Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
29.09.2019
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Ich habe nie wieder versucht, zu dir zu kommen.

Wütend ballte Anna ihre Hände zu Fäusten, als sie den dunklen Gang entlang schlich, immer näher zu dem Wohnzimmer, aus dem sie die Stimme ihrer Mutter hörte, die sich vermutlich wieder einmal über eine vollkommene Belanglosigkeit echauffierte, während ihr Vater wahrscheinlich nur gelangweilt in eine Zeitschrift starrte. Ganz die heile Welt also, in der sie aufgewachsen war und die sie in wenigen Momenten zweifelsohne zum Einsturz bringen würde, wurde ihr doch langsam die Tragweite von Robs Warnung an sie klar. Die Worte, die sie gleich aussprechen würde, würden keinen Stein auf den anderen lassen und auch wenn jede noch so kleine Eck ihres Verstands sie anflehte, einfach in ihr Zimmer zu verschwinden, ging sie stur weiter auf die Tür zu, hinter der das Schlachtfeld für den bisher schwersten Kampf in ihrem Leben lag.


„Mutter, Vater!" Sie erkannte ihre eigene Stimme beinahe nicht, als sie die Tür schwungvoll aufstieß und ihren Eltern mit erhobenem Haupt gegenübertrat, auch wenn sie sogleich mit desinteressierten, wenn auch etwas verwunderten Blicken empfangen wurde. „Wie könnt ihr es wagen, Rob so zu behandeln?"
„Anna, wo bist du gewesen?" Natürlich wurde ihre Frage ignoriert, wie konnte es auch anders sein? Stattdessen war da wieder diese vorwurfsvolle Stimme, die normalerweise ihren Dämon heraufbeschwor, der sie in die Dunkelheit zerrte. Aber nun, da in ihr ein wütendes Feuer zu toben schien, trat sie lediglich einen Schritt weiter in den Raum und ließ den Worten freien Lauf.
„Ihr habt ihn einfach hinausgeworfen, als wäre er ein dreckiger Straßenhund und nicht mein einziger Freund und dann, dann so getan als wäre die Welt in bester Ordnung! Ich verrate euch jetzt einmal ein Geheimnis: Das war, das ist sie nicht!", spuckte sie ihnen die Worte entgegen, die schon viel zu lange in ihrem Hals festgesteckt waren.
„Anna, antworte ge-"
„Gefälligst, wenn deine Mutter dir eine Frage stellt. Gerne, Vater", sie warf ihm einen abschätzigen Blick zu, der selbstgefällige Ausdruck in seinem Gesicht nur weiterer Anlass für sie, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, „aber das Gleiche gilt auch für euch. Ich habe euch gefragt, warum ihr Rob hinausgeworfen habt und zwar nicht nur einmal. Nein, ich habe euch immer und immer wieder gefragt und ich habe es so was von satt, mir immer die gleichen Ausreden anhören zu müssen!"

„Ich dachte, du hättest das mittlerweile verstanden." Ihre Mutter schüttelte ungläubig den Kopf, scheinbar komplett unberührt von Annas emotionalem Auftritt. „Der Junge vom Dienstmädchen ist doch kein Umgang für dich. Kaum auszumalen was passieren hätte können, wenn er hiergeblieben wäre."
„Deshalb?" Ein gequältes Lachen entkam Anna, als sich die Einzelteile des Puzzles für sie endlich zu einem großen Ganzen zusammensetzten. Sie hatte immer schon gewusst, dass ihre Eltern in einem vergangenen Jahrhundert steckengeblieben waren, aber das setzte dem ganzen wirklich noch eine Krone auf. „Ihr habt ihn hinausgeworfen, weil ihr Angst hattet, dass wir uns eines Tages in einander verlieben würden und der Sohn des Dienstmädchens dann das Familienunternehmen erben würde, nachdem ich als eure Tochter ja offenbar nicht gut genug dafür bin? Und das, obwohl jeder wusste, dass er wie ein kleiner Bruder für mich war?" Sie schüttelte fassungslos den Kopf, fühlte sie sich doch wie in einem schlechten Film gefangen. „Wobei, um das zu wissen hätte man wohl Zeit mit mir verbringen müssen", presste sie schließlich verbittert hervor und warf ihren Eltern einen strafenden Blick zu, der mit ebenso viel Kälte begegnet wurde.

„Wie kannst du es wagen!" Nun war es auch an ihrer Mutter, die Stimme zu erheben und Anna gegenüberzutreten, die keinen Schritt zurückwich, sondern einfach nur all dem Schmerz und der Enttäuschung, die sie viel zu lange unterdrückt hatte, Ausdruck verlieh, sie ihr gnadenlos entgegenschleuderte.
„Ihr habt doch überhaupt keine Ahnung, was in meinem Leben passiert, das hattet ihr noch nie! Ich war, bin einzig und allein das Töchterlein, das besser ein Junge hätte sein sollen und das jetzt brav in ihrem goldenen Käfig sitzen darf, bis ihr einen geeigneten Ehemann gefunden habt, der dann die Firma übernehmen darf. Wie es mir geht ist euch doch scheißegal, hauptsache, mit dem Familienunternehmen ist alles in Ordnung!“ Es war egal, dass ihre Stimme brach, es war egal, dass ihr heiße Tränen über die Wangen rannen, dass die Erinnerungen an das dunkelste Kapitel in ihrem Leben sie wieder einholten, dass sie am Abgrund stand und jeden Moment hinabstürzen würde.


„Das reicht jetzt!" Es war egal, dass sie die Schlacht nicht heil überstehen würde, denn sie hatte längst gewonnen. „Ich brauche mir keine solchen Unterstellungen von dir anzuhören, junge Dame! Zuerst treibst du dich mit zwielichtigen Gestalten herum und dann unterstellst du uns noch, uns nicht um dich zu kümmern! Was genug ist, ist genug!" Sie hatte gesprochen und ihre Eltern hatten sie gehört, zum ersten Mal, seit sie denken konnte.
Unterstellungen?" Erneut entkam ihr ein sarkastisches Lachen. „Ich sage euch die Wahrheit, ihr wollt es nur nicht einsehen. Und diese zwielichtigen Gestalten“, sie setzte die Worte mit ihren Fingern in Anführungsstriche, ehe sie überzeugt fortfuhr, „sind meine Freunde. Das sind Menschen, die sich um mich kümmern. Im Gegensatz zu euch!"
„Jetzt reicht's mir aber! Ab auf dein Zimmer!" Ihr Vater schien förmlich zu explodieren, als er sie zu ihrem Schrecken am Arm packte und mit sich auf den Flur schleifte, während ihre Mutter apathisch danebenstand und die Szene mit seltsamer Gleichgültigkeit beobachtete.
„Ich werde mich von dir sicher nicht einsperren lassen!", erklärte Anna ihm trotzig, auch wenn die Wut in ihrem Inneren nun langsam wieder der Panik Platz machte, konnte sie sich doch kaum gegen ihn wehren und hatte keine andere Wahl, als hinter ihm herzustolpern und ihm zu ihrem Käfig zu folgen.

„Du wirst über deine Worte nachdenken!" Er stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf und zog den Schlüssel aus dem Schloss, ehe er Anna in den Raum schubste und sie zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich ihrer Freiheit beraubte. „Und morgen erwarte ich eine Entschuldigung von dir!"
Und damit war er weg, ließ Anna allein zurück, ein Häufchen Elend, das in der Mitte des Raums in der Dunkelheit kauerte. Nun wusste sie also, was der Preis dafür war, endlich die Wahrheit zu erfahren und auch wenn sie es geschafft hatte, ihren Eltern zumindest einmal gegenüberzutreten, so war es im Endeffekt doch umsonst gewesen. Das letzte bisschen Freiheit, das ihr noch geblieben war, war ihr genommen worden, und der Dämon, der noch vor einem Moment so ruhig gewesen war, lachte nun wieder hämisch über sie, deutete spottend auf den Abgrund, auf den sie unweigerlich zu schlitterte und legte triumphierend seine Klauen um ihre Kehle, bis sie hilflos nach Luft schnappte. Nun war es also soweit, nun hatte sie endgültig verloren und das war das Ende, allein, gefangen in der ewigen Dunkelheit.


Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an und wir kommen zurück.

„Mike!", richtete sie sich atemlos auf und tastete blind nach ihrem Handy, das sich zu ihrer Erleichterung noch immer in der Jackentasche befand und dessen kleiner Bildschirm wenige Augenblicke später gleißendes Licht verbreitete, ihr zumindest einen kleinen Funken Hoffnung zurückgab. Noch immer kullerten bittere Tränen über ihre Wangen und verschleierten ihre Sicht, als sie beinahe blind die Nummer eintippte, die sie in den vergangenen Wochen verinnerlicht hatte.
„Acht, Eins, Acht", murmelte sie mit zitternder Stimme, als sie ihren Daumen über die Tasten wandern ließ. „Fünf, Vier, Neun." Es war nicht fair ihm gegenüber, ihn ausgerechnet heute zu belästigen, wo es doch nur noch so wenige Stunden waren, bis sie beim Label vorsprechen mussten. Sich um sie kümmern zu müssen war das Letzte, was er nun brauchte, erinnerte sie die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf. Sie, die immer die Aufmerksamkeit von allen forderte und nicht in der Lage war, allein zu leben. „Neun, Null, Acht, Drei." Annas Daumen schwebte über der Taste, die den Anruf verbinden würde, die sie mit Mike verbinden würde und doch zögerte sie, jetzt, wo die kleine Stimme immer lauter zu schreien begann, welch eine Last sie doch für alle war.

„Nein!" Mit einem hilflosen Schrei drückte sie die Taste so fest sie konnte und presste das Handy gegen ihr Ohr, hielt die Luft an bis endlich das Freizeichen ertönte, ein kleines Geräusch, das nicht gegen die Stimmen anhalten konnte, die in ihrem Inneren immer lauter wurden. Die Ereignisse von diesem Abend, die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, der Dämon, der seit damals nur stärker geworden war, ihr nun erneut jegliche Kraft raubte und sie zurück auf den Boden sinken ließ.

„Anna!", mischte sich plötzlich eine weitere Stimme zu dem Wirrwarr, eine Stimme voller Besorgnis und Wärme, die dem Chaos zumindest für einen kleinen Augenblick ein wenig Einhalt gebieten konnte. Mikes Stimme, die wie so oft zu ihr durchdrang, wenn sie am Boden der dunkeln Höhle saß, in der ihr Dämon hauste. „Alles in Ordnung?"
Der sie gnadenlos dafür verspotteten, was sie vor wenigen Minuten getan hatte, ihr jeden Stolz, den sie empfunden hatte nahm und stattdessen in Scham umwandelten, sie daran erinnerte, dass sie endgültig verloren hatte. „Bitte hilf mir, Mike", wisperte sie, in der Hoffnung, dass er sie auch wirklich hören konnte.
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