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You had me at hello

SongficFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Abraham Blutrippe Nick OC (Own Character) Peter/Peter Pan Sekeu
28.10.2017
28.10.2017
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You had me at hello



I know that I've been messed up
You never let me give up
All the nights and the fights
And the blood and the breakups
You're always there to call up ...



„Annie?“
Anna Wolff sah auf und ihre grauen Augen trafen auf Peter, welcher sie mit diesem einen ganz speziellen Blick bedachte, den nur er zustande brachte. Eine seltsame und gar eigentümliche Mischung aus einem beinahe spöttischen Grinsen und dem Versuch, dabei dennoch ernst dreinzuschauen. Sein Haar war Winterfeuer und seine Augen das Licht der Sonne, nach dessen Wärme sie sich verzerrte.

„Wir brechen auf, Wölfchen“, sagte er und sie meinte, in seinen goldfarbenen Iriden für den Bruchteil einer Sekunde etwas aufflackern zu sehen.

Ein winziger Hauch von Unsicherheit womöglich, ob sie ihm folgen würde so wie sie alle es bedingungslos taten, doch bereits im nächsten Moment wandte er sich ab und Annie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie sich diesen Ausdruck vielleicht nur eingebildet hatte. Unsicherheit passte ganz und gar nicht zu dem Peter, den sie kennengelernt hatte. Er war ihr Held, ihr Retter und Annie würde ihm selbst bis in die tiefsten Kreise der Hölle folgen, wenn er sie nur darum bitten würde.
Sie unterdrückte ein bitteres Auflachen und schüttelte leicht den Kopf. Wahrscheinlich würde er sie gar nicht erst bitten müssen, denn ihr Herz gehörten diesem sonderbaren Rotschopf bereits seit der Nacht, in welcher sie ihm zum ersten Mal begegnet war.


I'm a pain, I'm a child, I'm afraid
But yeah, you understand
Yeah, like no one can
I know that we don't look like much
But no one fucks it up like us  ...


Anna Wolff hielt sich mit ihrer rechten Hand die glühende Wange, während sich heiße Tränen in ihren Augen ansammelten. Sie wollte nicht weinen, denn sie wusste ganz genau, dass ihre Mutter die Tränen als ein Zeichen der Schwäche abtun würde und sie somit nur umso wütender machen würde.  
„Wie oft muss ich es dir eigentlich noch erklären, Anna?!“, fuhr ihre Mutter sie barsch an und blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die halbvolle Flasche billigen Rotweins, die auf der Anrichte in der Küche stand. „Dein Vater hat uns beide im Stich gelassen. Er wird nie wiederkommen. Nie, nie wieder. Hast du das verstanden?! Wenn du verdammt nochmal mit deinem jämmerlichen und erbärmlichen Geheule aufhören würdest, dann hätte ich nicht jeden verfluchten Morgen Kopfschmerzen! Sieh' dich doch mal an, du bist sechszehn Jahre alt und brichst für jede Kleinigkeit in Tränen aus! Du machst mich krank, Anna!“
„Wenn du nicht jeden Tag so viel trinken würdest, dann hättest du auch keine Kopfschmerzen“, dachte sich Anna, wagte es jedoch nicht diese Worte offen auszusprechen und ihre Mutter damit zu konfrontieren, dass es nicht ihre Schuld war, dass sie ein Alkoholproblem hatte.
„Geh' mir aus den Augen“, fuhr ihre Mutter mit müder Stimme fort. „Ich ertrage dich nicht länger.“

Und Anna ging, weil auch sie den Anblick ihrer Mutter nicht länger ertragen konnte.
Noch bevor sie die Küchentüre hinter sich geschlossen hatte, hörte sie das nur allzu vertraute Geräusch des Drehverschlusses, welcher mit zittrigen Fingern entfernt wurde und das verhasste Glucksen des Weines, als ihre Mutter wie so oft in den vergangenen Wochen wieder einmal zur Flasche griff und ihren Kummer im Alkohol ertrank.

Anna schloss sich in ihrem Zimmer ein und war froh, die Tränen nun nicht mehr länger zurückhalten zu müssen. Sie strich eine widerspenstige Strähne ihres langen, schwarzen Haares zurück und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, nur um in der nächsten Sekunde daran hinunter zu gleiten.
Es war immer das gleiche Schmierentheater. Jeden Abend spielten sich die selben Szenen ab, wie in einem sich wiederholenden Drehbuch und jedes Mal schwor sie sich, etwas dagegen zu tun.
Anna stellte sich vor, wie sie von Zuhause weglief und all das Elend hinter sich ließ. Wie ihre Mutter zur Vernunft kommen würde und nach ihr suchen würde. Sie würden einander in die Armen fallen, ihre Mutter würde endlich dem Alkohol abschwören und ihr versprechen, dass nun alles besser werden würde.

Ein verbittertes und freudloses Lachen entfloh Annas Lippen, als sich die Szenen in ihrem Kopf abspielten.
Nein, natürlich würde sie nicht wegrennen. Wohin sollte sie auch gehen?
Anna hatte keine Freunde, bei denen sie unterkommen können würde und bei dem Gedanken an ihren Vater verspürte die Dunkelhaarige einen schmerzhaften Stich in ihrem Herzen. Gott, wie sie ihn vermisste. Ob sie ihm wohl ebenfalls fehlte?
Es war bereits über ein halbes Jahr her, dass Frank Wolff sie und ihre Mutter Lorraine verlassen hatte und die Erinnerung an ihn riss auf wie eine alte Wunde. Anna zog die Knie an die Brust und vergrub ihr Gesicht in den Händen, während der Schmerz und der Kummer sie einholten.
Anna konnte nicht sagen, wie lange sie dort so gekauert und sich einfach nur vor- und zurück gewiegt hatte. Es hätten fünf Minuten oder auch eine gute Stunde vergangen sein können, für sie fühlte es wie eine halbe Ewigkeit an.


Sixteen and you never even judged me
Matter of fact I always thought you were too cool for me
Sitting there in the caravan
All the nights we've been drunk on the floor ...



Die Schwarzhaarige raffte sich umständlich auf und trat zu ihrem weiss lackierten Kleiderschrank, dessen Farbe allmählich abblätterte. Sie erspähte ihre wenig benutzte Reisetasche, zog sie hervor und stopfte einige Kleidungsstücke hinein - ihren rot-schwarz gestreiften Lieblingspullover, zwei schwarze T-Shirts, eine ausgeblichene Blue Jeans, Socken und Unterwäsche – und versuchte, den Kloß, der sich in ihrem Hals bildete, herunter zu schlucken.
Dieses eine Mal würde sie es durchziehen und nicht wieder den Schwanz einziehen wie ein geschlagener Hund.
Nein. Anna würde abhauen und den ganzen Mist hinter sich lassen.

Vorsichtig und darauf bedacht keinen Lärm zu verursachen, schlich die 16jährige auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Ihr Herz pochte schmerzhaft und verräterisch in ihrer Brust, während sich die Reisetasche in Zement zu verwandeln schien, um sie an Ort und Stelle zu behalten. Sie atmete tief durch und musste sich geradewegs dazu zwingen, die letzten paar Meter zur Wohnungstüre hinter sich zu bringen.
Wie oft hatte sie schon so hier gestanden und war letztendlich doch umgekehrt?
„Viel zu oft“, flüsterte Anna und ihre Lippen bebten, als sie eine Hand auf den Türknauf legte.
Dieses eine Mal gab es kein Zurück.

Eisige Kälte empfing sie und nur zu gerne hätte Anna auf dem Absatz kehrt gemacht.
Winzige Schneeflocken rieselten vom dunklen Nachthimmel auf die Erde hinab und erinnerten sie daran, dass Weihnachten kurz vor der Tür stand.
In ein paar Tagen würde bereits ein neues Jahr beginnen und sie verdrängte die wenigen, schönen Erinnerungen an eine glücklichere Zeit, als ihre Eltern gemeinsam mit ihr an eben jenem Ort das Neujahrsfeuerwerk betrachtet hatten oder wie ihre Mama ihr damals gezeigt hatte, wie man aus Servietten hübsche Blumen basteln konnte, während im Radio die Lieder der The Carpenters liefen und es herrlich nach Zimt und Bratäpfeln duftete.
Anna ballte ihr Hände zu Fäusten, vergrub sie in den Tiefen der Taschen ihrer gefütterten Winterjacke und verschwand in die Nacht hinaus, wo ihre Silhouette nach und nach mit den dunklen Schatten verschmolz.

Ziellos und tief in ihre eigenen Gedanken versunken, wanderte sie durch die menschenleeren Nebenstraßen und Gassen ihrer Heimatstadt Brooklyn im Bundestaat New York und fragte sich insgeheim, wann es ihrer Mutter wohl auffallen würde, dass sie nicht in ihrem Bett lag und schlief.
„Noch ist es nicht zu spät, noch kannst du umkehren“, ging es ihr durch den Kopf, während sie um eine Ecke bog.
Und dann? Sollte sie sich weiterhin an die naive und kindliche Wunschvorstellung klammern, dass ihre Eltern irgendwie wieder zueinander finden würden?
Anna schüttelte den Kopf und ihr langes, rabenschwarzes Haar fiel ihr wie ein dunkler Vorhang in das blasse Gesicht, als sie los rannte. Sie hatte nicht den leisesten Schimmer, wohin sie überhaupt rannte, sie wollte einfach nur weg von hier und die Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen.

Anna blieb erst wieder stehen, als sich das Stechen in ihren Seiten nicht länger ignorieren ließ und sich ihr Arm von dem Gewicht der Reisetasche beinahe taub anfühlte.
Atemlos rang sie nach Luft und versuchte, sich zu orientieren um herauszufinden, wohin sie blindlings geflohen war. Über ihr türmten sich die hohen Wolkenkratzer der Stadt auf, in weiter Ferne konnte sie die Brooklyn Bridge erkennen, welche die Stadtteile verband, und sie spielte mit dem Gedanken sich dort in einem der zahlreichen Schnellrestaurants aufzuwärmen und ihre nächsten Schritte zu planen. Sie könnte sich bei Juliana's oder bei Grimaldi's Pizza eine Kleinigkeit zu Essen holen.
Die 16jährige setzte sich wieder in Bewegung und beschleunigte ihre Schritte, denn Brooklyn war des nachts kein sonderlich sicheres Pflaster. Als sie endlich die Old Fulton Street erreichte, schickte sie ein kurzes Stoßgebet gen Himmel und dankte Gott dafür, dass er sie unbehelligt durch die für ihren Geschmack viel zu leeren und düsteren Straßen hatte ziehen lassen.

Schon von Weitem erkannte sie die helle Leuchtreklame von Juliana's, hielt darauf zu und trat durch die rote Schwingtüre.
Der köstliche Duft von italienischem Essen lag in der Luft und wohlige Wärme empfing sie, während Anna ihren Blick durch das kleine, gemütlich eingerichtete Lokal schweifen ließ.
In einer der Nischen saß ein älteres Pärchen, das sich leise miteinander unterhielt, hinter der Theke wurden Pizzaböden ausgerollt und in den Steinofen geschoben. Weiter hinten sah sie einen roten Haarschopf, der einer lodernden Flamme glich und dessen dazu gehöriges Gesicht sich hinter einer Speisekarte verbarg.
Anna schenkte dem Mann am Ofen ein flüchtiges Lächeln und nahm selbst in einer der hinteren Nischen Platz, von wo aus sie einen guten Überblick über den Laden behalten konnte. Anna leerte ihre Hosentaschen aus, um ihr weniges Geld zu zählen und seufzte leise auf. Natürlich hatte sie nicht daran gedacht, genügend Geld einzustecken, doch für einen kleinen Imbiss würde es wohl noch ausreichen.
Sie wollte gerade nach einer der auf dem Tisch liegenden Speisekarte greifen, als sie das unheimliche Gefühl beschlich, beobachtet zu werden. Die Schwarzhaarige runzelte die Stirn und schaute zu der gegenüber liegenden Nische, wo der Rotschopf saß und sie mit zur Seite geneigtem Haupt musterte.
Der Anflug eines Lächeln erhellte sein blasses Antlitz, welches über und über mit Sommersprossen bedeckt war. „Hallo.“
Kannte sie ihn? Besuchten sie womöglich die selbe Schule?
Anna war sich ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall war, da jemand wie er ihr mit großer Wahrscheinlichkeit im Gedächtnis geblieben wäre. Seine dunkle Kleidung wirkte abgetragen und verlieh im etwas wildes und geradezu rebellisches. Aber vor allen anderen Dingen, waren es seine Augen, die sie in einen Bann zogen und ihr schließlich eine Antwort entlockten.
„Hallo“, gab sie ein wenig tonlos zurück. „Kennen wir uns?“
„Nein, ich glaube bisher noch nicht.“ Der fremde Junge erhob sich, nahm ganz selbstverständlich ihr gegenüber Platz und reichte ihr seine Hand. „Ich bin Peter.“
Und Anna ergriff sie, weil die Art und Weise wie er sie anlächelte einfach ansteckend war. „Ich heiße Anna. Anna Wolff.“

Einige Zeit später hatte sie Peter auf seine vielen Fragen hin, ihre halbe Lebensgeschichte erzählt und nun herrschte Schweigen zwischen ihnen.
Anna kam sich ein wenig dämlich vor, dass sie einem eigentlich vollkommen Fremden gerade ihr Herz ausgeschüttet hatte, doch sie musste sich eingestehen, dass es gut getan hatte. Peter war ein geduldiger Zuhörer und er hatte sie nicht ein einziges Mal unterbrochen. Lediglich seine goldfarbenen Augen waren schmaler geworden und sie hätte nur zu gerne gewusst, was insgeheim in ihm vorging und was er über sie dachte.

„Weißt du schon, wohin du jetzt gehen wirst?“ Seine Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück. „Hast du einen Ort, an dem du bleiben kannst?“
Anna senkte ihren Blick und sah auf ihre Hände, die auf der Tischplatte ruhten. Peter hatte ausgesprochen, was ihr schon seit dem Moment durch den Kopf ging, als sie die Türe ihres vermeintlichen Zuhauses hinter sich geschlossen hatte. Verneinend schüttelte sie langsam den Kopf.
„Das mag vielleicht jetzt schräg klingen, Annie“, begann Peter und ein leises Lachen entfloh seinen Lippen. „Aber wenn du möchtest, dann kannst du mit zu mir kommen.“
Annas graue Augen weiteten sich und für den Sekundenbruchteil spielte sie mit dem Gedanken, einfach aufzustehen und das Lokal zu verlassen.
Hatte Peter ihr nur deshalb zugehört, weil er sie für ein leichtes Opfer hielt? Waren seine Absichten wirklich von so schlechter Natur?
Er musste ihren empörten Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn er hob in einer abwehrenden Geste beide Hände und lachte erneut auf. „Es ist nicht so, wie du denkst!“
Anna sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Und was denke ich?“
„Du denkst vermutlich, ich bin einer dieser Kerle, die versuchen Mädchen um den kleinen Finger zu wickeln, indem sie ihnen zuerst verständnisvoll zuhören und dann das Blaue vom Himmel versprechen. Sei unbesorgt, so jemand bin ich nicht, Annie. Ich möchte dir nur helfen.“
Konnte sie ihm trauen? Diesem seltsamen Jungen, der so plötzlich in ihr Leben getreten war?
Anna wog die Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Peter war hochgewachsen, aber sehr schmal. Wenn es hart auf hart kommen würde, könnte sie ihn womöglich mit einem gezielten Tritt zwischen die Beine loswerden. Außerdem … was hatte sie denn schon großartig zu verlieren?
Sie nickte zörgerlich und als sie aufstanden, um das Restaurant zu verlassen, lächelte Peter und legte ihr einen Arm um die Schultern.

„Wohin gehen wir, Peter?“, fragte Anna und sah zu ihm auf. „Wo wohnst du eigentlich?“
„Es ist nicht mehr sehr weit entfernt. Wir sind schon fast da“, versicherte er ihr. „Wir müssen zum Hafen.“
„Zum Hafen?“, wiederholte sie ein wenig irritiert. „Wohnst du auf einem Hausboot oder so?“
Er lachte laut auf und sein Lachen hallte von den mit Graffiti verzierten Hauswänden wider und durch die leeren Straßen der Stadt. „Nicht wirklich.“
Sie blieb stehen und schlang die Arme um ihre Körpermitte, denn mit einem Mal fröstelte es sie. Peter kniff die Lippen zusammen, wie um ein Grinsen zu unterdrücken. Offensichtlich amüsierte er sich ziemlich gut. „Es ist kein Hausboot, sondern viel mehr eine geheime Festung. Dort gibt es keine Erwachsenen und die einzige Regel lautet: Es gibt keine Regeln.“


Peter sah es ihr an – Annie war noch immer nicht überzeugt und wusste nicht, was sie von ihm halten sollte – und ganz selbstverständlich setzte er sein schönstes Lächeln auf.
Ein Lächeln, mit dem er schon Dutzende andere Mädchen und Jungen vor ihr dazu gebracht hatte, ihm zu folgen und mit ihm die beschwerliche Reise durch den Nebel in Richtung Avalon anzutreten.
Es war dem Rotschopf wie eine glückliche Fügung vorgekommen, als sie mit geröteten Augen das kleine Lokal betreten hatte. In letzter Zeit war es ihm schwer gefallen, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren und Anna Wolff war eine willkommene Abwechslung, obwohl ihr Alter ihm ein wenig Sorgen bereitete.
Sechzehn war ein heikles Alter und für einen flüchtigen Moment sah er vor seinem geistigen Auge die wenigen Teenager, die er nach Avalon gebracht hatte. Die meisten von ihnen waren letztendlich der Dunkelheit verfallen und Peter hatte sie von ihrem Leid erlösen müssen. Er erinnerte sich an jedes einzelne Gesicht und an jeden Namen, manchmal verfolgten ihre schwarzen, ausdruckslosen Augen ihn im Schlaf und suchten ihn heim. Ein Schatten huschte über sein Antlitz.
„Peter?“
Ihre Stimme vertrieb die düsteren Erinnerungen und Peter bemerkte, dass sie stehen geblieben war. Er drehte sich halb zu ihr um. „Hm?“
„Wo genau befindet sich diese sogenannte Festung?“, fragte sie leise.
Innerlich seufzte er auf und hätte am liebsten die goldfarbenen Augen verdreht. Es waren immer die selben Fragen und am Ende folgten sie ihm dennoch, trotz all der Zweifel und Einwände. Peter bemühte sich um eine unbekümmerte Miene und sein Lächeln kehrte zurück. „Glaubst an Feen, Annie?“

Peter hatte ihr viel über Avalon und seine magischen Bewohner erzählt, die weniger angenehmen Details hatte er ausgelassen und vielleicht hatte er hier und dort einige Tatsachen verdreht. Es spielte keine Rolle mehr, denn Annies graue Augen waren mit jedem seiner Worte größer geworden und als sie schließlich den Nebel betraten, hatte er ihre Hand gehalten, um ihr die Angst zu nehmen. Peters Meinung nach hatte sie sich tapfer geschlagen und er rechnete es ihr hoch an, dass sie beim schaurigen Anblick der Sluagh nicht in Panik geraten war.


Dark times, you can always find the bright side
I'm amazed by the things that you would sacrifice
Just to be there for me
How you cringe when you sing out of tune
But yeah, it's everything
So don't change a thing ...


Als Anna durch die in der dunklen Baumrinde verborgenen, kreisrunden Tür schritt und somit die von Peter beschriebene Festung endlich betrat, fühlte sie sich noch immer von all den Eindrücken der vergangenen Stunden wie erschlagen.
Wenn sie vorher noch nicht an Feenwesen geglaubt hatte, so tat sie es nun mit Sicherheit.
Eine winzige, geflügelte Gestalt mit wilder, blauer Mähne flog geradewegs auf sie zu und schwarze Obsidianaugen sahen sie voller Neugierde an. Anna wollte eine Hand nach dem Wesen ausstrecken, als ihr der mit spitzen, nadelartigen Zähnen bespickte Mund auffiel und ließ die bereits erhobene Hand rasch wieder sinken.

„Neues Blut für die Teufel!“, verkündete Peter hinter ihr lautstark und erntete dafür ein ebenso lautes Johlen.
Anna ließ ihren Blick durch die sie umgebende Dunkelheit schweifen. Drahtige Jungen und Mädchen verschiedenen Alters hatten sich um Peter und sie versammelt und bildeten dabei einen Halbkreis. Sie trugen selbstgenähte Kleidung, Tätowierungen zierten die Gliedmaßen mancher Jungen und hier und dort erspähte sie etwas das erschreckende Ähnlichkeit mit Knochen hatte und ihnen wohl als Schmuck diente. Aufgeregtes Gemurmel ging durch die Reihen und vereinte sich zu einem monotonen Summen. Füße stampften im Takt auf die fest getretene Erde, während das Klirren von aufeinandertreffenden Schwertern erklang und sie an eine Art Opferritual denken musste.
Schwindel kam in ihr auf und für einen flüchtigen Moment schwirrten schwarze Punkte vor ihren Augen herum, die eine drohende Ohnmacht ankündigten. Lähmende Panik kroch ihre Wirbelsäule hinauf, schnürte ihr die Luft zum Atmen ab und vielleicht wäre sie in der nächsten Sekunde wie ein wackeliges Kartenhaus in sich zusammengebrochen, wenn Peter nicht an ihre Seite getreten wäre und ihr eine Hand auf die Schulter gelegt hätte.
„Teufel, hört mir zu!“, rief der Rotschopf, hob beschwörend die andere Hand und augenblicklich verstummte der Lärm. „Heute traf ich auf ein Mädchen, welches weder Sluagh noch Fleischfresser fürchtet! Ihr Name lautet Annie Wolff und mit ihr in unserer Mitte werden wir glorreiche Siege erringen!“
Mit diesen Worten versetzte er Anna einen kleinen Stoß, der sie nach vorne taumeln ließ.

Einer der Schatten löste sich aus dem Halbkreis, kam auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Heilige Scheiße! Selbst ich hätte damals im Nebel beinahe die Nerven verloren!“, begann der Fremde und schüttelte ihr mit einem breiten Grinsen energisch die Hand. „Das muss so um 1974 gewesen, oder Peter? Wie auch immer, ich bin übrigens Blutrippe.“
Die Haut des Jungen schien mit roter Farbe bemalt worden zu sein und verlieh ihm ein geradezu teuflisches Erscheinungsbild, doch am auffälligesten war die markante Narbe die sich längs über sein Gesicht zog.
Anna war heillos überfordert und nickte. „Hallo, freut mi-“
Und weiter kam sie nicht mehr, denn Blutrippe packte sie beim Arm und zog die Dunkelhaarige noch immer grinsend mit sich. „Komm schon, ich stelle dich den anderen vor!“

Nacheinander lernte sie Nick, Grille, Danny, Abraham und Sekeu kennen. Letztere hinterließ bei Anna einen bleibenden Eindruck und sie erschauderte erneut, als sie sich an den durchdringenden Blick erinnerte, mit dem Sekeu sie gemustert hatte, ehe sie ihr einen langen Speer in die Hand gedrückt hatte.

Die Tage zogen ins Land, wurden zu Wochen und schließlich zu Monaten, in denen sie zusammen mit den anderen Teufeln unter der strengen Aufsicht von Sekeu trainierte. Schon bald war das Gesicht ihrer Mutter nur noch eine vage Erinnerung in ihrem Gedächtnis und manchmal fragte Anna sich, was wohl aus ihr geworden war. Doch niemals bereute sie ihren Entschluss nach Avalon gekommen zu sein und sich den Teufeln angeschlossen zu haben. Für Anna war es ein Wink des Schicksals, dass Peter sie damals gefunden hatte. Er hatte ihr ein neues Leben geschenkt und durch ihn hatte sie gelernt, was Freunde waren. Anna war glücklich und hatte ihren Platz gefunden.
Peter und die Teufel waren nun ihre Familie.


We both know what they say about us
But they don't stand a chance because
When I'm with you
I'm standing with an army ...
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