etwa einer halben Stunde im Krankenhaus.“ Er seufzte. „Es ist noch nicht ganz fünf Uhr morgens, Robert - ich hoffe, Sie sind sich wirklich sicher, dass ihn dieser Fall interessieren wird, sonst wird dies ein sehr langer, sehr unangenehmer Tag für uns alle werden.“ Er schnitt Chase gekränkte Rechtfertigung ab, indem er die Verbindung beendete – und grinste unwillkürlich. House Unhöflichkeit färbte ganz offenbar auf ihn ab. Zumindest um diese Zeit.

Er legte das Handy seufzend weg und fragte sich, was wohl der beste Weg war, House zu wecken, ohne dass ihm sein Liebhaber verbal den Kopf abriss…


* * *


Robert Chase starrte einen Moment ins Leere, als ihm klar wurde, dass ihm niemand mehr zuhörte, bevor er seinerseits die Verbindung beendete und das Handy zurück in die Brusttasche seines Kittels schob. Der junge Intensivmediziner sah übermüdet und ein wenig zerzaust aus. Er hatte sich ein paar Stunden Schlaf auf einer der Behandlungspritschen in der Klinik gestohlen, als ihn der Anruf aus der Notaufnahme erreichte. Kurzerhand hatte er den Gefallen erwidert und Cameron und Foreman ebenfalls aus dem Bett geklingelt. Nach ihrer Ankunft hatten sie ausgeknobelt, wer das Vergnügen bekommen sollte, House anzurufen – und zu seinem Kummer hatte Robert den Kürzeren gezogen. Allerdings überwog inzwischen seine Neugier eindeutig seinen Unwillen. Wieso hatte Dr. Wilson den Ruf beantwortet?

„Hey, du lebst ja noch“, spottete Foreman, als er und Cameron in den Konferenzraum traten. „Was hat er gesagt?“

Allison beschränkte sich auf eine Grimasse und steuerte die Ecke mit der Kaffeemaschine an.

Sie waren alle übermüdet und gestresst. In den vergangenen fünf Tagen waren sie kaum dazu gekommen, das Krankenhaus mal für ein paar Stunden zu verlassen, um in einem richtigen Bett zu schlafen, ausgiebig zu duschen oder die Kleider zu wechseln. Drei Patienten, die fast gleichzeitig mit rätselhaften Symptomen eingeliefert wurden, hatten House und sein Team an den Rand der totalen Erschöpfung getrieben. Jetzt waren zwei ihrer Patienten auf dem Weg der Besserung und auf die normale Station verlegt worden. Der dritte zeigte zumindest im Moment keine Verschlechterung und House hatte verkündet, dass er sich seiner Diagnose sicher sei, und nur noch auf ein Laborergebnis warte. Er hatte den Patienten in der Obhut von Chase gelassen und die anderen beiden schlafen geschickt, bevor Dr. Wilson ihn praktisch aus seinem Büro gezerrt und nach Hause geschleppt hatte.

„Gesagt hat er nichts. Eigentlich...“, entgegnete Chase nachdenklich. „Hey, wo lasst ihr euren Pager, wenn ihr Zuhause seid? Bevor ihr schlafen geht, meine ich.“

„In Griffweite neben dem Bett, wieso?“, fragte Eric nur milde interessiert.

Cameron gesellte sich zu ihnen. „Ich auch“, meinte sie. „Wieso? Das macht doch sicher jeder Arzt so.“

„Weiß ich.“ Nachdenklich trommelte Chase mit den Fingern auf die Tischplatte. „Es war die richtige Nummer“, sinnierte er.

„Was soll die komische Frage?“ Foreman lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme im Nacken. „Hat der Schlafmangel schon Auswirkungen auf deine Gehirnzellen?“

„Ich habe House’ Pager angerufen. Und Dr. Wilson hat zurückgerufen“, erklärte der junge Australier.

„Ja? Und?“ Foreman musterte ihn, als ob er überlegen würde, den Kopf seines Teamkollegen einer Untersuchung zu unterziehen.

„Er klang völlig verschlafen.“ Chase fuhr sich durch die strubbeligen Haare. „Und er hat mich ignoriert, als ich fragte, warum er den Anruf beantworte, und nicht House. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass House seine Pager an der gleichen Stelle deponiert, wie wir alle... kommt euch das nicht merkwürdig vor?“

„Merkwürdig? Du kommst mir merkwürdig vor”, erwiderte Cameron.

Foreman sah ihn schon mit wesentlich mehr Interesse an, als eben noch. „Nein, niemals“, sagte er dann. „House hat vermutlich seinen Pager im Wohnzimmer liegen lassen oder irgend so was.“

Chase grinste. Natürlich dachte er, dass Eric mit seiner Erklärung recht hatte – trotzdem amüsierte es ihn, zu sehen, dass in den Köpfen seiner Teamkollegen als erstes der gleiche Gedanke aufgetaucht war, wie in seinem.

Foreman erwiderte sein Grinsen, schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.

Allisons Reaktion bot eindeutig mehr Unterhaltungswert. Zuerst sah sie ihre beiden Kollegen verständnislos an, dann erschien eine verräterische Röte auf ihrer Stirn und ihren Wangen und ihre Augen weiteten sich. Sie stand abrupt auf und straffte die Schultern. „Ich sehe nach unserer Patientin, ihr könnt eure kindischen Spekulationen ohne mich weiter treiben.“

Als sich die Tür hinter ihr schloss, lachte Chase laut auf und erntete dafür einen amüsierten Blick von Foreman.

„Du weißt, eines Tages wird sie dir heimzahlen, dass du sie immer mit ihrer Verliebtheit zu House aufziehst. Und ich will unbedingt dabei sein, wenn sie Kleinholz aus dir macht“, sagte Eric mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck.

„Es ist mir wirklich ein Rätsel, was zwischen ihr und House läuft.“ Chase zuckte mit den Schultern. „Ich denke, wenn ich lange genug herum stichle, komme ich vielleicht eines Tages dahinter.“

Eric schnaubte amüsiert. „House hat definitiv auf dich abgefärbt. Hast du als Kind auch immer in einem Ameisenhügel herumgestochert, nur um zu sehen, was passiert?“ Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloss die Augen. „Weck’ mich, wenn er da ist, okay?“

Chase dachte einen Moment darüber nach, es ihm gleich zu tun, doch dann entschied er sich lieber für den Kaffee, den Allison aufgesetzt hatte. Auf die Weise würde er vielleicht völlig wach sein, bis House ankam. Ihr Boss würde ohnehin schwierig genug zu ertragen sein, weil man ihn aus den Schlaf gerissen hatte. Er hoffte nur, sie hatten nichts übersehen. Gott mochte ihnen, der Patientin und dem ganzen Krankenhaus gnädig sein, wenn sie ihn umsonst um diese Zeit ins PPTH riefen.


* * *


„Greg? Hey. Aufwachen.” Wilson schüttelte ihn leicht. „Aufwachen.“ House murrte und bewegte sich ein wenig, ohne allerdings aufzuwachen. Wilson rollte mit den Augen. „Greg?“, wiederholte er ein wenig lauter.

„Hmmmh?“ House Lider öffneten sich versuchsweise zu schmalen Schlitzen.

„Chase hat dich angepiepst. Du musst ins Krankenhaus.“

„Wunderbar“, murmelte House ironisch und runzelte die Stirn. „Ich dachte, ich kann ihn wenigstens für ein paar Stunden ohne Hilfe mit einem Patienten alleine lassen.“

„Es ist ein neuer Fall. Cameron und Foreman warten ebenfalls auf dich.“ Wilson lächelte.

House runzelte die Stirn. „Ich habe den Pager überhaupt nicht gehört. Woher weißt du das alles?“, fragte er, wesentlich wacher klingend.

„Ich habe ihn zurückgerufen“, erklärte James ruhig.

Greg sah ihn einen Moment an, dann rollte er sich zur Seite, um sich aufzusetzen. Er zuckte zusammen und stieß ein leises Zischen aus, als sein Bein schmerzte. Dann grinste er. „Du hast zurückgerufen? Nun, das wird den Gerüchten über uns sicherlich frischen Wind geben.“

Wilson lachte und rollte sich auf die Seite, um zu ihm auf zu sehen. „Da ich aus erster Hand weiß, dass es keine Gerüchte mehr sind, kann ich damit leben.“ Er musterte ihn nachdenklich. „Nein, im Ernst. Ich denke nicht, dass es jemanden aus deinem Team noch überrascht, mich am Telefon zu hören. Nicht nachdem ich ohnehin die meiste Zeit mit dir herumhänge. Sie werden höchstens annehmen, dass ich mal wieder auf deiner Couch Unterschlupf gefunden habe, weil Julie das Haus für sich beansprucht.“ Er streckte die Hand nach House aus, doch der war bereits im Begriff, das Bett zu verlassen.

House griff nach seinem Stock und stand mühevoll auf, um Richtung Badezimmer zu humpeln. „Keine völlig unzutreffende Annahme. Entweder war es das oder meine unwiderstehlichen blauen Augen und mein noch viel unwiderstehlicher-er Charme, die dich in erster Linie hierher geführt haben. Nun ja, zumindest in mein Wohnzimmer.“

Wilson murrte einen Protest und ließ seine Augen bedauernd der entschwindenden Gestalt seines Liebhabers folgen. Offenbar spürte House seinen Blick, denn er stoppte an der Badezimmertür und sah zu ihm zurück. Amüsement leuchtete in den blauen Augen auf – und Verlangen. Der arrogante, schmale Mund verzog sich zu einem wissenden Lächeln, in das sich etwas mehr als ein Hauch House-typische Selbstgefälligkeit mischte, als er seinen Blick über den teilweise entblößten Körper seines Liebhabers gleiten ließ.

Wilson rollte mit den Augen. „Wenn du mich im Krankenhaus auch so ansiehst, dann werden es bald keine Gerüchte mehr sein, die die Runde machen, sondern Fakten.“ Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte sich lachend, als er sah, dass er die volle Aufmerksamkeit des älteren Mannes hatte. Zu schade, dass ihnen keine Zeit blieb...

„Oh ja?“ House zog die Augenbrauen hoch. „Ich denke, das könnte weniger mit meinen Blicken als mit den äußerst kleidsamen Malen an deinem Hals zu tun haben. Stehen dir ausgezeichnet.“ Seine Stimme verklang, als er ins Badezimmer trat.

Mit einem Stöhnen schloss Wilson die Lider. Er fragte sich, wie er das nun wieder erklären sollte. Er setzte sich auf und folgte House ins Bad, um dort unter den schadenfrohen Spötteleien des anderen Mannes den angerichteten Schaden im Spiegel zu begutachten.


* * *


Zwanzig Minuten später nahm Wilson mit resigniertem Gesichtsausdruck auf dem Beifahrersitz der Corvette Platz. Er befingerte zum wiederholten Male seinen Hemdkragen, der natürlich nicht all die interessanten Spuren verdeckte, die House‘ Enthusiasmus dort hinterlassen hatte. Anders als sein Liebhaber konnte er sich auch kaum hinter einem Rollkragenpullover verstecken. Diese radikale Veränderung seines üblichen Kleidungsstils würde eher noch mehr Aufmerksamkeit auf ihn lenken.

„Ich glaube, ich werde mich in meinem Büro verstecken müssen“, sagte er mit einem Blick auf House. Nicht, dass er sich die Mühe machte, heute etwas hochgeschlossens zu tragen. Im Gegenteil. Der runde Ausschnitt des T-Shirts und das rote Hemd, das er offen darüber trug, schrien geradezu arrogant hinaus, hinzusehen.

„Feigling“, entgegnete House grinsend. Er amüsierte sich großartig über Wilsons Verlegenheit und hatte ihm während des Ankleidens eine Reihe Abhilfemaßnahmen vorgeschlagen, von denen aber keine so recht die Begeisterung seines jüngeren Liebhabers finden wollte. Schließlich hatte Wilson die Nase voll von seinem Spott und bevor House sich versah, fand er sich gegen die Wand des Schlafzimmers gepresst – wenn auch mit aller nötiger Rücksicht auf sein Bein – und spürte Wilsons Zähne an seinem Hals. Als er ihn losließ, bückte Wilson sich nonchalant nach dem Stock, der House aus der Hand gefallen war und reichte ihn ihm mit einer angedeuteten Verbeugung.

Jetzt befand sich ein leuchtend-rotes Mal direkt dort, wo seine Bartstoppeln endeten. Vielleicht würden sie beide am Ende dieses Tages diese unreife Herumalbern bereuen, aber sie hatten dabei zumindest ihren Spaß.

„Was hat das mit Feigheit zu tun?“, murrte Wilson. „Wir sehen aus wie ein paar Teenager am Morgen nach einer Schulfete. Was glaubst du wohl, werden die Leute denken, wenn sie uns so zusammen sehen?“

House steuerte die Corvette auf die Straße. „Sie werden höchstens glauben, dass du dich mit Julie versöhnt hast.“ Er zog eine angewiderte Grimasse, was sowohl dem Gedanken an Wilsons noch-Ehefrau, als auch an eine mögliche Versöhnung galt. „Und was mich betrifft... Hey, ich habe einen Ruf zu verteidigen. Sie werden sich lediglich bei der Anzahl der Nutten uneins sein.“

„Das hätte vielleicht funktioniert, bevor sich die Neuigkeit meiner anstehenden Scheidung herumgesprochen hat.“ Wilson seufzte.

„Das sollte sie immer noch nicht denken lassen, dass wir die Nacht zusammen verbracht haben.“

Wilson sah einen Moment geradeaus, dann richtete er den Blick neugierig auf seinen Liebhaber. „Du... machst dir überhaupt keine Sorgen über die Reaktionen der Leute?“

House schwieg einen Moment, holte dann tief Luft. „James, im Krankenhaus wird seit Jahren über uns geredet. Für die meisten ist es nichts als ein saftiges Gerücht, eine Abwechslung mit einem Hauch von Skandal und sie werden nicht plötzlich ihre Meinung ändern. Die Menschen werden ohnehin immer nur das glauben, was sie glauben wollen – selbst wenn du ihnen die Fakten auf die Stirn tätowierst. Denk’ nur an Sam Arnello. Er hätte um ein Haar seinen Bruder lieber sterben lassen, als sich die Wahrheit einzugestehen.“

„Ich schätze, du hast recht.“ Trotzdem fühlte sich Wilson nicht unbedingt behaglich dabei, ihre Beziehung auf diese Weise publik zu machen. Schon gar nicht, so lange die Scheidung von Julie noch nicht durch war. Zwar hatte sie ihn verlassen, aber sie würde zweifelsohne eine Schlammschlacht anzetteln, wenn sie dahinter kam, dass er sich in seinen besten Freund verliebt hatte. Oder genauer gesagt, sich die Existenz dieser Gefühle endlich eingestanden.

„Außerdem denk’ nur mal daran, was für einen Spaß wir haben werden, Cuddys und Camerons Reaktionen zu sehen.“ House Grinsen wurde geradezu diabolisch.

Wilson rieb sich mit einem Seufzen übers Gesicht. „Du hast als Kind gerne in Ameisenhügeln herumgestochert, nicht wahr? Nur um zu sehen, was passiert?“

„Ich verspreche mir weniger von Foreman und Chase“, fuhr House fort und ignorierte Wilsons Bemerkung. „Ich wette mit dir um fünfzig Mäuse, dass Foreman keine Miene verzieht.“ Dank des dürftigen Verkehrs um diese frühe Stunde erreichten sie das Krankenhaus sehr schnell.

„Ich bin nicht so verrückt, eine Wette anzunehmen, von der ich weiß, dass ich sie verliere“, erwiderte Wilson und rückte wieder seinen Kragen zurecht. In seiner Magengrube nistete sich ein nervöse, kleines Flattern ein. „Foreman mag dich nicht sonderlich. Er respektiert dich zweifellos, aber er mag dich nicht. Solange es keine Auswirkungen auf seine Arbeit hat, würde es ihn auch nicht kümmern, wenn du es mit einer Ziege treibst.“

House gab einen verächtlichen Laut von sich, als er den Wagen auf den Parkplatz lenkte. „Was Foreman kümmert und was nicht, interessiert mich nicht.“ Er parkte und sah Wilson an. „Eine Ziege? Aus welchen Abgründen kam das?“, fragte er mit unschuldiger Stimme und grinste, als der Onkologe rot wurde.

„Du weißt genau, dass das nur so eine Redensart ist.“

Wilson boxte ihn in die Schulter, doch er fing seine Hand ab und hielt sie einen Moment in seiner, drückte die Finger des jüngeren Mannes gegen die Lippen, bevor er sie los ließ.

James benötigte fast so lange, sich aus seiner überraschten Erstarrung zu lösen, wie House, um aus dem Wagen zu steigen.

„Hat Chase dir noch irgendwelche Details über den neuen Patienten gegeben?“, fragte er, als Wilson zu ihm trat.

„Patientin.“ Wilson zuckte mit den Schultern. „Nein. Ich glaube es hat ihn ziemlich aus dem Konzept gebracht, als ich mich meldete.“

Sie betraten das Krankenhaus und House gab erneut ein verächtliches Geräusch von sich. „Es hat ihn nicht von den wichtigen Dingen abzulenken, selbst wenn sich der Papst an meinem Telefon meldet“, murrte er.


* * *


Trotz aller guter Vorsätze war Chase über seiner Kaffeetasse fast eingeschlafen, als er das charakteristische Geräusch von House’ Stock auf dem Korridor vor dem Besprechungszimmer hörte. Er schreckte hoch und stieß Foreman mit den Ellbogen in die Seite, um ihn zu wecken.

Dann sah er müde zur Tür und auf House, der - gefolgt von Dr. Wilson - eintrat, in der Hoffnung, heraus zu finden in welcher Stimmung sich sein Boss befand. Es schien ihm ein gutes Zeichen, als er Wilson lachen hörte – doch dann weiteten sich seine Augen, als er den Knutschfleck an House Kehle entdeckte. Die Tatsache, dass der Onkologe seinen Pagerruf beantwortet hatte, bereits halb vergessen, sprang plötzlich wieder in den Vordergrund seines Bewusstseins und er drehte den Kopf, um Wilson zu mustern. Sein Kinn sackte nach unten, was seinem Gesicht einen ärgerlich idiotischen Ausdruck gab, als er die Male am Hals des jüngeren Arztes entdeckte – und dessen vergebliche Versuche, sie mit dem Hemdkragen zu verdecken. Auf einmal nahm ihr Herumalbern nach dem Anruf ganz neue Dimensionen an.

Chase schloss den Mund und seine Augen nahmen einen verheißungsvollen... um exakt zu sein unheil-verheißungsvollen... Ausdruck an, den er sich unwissentlich von House abgesehen hatte.

Er drehte den Kopf erneut, dieses Mal um Cameron anzustarren, die vor einer Weile in den Konferenzraum zurückgekehrt und in die Krankengeschichte ihrer neuesten Patientin vertieft war.

„Guten Morgen, Herrschaften.“ House drückte seine Tasche Wilson in die Hand und trat zum Whiteboard, an das er seinen Stock hängte. Er wechselte einen amüsierten Blick mit James – ihm war Chase Reaktion keineswegs entgangen.

Foreman und Cameron begannen die Symptome und möglichen Ursachen dafür herunter zu rasseln und House notierte sie auf dem Whiteboard. Er wandte ihnen den Rücken zu, um sein Grinsen darüber zu verbergen, was er in ihren Gesichter gelesen hatte, als die beiden zum ersten Mal ihn und dann Wilson näher in Augenschein genommen hatten – und offenbar, wenn auch mit Sträuben, eins und eins zusammen zählten.

Wilson holte sich einen Kaffee und nahm mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck an der Wand Platz. Von dort aus entging ihm das Mienenspiel der drei jungen Ärzte ebenfalls nicht. Er unterdrückte ein Seufzen und gab vor, nichts von den neugierigen Blicken zu bemerken, die sich immer wieder in seine Richtung verirrten.

Während House sein Team spekulieren ließ, verweigerte ein kleiner Teil seines Bewusstseins die Arbeit an einer Diagnose und beschäftigte sich statt dessen lieber mit den Reaktionen der einzelnen Teammitglieder.

Foreman hatte genauso reagiert, wie er es vermutet hatte. So gut wie überhaupt nicht nämlich – daher langweilig. Er war sich sicher, dass Foreman es nach der ersten Überraschung als unwichtig abgetan und sich wieder auf die Arbeit konzentriert hatte.

Cameron dagegen... das würde definitiv mehr Spaß machen. Sie wirkte ein wenig blass und geschockt. Ihr Blick glitt immer wieder zwischen ihm und Wilson hin und her und allmählich breitete sich auf ihrem Gesicht so etwas wie ein gekränkter Ausdruck aus. Sie würde darüber hinweg kommen. Immerhin hatte er ihr nie irgendwelche Hoffnungen darauf gemacht, dass ihre irritierende Zuneigung zu ihm in irgendeiner Weise erwidert wurde.

Chase widmete seiner Teamkollegin eindeutig mehr Aufmerksamkeit als der rasch wachsenden Liste auf dem Whiteboard. House revidierte seine Meinung über den jungen Australier ein wenig, als Chase Amüsement über Camerons deutlich ablesbare Reaktion zeigte. Er hatte den Eindruck, dass er auf den jungen Arzt etwas abgefärbt hatte.

House legte den Marker an seinen Platz und ordnete eine Reihe von Tests an, dann winkte er Wilson und sie verließen den Konferenzraum durch die Anschlusstür in House‘ Büro.

Im gleichen Moment, in dem sich die Tür hinter House schloss, wandte sich Chase mit einem selbstgefälligen Grinsen an seine Teamkollegen. „Und? Hatte ich recht, oder was?“

Foreman rollte mit den Augen und ordnete die auf dem Tisch verstreuten Unterlagen. „Und?“, äffte er Chase nach. „Wen interessiert es schon?“

„Es interessiert dich nicht, dass House offensichtlich Sex mit Dr. Wilson hat?“, fragte Chase mit einem boshaften Unterton.

„Er kann Sex haben mit wem er will“, entgegnete Foreman gleichgültig. „Das interessiert mich nicht die Bohne, so lange er es nicht vor unseren Augen in seinem Büro treibt.“

„Du solltest so etwas nicht einmal denken und schon gar nicht einfach so behaupten“, tadelte Cameron und sah auf ihre Hände. „Es gibt sicherlich eine völlig naheliegende und logische Erklärung für diese... diese...“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

„Genau. Und die völlig logische und naheliegende Erklärung ist, dass House und Wilson Sex haben. Und zwar miteinander.“ Chase verschränkte die Arme vor der Brust. „Oder willst du dir wirklich einreden, sie haben sich gestern Abend in einer Bar ein paar Bräute aufgerissen und in House‘ Apartment eine wilde Orgie gefeiert?“

Foreman starrte Chase an, der ein wenig rot wurde und verzog missbilligend den Mund. „Herzlich Dank auch, Dr. Chase, mit diesem Bild im Kopf werde ich jetzt an die Arbeit gehen. Genau was ich an so einem Morgen brauche.“

Cameron blickte sie mit einer Mischung aus Ärger und Abscheu an. „Überhaupt sollten wir nicht über unseren Boss Gerüchte verbreiten. Schließlich haben wir eine Patientin, um die wir uns kümmern müssen.“ Damit drehte sie sich hastig um und verließ das Konferenzzimmer.

Chase wandte sich an seinen Teamkollegen. „Habe ich es dir nicht gesagt?“, meinte er triumphierend. „Sie ist immer noch in ihn verliebt.“

Foreman schüttelte den Kopf und drückte Chase die Patientenakte in die Hand. „Los, setz’ dich in Bewegung. Diese Tests machen sich nicht alleine. Und wenn House uns hier herum trödeln sieht, solltest du dir lieber Sorgen um deinen Arsch machen.“

Ohne einen Blick nach nebenan zu werfen, folgte er Cameron. Nach einem Augenblick gab sich Chase einen Ruck und machte sich auf den Weg ins Labor.


* * *


In House Büro hatten die beiden Männer, die das Hauptthema dieser Unterhaltung gewesen waren, zwar die Worte nicht gehört, jedoch sprachen die Reaktionen und Mienen für sich.

Seufzend rieb sich Wilson übers Gesicht, was ein amüsiertes Schnauben bei seinem Liebhaber hervorrief.

„Gut, dass du die Wette nicht angenommen hast, Jimmy“, stichelte House, er stand auf und stellte sich neben Wilson.

Der jüngere Mann sah zu ihm auf. „Du hast einen geradezu perversen Sinn für Humor“, entgegnete er ironisch, mit einem schiefen Grinsen.

„Ich weiß“, entgegnete House im gleichen Tonfall. Er beugte sich zu ihm hinunter, um James zu küssen. „Alles an mir ist geradezu pervers.“


Ende
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