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Das Blut von Mittelerde -Sonderkapitel-

von Soleira
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Azog Elrond Gandalf
26.10.2017
28.03.2021
15
23.010
5
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22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
26.10.2017 2.115
 
Farja: (Das Jahr 2931)

Alles begann mit einem wunderschönen Morgen. Die Sonne schien und die Vögel sangen hoch in den Ästen des Waldes ihre Lieder. Die Luft war kühl, denn es war noch früher Morgen. Einzelne Nebelschwaden zogen noch durch den Wald. Hier und da reflektierte ein Wassertropfen auf einem Blatt die Sonne. In der vorigen Nacht hatte es geregnet und die Nässe war noch nicht vollständig wieder von der Sonne aufgesaugt worden. Alles schien friedlich. Auf einer kleinen Waldrichtung grasten drei Rehe. Ein Bock und zwei Weibchen. Die Sonne brach sich auf ihrem braunen Fell und ließ es rötlich scheinen. Nicht weit und unbemerkt von den Rehen kauert eine Gestalt auf dem Boden. Den Blick auf die grasenden Rehe fokussiert. Sie schien beinahe wie festgewachsen, hätte man nicht das leichte Heben und Senken ihrer Brust vernehmen können. Ihre Kleidung verschmolz beinahe mit dem Waldboden. So perfekt getarnt, war es für die Rehe beinahe unmöglich ihren Beobachter zu entdecken. Die Gestalt verlagerte ihr Gewicht ein wenig. Durch die Bewegung rutschte ihr die Kapuze ein wenig vom Kopf und offenbarte ein spitzes Ohrenpaar, das sich beinahe nicht erkennbar unter kastanienbraunen Haar verbarg. Wie es ihr Vater ihr beigebracht hatte, übte sie sich in Geduld. Diese Fähigkeit musste man bei der Jagd haben. Sonst kehrte man mit leeren Händen nach Hause zurück. Und das wollte sie nicht. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren war sie schon eine lautlose Jägerin geworden, auch wenn es mehr als ein Jahr gedauert hatte, bis sie dazu in der Lage war, lautlos durch die Wälder zu schleichen. Das war mein jüngeres Ich. Mein Name ist Farja und ich bin das Blut von Mittelerde. Allerdings wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst viele Jahre später würde ich die Wahrheit über meine Abstammung herausfinden.

Erneut prüfte ich den Wind, immer noch wehte er mir schräg entgegen. Somit konnten mich die Rehe nicht riechen. Ich schmunzelte. Wenn die kleinere der beiden Geißen noch ein wenig näherkommen würde, wäre das die perfekte Gelegenheit zum Schuss. Das eine weibliche Reh gab sich mit dem Bock Zunge. Sanft stupsten sie sich gegenseitig an. Ein trauriges Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Ich tötete nicht gerne. Rehe am wenigsten. Dennoch brauchten wir das Fleisch der Tiere zum Essen, ihr Fell um Kleidung herzustellen und ihre Sehnen für unsere Bögen. Von einem einzigen Reh konnte man sich alleine fünf Tage ernähren. Natürlich nur, wenn man sich das Essen auch gut einteilte. Für den Fall der Fälle, hoben wir immer etwas auf. Man konnte nie wissen wann es das nächste Mal etwas gab. Zwar lebten viele Rehe in diesen Wäldern, dennoch hatten Vater und ich nicht immer das Glück eines zu schießen. Plötzlich hob eines der Rehe den Kopf und sog die Luft ein. Verwirrt prüfte ich erneut den Wind. Es konnte mich nicht gerochen haben, da der Wind immer noch aus der Richtung der Rehe kam. Die Ohren des Tieres zuckten unruhig und automatisch spannte es seine Glieder an. Ich verharrte still hinter dem Gebüsch und rätselte, was das Tier wohl so verschreckt hatte. Der Bock hatte nun ebenfalls seinen Kopf gehoben und sah in das Dickicht rechts von mir. Unabsichtlich hielt ich den Atem an. Die Beine des dritten Tieres zitterten beunruhigt, es war nur noch eine Frage der Zeit und es würde davonspringen. Wenn ich heute noch Fleisch nach Hause bringen wollte, dann musste ich jetzt schießen. Doch irgendetwas in mir drin hielt mich davon ab und ich blieb wo ich war.

Ein schwarzer Pfeil kam wie aus dem Nichts aus dem Gebüsch herausgeschossen und bohrte sich in die Flanke des Bockes. Mit einem gequälten Schrei ging er zu Boden. Neben ihm stürzte die Geiß. In ihrer Flanke steckte ebenfalls ein Pfeil. Er war schwarz gefiedert. Entsetzt starrte ich die, sich in Todesqualen windenden Tiere an. Ich kannte diese Pfeile. Sie waren giftig und es gab nur ein Wesen die diese benutzte. Die dritte Geiß war noch auf den Beinen. Mit geweiteten Augen sah sie auf ihre sterbenden Gefährten hinab, dann wandte sie sich um und verschwand im Dickicht. Ganz langsam zog auch ich mich zurück. Hinter einem Baum suchte ich Schutz. Vorsichtig begann ich den Stamm hinaufzuklettern. Auf Bäumen hatte ich mich schon immer sicher gefühlt. Hoffentlich würde ich mich dort in Sicherheit wiegen können. Kaum war ich in der Baumkrone verschwunden, da brachen zig Orks aus dem Gebüsch hervor. Reflexartig duckte ich mich hinter einen breiten Ast. Obgleich mich die Kreaturen Mordors dort oben nicht erblicken konnten. Sicher ist sicher. Mit geweiteten Augen sah ich zu wie sie sich auf die am Boden liegenden und sich in Krämpfen windenden Rehe stürzten. Der panische, gequälte Schrei des Bockes, hallte immerzu in meinen Ohren wieder. Die Orks fraßen die Rehe lebendig. Ich presste mir eine Hand auf den Mund um nicht zu würgen. Der Anblick ließ das Mahl von Gestern wieder in mir hochkommen. Ich krallte meine Finger in den Ast und wünschte mich nach Hause. Nach Hause. Die Orks, sie waren genau aus dieser Richtung gekommen. Panik überkam mich wie die tosenden Wellen des Meeres. Sie kamen aus dieser Richtung. Angst schnürte mir die Kehle zu, wie ein Strick der sich langsam zuzog.

Als die Orks die Kadaver zurückließen, kauerte ich noch einige Zeit lang auf dem Baum und wartete bis die Schritte der Kreaturen Mordors verhallten. Mit zitternden Gliedern machte ich mich schließlich an den Abstieg. Unkonzentriert wie ich war, trat ich auf einen morschen Ast. Mit einem unheilvollen Knacksen brach dieser unter meinem Fuß durch. Ein erstickender Schrei entrang sich meiner Kehlte, als ich durch das Geäst, nach unten fiel. Stechender Schmerz durchzuckte meine Körper, als ich mit dem Rücken voran auf dem Boden aufkam. Der Aufprall presste mir die Luft aus der Lunge und ich schnappte notgedrungen nach Luft. Die Welt verschwamm vor meinen Augen und ich versuchte mich mit aller Kraft der drohenden Ohnmacht zu entziehen. Ein schrilles Wiehern erklang. Unter Schmerzen rollte ich mich auf den Bauch und sah mit verschwommenen Blick wie sich mir ein großer dunkelbrauner Punkt näherte. Es war Ajax. Die Tatsache, dass es ihm gutging ließ den Schmerz für kurze Zeit verschwinden. Der dunkelbraune Hengst blieb schnaubend vor mir Stehen. Mühsam stützte ich mich an ihm ab und richtete meinen schmerzenden Körper auf. Der Geruch von Rauch stieg mir in die Nase. Entsetzt sah ich Ajax an und bemerkte, dass der Geruch von ihm ausging. Sein Fell war an manchen Stellen verbrannt. „Vater“, hauchte ich entsetzt. Dann rannte ich in die Richtung, aus der Ajax gekommen war.

Je mehr ich mich meinem Zuhause näherte, desto ärger stieg mir der Geruch von Feuer und Rauch in die Nase. Mein Entsetzen wuchs, als ich es durch all die Bäume hindurch rot schimmern sah. Dort vorne brannte es. Ich hielt mir die Hand vor Mund und Nase um den giftigen Rauch nicht einatmen zu müssen. Ich rannte vorbei an brennenden Bäumen und Büschen. Ich nahm nichts um mich herum wirklich wahr, außer dem leuchtend roten Punkt vor meinen Augen. Als ich nur noch wenige Fuß von unserer Lichtung entfernt war, fiel mir ein brennender Ast vor die Füße. Entsetzt sprang ich einen Schritt zurück. Das brennende Holz trennte mich von der Lichtung. Darüber zu springen schien mir unmöglich. Dennoch sah ich keinen anderen Weg und nahm Anlauf. Mit einem verzweifelten Sprung flog ich über das Hindernis hinweg. Die Flammen leckten an meinen Beinen und meine Felljacke fing Feuer. Hart landete ich auf der anderen Seite. Sofort streifte ich meine brennende Jacke von den Schultern und erstickte das Feuer mit hektischen Fußtritten. Mit zittrigen Fingern hob ich die rauchende Jacke auf und band sie mir um die Hüften. Dann rannte ich weiter. Meine Füße flogen nur so über den Boden, dennoch schien es als würde die Lichtung nur langsam näher rücken. Mit einer ruckartigen Bewegung hielt ich inne. Das was sich vor mir erstreckte konnte ich nur mit Mühe als meine Heimat identifizieren.

Die Hütten brannten lichterloh und die Pferde lagen niedergestreckt im verbrannten Boden. Die Augen der Tiere waren leer, zahlreiche Verbrennungen säumten ihre toten Körper. Mit zitternden Beinen trat ich näher an eines der Tiere heran. Das einst so schneeweiße Fell war an unzähligen Stellen verbrannt und eine große Wunde klaffte am Hals des Tieres. Es war Nila, die Stute meiner Freundin Arna. Direkt neben ihr lagen Nano, der Hengst von Thirn und Filjo. Er gehörte zu Nisa. Sein einst so schönes braun weiß geschecktes Fell hatte sich rot gefärbt. Ich schwankte vor Entsetzten. Tränen begannen meine Sicht zu trüben. Ich war mit diesen Pferden aufgewachsen. Sie gehörten zu meinem Leben genauso wie Nisa, Arna und Thirn. Wo waren Sie? Wo waren meine Freunde? Hektisch sah ich mich auf der brennenden Lichtung um doch sie waren nirgends zu entdecken. Ein Schatten schob sich in meinen Augenwinkel und ich sah nach oben. Ich presste meine Hand auf den Mund und würgte. Bitte nicht. Alles nur das nicht. Dieser Anblick war nicht zu ertragen. Er brannte sich in mein Gedächtnis ein. Denn das was dort vor mir in den Bäumen hing war nichts anderes als der Körper von Nisa. Direkt neben ihr hingen auch Arna und Thirn. Um ihre Körper waren Seile gewickelt worden. Zahlreiche Verletzungen säumten ihre Arme und Beine. Dennoch war es nicht das was mir die Übelkeit hochsteigen ließ. Sie hatten keine Augen mehr. Da waren nur noch blutige Höhlen. Mir wurde schwindlig. Tränen benetzten meine Wangen und ich wandte den Blick ab. Ihre Körper waren alle in meine Richtung gerichtet. Fast schon anklagend. Wie ein Erdbeben brach die Wirklichkeit über mir herein, meine Freunde waren tot. Tot. Niemals wieder würde ich mit ihnen durch den Wald reiten können. Wir würden weder Übungskämpfen machen noch ein Wettschwimmen im Fluss. Leise zogen die Erinnerungen an meinen Augen vorbei. Ich ballte die Fäuste. Wut sammelte sich in meinem Körper. Ein verzweifelter Schrei entrang sich meiner Kehle. Erschöpft schlug ich auf den Boden ein. „Warum tut ihr mir das an? Ich habe euch doch nichts getan.“ Meine Finger krallten sich in den Boden. Das rußige Gras zerfiel in meinen Händen und ließ nichts als Asche zurück. Rauch drang mir in die Nase und ich musste Husten. Meine Lunge war wie zugeschnürt und ich bekam kaum noch Luft.

Taumelnd stand ich auf. Mein Vater. Ich musste ihn finden. Die Kraft verließ mich immer wieder. Die Tränen kamen erneut und wollten nicht mehr gehen. Sosehr wünschte ich mir, dass das alles nur ein Traum war. Ein Alptraum, nichts weiter. Durch den Rauch konnte ich am Rand der Lichtung eine liegende Gestalt vernehmen, tote Orks lagen um sie herum. Strauchelnd kam ich näher und fiel vor dem leblosen Körper meines Vaters auf die Knie. Ich konnte ihn nicht erneut ansehen. Sein Körper war genauso schwer zugerichtet, wie der meiner Freunde. Was hatten ich getan, dass ich so sehr bestraft wurde? Stumm ertrug ich den Schmerz, der sich wie ein Dolch in mein zerrissenes Herz bohrte. „Warum lebe ich noch? Weshalb bestraft ihr Valar mich so sehr?“ Meine Stimme brach, als ich die Worte in den rauchigen Himmel schrie. Weinend barg ich das Gesicht an der Brust meines Vaters. Ich presste mein Ohr an seine Brust in der Hoffnung auf eine Bewegung seines Herzens. Doch nichts rührte sich. Ich konnte auch keinen Puls fühlen. Er war tot. Ich presste die Lippen aufeinander um nicht erneut zu schreien. Um mich herum brannte unser Dorf nieder. Doch es war mir egal. Die Hütten stürzten ein, doch ich bemerkte es nicht. Alles was ich wahrnahm war mein Vater. „Mögest du in Frieden ruhen.“, sagte ich und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Dann griff ich neben ihn und legte ihm sein Schwert auf die Brust.

Ein Geräusch erschallte hinter meinem Rücken. Sofort war ich in Alarmbereitschaft. Waren die Orks zurückgekehrt? Meine Hand tastete nach dem Wurfdolch an meinem Gürtel. Fest umgriff ich das kühle Metall. Bereit es einzusetzen, wandte ich mich langsam um. Doch da war niemand. Dennoch sah ich mich weiterhin wachsam um. Dann bemerkte ich einen Schemen, der im Schatten des Waldes stand. Er war groß. Zu groß für einen Ork, aber zu breit für einen Elben. „Wer ist da?“, fragte ich und zuckte leicht zurück als sich der Schemen in meine Richtung zu bewegen begann. „Euer Vater ist der Grund, weshalb ich hier bin. Er schickte mich, für euch zu sorgen, wenn er nicht mehr ist.“ Misstrauisch beobachtete ich die im Schatten stehende Gestalt. „Kommt ins Licht“, forderte ich. Zu meiner eigenen Überraschung tat mein Gegenüber wie geheißen. Als die Flammen das Gesicht des Mannes vor mir erhellten, huschte ein Funke des Erkennens durch mich hindurch. Ich kannte ihn. Aber von wo? „Ich sollte mich vorstellen. Mein Name ist Gandalf. Gandalf der Graue.“
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