Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
22.10.2017
10.03.2019
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„Okay stop!“ Mikes Stimme, verstärkt durch sein Mikrofon, schnitt durch die Musik und er bedeutete seinen Bandkollegen mit einer erhobenen Hand, das Lied abzubrechen. Und als schließlich der letzte Ton verklungen war und die neugierigen Blicke aller auf ihn gerichtet waren, drehte er sich langsam zu Rob um, der alles daran setzte, hinter seinem Schlagzeug zu verschwinden.
„Rob.“ Der Angesprochene wich seinem Blick aus, aber Mike konnte seine Sorgen um ihn nicht unausgesprochen lassen, nicht am Vorabend des Tages, der unter Umständen ihrer aller Leben verändern würde. Aber so unangenehm das Gespräch nun auch werden würde, es war bitter nötig, kam es doch beinahe nie vor, dass Rob sich schwer tat, das Tempo eines Songs zu halten. Immerhin war er es, auf den sie sich alle verließen und bisher hatte er sie noch nie im Stich gelassen, nicht einmal, wenn sie denn einmal auf einer Bühne stehen durften. Es war also zweifelsohne nicht die Nervosität, die sein Spiel fehlerhaft werden ließ. „Alles in Ordnung?“
„J-ja klar“, murmelte er wie erwartet auf der Stelle, seinen Blick noch immer auf seine Oberschenkel gesenkt. Eine Pose, in der Mike ihn schon unzählige Male hatte dasitzen sehen, immer dann, wenn er sich in die Enge gedränt oder fehl am Platz fühlte.
„Hey, für Sarkasmus bis ich zuständig.“ Brad zog eine Augenbraue hoch und musterte seinen Freund nicht minder besorgt. „Wenn dich was bedrückt, dann sag es uns. Immerhin ist morgen unser großer Tag, da können wir es uns nicht leisten, dass einer von uns neben der Spur steht.“
„Tue ich nicht“, versicherte ihm Rob wenig überzeugend und wippte dabei nervös mit dem Fuß. Eine kleine Bewegung, hinter dem Schlagzeug kaum zu sehen, doch Hinweis genug für Mike um endlich zu verstehen, was nicht mit Rob stimmte. Wo der Junge auch war und was um ihn herum auch geschah, seine Hände hielten nur selten still, besonders dann, wenn sie sich an seine heiligen Drumsticks klammerten. Nun aber lagen diese auf der Trommel vor ihm, während Rob die Arme an sich gepresst hatte, den rechten dabei aber seltsam verkrampft hielt.

„Hast du dir die Hand weh getan?“ Eigentlich brauchte Rob ihm nicht mehr zu antworten, die Art und Weise wie sein Kopf in die Höhe schnellte, sein Blick panisch, als wäre er bei etwas Verbotenem ertappt worden, sprach bereits für sich.
„Ich…“ Verzweifelt rang er nach den richtigen Worten, konnte er sich doch nicht dazu durchringen, ihnen die ganze Wahrheit zu erzählen. Viel zu sehr würde es ihn schmerzen, die Ereignisse des Nachmittags noch einmal durchleben zu müssen. Und so tat er schließlich das, was er immer tat, wenn sie ihn auf etwas ansprachen, über das er mit niemandem reden wollte. Er verdrehte die Geschichte so, wie es ihm passte und griff wie so oft nach der einfachsten Erklärung, die ihm in den Sinn kam. „Ich bin heute im Sportunterricht hergefallen“, erklärte er ihnen mit versteinerter Miene, auch wenn er mit skeptischen Blicken begegnet wurde. Grund mehr noch, die Geschichte noch weiter auszubauen, sodass sie überzeugender klang. „Wir haben Fußball gespielt und als ich endlich einmal am Ball war, bin ich gleich darüber gestolpert. Schätzte, ich bin nicht so talentiert wie du, Dave.“ Er versuchte, heiter zu klingen, doch das Lachen, das er eigentlich an der Stelle hatte einfügen wollen, blieb ihm im Hals stecken. „Und dabei habe ich mir wohl das Handgelenk verstaucht.“


„Warst du beim Arzt?“ Chester war zu ihm hinter das Schlagzeug geklettert und beäugte Robs verletzte Hand besorgt und stellte damit eine willkommene Ablenkung von den Umständen seiner Verletzung dar. „Das ist definitiv geschwollen.“
„Ich hole Eis!“, sprang Elisa auf der Stelle auf und rannte in die Küche, nur um einen Moment später mit einem Gefrierbeutel voller Eiswürfel wiederzukommen und ihn zu sich zu winken. „Komm, setzt dich auf die Couch, dann kann ich mir das mal ansehen.“
„Seit wann bist du Krankenschwester?“ Brad klang zweifelnd wie immer, wenn er sie aufziehen wollte, auch wenn Rob nicht entging, dass es nun ein Versuch seinerseits war, die angespannte Stimmung etwas aufzuheitern. Wobei es wie immer nur eine Person gab, die darauf ansprang.

„Wir Frauen sind sozusagen mit dem Talent geboren.“ Rob ließ sich wortlos von ihr aufs Sofa drücken und zuckte nur einmal kurz zusammen, als der Beutel auf seinem Handgelenk platziert wurde, durchzuckte doch einen Moment lang ein stechender Schmerz seinen ganzen Arm. „Linsey, kannst du mir bitte den Verbandskoffer holen?“
„Es ist halb so schlimm“, versuchte er weiterhin, sich aus der Situation zu reden, auch wenn er genau wusste, dass es ein aussichtsloses Unterfangen war. Wenn er Pech hatte, landete er sogar noch bei einem Arzt.
„Das sieht nicht gerade danach aus“, mischte sich schließlich auch Anna ein, die ihm ihren Platz auf dem Sofa überlassen hatte und nun neben Mike stand, der nun ebenso bleich war wie sie und aussah, als würde er jeden Moment umkippen. Ein Anblick, der Rob einen weiteren Stich ins Herzen versetzte, war es doch nie seine Absicht gewesen, seinen Freunden weh zu tun, vor allem nicht Mike, der sich so sehr an der Hoffnung festklammerte, die das Musizieren für ihn mitbrachte, bei all dem, was in den vergangenen Jahren in seinem Leben geschehen war.

„Sicher, dass es nicht gebrochen ist?“ Joe ging vor ihm in die Hocke und beäugte seine Hand kritisch, was es Rob zusätzlich schwer machte, den Schmerz auszublenden, waren doch schon einige Stunden vergangen, seitdem er sich mit zusammengebissenen Zähnen nach Hause gekämpft und dort die unterste Schublade seines Schreibtisches aufgerissen hatte, den Ort, an dem er seine Geheimmittel verstaute.
„Sicher.“ Jeder Arzt hätte vermutlich über die Dosis Schmerzmittel, die er geschluckt hatte, den Kopf geschüttelt, aber im Gegensatz zu den Experten war ihm bewusst, dass sein Körper sonst nicht auf die schmerzlindernde Wirkung reagieren würde, die er viel zu oft brauchte, um seinen Tag bewältigen zu können. „Ich kann morgen spielen.“
„Nein, Rob!“ Dave schüttelte bestimmt den Kopf. „Du kannst doch kaum die Sticks halten.“
„Ich-“ Er wollte ihm widersprechen, wäre am liebsten aufgestanden und zu seinem Schlagzeug gerannt, um ihn eines Besseren zu belehren, aber tief im Inneren wusste er, dass Dave Recht hatte, bemühte er sich doch gerade verzweifelt darum, keinen einzigen Finger zu bewegen. Er, der seitdem er denken konnte immer auf etwas herumtrommelte.


„Dann wollen wir dich doch mal verarzten!“ Linsey tauchte wieder auf, den orangen Verbandskasten, den er zuletzt vor einem halben Jahr gesehen hatte, als er abgerutscht war und sich zwei Finger an der Kante einer Trommel blutig geschlagen hatte, in der Hand. „Ich glaube es ist am besten, wenn du deine Hand heute nicht mehr bewegst.“
„Aber wir müssen doch noch proben!“, protestierte er, während seine Rechte in mehreren Metern Bandagen eingewickelt wurde.
„Nein.“ Überrascht blickte er zu Mike, der sich wieder gefangen zu haben schien. Zumindest war wieder etwas Farbe in sein Gesicht zurückgekehrt und seine Stimme klang ernster, als er es gewohnt war. „Wir wissen, was jeder einzelne von uns zu tun hat, bei jedem Song. Klar, es wäre beruhigend alles noch einmal durchzuspielen aber wir brauchen es nicht unbedingt, Rob, wir können das auch so schaffen, das weiß ich.“
„Vorausgesetzt, du kannst morgen spielen“, fügte Brad nachdenklich hinzu und fuhr sich übers Kinn. „Sonst müssen wir wohl oder übel um einen anderen Termin bitten.“
„Den sie uns niemals geben werden, das weißt du genau!“ Verzweifelt stützte Rob seinen Kopf auf der gesunden Hand ab. „Das da morgen ist unsere einzige Chance, begreift ihr das nicht?“
„Aber das ist kein Grund, deine Gesundheit aufs Spiel zu setzten!“ Chester war dazu übergegangen, im Raum auf und ab zu laufen und knapp davor, seine Schreikünste unter Beweis zu stellen. „Ich kann es nicht verantworten dich dort hinzuschleifen, wenn jede einzelne Sekunde davon wie Folter für dich ist!“
„Dann ist es eben so!“, gab er trotziger als beabsichtigt zurück. „Lieber leide ich und habe dafür am Ende einen Plattenvertrag, als dass ich aufgebe.“

„Aber du gibst doch nicht auf, Bourdie.“ Dave gab sich Mühe, den erhitzten Gemütern etwas gegenzusteuern. „Manchmal funktionieren Dinge einfach nicht, egal wie sehr man es versucht.“
„Eben!“ Er sprang auf und sah sich im Raum um. „Und genau deswegen gehe ich morgen mit euch zu Warner Music, egal wie sehr mein Handgelenk auch weh tut, ich muss es zumindest versuchen. Ich verspreche euch, ich werde trotzdem mein Bestes geben, nein, mehr als das und vers-“ Der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken, als sein Blick auf Anna traf, die noch bleicher war als sonst und aussah, als hätte sie eben ein Gespenst gesehen. Dabei, und diese Erkenntnis traf ihn noch einen Moment, bevor sie die Sprache wiederfinden konnte, hatte sie lediglich ein einzigen Wort gehört.

Eigentlich wunderte es ihn, dass sein Spitzname nicht schon früher in ihrer Gegenwart erwähnt worden, nicht schon früher die gesamte Wahrheit ans Tageslicht gekommen war. Aber nun, da sie einen Schritt auf ihn zumachte, die Augen noch immer starr auf ihn fixiert, wusste er, dass es kein Zurück mehr gab und er sich dem stellen musst, dem er so lange hatte versucht aus dem Weg zu gehen. Und so sprach sie schließlich seinen Namen aus, den Namen der Person, die vor Jahren für alle Zeit aus ihrem Leben hätte verbannt werden sollen.

„Robert Gregory Bourdon.“
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