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Soulmate

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Elphaba Thropp Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands
28.10.2017
28.10.2017
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Disclaimer: "Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the West" und "Out of Oz" gehören G. Maguire.
A/N: Diese Geschichte wurde inspiriert durch "Disremembering Your Name" von winter156.

Soulmate


Oz war ein merkwürdiges, weites Land voller Zauber. Die hohen, wilden Gräser der weiten Steppen im Westen flüsterten Worte, wenn Wanderer sie durchquerten. Sie erzählten von wilden THIEREN, die das Land einst besiedelten und es ihr Eigen nannten, bevor die Menschen kamen, mit ihrem Zauberer.

Die Berge des Nordens thronten wie Spitzen über dem Land, gefährlich funkelnd. Tief in ihrem Inneren beherbergten sie unvorstellbare Schätze aus Gold und Edelsteinen, die Reichtum versprachen. Der Schnee, der sie bedeckte, war so rein wie das Kleid von Ozma, deren Reinheit und Güte die alten Legenden belebte.

Die stickigen Sümpfe und Moore im Süden mit ihren fauligen Gerüchen erinnerte die Menschen an den Kessel der kumbrischen Hexe, die ihre Tränke braute, während sie mit ihren Tieren sprach. Ihre Worte waren stets voller Gift, sie war das verkörperte Böse, der Schatten, den Ozma warf.

Die Halme des Getreides im Osten neigten sich Jahr für Jahr im warmen Sommerwind und erzählten von der Zeit, als die Uhr des Zeitdrachen umherfuhr und den Munchkins Wahrheiten offenbarte, die besser verborgen geblieben wären.
Eine Zeit, in der ein kleines, grünes Mädchen geboren wurde. Ihr Vater war der unionistische Pfarrer Frexspar, der Göttliche und ihre Mutter Melena, die Erbin der Herrschaft über Munchkinland.

Während Frexspar seine Tage und Nächte damit verbrachte, die Munchkins zu ehrfürchtigen Unionisten zu bekehren, wandte Melena sich Spitzlappblättern und Alkohol zu. An einem heißen Tag im Sommer saß ihre kleine Tochter Elphaba auf ihrem Schoß und deutete auf ein Zeichen an ihrer Schulter, welches üblicherweise mit Stoff bedeckt war. Blassgrüne Finger strichen vorsichtig über die wirren Linien, bevor das Mädchen fragte: „Mama, was ist das?“

Mit glasigen Augen, berauscht von verschiedenen Kräutern, seufzte Melena: „Elphaba, mein kleiner Käfer, sei nicht immer so neugierig!“ Die Frau strich fahrig über die Zeichen und sprach: „Viele von uns werden mit einem Zeichen geboren, gleich einer Tätowierung. Wer es nicht bei der Geburt trägt, bekommt es während seiner Kindheit. Alle Menschen haben ein solches Zeichen, wenn sie zehn Jahre alt sind.“

Diese Antwort reichte dem Mädchen. Sie sprang vom Schoß ihrer Mutter und rannte in den Garten hinaus, um dort zu spielen. Melena zupfte ihr Kleid zurecht, sodass die Linien wieder bedeckt waren. So bemerkte keiner, wie sie sich veränderten, als ein Fremder namens Schildkrötenherz den Grund betrat, auf dem sie lebten.

***


Am Tag, als Elphaba elf Jahre alt wurde, stand sie vor Sonnenaufgang auf, um sich im Schein einer Kerze im Spiegel zu betrachten. Ihre Augen flogen über die grüne Haut und die scharfen Kanten ihres Körpers, doch sie konnte nichts finden. Sie suchte nach einem Zeichen, einem Namen, fand aber nichts.

Mit Tränen in den Augen wandte sie sich an Ämmchen und flüsterte: „Wo ist mein Zeichen? Brauche ich nicht jemand anderes, um eine Seele zu haben?“
Doch es war Frexspar, der die Frage seiner Tochter mit kalten Augen beantwortete: „Das ist richtig. Wer keine Seele hat, braucht niemanden an seiner Seite. Alleinsein ist dein Schicksal.“ Unbewusst strich er über seinen Arm, auf dem der Name seiner Frau zu sehen war. Niemals hatte er mit seinen Kindern darüber gesprochen, dass die Linien an der Schulter von Melena sich mit der Ankunft von Schildkrötenherz verändert hatten, denn er hatte ihn so sehr geliebt wie sie.
Im Alter von elf Jahren erkannte Elphaba, dass sie vom Schöpfer – dem Namenlosen Gott? – keine Seele erhalten hatte und deshalb nie ihren Seelenverwandten finden würde. Die Grausamkeit der Welt zeigte sich in ihrer grünen Haut, die ohne Makel, aber auch ohne Namen an ihr klebte.

***


Elphaba packte ihre wenigen Kleider in einen Koffer. Morgen würde sie Nestenhartung verlassen und nach Shiz reisen, um an der Universität zu studieren. Der Gedanke an die altehrwürdigen Gebäude, die Bücher und den Wissensdurst der jungen Erwachsenen dort ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie träumte seit Jahren davon, Munchkinland zu verlassen und Oz zu entdecken, zu lernen. Sie wollte den fanatischen Fängen ihres strengen Vaters entkommen, der sie zwang, in seinen Predigten zu singen und der ihre Schwester vergötterte.

Nessarose hatte ihr Zeichen bereits im Kleinkindalter bekommen. Auf ihrem Knöchel stand Boq. Die drei Buchstaben waren einfach aufgetaucht, simpel und dunkel auf der hellen Haut. Nessa bedeckte die Zeichen gern mit ihren Strümpfen, denn sie hatte beschlossen, ihr Leben dem Namenlosen Gott und den theologischen Studien zu widmen, anstatt sich an einen Mann zu fesseln. In ihrer starren, beschränkten Welt bemerkte sie nicht den dunklen Blick ihrer älteren Schwester, der voller Neid und Verachtung auf dem Namen ruhte.

Doch an diesem Abend konnte Elphaba ihre düsteren Gedanken loslassen und sich freuen. Ab morgen war sie auf den Weg an einen aufregenden und vielversprechenden Ort, auch wenn ihr Vater das Studium nur erlaubt hatte, um für Nessarose zu sorgen. Das spielte keine Rolle, sie war frei. Sie konnte an einem neuen Ort ein neues Leben beginnen.

Als sie das letzte ihrer kargen Kleider eingepackt hatte und sich über ihr Bett beugte, um den Koffer zu verschließen, spürte sie eine Hitze an ihren Rippen. Unwillkürlich legte sie ihre Hand auf die Stelle, während sie sich mit der anderen Hand keuchend auf dem Bett abstütze. So etwas hatte sie noch nie empfunden. Es war kein echter Schmerz, sondern eher ein Kribbeln, ein Pulsieren.

Ihr freudiges Herz schien überzufließen, als sie realisierte, was das zu bedeuten hatte. Sie hastete zum Spiegel und zog hastig ihre Kleidung aus. Mit geschlossenen Augen stand sie vor ihrem Spiegelbild, was sie bis dahin immer vermieden hatte. Sie traute sich nicht zu schauen. Sie wusste, dass sie grün war und viele Menschen sich davon abgestoßen fühlten. Sie wusste auch, dass ihr Körper bisher kein Zeichen trug, keinen Namen.

Langsam öffnete sie ihre dunklen Augen und blickte zu ihrem Brustkorb. Unter ihrer linken Brust schien es zu glühen.

Ihr Zeichen, endlich.

In dunkler Schrift, violett, fast schwarz, stand dort ein Name. Glinda.

Elphaba konnte ihren Blick gar nicht abwenden. Tränen der Erleichterung, Freudentränen schossen ihr in die Augen. Sie ließen den Namen verschwimmen, doch er hatte sich bereits in das Gedächtnis der Grünen gebrannt. Vorsichtig trocknete sie ihre Augen, die überzulaufen drohten. Vielleicht hatte sie doch eine Seele?

Mit zitternden Fingern strich sie über die Schrift. Glinda, ihre Seelenverwandte. Sie liebte sie bereits jetzt. Doch wie würde sie dieses Mädchen finden? Würde sie ihr in der Universität begegnen? Würde sie ihr gefallen? Ihre Haut war grün, ihr Haar pechschwarz. Sie war klug, aber auch vorlaut. Sie wusste nicht, wie man sich entschuldigte, wie man jemanden Komplimente machte. Sie hatte nie gelernt, wie man sich einfügt, denn sie war immer ein Außenseiter. Wie sollte sie je jemanden gefallen?
Die Freude, die sie empfunden hatte, schien langsam aus ihren Knochen zu verschwinden. Was ist, wenn sie ihre Glinda niemals finden würde? Alleinsein war ihr Schicksal.

***


Galinda von Arduenna, zu Hochborn. Eine Gillikinesin mit flachsblonden Locken und einem Silberkollier mit Mettaniteinsätzen. Die Direktorin des Kollegs hatte Elphaba aus Versehen mit einer dieser reichen Schnepfen in ein Zimmer gesteckt.

Als sich ihre Blicke das erste Mal getroffen hatten, war der Grünen die Luft weggeblieben und sie konnte sich nicht losreißen. Die Schrift auf ihren Rippen hatte warm geglüht, doch das konnte nicht sein. Das Mädchen hieß nicht Glinda, sondern Galinda. Sie korrigierte sogar den werten Dr. Dillamond, einen GEISSBOCK, der sie Historie lehrte und der offenbar Schwierigkeiten damit hatte, den Namen der Damsell richtig auszusprechen. „Ga-linda, mit einem Ga!“, verbesserte das Mädchen den Doktor. Elphabas Blut kochte darüber, wie dieses Gör mit einem so klugen THIER umgehen konnte, aber vermutlich wusste die Gillikinesin es nicht besser.

Trotzdem pulsierten die Buchstaben auf Elphabas Haut immer dann, wenn sich ihre Blicke trafen. Diese blauen, klaren Augen schienen sie magisch anzuziehen.
Doch dies stürzte sie in eine tiefe Verwirrung. Erst hatte sie gehofft, dass sie spätestens mit zehn Jahren einen Namen auf ihrer Haut finden würde, doch nichts geschah. Ihr Vater hatte ihr eingeredet, dass sie keine Seele besaß und deshalb auch nie einen Seelenverwandten finden würde. Am Tag vor ihrer Reise zur Universität war ein Name aufgetaucht, was Elphaba niemals für möglich gehalten hatte. Sie machte schon vor langer Zeit ihren Frieden mit ihrer Hautfarbe und ihrer Einsamkeit, doch das Schicksal schien andere Bahnen für sie vorgesehen zu haben.

Nun war sie hier, lebte mit einer hochnäsigen Gillikinesin in einem Zimmer, die ihr das Leben schwermachte und trotzdem blieb ihr Blick immer wieder an der Blonden hängen und innerlich fragte sie sich, ob Galinda vielleicht ihre Glinda war? Doch würde das nicht bedeuten, dass auch auf dem Körper der anderen irgendwo ein Name zu finden war. Irgendwo Elphaba stand?

Doch es war unmöglich, Galinda danach zu fragen. Die Blonde hätte sie vermutlich ausgelacht und gedemütigt für diese absurde Frage. Stattdessen würde sie zu ihren schnippischen Freunden rennen und ihnen alles erzählen und Elphaba wäre einmal mehr das Gespött des Jahrgangs.
Außerdem entkleideten sich die Mädchen niemals vor der anderen. Elphaba nahm an, dass es nur in Galindas Interesse war, dass sie ihre grüne Haut nicht mehr als nötig zu Gesicht bekam. Der Name unter ihrer Brust sollte ihr Geheimnis bleiben, von dem nicht einmal ihre Schwester etwas wusste.

***


An einem Samstagabend waren Elphaba und Galinda allein in ihrem Zimmer, denn die Blonde hatte Streit mit ihren Freundinnen und zog sich vorzeitig zurück. Sie gab vor, Kopfschmerzen zu haben.

Elphaba saß über einem Buch mit »Reden der frühen unionistischen Väter«, als Galinda sie in ein Gespräch verwickelte. Die Blonde hatte sogar scheu zurückgelächelt, als die Grüne gemeint hatte, ihr würde Elphaba, die Deliröse gefallen.
Denn so fühlte sie sich oft in der Gegenwart ihrer Zimmergenossin, ohne dass sie sich einen Reim daraus machen konnte. Doch bevor ihr etwas Ungeschicktes von der Zunge rollen konnte, sprang das Fenster auf und Galinda musste es notdürftig mit einem Riemen verschließen, während Elphaba sich so weit wie möglich vom Fenster und den Niederschlägen fernhielt. In diesem Chaos fielen mehrere Hutschachteln der Gillikinesin zu Boden. Allerlei außergewöhnliche Hüte fielen heraus, welche die Grüne schnellstmöglich aufräumen wollte. Doch Galinda bat sie, einen der Hüte zu probieren. Er war flach, hatte orange Girlanden und ein gelbes Spitzennetz, um das Gesicht zu bedecken.

„Ich trage keine hübschen Sachen!“, wandte Elphaba ein.

Doch Galinda ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und so landete der feminine Hut auf Elphabas spitzen Kopf. Zögerlich und etwas atemlos blickte sie unter der Krempe hervor zu Galinda. Da war es wieder, dieses Brennen auf ihren Rippen, dieses Gefühl, in eine Richtung gezogen zu werden, die sie sich nicht erklären konnte. Sie wollte Galinda berühren, ihr auch einen Hut aufsetzen und sie ansehen. Sie wollte sie beobachten, wollte sie studieren und über Dinge sprechen, die ihr wichtig waren. Die kompliziert waren, denn sie wusste, dass Galinda nicht dumm oder einfältig war. Die Blonde hatte eine gute Auffassungsgabe, einen Verstand, der über ihr junges Alter hinwegtäuschte.

Ihre rasenden Gedanken verflogen, als Galinda meinte: „Sie gemeine Betrügerin, Sie sind ja hübsch!“ Vollkommen überrumpelt antwortete Elphaba, dass Galinda nicht lügen sollte. Sie riet ihr, deshalb einen unionistischen Pfarrer zur Beichte aufzusuchen. Sie sah, dass sie ihre Zimmernachbarin mit ihren Worten von sich schob, obwohl sie sich gerade näher waren als jemals zuvor. Aber sie konnte nicht mit dem Brennen umgehen, konnte es nicht einordnen.

Es gab keine Bücher über Seelenverwandtschaft. Elphaba hatte jeden Winkel der Universitätsbibliothek danach durchforstet. Hatte ihre Mutter ihr damals nur ein Märchen erzählt? Doch der Name war deutlich auf ihrer grünen Haut zu sehen. Und ihre Mutter hatte ihn gehabt, genauso ihr Vater und ihre Schwester. Es musste also eine Wahrheit dahinterstecken. Aber wie sollte sie diese finden?

***


Die Antwort sollte Elphaba erst erhalten, als Dr. Dillamond unter mysteriösen Umständen aus dem Leben schied. Denn als Zeichen ihrer Anteilnahme und als späte Abbitte für ihre anfängliche Schroffheit gegenüber dem Professor nannte Galinda sich von nun an Glinda.

Elphaba fühlte sich, als würde sie ertrinken. Sie atmete, aber kein Sauerstoff schien in ihre Lungen zu gelangen. Ihre Hände zitterten, ihr Herz raste und die Schrift auf ihren Rippen schien zu summen, als ihr klar war, dass ihre Seelenverwandte direkt vor ihr stand. Glinda, mit diesen hellen, blonden Locken, mit den zierlichen Händen, der schlanken Taille. Glinda, mit den großen, neugierigen Augen, dem scharfen Verstanden, den sie gern versteckte. Glinda, mit ihrer heimlichen Liebe für Architektur und ihrer magischen Begabung, die noch nicht so recht ausgeformt schien.

Glinda.

So stand es auf Elphabas grüner Haut. Doch das konnte nicht sein. Ihre Seelenverwandte war ein Mädchen, was sie vor ein paar Monaten noch aus tiefstem Herzen verachtet hatte. Sie beide hatten nur sehr langsam und zögerlich Vertrauen zueinander gefasst, denn sie waren so unterschiedlich wie Ozma und die kumbrische Hexe. Sie waren wie Tag und Nacht, Feuer und Wasser. Grün, kantig, groß, spitzfindig. Klein, blind, zierlich, oberflächlich. Elphaba hatte den Drang gespürt, der sie zu Glinda zog, doch sie wollte es nicht wahrhaben. Doch es ließ sich nicht bestreiten, nicht nachdem ihre Zimmernachbarin ihren Namen in das geändert hatte, was ihr für immer auf die Haut geschrieben war.

Vollkommen aufgelöst flüchtete Elphaba ins Badezimmer und starrte ihren nackten Oberkörper an. Jeder Gedanke an Glinda quälte ihren Geist und verzweifelt versuchte sie, die Buchstaben von ihrem Körper zu tilgen. Doch nichts gelang und als sie viel später das Badezimmer verließ, wärmte der Anblick einer schlafenden Glinda die Wunde, welche die Grüne sich selbst zugefügt hatte.

Die Anziehung, die von Glinda ausging, konnte Elphaba nun immer schwerer ignorieren. Deshalb besuchte sie die Blonde im Sommer, obwohl es eine peinliche Falle der anderen gewesen war. Es machte ihr nichts aus, denn die Tage ohne Glinda waren lang und einsam.
Als Glinda eines Tages drohte in Ohnmacht zu fallen, fing Elphaba sie geistesgegenwärtig auf. Der Name der Blonden pulsierte so stark, dass die Grüne beinahe selbst die Besinnung verlor, als sie spürte, wie ein Schauer durch den zierlichen Körper flog, der in ihrem Armen lag. So rutschte ihr heraus: „Komm schon, Glinda, du hast mehr im Kopf – komm! Ich liebe dich zu sehr, reiß dich da raus, du Wahnsinnige!“ Glinda kam wieder zu Sinnen und meinte mit einem Grinsen: „Also wirklich … so romantisch muss es nun auch wieder nicht sein!“

Damit war für Elphaba augenblicklich klar, dass die Linien auf ihrem Körper kein Gegenstück hatten, dass Glinda keinen Namen auf ihrer Haut trug – oder zumindest nicht ihren. Sie wollte weinen, weglaufen, verschwinden, doch Nessa war bei ihnen und sie waren mit den anderen der verschworenen Gemeinschaft verabredet. Sie schluckte die aufsteigende Panik hinunter, nahm Glinda bei der Hand und ging weiter. Alleinsein war ihr Schicksal.

In dieser Nacht wollten die Freunde in den Philosophischen Club gehen, um sich von dem Mord an Dr. Dillamond abzulenken. Doch Elphaba hatte andere Pläne. Das Scheiden des THIER-Professors hatte ihr die Augen geöffnet, wer hinter den Repressalien der THIERE stand – der Zauberer. Deshalb sprach sie zischend auf Glinda ein: „Heute Abend haben wir keine Zeit für schlüpfrige Spielchen!“, als die Blonde sich der restlichen Gruppe anschließen wollte. „Du und ich, wir gehen heute Abend nur deshalb zum Grattler-Kolleg zurück, um eine Reisetasche zu packen. Dann machen uns davon.“

***


Die Reise in die Smaragdstadt war lang und beschwerlich, denn die beiden Studentinnen konnten sich nicht den Luxus leisten, mit einer eigenen Kutsche zu reisen. So verbrachten sie die Nächte in schäbigen Unterkünften, bevor sie sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg machten. Oftmals gab es nur ein Bett, indem sich die beiden Studentinnen aneinander kuschelten, um sich Trost und Wärme zu spenden. Zierliche Hände suchten Halt an grünen Schultern, wenn die Aufregung sie überrollte. Grüne Finger schlichen in den Leinen umher, doch niemals ließ Elphaba es zu, dass Glinda ihr Nachthemd anhob und sie küsste. Niemals würde die Blonde den Namen sehen, der im Rausch der Nacht angenehm brannte. Elphaba war sich sicher, dass Glinda sich nur an sie klammerte, weil sie allein miteinander waren. Weil sie verängstigt war. Denn nur weil sie einen Namen trug, hieß das nicht, dass ihr Gegenstück lebte, ihren Namen trug und sie fand. Sie genoss die Nähe zu ihrer Freundin, aber sie verabscheute sie auch. Denn die Küsse machten sie süchtig. Sie konnte sich für ein paar Stunden einbilden, dass irgendwo auf der hellen Haut ihr Name stand, wenn Glinda ihr erlaubte, sie zu berühren. Bild dir bloß kein Wunder ein.

Und so kam es, wie es kommen musste. Elphaba nahm Abschied von ihrer Seelenverwandten. Sie hatten den Zauberer getroffen und er war ein Scharlatan. Er hatte die THIERE zum Feind der Ozianer erklärt, um von den politischen Wirrungen abzulenken, um die Leute aufzuwiegeln und anzustacheln. Um den Zauberer zu bekämpfen, fasste sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Sie ließ Glinda ziehen. Sie schmiegte ihr Gesicht an Glindas und küsste sie. „Halte durch, wenn du kannst“, murmelte sie und küsste sie noch einmal. „Halte durch.“

Alleinsein war ihr Schicksal.

***


Jahre vergingen in festen Bahnen. Politik wurde gemacht, die Mächtigen kamen und fielen. Die Bösen wurden beseitigt, nur um Platz für neue Schurken zu machen. Die Hexe des Ostens wurde von einem Haus erschlagen, während die Böse Hexe des Westens durch einen Eimer Wasser ums Leben kam.

Lady Glinda hatte geheiratet, doch ihre Ehe mit Lord Chuffrey von Mockbeggar Hall war kinderlos geblieben. Sie verbrachte viele Jahre als Witwe im Hausarrest, bevor sie in Southstairs in einer Zelle darauf wartete, dass sie wieder freikam. Als man sie eingekerkert hatte, nahm man ihr die teuren Kleider. Man nahm ihr das Vermögen, das Haus und ihre Würde. Ihre inzwischen ergrauten Locken wurden geschnitten und sie trug nur noch ein simples Leinenkleid. Dabei kam ein Geheimnis zutage, welches sie für Jahre in ihrem Herzen verborgen hatte. Unter ihrem Haaransatz stand in kleinen Buchstaben ein Name. Viele Ozianer würden gar nicht wissen, wer damit gemeint war, denn die Person hatte im Lauf ihres Lebens viele Namen gehabt.

Die Böse Hexe des Westens.

Fae.

Fabala.

… Elphaba.


In ihrer Zelle schreckte Glinda aus dem Schlaf. Sie hatte von grüner Haut geträumt, von dunklen Lippen, die sie vor all den Jahren geküsst und dann weggeschickt hatten. Sie hatte Angst gehabt. Der Druck ihrer Eltern, der Druck der Gesellschaft waren zu viel. So hatte sie nie etwas zu ihrer Seelenverwandten gesagt.

Vor ihrer Zelle flackerte Licht. Ihre Brille war schon vor einem Jahr zerbrochen, doch sie brauchte sie nicht mehr. Sie wusste, wer die Klinke zu ihrer Zelle herunterdrückte. Sie rief schläfrig ihren Namen und meinte: „Du böses Ding. Du hast dir aber viel Zeit gelassen, meine Liebe.“ In ihrem Nacken breitete sich ein warmes Gefühl aus. Elphaba.

Ende.
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