Bei Neptuns Nasenhaaren...

OneshotDrama, Tragödie / P12
24.10.2017
24.10.2017
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Bei Neptuns Nasenhaaren...
...leg das blöde Smartphone weg


Liebe LeserInnen,

es ist mir einfach ein Bedürfnis und ich hoffe, ihr versteht das hier nicht falsch, denn ich möchte keineswegs als Moralapostel oder Erziehungsbeauftragter rüberkommen, doch regt mich folgender Umstand einfach schon so lange auf, dass ich den Frust diesbezüglich hier und heute in schriftlicher Form loswerden will.

Jeder hat sie schon einmal gesehen und die meisten besitzen auch eins – Smartphones.

In vielen Situationen wirklich praktisch, denn wer hat sich denn die Zukunft nicht schon immer so vorgestellt: Man ist irgendwo, egal wo, nur häufig weit weg von einem Computer, mit dem man schnell eine Information nachschauen könnte, und kann diese kurze Sache mit seinem Multifunktionsgerät erledigen.

Um die Öffnungszeiten oder die Adresse eines Ladens herauszufinden, ist das wirklich mehr als hilfreich, denn spontane Entscheidungen werden der Unsicherheit enthoben vor verschlossenen Türen zu stehen oder erst gar nicht den Ort zu finden, zu dem man eigentlich wollte.

Wirklich ein netter Fortschritt, der in der Not hilfreich sein kann, aber seien wir mal ganz ehrlich.
Es geht auch ohne.

Ich muss vielleicht vorweg erwähnen, dass ich kein Smartphone besitze, sondern noch ein Handy. Mit Tasten, mit schlechter Bildqualität; quasi ein richtiger Totschläger, denn es ist ein altes Nokia 2330 classic, das ich wirklich sehr liebe.

Der Akku hält zwischen fünf und acht Tage und es lässt mich einfach nie im Stich. Und selbst wenn es mal auf den Boden fällt, dann zerspringt eher die Fliese oder ich muss im schlimmsten Fall nur drei Teile einsammeln. Den Akku, das Handy und die Platte, die man hinten draufdrücken kann, damit der Akku nicht rausfällt.

Altmodisch, ich weiß, aber ich habe schon viele Menschen kennengelernt, die neidisch waren, weil ich „den ganzen Tag meine Ruhe habe“.

Stimmt, habe ich.

Ich muss keine fünfzig Nachrichten in drei Minuten lesen und beantworten, mir kann mein Mail-Postfach im Zug nicht auf die Eierstöcke gehen und mich ruft auch fast nie jemand an, außer es brennt irgendwo.

Doch nicht nur die ständige Erreichbarkeit über alle sozialen Netzwerke, WhatsApp-Chats oder eben sogar Mail-Accounts ist das, was jeden Menschen auf Dauer stresst.

Es ist die ständige Verfügbarkeit von Informationen und ach so lustigen Sachen, denen man im Internet begegnen kann.

Ist euch aber mal aufgefallen, wie lange, ununterbrochen und vor allem oft viele Menschen dieses blöde Ding in der Hand halten?

Es scheint fast so, als gäbe es nichts anderes Interessantes mehr auf dieser Erde. Aus dem Fenster gucken zum Beispiel ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, denen man meiner Meinung nach im Zug nachgehen kann.

Oder lesen. Ja, lesen ist gut.

Meinetwegen auch nichts tun, ok, aber muss man wirklich 24/7 an diesem Dingen rumfummeln?

Mehrere Menschen auf einem Haufen, häufig sind sie auch noch zusammen unterwegs, die sind die ganze Zeit über mit ihren Smandys zugange und halten sich gegenseitig ständig die Bildschirme vors Gesicht.

Manchmal ist das ja noch in Ordnung, aber ständig und beinahe schon in belästigendem Ausmaß?

Ich bin kein Fortschrittshasser, doch bekomme ich andauernd diese doofen Dinger vor das Gesicht gehalten, fast so als würde ich noch Gefahr laufen etwas zu verpassen, wenn ich Meme XY nicht gesehen habe.

Wenn es mich interessieren würde, dann hätte ich mir längst so ein bescheuertes Smartphone angeschafft. Doch mitten in der Pampa ohne Rest-Akku zu stehen, um dann festzustellen, dass man vielleicht doch lieber weniger an dem Teil gespielt hätte, damit man noch Leistung gehabt hätte, um anzurufen, dass man vom Bahnhof abgeholt werden kann – nein, danke.

Es wundert mich schon lange nicht mehr, dass manche Menschen, besonders die jüngeren unter uns, so unheimlich aggressiv sind.

Wenn in meiner Hosentasche andauernd irgendwelche Nachrichten ankommen würden, die mich dazu verführen mich selbst einer absoluten Reizüberflutung auszusetzen, dann wäre ich auch irgendwann komplett bescheuert.

Ruhig bleiben, Erzaehlerstimme, du bist ein Gänseblümchen...

Also, um es auf den Punkt zu bringen:

Bei Neptuns Nasenhaaren, leg das verdammte Teil doch endlich noch einmal weg. Guck dir deine Umgebung an. Guck dir deine Mitmenschen an und beschäftige dich vielleicht mit ihnen, wenn du schon mit ihnen unterwegs bist.

Erlebe das Leben mal und schau dir nicht an, was andere so Tolles machen. Das meiste davon ist eh Fake und nur dazu da, dass sie sich in der Anerkennung anderer sonnen können, die leider viel zu sehr damit beschäftigt sind auf ihr Smartphone zu glotzen, statt selbst etwas Tolles zu erleben, um davon zu berichten.

Und wo wir schon dabei sind: Reicht das Erlebnis als solches nicht aus, oder müssen unbedingt alle fünf Minuten Selfies geschossen werden, damit man zeigen kann, wie viel geilen Shit man eigentlich erlebt?

Ein Beispiel dafür wären zwei Mädchen, die bei einem Konzert in der ersten Reihe standen. Ich stand hinter ihnen und konnte die Bühne quasi nicht sehen, weil zwei Bildschirme davorgehalten wurden. Aber sie schossen nicht nur Bilder, das wäre ja nicht einmal ein Grund zu meckern, denn das macht jeder.

Nein, die Bilder wurden sofort bei Instagram und Facebook hochgeladen, damit man den Mitmenschen da draußen mitteilen kann, dass man gerade dort vor Ort die Band XY anguckt. Wow. Einfach wow.

Der Typ hinter mir hat es dann auf den Punkt gebracht: „Sag mal, langweilen die sich, oder warum fummeln die die ganze Zeit am Handy rum?“

Nailed it.

Mal etwas mehr echte Menschen wünsche ich mir zurück.

Echte Menschen, die echte Geschichten über echte Erlebnisse erzählen können.

Das wäre doch toll, oder?

Viel interessanter als das x-te Selfie, das auf irgendwelchen Seiten im Internet kursiert und die Aussagekraft eines Toastbrotes hat.

Zumindest sehe ich das so, kann ja sein, dass ihr das völlig anders seht. Eure Meinung würde mich natürlich interessieren, wir können gerne darüber diskutieren.

Danke fürs Lesen.

LG, Erzaehlerstimme
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