Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
23.08.2020
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25.07.2020 2.717
 
Fünf Minuten. Nervös wippte Mike mit dem Fuß, während er den Leuten zusah, wie sie seiner Meinung nach entscheiden zu langsam in den Bus einstiegen. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass der Professor überzogen hatte, jetzt sammelte Mike auch noch mit jeder Haltestelle weitere Verspätung und das, obwohl er genau wusste, wie wenig erfreut sein Vorgesetzter war, wenn jemand seine Schicht zu spät antrat. Weshalb er letzten Endes dazu gezwungen war, den Weg von der Bushaltestelle zum Fast Food Lokal zu sprinten und außer Atem einstempelte.
„Hey!“ Keine Sekunde später wurde er auch schon unsanft von jemandem an sich gedrückt, der Mike damit definitiv nicht half, endlich durchschnaufen zu können.
„Hey Chester“, befreite Mike sich unbeholfen aus der zu fest geratenen Umarmung seines besten Freundes und zog stattdessen die Arbeitsuniform aus dem mit seinem Namen beschrifteten Schließfach. „Was machst du da?“
„Pause, was sonst?“ Schulterzuckend ließ er sich auf die Bank vor den Schließfächern fallen und wurde von Mike mit einem prüfenden Blick gemustert. Es war nichts Neues, dass Chester so betrunken zur Arbeit kam, dass dieser Fakt nicht zu ignorieren war, aber heute schien der Schluck aus seiner hochprozentigen Wasserflasche etwas größer ausgefallen zu sein als sonst. Vermutlich gab es etwas, das ihn bedrückte, da sein Blick trotzdem noch leer und in die Ferne gerichtet war. Dennoch konnte Mike nichts weiter tun, als Chesters Zustand mit einem Seufzen zur Kenntnis zu nehmen, ehe er seine roten Haare unter der in seinen Augen lächerlichen Kappe versteckte und in die Küche schlurfte.

„Bennington!“ Keine zehn Minuten, nachdem Chester sich zu ihm gesellt und Mike ihm aus dem Augenwinkel dabei zugesehen hatte, wie er unbeholfen die Bestandteile eines Burgers zusammenstapelte und das erbärmliche Resultat zu Mike weiterschickte, hallte die schrille Stimme des Vorgesetzten durch die Küche. „In mein Büro!“
„Scheiße“, hörte er Chester noch murmeln, ehe dieser sich hastig die Hände an seiner Schürze abwischte und mit gesenktem Kopf zur Standpauke taumelte. Mike hingegen betrachtete seufzend den halbfertigen Burger, den er hinterlassen hatte und machte sich mit einem Kopfschütteln daran, die Arbeit seines Freundes zu übernehmen. Gedankenverloren stapelte er Brötchen, Fleisch und Gemüse übereinander und hörte dabei nicht einmal mehr wirklich den Küchenlärm oder die Gäste, die sich wie immer gegenseitig überstimmen wollten. Die eintönige Arbeit erledigte sich wie von allein, während er sich das Hirn darüber zermarterte, was Chester gerade zu hören bekam. Vermutlich hatte er Glück, wenn sie in ein paar Minuten noch Kollegen waren, so wütend wie der Vorgesetzte geklungen hatte. Und so sehr er es sich auch wünschte, seinem besten Freund moralischen Beistand leisten zu können, so blieb Mike doch nichts andres übrig, als abzuwarten, bis Chester wieder zu ihm geschlurft kam.

„Und?“, fragte Mike ihn leise und schob Chester einen Teil der Bestellung, an der er gerade arbeitete, zu. So würde sich zumindest niemand darüber beschweren, dass sie nebeneinanderstanden, und dass sie sich unterhielten war schließlich nicht verboten, zumal es bei der aktuellen Geräuschkulisse ohnehin kein Wort weiter als einen Meter schaffte, bevor es einfach verschluckt wurde.
„Was soll schon sein.“ Das gleichgültige Schulterzucken wollte Mike so gar nicht gefallen. „Wenn ich noch einmal so betrunken auftauche, bin ich den Job los.“ Also hatte er zumindest eine Schonfrist bekommen. Mike wagte nicht, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn Chester plötzlich ohne Job dastand. „Dabei habe ich ihm gesagt, dass ich meine Arbeit ja trotzdem mache, verdammt noch mal!“ Zur Bestätigung klatschte er die obere Brötchenhälfte auf einen Burger und Mike wusste, dass es keine kluge Idee war ihm zu wiedersprechen, auch wenn das Endresultat selbst für Fast-Food-Ketten-Verhältnisse jämmerlich aussah.
„Wenigstens hast du den Job noch“, meinte Mike schließlich kurz, um Chester nicht das Gefühl zu geben, dass er sich mit der Luft unterhielt. Wobei, angesichts der Tatsache, dass Mike von ihm vollkommen ignoriert wurde, war das vermutlich nicht notwendig gewesen.
„Außerdem bin ich bei Weitem nicht der Einzige, der hier betrunken auftaucht, und hat das schon jemals für irgendwelche Schwierigkeiten gesorgt?“ Mike verkniff es sich, ihn an die unzähligen Beschwerden zu erinnern, die immer wieder von vor allem weiblichen Gästen eintrudelten. „Und er hat mich schließlich auch so eingestellt.“
„Mhm.“ Mit einem weiteren Seufzen drehte sich Mike von Chester weg. Es war ohnehin nutzlos ihn daran zu erinnern, dass er damals, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, höchstens eine Bierdose während der Schicht geleert hatte. Oder daran, dass er Rob eigentlich versprochen hatte, in Zukunft zumindest weniger zu trinken. Eigentlich versprochen hatte, um die Kontrolle in seinem Leben zu kämpfen, nicht sie einfach aufzugeben.

„Hey.“ Unsicher sprach ihn ein nun deutlich nüchterner Chester am Ende der Schicht an, nachdem sie die letzten Stunden über in angespannter Stille nebeneinander gearbeitet hatten. „Glaubst du wirklich, die werden mich rauswerfen?“
„Du hast mit dem Boss gesprochen, nicht ich“, zuckte Mike mit den Schultern, ehe er sich selbst ermahnte, seine Stimme etwas weicher und weniger frustriert klingen zu lassen. „Er hat dir noch eine Chance gegeben, also muss er der Meinung sein, dass du deine Arbeit gut machst.“
„Ich hoffe.“ Kaum hatten sie das Gebäude verlassen, hatte sich Chester auch schon eine Zigarette in den Mund gesteckt und nahm ein paar tiefe Züge, um sich zu beruhigen, ehe er geknickt fortfuhr. „Mann, wenn ich rausfliege, war’s das.“
„Du hast immer noch uns, die Band und-“
„Das bezahlt mir meine Rechnungen nicht, Alter!“ Bewusst sah Mike darüber hinweg, dass Chester ihn eben angefahren hatte. Immerhin konnte er genauso ruppig werden, wenn es ums Finanzielle ging. „Was soll ich dann nur machen?“
„Wir werden schon eine Lösung finden, tun wir doch immer“, seufzte Mike und zerquetschte einen Zigarettenstummel, den jemand achtlos weggeworfen hatte, unter seinem Fuß. „Was anderes bleibt uns schließlich nicht übrig. Aber versuche wenigstens, den Job zu behalten, bis wir ins Studio können.“
„Weil das Studio ja auf magische Weise alle Probleme löst“, entkam ihm ein sarkastisches Lachen, das Mike nur allzu gut nachvollziehen konnte. „Nur, weil wir unsere Songs professionell aufnehmen können, heißt das nicht, dass wir auf einmal Geld haben, dass diese entsetzliche Leere in mir verschwindet, dass Jas-“
„Ich weiß, ich weiß!“, fuhr ihm Mike scharf ins Wort, den Kopf hilflos in den Händen vergraben. „Glaubst du, es freut mich in diesen Scheißladen zu kommen, mir jeden Tag den Arsch aufzureißen, nur damit ich irgendwie über die Runden komme?! Der Plattenvertrag ist die einzige Chance, die wir momentan haben. Und bis wir diese Chance nutzen können, tritt dir gefälligst selbst in den Arsch und mach‘ einmal das, worum man dich bittet!“
„Du weißt, dass ich mich nicht gerne von diesem Typen herumkommandieren lasse“, zischte Chester, dem es sichtlich nicht gefiel, nun auch noch von Mike angeschrien zu werden. Dieser allerdings schüttelte nur langsam den Kopf und sah dabei zu, wie Chester in sein Auto stieg, ehe er sich mit einem letzten traurigen Blick zu seinem Freund daran machte, in Richtung der Bushaltestelle zu gehen.
„Ich meine nicht unseren Chef, ich meine Rob.“



„Mike, ist alles in Ordnung bei dir?“ Kaum war der Rest der Band dazu übergegangen, mit den drei Gästen zu sprechen, anstatt sich mit den Instrumenten zu beschäftigen, hatte Dave ihn auch schon zur Seite gezogen. Und auch, wenn der Proberaum eigentlich nur ein spärlich eingerichteter Würfel war, war sich Mike sicher, dass die anderen das Gespräch nicht mitverfolgen konnten.
„Ja klar“, nickte er kurz, da er keine Lust darauf hatte, den Weisheiten seines Freundes zu lauschen. „Hey Dave, was meinst du, so-“
„Kumpel, ich meine es ernst“, ließ der aber keinen Widerspruch zu und stellte sich Mike demonstrativ in den Weg, als er die wenigen Schritte zurück zum Sofa gehen wollte.
„Ich war vorhin wieder im Krankenhaus“, gab er schließlich zerknirscht zu. Ein Satz, der keine weitere Erklärung verlangte, nicht bei seinen besten Freunden.
„Und?“ Auch jetzt, Jahre später, war Daves Stirnrunzeln, die Art, wie er Mike seine Hand auf die Schulter legte, so aufrichtig, wie eine Geste es nur sein konnte. Und mehr als ein Kopfschütteln brauchte es nicht, um Dave wissen zu lassen, dass es nichts Neues gab. Dass das Wunder, auf das sie alle mit ihm - für ihn - hofften einfach nicht geschehen wollte. Weswegen es auch nutzlos war zu versuchen, Mike mit leeren Floskeln aufzumuntern. Stattdessen ließ Dave seine Stimme etwas weicher und weniger fordernd klingen, als er wieder sprach.
„Anna macht sich Sorgen um dich“, erklärte er ihm sachlich, auch wenn der besorgte Unterton nicht zu überhören war. Wie wir alle brauchte er gar nicht erst hinzufügen.
„Ich weiß.“ Vorsichtig späte Mike in ihre Richtung. Auch wenn sie gerade nur wenige Meter von ihm entfernt saß und über irgendetwas lachte, das Brad der Runde erzählt hatte, hätte sie ebenso gut auf der anderen Seite der Welt sein können, sah Mike doch keine Möglichkeit sie zu erreichen.
„Was ist nur los mit euch beiden?“, folgte Dave seinem Blick, woraufhin Mike ihm wieder seine Aufmerksamkeit schenkte und versuchte, gleichgültig zu klingen, als er mit den Schultern zuckte, um ihm eine Gegenfrage zu stellen.
„Was soll schon sein?“
„Linsey hat mir erzählt, dass du Anna seit der Party aus dem Weg gehst.“ Eigentlich hätte es ihn nicht überraschen sollen, dass Anna ihrer neugefundenen Freundin ihre Sorgen anvertraute, aber trotzdem konnte er nicht umher, überrascht zu ihnen zu blicken. „Und um ehrlich zu sein, selbst wenn sie es nicht getan hätte, ihr ignoriert euch seitdem wir hier sind, und das, obwohl du sonst immer zu ihr blickst, und glaube nicht, dass mir das nicht aufgefallen ist!“
„Dave, die Sache ist zu kompliziert“, murmelte Mike, frustriert darüber, wie Recht Dave damit hatte. Anna übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus, der er einfach nicht wiederstehen konnte. Sobald sie in der Nähe war, galt ihr seine Aufmerksamkeit, selbst jetzt noch, da er eigentlich beschlossen hatte, dagegen anzukämpfen.
„Na, ich weiß nicht“, schien Dave seinen inneren Konflikt zu bemerken. „Bis letzten Freitag hatte ich noch das Gefühl, dass ihr echt gut miteinander könnt, und am Tag darauf warst du laut Linsey auf einmal abweisend.“
„Wie gesagt, es ist zu kompliziert“, wiederholte er seine Worte, dieses Mal ein wenig entschlossener, in der Hoffnung, dass Dave das Thema damit fallen lassen würde.
„Du verletzt deine beste Freundin, das klingt nicht gerade kompliziert.“ Mit verschränkten Armen und schiefgelegtem Kopf sah er ihn eine Weile lang an, wurde allerdings nur mit eisernem Schweigen begegnet. Immerhin gab es nichts, das Mike darauf hätte erwidern können, war es ihm doch nicht entgangen, dass Anna begonnen hatte, seine Gegenwart zu meiden und während der Probe kaum zu ihm geblickt hatte. Und wenn sie es doch getan hatte, dann hatte wieder diese Traurigkeit in ihrem Blick gelegen, die er so gerne für immer vertreiben wollte. Sich wünschte, sie würde ihn immer so ansehen, wie sie es getan hatte, als er sie in seinen Armen gehalten hatte. Als er sie hätte küssen, einmal auf sein Herz und nicht auf seinen Kopf hätte hören sollen.

„Mike, ich weiß, dass ich nicht annähernd verstehe, wie schwierig die Situation für dich ist, aber Anna einfach wegzustoßen ist doch keine Lösung, da musst du mir Recht geben.“
„Ich will sie nicht verlieren, Dave. Aber…“
„Hey, es ist okay Angst zu haben.“ Da war es, das Wort das er am wenigsten von allen hören wollte. Nicht aus dem Mund anderer, auch nicht seiner Freunde. Denn das hieß, dass seine Angst offensichtlich geworden war. Ein Schwachpunkt, und damit etwas, mit dem man ihn verletzen konnte. „Aber ich bin sicher nicht der Erste der dir sagt, dass sie dich nicht verurteilen wird. Und wenn sie es doch tut, dann hat sie deine Liebe ohnehin nicht verdient.“
„Weißt du, ich habe schon ein paar Mal versucht, ihr alles zu erzählen“, seufzte Mike und beschloss, dass es keinen Sinn machte, auf Daves letzte Aussage einzugehen. Wozu auch, er hatte schließlich Recht. „Aber irgendwie hat sich nie der richtige Zeitpunkt dafür ergeben.“
„Dann hör auf, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten!“ Grober, als er es von Dave gewohnt war, wurde er an den Schultern gepackt und einmal kurz durchgeschüttelt. „Immerhin ist die Bandprobe auch nicht der beste Zeitpunkt, um über Beziehungsprobleme zu sprechen!“
„Also gut, was soll ich deiner Meinung nach machen?“, gab Mike sich schließlich geschlagen, auch wenn er bereits wusste, was Dave ihm raten würde.
„Aufhören, sie gegen deinen Willen auf Distanz zu halten. Wir haben schließlich alle mitbekommen, was letzten Freitag zwischen euch gelaufen ist“, fügte er noch mit einem schelmischen Grinsen hinzu. „Auf jeden Fall setzen wir uns jetzt besser wieder zu den anderen, nicht, dass wir noch komische Fragen bekommen.“
„Danke, Mann.“ Mike klopfte ihm kurz auf den Rücken, dankbar dafür, dass ihm jemand half, das Chaos in seinem Kopf zu sortieren und die Dinge mit etwas mehr Klarheit zu sehen. Und auch, wenn in diesem Moment alles so einfach erschien, wusste er genau, dass er das größte Hindernis noch vor sich hatte.



„Ja Mom, ich war gestern dort“, beantwortete Mike die Frage seiner Mutter und hatte augenblicklich das Gefühl sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er sich erst jetzt bei ihr gemeldet hatte. „Danach haben wir Anna und die anderen Mädchen mit zur Probe genommen und naja, heute habe ich gearbeitet. Und für die Uni war auch noch eine Menge zu tun.“
„Michael.“ An der Art und Weise, wie sie seinen Namen aussprach, wusste Mike bereits, was nun folgen würde. Was ihm allerdings den Vorteil verschaffte, seine einstudierte Verteidigung vorzutragen, ehe sie auch nur die Chance hatte, ein weiteres Wort zu sagen.
„Du weißt, wie wichtig es ist, dass ich mich bei meinem Studium anstrenge.“ Denn ohne gute Noten kein Stipendium, und ohne Stipendium kein Studium. „Und die Band kann ich schlecht vernachlässigen, jetzt wo wir endlich einen Plattenvertrag haben. Außerdem bekomme ich nächstes Monat eine Gehaltserhöhung, ist das nicht toll?!“ Dem Schweigen am anderen Ende der Leitung nach zu urteilen, war seine Mutter nicht ganz seiner Meinung.
„Michael, ich hoffe du weißt, wie unglaublich stolz dein Vater und ich auf dich sind.“ Worte, die lediglich einen bitteren Nachgeschmack hinterließen, wenn man das aber schon hörte, bevor es überhaupt ausgesprochen wurde. „Aber wir machen uns wirklich Sorgen um dich.“
„Ach, das geht schon, Mom. Die Uni dauert schließlich nicht mehr ewig und jetzt, da Anna bei uns wohnt, muss ich Joe etwas weniger zahlen“, bemühte er sich optimistisch zu klingen, doch nicht einmal übers Telefon kaufte seine Mutter ihm die gespielte Zuversicht ab.
„Bekommst du überhaupt noch genügend Schlaf?“ Mike war dankbar dafür, dass sie ihn in diesem Moment nicht sehen konnte, da ihr die dunklen Schatten unter seinen Augen eindeutig nicht entgangen wären. So aber war es ein Leichtes, mit seiner gekünstelten Stimmlage zu versuchen, sie zu beruhigen und das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Ja klar!“ Dass er sich ohne Kaffee unmöglich noch auf den Beinen halten konnte, musste sie nicht wissen. „Du weißt, ich brauche nicht so viel Schlaf, ich bin schließlich jung und voller Energie! Mir geht es gut, Mom, wirklich“, versicherte er ihr noch einmal mit Nachdruck.
„Michael, du verstehst mich nicht!“ Vor seinem geistigen Auge konnte er sehen, wie sie ihr Gesicht in der freien Hand vergrub und den Kopf schüttelte. „Ich mache mir ernsthafte Sorgen um dich!“
„Das weiß ich Mom, aber das musst du nicht. Außerdem passen meine Freunde-“
„Kannst du nicht zumindest weniger arbeiten?“ Da war sie wieder, die Frage, die sie ihm beinahe jedes Mal stellte, wenn sie ihn sah. Vor allem dann, wenn er ihr am Ende des Monats ein Bündel Geld überreichte und nicht zuließ, dass sie es ablehnte.
„Mom, ich will meine Familie unterstützen.“ Das war er ihnen schuldig, nach allem was er angerichtet hatte. „Außerdem brauche ich das Geld.“
„Das weiß ich doch, mein Schatz, und ich bin dir so unglaublich dankbar dafür.“ Mike hörte sie am anderen Ende der Leitung seufzen. „Aber alles Geld der Welt hilft mir nichts, wenn ich dafür noch einen Sohn verliere.“ Ihre Worte nahmen Mike mit einem Schlag den Wind aus den Segeln, ließen ihn kraftlos zurück, während er einmal mehr gezwungen war, der Realität ins Auge zu blicken. Er den Kloß in seiner Kehle hinunterschlucken musste, um ihr eine Antwort geben zu können, und doch nicht mehr als ein Flüstern zustande bekam.
„Du hast Jason nicht verloren“, hauchte er ins Telefon, ehe er den Anruf ohne ein weiteres Wort beendete und dabei die Stimme in seinem Kopf ignorierte, die immer und immer wieder noch nicht wisperte.
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