Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
16.08.2019
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„Was hat er dir angetan?“, wisperte Anna schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit, in der niemand es gewagt hatte, einen Mucks von sich zu geben und sie ohne Erfolg versuchte, die Emotionen, die in ihrem Inneren wütenden, einzuordnen. Rob hingegen starrte nun wieder zu Boden und mit jeder Sekunde, die er schwieg, wurde ihre Verzweiflung größer.
„Was hat er dir angetan, Rob? Bitte sag es mir!“ Auch wenn sie versuchte zu schreien, war ihre Stimme nicht mehr als ein hilfloses Krächzten, ein Flehen um die Wahrheit, die ihr so lange verweht geblieben war.
„Hat er dich geschlagen?“, sprach sie schließlich leise einen schrecklichen Verdacht aus, dem wieder nur Stille entgegnet wurde. Endlos langen Augenblicke, bis sie Rob wieder aus seiner Starre erwachen sah und sich sein Fokus wieder auf sie richtete.


„Er hat mich wieder in sein Büro geschleift, wie am Tag zuvor, nur dieses Mal hat er mich an den Schultern gepackt und geschüttelt, während er mich angeschrien hat.“ Rob konnte es sich nicht erklären, woher er die Kraft nahm, ihr all das zu erzählen, hatte er es in all den Jahren doch nicht einmal übers Herz gebracht mit seiner Mutter darüber zu sprechen, als er wieder einmal schreiend aus dem Schlaf geschreckt und sie mit besorgtem Blick in seinem Zimmer erschienen war.
„Rob bitte, was hat er dir gesagt?“ Immer und immer wieder hatte er diesen Moment erleben müssen, so lange, bis es andere Erinnerungen gab, die ihn quälen konnten, wann auch immer er seine Augen schloss. Dabei hatte er sich die Worte so oft in seinen Kopf zurechtgelegt, war jeden einzelnen Weg durchgegangen, der ihm dabei helfen konnte, anderen zu erklären, warum er so sehr litt. Und doch, jedes einzelne Mal, wenn sich ihm die Gelegenheit bat, war es, als hätte er verlernt zu sprechen. Nun aber sprach er, seine Stimme seltsam fremd in seinen Ohren, hangelte sich vorsichtig von einem Bruchstück seiner Erinnerung zum nächsten, immer bedacht, nicht zu fallen, in die dunkeln Spalten, in denen all das steckte, von dem er wusste, dass er es niemals in Worte fassen können würde.
„Wenn er mich noch einmal sehen würde, dann würde meine Mom ihren Job verlieren und all ihr Geld und ihre Wohnung. Wir würden alles verlieren. Und ich habe ihm geglaubt Anna, ich wusste, dass er dazu fähig war. Und dann-“ Er konnte nur hoffen, dass die Menschen, denen er glaubte wichtig zu sein, ihn auch so verstanden, allein durch vage Andeutungen.

„Er hat dir wehgetan, nicht wahr?“ Ein Blick reichte, um sich zu vergewissern, dass Anna längst Bescheid wusste, es vermutlich schon immer getan hatte und dennoch, die gute Seele, die sie war, versucht hatte, eine andere Erklärung zu finden. Weshalb er sich auch ein letztes Mal an diesem Abend dazu durchrang, anderen Personen die Narben auf seiner Seele zu zeigen.
„Er hat mit die Karte für dich aus der Hand gerissen und vor meinen Augen in den Schredder neben seinen Schreibtisch gesteckt. Dabei habe ich so lange daran gearbeitet und war so stolz darauf, ich konnte kaum erwarten, sie dir zu zeigen. Danach-“ Seine Stimme kam ins Stocken und der Fluss seiner Worte zum Erliegen, auch wenn der Film vor seinem geistigen Auge erbarmungslos weiterließ, ihm keine Chance gab, im letzten Moment doch noch wegzusehen.
„Nein.“ Anna war zum Sofa gestolpert und saß nun zusammengesunken dar, ein Häufchen Elend, während ihr bittere Tränen über die Wangen rannen.
„Ich habe nie wieder versucht, zu dir zu kommen“, schloss Rob schließlich, mehr Verbitterung in seiner Stimme, als er beabsichtigt hatte. Und doch, es war der seelische Schmerz, der ihn so viel mehr getroffen hatte; und nicht nur ihn, sondern auch Anna, deren Schock sich schneller als gedacht in Wut umwandelte.


„Wie kann er es wagen!“, brachte sie schließlich hervor und wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht, ehe sie ohne Vorwarnung wieder aufsprang und aus dem Raum stürmte bevor sie jemand daran hindern konnte.
„Anna, was machst du?!“ Mike war der erste, der wieder in der Realität angekommen war und ihr hinterher eilte, ehe auch Rob ihnen in den Vorraum folgte, wo sie bereits in ihre Jacke geschlüpft war und die Eingangstür aufgerissen hatte.
„Etwas, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen.“ Erneut wischte sie sich übers Gesicht und atmete tief durch, ehe sie die beiden ansah und sie mit fester Stimme in ihre Pläne einweihte. „Ich stelle mich meinen Dämonen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

„Anna, warte!“ Kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, hatte Mike sie auch schon wieder aufgerissen und war ins Freie gestürmt, während Rob einen Moment überlegte, ob er ihnen nun ebenfalls nachlaufen sollte, sich dann aber doch dazu entscheid, zuerst seine Schlagzeug-Schuhe gegen die Straßenschuhe auszutauschen.
„Wo sind sie hin?“ Gerade als Rob ins Freie huschen wollte, tauchte der Rest der Gruppe, angeführt von Chester, auf, augenscheinlich nicht minder verwirrt, als er es in diesem Moment war und immer noch unsicher, in wie weit sie sich in die Angelegenheit einmischen konnten. „Wo willst du hin?“
„Anna wird zu ihren Eltern gehen und ich habe beschlossen, sie zu begleiten“, zuckte er mit den Schultern, ehe er sich zum Gehen wandte, allerdings von einer in Flammen gehüllten Hand davon abgehalten wurde.
„Ich fahre euch.“ Chester schenkte ihm sein breitestes Lächeln und nickte ihm ermutigend zu, ehe er sich an die anderen wandte. „Ihr könntet derweil schon zusammenräumen, dann müssen wir das Zeug morgen nur noch im Lieferwagen verstauen.“
„Du willst dich also vor der Arbeit drücken“, durchschaute Joe seine Hintergedanken, ehe auch er den beiden mit einer Kopfbewegung bedeutete, sich endlich auf den Weg zu machen. „Viel Glück.“



„Verdammt, wo sind sie hin?“ Frustriert kickte Chester gegen die Fahrertür seines Autos, während er die Umgebung nach Mikes rotem Haarschopf absuchte, der sich als äußerst schwer zu übersehen herausgestellt hatte.
„Vermutlich bei der Haltestelle, komm schon, fahren wir endlich los“, drängte ihn Rob mit einer für ihn untypischen Ungeduld, der Schmerz in seinem Arm für einen Moment wie vergessen, als er nervös am Beifahrersitz hin und her rutschte, bis der Motor endlich mit einem Stottern ansprang.


„Hey Leute, braucht ihr eine Mitfahrgelegenheit?“ Übertrieben lässig lehnte sich Chester aus dem Fenster, als er Mike und Anna wie von Rob vermutet auf der kleinen, etwas rostigen Bank bei der Haltestelle saßen. „Rein mit euch!“
„Danke“, murmelte Anna, nun wieder sichtlich nervös, herrschte doch die ganze Fahrt über angespanntes Schweigen, jeder offenbar in seinen eigenen Gedanken verloren. Dabei fand Rob, dass es gerade diese Stille war, die ihnen in dem Moment die einfachste Kommunikation erlaubte, konnte er doch genau sagen, an was jeder einzelne von ihnen gerade dachte.
Chester, der mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen am Steuer saß und jede einzelne Kurve etwas rasanter nahm als es nötig war oder er es sonst tat, fühlte sich offenbar in seine eigenen Kindheit zurückversetzt, als er selbst mit seinen Eltern zu kämpfen hatte, eine Geschichte, die er ihnen immer nur in Bruchstücken erzählt hatte.
Anna ging definitiv seine Worte noch einmal durch und dachte darüber nach, was sie nun sagen würde, wusste er doch genau, dass sie nur selten sprach, ohne vorher ein Konzept zurechtgelegt zu haben. Er wusste aber auch, dass sie es nicht wagte, weiter zu denken und dass sie den Teil ihrer Gedanken bewusst blockierte, der sie auf die möglichen Konsequenzen ihres Handelns hinwies.
Mike war offensichtlich besorgt um sie, hatte er doch seine Hände auf die ihren gelegt, die nervös mit dem Saum ihrer wie immer viel zu langen Bluse gespielt hatten. Andererseits war ihm aber auch klar, dass sein Freund gerade einen Kampf gegen sich selbst ausfocht, sein Herz gegen den Beschluss, Anna immer ein wenig auf Distanz zu halten.
Und dann gab es noch ihn selbst, der immer wieder scheue Blicke in Richtung der Rückbank warf, die meiste Zeit aber einfach in die Leere starrte, versuchte, den Schmerz in seinem Handgelenk zu ignorieren und die aufsteigende Angst zu kontrollieren. Immerhin hatte er nun genau das getan, was er versprechen hatte müssen niemals zu tun: Er hatte ihr die Wahrheit verraten.



„Na dann.“ Chester hielt direkt von dem Eingangstor und warf Anna einen letzten ermutigenden Blick zu. Es war offensichtlich, dass sie Angst hatte, aber sie würde keinen Rückzieher machen, so viel stand fest.
„Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an und wir kommen zurück, okay?“ Die Besorgnis schwang in Mikes Stimme mit, während er ihre Hand ein letztes Mal drückte. Und als sie schließlich ausstieg, sprang auch Rob ins Freie, um die Gelegenheit zu nutzen, mehr oder weniger ungestört mit ihr reden zu können.
„Anna.“ Er sah sich misstrauisch um, hatte er doch das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden, auch wenn er wusste, dass niemand außer ihnen hier war. „Das vorhin…ich-“
„Schon gut.“ Das gequälte Lächeln stand im starken Kontrast zu ihren Worten, doch ehe er die Gelegenheit hatte, sich weiter zu rechtfertigen, erhob sie wieder sie Stimme. „Du hattest doch gute Gründe, es mir nicht zu sagen. Immerhin hat er dich bedroht und-“
„Ich wünsche mir, dass sich die Dinge für dich ändern“, fiel er ihr schließlich ins Wort, hatte er doch das Gefühl, dass sie ihm seine Wortwahl ein wenig übel nahm. „Aber zum Besseren und wir wissen beide-“
„Dass sich die Dinge für uns immer nur zum Schlechteren ändern“, ergänzte sie flüsternd und die beiden sahen einen Moment lang zu Boden, keiner von ihnen sicher, was sie nun sagen sollten. Das Leben hatte ihnen schon öfters übel mitgespielt und es gab keine Garantie, dass ein paar Worte etwas an dieser Tatsache ändern würden.
„Denke, ich muss es einfach herausfinden“, atmete sie schließlich tief durch und hob mit zusammengepressten Lippen eine Hand zum Gruß, ehe sie sich zum Gehen wandte, bereit, in die größte Schlacht ihres Lebens zu ziehen.
„Eine Sache noch, Anna.“ Sie sah nicht zu ihm zurück, blieb aber einen Moment lang stehen, zwischen der Straße und dem Garten, der ihnen so viele Jahre lang als Zauberwelt gedient hatte.
„Ich habe meine große Schwester vermisst.“
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