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Warte auf mich

von Aelea
GeschichteSchmerz/Trost / P12
Mystique / Raven Darkholme Wolverine
26.10.2017
26.10.2017
7
3.415
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26.10.2017 904
 
Für Aleya




Ein schwerer, kalter Körper lag reglos, begraben unter einem Hügel, aufgeschichtet aus Steinen von jemandem, der ihn geliebt hatte.
Die Sonne hatte geschienen als der Körper begraben wurde. Die Steine waren noch warm.
Der Körper regte sich nicht.

Doch in ihm war noch Leben.

Blutzellen quälten sich mühsam durch durchtrennte Blutgefäße, angetrieben nicht durch ein schlagendes Herz, sondern durch den unbestimmten Drang, Sauerstoff auszuliefern, koste es was, es wolle. "Das hier wäre deutlich leichter wenn ihr uns dieses Trümmerfeld aus dem Weg räumen könntet", beschwerten sie sich.
"Es wäre auch einfacher, wenn ihr euch ein bisschen beeilen könntet, sodass die Hirnzellen nicht auf Sparflamme laufen müssen", beschwerten sich die Nerven. "Die sind wesentlich besser im Organisieren als ihr."
"Nicht unsere Schuld wenn die Lungen keine Luft mehr arbeiten."
"Da liegt eine Tonne Steine auf uns drauf", nölten die Lungen. "Wenn ich nur von einem Ende ans andere Ende schwimmen müsste, wäre ich auch schneller."
"Schwimmen? Da ist ein halber Baum in unserem Weg."
Die weißen Blutkörperchen schrieen dazwischen: "Vergesst den Rest, wenn ihr euch nicht endlich bewegt und uns gegen die Invasion von Keimen und Dreckszeug aus diesem Baum und diesem Grab helft, könnt ihr euch demnächst mit Käfern streiten."
Rote Blutkörperchen machten sich murrend auf den Weg. Weiße Blutkörperchen kehrten zurück auf das Schlachtfeld gegen Schimmel und Verwesung.

Wenn es warm war, zehrte der Kampf gegen die Eindringlinge auch das letzte bisschen Sauerstoff auf, das die roten Blutkörperchen aus den Lungen herbeischleppten, und sie verloren gegen die schiere Übermacht. Der Körper war groß und die Verteidiger klein. Wenn es dunkel wurde und die Steine langsam abkühlten, krochen die Eindringlinge langsamer und die Verteidiger kämpften verbissen, wie sie es immer getan hatten.

Tag für Tag tobte ein unsichtbarer Krieg, unbemerkt von allen, unbeobachtet und scheinbar vergeblich.

Doch die Tage wurden kürzer. Die Eindringlinge brauchten Wärme, um ihre Schlacht zu führen, und jeden Tag kamen sie später und zogen sich früher zurück.

Und die Verteidiger wussten, dass ihre Chance gekommen war. Müde von der langen Schlacht, die sie mit zu wenig Unterstützung geführt hatten, erlaubten sie den roten Blutkörperchen, weiterzuziehen, zum Gehirn, zu den Lungen, dem Herzen. Jeden Tag gelangte ein wenig mehr Sauerstoff an die Orte, wo er gebraucht wurde, jeden Tag gelang es ein paar Zellen, sich zu reparieren.

Einzelne Lungenbläschen blähten sich auf uns sammelten winzige Mengen Sauerstoff, der zwischen die Steine sickerte, Hautzellen spalteten winzige Splitter des eingedrungenen Holzes ab und transportierten sie nach draußen, und versiegelten die Haut gegen die Eindringlinge.

Es war ein Kampf gegen die Zeit. Der Körper war nicht stark genug, um sich im Frost warmzuhalten und wenn der Winter kam, würde er ein weiteres Jahr warten müssen. Und die Zellen waren müde.
Das Gehirn, oder die wachen Teile davon, sprach mit den anderen Zellen und es wusste, dass sie müde waren - sie hatten zu lange gekämpft, sie waren hungrig und müde und mutlos. Aber das Gehirn hatte diesen Kampf lange gekämpft und es wusste, was für den Sieg nötig war. Wenn die Zellen verzweifelten angesichts der zu großen Aufgabe, dann erinnerte es sie an ihren Zorn, die Wut darüber, was dem Körper, den sie so lange verteidigt hatten, angetan worden war.

Und als die Nase zum ersten Mal den Geruch von Frost meldete, wusste das Gehirn, dass die Zeit gekommen war. Es schickte Nachrichten an alle Nervenzellen, um den Plan zu erklären, alle daran zu erinnern, was der Plan war, und was sein Erfolg für sie alle bedeuten würde.
Und die Lungenbläschen blähten sich.
Die Blutkörperchen eilten so schnell sie konnten.
Die Zellen erwärmten sich.

Und der Körper erwachte.


Logan war orientierungslos, als er erwachte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er eingeschlafen war, als hätte er lange Zeit geschlafen, aber er fühlte sich nicht erholt, eher als wäre er zu früh erwacht nachdem er zu viel getrunken war.
Dann spürte er den Druck auf seiner Haut, die Steine, die ihn umgaben, und ohne zu wissen, wo er war, wusste er, dass er sich aus seiner derzeitigen Lage befreien wollte.
Er stemmte sich gegen die Last, die ihn beschwerte, un dwar bestürzt von seiner eigenen Schwäche. Seine Angst niederkämpfend befreite er zunächst nur eine Hand, schob die Steine beiseite und tastete sich weiter, warf einzelne Steine beiseite bis er sich aufsetzen konnte.

Über sich sah er Sterne. Die Nacht war dunkel und kalt und es roch nach Frost. Disorientiert schüttelte er den Kopf. Seine Sicht war verschwommen und er fühlte sich kurzatmig, als wäre seine Lunge geschrumpft, und die kalte, frische Luft schmerzte beim Atmen. Seine Bewegungen waren langsam und müde und ihm war kalt. Er konnte sich nicht erinnern, je gefroren zu haben, doch an diesem Tag spürte er seine Muskeln in der Kälte zittern.

Langsam stand er auf und sah sich um. Er kannte diesen Ort.
Erwachende Teile seiner Erinnerung ließen ihn das Blut schmecken, erinnerten ihn an ...
hastig sah er auf seinen Bauch, wo ein klaffendes Loch in seinem zerfasernden Hemd bestätigte, was seine Erinnerung ihm einflüsterte. Der letzte Schlag war zuviel gewesen.

Und doch war er hier.

Er setzte sich und schloss die Augen. Erinnerte sich.

Was sollte er tun?

Die Welt dachte, er wäre tot.

Er sah nach Norden, wohin sie gegangen waren.

Er sah nach Süden, woher sie gekommen waren.

Dann stand er auf. Und ging Richtung Süden.

Die Zellen jubilierten.
 
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