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Warte auf mich

von Aelea
GeschichteSchmerz/Trost / P12
Mystique / Raven Darkholme Wolverine
26.10.2017
26.10.2017
7
3.415
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26.10.2017 445
 
Es war still. Ab und zu knackte Holz, wenn die Flammen sich einen neuen Weg bahnten, oder ein Tropfen quoll aus der darüber hängenden Keule und verdampfte zischend.

Er hatte die ersten Stücken Fleisch roh verschlungen, hungriger als er sich erinnern konnte je gewesen zu sein, müder als er sich erinnern konnte je gewesen zu sein. Und er hatte es fühlen können, die Energie, die ihn durchströmte, sich ausbreitete, und ihn wiederherstellte, verjüngte, und ihm seine Kraft zurückgab. Er konnte wieder atmen, seine Schmerzen endeten, sein Herz schlug wieder.
Und hungriger als zuvor.

Erst danach hatte er sich überwinden können, Holz zu sammeln. Steine aufzuschichten. Ein Feuer zu entfachen. Das Fleisch zu rösten.
Jede einzelne dieser Aufgaben war zuvor wie ein unüberwindbares Hindernis erschienen - jetzt waren sie nur noch kleine Ärgernisse, Arbeit die er erledigte ohne darüber nachzudenken.

Er starrte in die Flammen. Er hatte nicht oft mit seinem Tod gehadert. Er hatte nicht oft über seinen Tod nachgedacht. Jetzt erschien der Gedanke müßig, dennoch kehrte er dorthin zurück.
War er tot gewesen?
War dies, was passieren würde? Niemals tot, nur längere Phasen der Besinnungslosigkeit?
Oder war dies seine letzte Gnadenfrist gewesen? Die letzte Warnung, dass er nicht unsterblich war, und dass er sterben würde, wenn er weiter kämpfte?
Es schien unwichtig, und dennoch von fundamentaler Bedeutung.
War es an der Zeit, sich abzuwenden? Oder war es Zeit, den Kampf wiederaufzunehmen?

Welchen Kampf, dachte sein Kopf. Es gab keinen Kampf mehr. Alle seine Feinde waren tot, ebenso wie seine Verbündeten. Seine Freunde.

Aber vielleicht nicht alle, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.

Er konnte nicht sicher sein. Wie hätte er sicher sein können? Er war buchstäblich halbtot gewesen und die Drogen hatten seine Sinne verwirrt.
Aber er hatte sie gesehen. Eines der Kinder, die ihn die Klippe nach oben gehievt hatten. Er hatte sie gesehen.
Sie war nicht unter der Gruppe gewesen, die sich den Weg über die Grenze gebahnt hatten, dafür hatte er einen von ihnen vorher nicht bemerkt.
Er wusste, dass es verrückt war, seiner Erinnerung von diesem Morgen zu glauben, doch er konnte den Gedanken nicht abschütteln.

Und falls er recht hatte, falls nur die mindeste Chance bestand, dass er sich nicht irrte, dann war der Kampf nicht vorüber, sondern wartete auf ihn.

Er stöhnte und vergrub den Kopf in seinen Händen.
War er verrückt geworden?
Klammerte er sich an einen Strohhalm?
Suchte er nach Hoffnung, wo es keine mehr gab?
Abrupt richtete er sich auf. Es war nicht seine Art, mit seinem Schicksal und getroffenen Entscheidungen zu hadern.

Er hatte Zeit - alle Zeit, die er brauchte, um zu verstehen, was passiert war, und zu verstehen, was er tun wollte.

Morgen.
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