Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
29.09.2019
83
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9
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Trigger-Warnung: Mobbing; der Beginn der Stelle ist mit *** markiert.
Außerdem hab‘ ich das englische Wort „burden“ in dem Kapitel nicht übersetzt, warum seht ihr gleich…



„Miss?” Mit gesenktem Blick trat Rob nach der Stunde ans Lehrerpult und wartete, bis er die Aufmerksamkeit seiner Klassenlehrerin hatte.
„Was gibt es denn, Robert?“ Sie verstaute das letzte Heft in ihrer Tasche, ehe sie sich ihm zuwandte und wie immer, wenn einer der Schüler nach der Stunde mit einem Problem zu ihr kam, ein freundliches Lächeln aufsetzte. Auch wenn er ihrem Blick gleich wieder auswich und stattdessen auf den Zettel in seinen Händen starrte, es fiel ihm doch leichter zu sprechen, wenn sein Gegenüber zumindest Interesse vortäuschte.
„Ich, ähm.“ Er räusperte sich kurz, in der Hoffnung, dass seine Stimme nun etwas fester klang, während er ihr das vortrug, was er während der Stunde immer und immer wieder in seinem Kopf durchgegangen war. „Ich habe morgen am Vormittag ein Vorstellungsgespräch. Also, eigentlich ist es nicht wirklich eins, weil meine Band und ich bei einem Label eingeladen sind und wir dann hoffentlich einen Plattenvertrag bekommen und-“ Schon wieder war er von dem abgeschweift, was er eigentlich hatte sagen wollen, hatte sich wieder von dem Stolz übermannen lassen, den er empfand, wenn er an den morgigen Tag dachte. Dabei war es ihr, Lächeln hin oder her, vermutlich egal, aus welchem Grund er nicht in der Schule war. Wen interessierten schon die unwirklichen Träume eines Teenagers?
„Ich kann jedenfalls morgen nicht zum Unterricht kommen“, brachte er sein Problem schließlich auf den Punkt und streckte der Lehrerin den Zettel entgegen, den sie ihm aus der Hand nahm und kurz überflog, während er sich fühlte, als würde er sich weiter rechtfertigen müssen. „Es tut mir Leid, dass es so kurzfristig ist, aber wir haben erst am Wochenende davon erfahren und ich habe Sie gestern nicht gefunden, deshalb-“ Seine Wangen färbten sich leicht rot, als er merkte, wie vorwurfsvoll er nun klang, auch wenn seine Worte der Wahrheit entsprachen. „Ich hoffe, die Entschuldigung von meiner Mutter reicht fürs Erste.“ Er deutete unbeholfen auf das Blatt Papier, das seine Mutter vermutlich nie zu Gesicht bekommen würde. Denn obwohl sie wusste, welch ein besonderer Tag für ihn bevorstand und seitdem er ihr davon erzählt hatte von nichts anderem mehr sprach, hatte er keine andere Wahl, als sich einmal mehr als sie auszugeben. Zu groß war die Gefahr, dass eine kleine Unachtsamkeit seine kleinen und großen Lügengeschichten auffliegen ließ und ein falsch gesetzter Strich konnte ausreichen, um ihn in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.

„Dann wirst du also die Schule abbrechen?“ Die Lehrerin runzelte die Stirn, wohingegen Rob sie einen Moment fassungslos anstarrte, hatte er doch keineswegs mit einer solchen Reaktion gerechnet. Zumal sie sich doch seiner Meinung nach eigentlich über die Aussicht, einen Schüler weniger unterrichten zu müssen, freuen sollte.
„I-ich hab’s nicht vor“, stammelte er schließlich, nicht vollkommen von seinen eigenen Worten überzeugt, gab es doch kaum etwas, über das er in den letzten Wochen öfters nachgedacht hatte. Und wären da nicht seine Freunde, die alles daran setzten, dass er zu seinem Schulabschluss kam, würde er vermutlich schon längst in einem schlecht bezahlten Job arbeiten, vielleicht sogar zusammen mit Chester und Mike im Burgerladen. „Falls wir wirklich unter Vertrag genommen werden, können immer noch Monate vergehen, bis wir wirklich ins Studio können und so lange dauert das Schuljahr ja nicht mehr.“ Lange genug allerdings, um ihn noch weiter an die Grenze seiner Belastbarkeit zu bringen, als er es ohnehin schon war.
„Das ist gut zu wissen, es wäre schade, wenn du jetzt, so knapp vor dem Ziel, aufgeben würdest“, erklärte sie ihm, worauf eine kleine Stimme in seinem Kopf ihr am liebsten erwidert hätte, dass ein Plattenvertrag nicht der Grund für ihm wäre, die Schule abzubrechen. Oder aufzugeben, wie sie es nichtsahnend ausgedrückt hatte. Nicht wissend, dass er mit diesem Begriff schon längst so viel mehr verband als lediglich ein paar nicht bestandene Prüfungen.

„N-nein, ich möchte meinen Schulabschluss schon gerne machen.“ Nicht zuletzt, da es Menschen in seinem Leben gab, denen genau das nicht gelungen war. Die sich jetzt umso mehr mit ihm freuten, wenn er eine gute Note nach Hause brachte und schon dem Tag entgegenfieberten, an dem er die High School abschließen würde.
„Na dann wünsche ich dir alles Gute für morgen!“ Mit einem letzten Lächeln steckte sie seine Entschuldigung zu den Heften und ließ Rob alleine im nun leeren Klassenraum zurück.



***



„Na Hallo, wen haben wir denn da?“ Beinahe wäre Rob sein Heft aus der Hand gerutscht, als plötzlich diese Stimme, die er überall erkennen würde, die Stille im Klassenzimmer durchbrach. „Burden.“
Er reagierte bewusst nicht darauf, tat so, als hätte er ihn nicht gehört, schulterte scheinbar seelenruhig seinen Rucksack und ging auf die Tür zu, den Blick auf den Boden vor seinen Füßen gerichtet. Aber er brauchte ohnehin nicht aufzusehen um zu wissen, dass ihm die Tür versperrt wurde, dass zwei seiner Mitschüler im Türrahmen lehnten, während mindestens noch ein weiterer daneben stand und dabei zusah, wie er immer weiter auf das Ungewisse zuschritt. Er war ihrer Willkür ausgeliefert, gab es doch Tage, an denen es eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis sie sich ausreichend an seiner Misere ergötzt hatten und ihn endlich laufen ließen, besonders dann, wenn es viele von ihnen waren und unter Umständen auch noch Mädchen dabei standen, die kichernd miteinander tuschelten.

Nun aber waren sie nur zu dritt und ließen ihn schon beim zweiten Versuch vorbei, jedoch nicht, ohne ihn dabei hin und her zu schubsen. Ein Prozedere, dass er stumm über sich ergehen ließ, hatte er doch längst eingesehen, dass jeglicher Protest sein Leiden nur verschlimmern würde. Irgendwann würde selbst die schrecklichste Schikane vorbei sein, das hatte er schnell lernen müssen. Und wenn nicht, dann würde er wenigstens endlich seinen Frieden finden.

„Habt ihr das gerade mitbekommen?“ Sie hatten ihn zwar gehen lassen, aber offenbar machten sie sich nun einen Spaß daraus, ihm den Gang entlang zu folgen und sich dabei lautstark zu unterhalten, sodass alle Schüler, an denen sie vorbeikamen, hörten, was seine Peiniger über ihn zu sagen hatten.
„Burden will was von der Lehrerin!“
„Aber sie will nichts von ihm!“ Das Lachen der drei hallte unheilvoll von den Wänden wieder, die Rob einmal mehr zu erdrücken schienen. Egal, wie sehr er sich auch darauf konzentrierte, sich nicht auf die Worte zu konzentrieren, egal wie sehr er sich einredete, dass sie diese Dinge nur sagten, um sich stark zu fühlen, egal wie sehr er wusste, dass die Unterstellungen falsch waren, es tat ihm im Herzen weh, sie zu hören. Denn egal wie sehr er auch dagegen ankämpfte, irgendwann war der Punkt erreicht, an dem er ihnen glaubte. An dem er eingesehen hatte, dass er wertlos war und es verdient hatte, von der Welt an den Pranger gestellt zu werden.

„Ich hab geglaubt er steht auf Männer?“ Es machte keinen Sinn ihnen zu erklären, dass er sich nicht für Beziehungen interessierte, dass er keine Ahnung davon hatte, was Liebe überhaupt sein sollte, sie würden ihm ohnehin nur die Worte im Mund umdrehen und das Gesagte fortan gegen ihn verwenden.
„Fragen wir ihn doch einfach mal. Hey Burden, bist du schwul?“ Nur noch wenige Schritte, dann hatte er es geschafft, dann war er frei und konnte sich auf den Weg zu dem einzigen Ort machen, an dem er all das für ein paar Stunden vergessen konnte.

„Wir reden mit dir, Schwuchtel!“ Und gerade, als er die Tür aufstieß und ins Freie trat, gerade, als er es sich erlaubte, einen Moment lang durchzuatmen, packte ihn einer der drei am Oberarm und schüttelte ihn. „Also antworte gefällig!“
„Oder traust du dich etwa nicht?“ Das Lachen hallte in seinen Ohren, während sein Herz wie verrückt gegen seinen Brustkorb hämmerte und sein Körper zu erstarren schien, wusste er doch nicht, was er nun tun sollte. Umzingelt und festgehalten in einer Situation, aus der er sich niemals herausreden konnte. In der er lediglich seinen Körper soweit es ging verlassen und abwarten konnte, bis die drei fürs erste ihr Interesse an ihm verloren hatten.
„Nein, der kleine Schisser hat Angst, buhu.“ Anfangs hatte er sich noch gefragt, warum ausgerechnet er diesem Schicksal zuteil geworden war, aber nun, nach all den Jahren in der Hölle, in denen er alles versucht hatte, in denen ihm nie jemand zur Hilfe gekommen war, hatte er sich einfach damit abgefunden, dass dies nun sein Leben war.

Weshalb ihm auch keine Tränen kamen, als eine Hand seine Wange traf, das schallende Geräusch von Haut auf Haut für einen Moment das Lachen unterbrach. Ihnen dann nur weiteren Grund dafür gab, auf ihn zu zeigen, wie er dastand, eine leere Hülle, die nur darauf wartete, endlich verschwinden zu können.
„Du bist echt das Letzte, Burden. Dein Vater kann froh sein, dass er dich nicht mehr miterleben musste.“ Und damit wurde er gestoßen, wobei ihn die Worte vielleicht noch ein wenig mehr aus dem Gleichgewicht brachten als der Stoß gegen den Brustkorb, kam es doch nur äußerst selten vor, dass sie diese Waffe gegen ihn verwendeten, immer dann, wenn sie ihn endgültig zerbrechen sehen wollten.
Und auch jetzt fühlte er sich, als wäre er kein Teil dieser Welt mehr, während er ein paar Schritte zurück taumelte, nicht darauf achtete, wohin er trat, bis ihn schließlich endlich der Boden zu verschlucken schien und er ins Leere stieg. Er hatte nicht auf die Treppe geachtet, doch in dem kurzen Moment, in dem er sie rückwärts hinunter fiel, ungewollt einen Blick auf die Gesichter seiner Peiniger erhaschte, durch das Gelächter zu hässlichen Fratzen verzerrt, kam es ihm beinahe wie eine Befreiung vor. Aber sein Körper betrog ihn, wie so oft, hatte offenbar noch nicht mit dieser Welt abgeschlossen und fing so den Sturz ab, auch wenn Rob sich nicht sicher war, ob sein Genick nicht doch besser gewesen wäre, als ein stechender Schmerz sein rechtes Handgelenk durchfuhr.



Authors Note
Im Anbetracht der Taten und Ausdrücke in der zweiten Hälfte dieses Kapitels möchte ich darauf hinweisen, dass Robs Geschichte zwar fiktional ist, Mobbing für viele aber leider zur Realität gehört und die Dinge, die oft „im Spaß“ gesagt werden auch Jahre später noch Narben auf der Seele des Betroffenen hinterlassen. Darum, egal wie „seltsam“ eine Person sich auch verhalten mag, egal wie sie aussieht, wen sie liebt, welche Noten sie hat, welche Musik sie horcht, aus welchen Verhältnissen sie stammt,…was sie tut, es gibt niemanden das Recht, ihr deswegen weh zu tun.
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