Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
23.08.2020
94
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11.05.2018 1.365
 
Verdattert schlug Anna die Augen auf und sah sich in dem halbdunklen Raum um, da sie ihr Wecker direkt aus einem Traum geholt hatte und sie jetzt die Bilder und die Wirklichkeit auseinander sortieren musste, während sie dem Klingeln gähnend ein Ende bereitete. Vorsichtshalber hatte sie den Wecker auf der anderen Seite des Zimmers platziert, und jetzt, als sie die Vorhänge zur Seite schob und von der aufgehenden Sonne begrüßt wurde, wusste sie auch, warum. Am liebsten wäre sie wieder zurück ins Bett gekrochen, zurück in den Traum, in dem sie Linkin Park auf der großen Bühne gemeinsam mit Tausenden zujubelte.
Aber andererseits, und dieser Gedanke brachte ein Lächeln in ihr Gesicht, waren es nur wenige Stunden bis sie die Truppe wiedersah, auch wenn das hieß, dass sie sich zuerst außer Haus schleichen musste und im Anschluss an das Treffen wieder zurück, so wie vor wenigen Stunden. Dass alles gut gegangen war wunderte sie noch jetzt, hatte ihr Herz doch bis zum Hals geschlagen, als sie über die Treppe nach oben gehuscht und schließlich hundemüde aber überglücklich ins Bett gefallen war.

Und nun galt es eben jene Müdigkeit zu vertreiben, da ihr klar war, würden ihre Eltern von ihrem kleinen Ausflug erfahren würde es das letzte Konzert für sehr lange Zeit gewesen sein. Andererseits fiel es ihr auch nicht weiter schwer, da die Lieder des vergangenen Abends noch immer in ihrem Kopf spielten, ihr so ein ungewohntes Gefühl der Leichte gaben, als sie beinahe schon über die Stufen nach unten sprang, Chesters Worte in ihrem Kopf nachhallten, als sie die Tür zum Esszimmer aufstieß und sie bewusst die Ironie in ihnen ignorierte.

I wanna live in another place where no one can say that I live for them



„Guten Morgen!” Noch im selben Moment als sie die Worte sprach, fiel ihr auf, wie ungewohnt fröhlich sie klang, was natürlich auch ihren Eltern nicht entging, betrat sie den Raum doch normalerweise wie ein Gespenst, so leise, dass man beinahe nicht merkte, dass sie anwesend war.
„Na da ist aber wer gut gelaunt.” Ihr Vater schielte über seine Zeitung hinweg zu ihr, während sie, ihre Wangen leicht gerötet, auf ihrem Sessel platznahm. Wenigstens schien sie nicht die einzige zu sein, die an diesem Morgen guter Laune war.
„Ich freue mich eben schon auf morgen“, nuschelte sie verlegen eine Ausrede, die ihr zu ihrer Erleichterung auch mit einem kurzen Lachen abgekauft wurde. Denn wenn ihre Eltern Verdacht schöpften, steckte sie in Schwierigkeiten, sodass sie sich alle Mühe gab, nicht übers ganze Gesicht zu grinsen, als sie an ihrem Toast kaute und in Gedanken bei Mike und den anderen war.

„Oh hallo Liebes, brauchst du etwas?“ Wie immer, wenn sie die Küche betrat, ließ Patty alles stehen und liegen, um mit einem besorgten Gesichtsausdruck auf sie zuzukommen, auch wenn sie in letzter Zeit nur mehr selten einen Grund dazu hatte. Aber die gemeinsame Zeit hatte sie geprägt und ihr gelehrt, dass es meistens nicht wirklich gute Dinge waren, die Anna zu ihr trieben.
„Eigentlich wollte ich fragen ob wir noch irgendwo eine Schachtel Cornflakes und Kakao haben?“ Denn wie auch in den letzten Tagen war der Toast ungewohnt schnell verschwunden und ihr bewusst geworden, wie klein das Stück Brot eigentlich war und dass sie nach ihrem Abenteuer spätnachts ziemlich hungrig war.
„Aber natürlich doch!“ Begeistert wirbelte die Haushälterin durch die Küche und drückte ihr eine gefühlte Sekunde später bereits eine Schüssel mit Cornflakes und Kakao in die Hand, so wie sie es als Kind gerne gegessen hatte.
„Dankeschön.“ Anna wusste genau, dass Patty die Sache nicht auf sich sitzen lassen konnte, dazu war ihr Lächeln einfach zu breit. Und so rollte sie nur lächelnd mit den Augen und deutete mit dem Löffel auf die Frau. „Nun sag schon.“
„Anna Hillinger fragt mich nach Jahren des kargen Toast-Frühstücks auf einmal nach einer Portion Cornflakes. Da kann doch etwas nicht stimmen.“ Die beiden tauschten wissende Blicke aus, ehe sie sich wie von selbst am kleinen Tisch in der Küche widerfanden, der Ort aller ihrer wichtigen Gespräche war.

„Ich hab‘ da jemanden kennengelernt“, murmelte sie schließlich mit roten Wangen, während Patty begeistert in die Hände klatschte, hatte sie doch offensichtlich nicht mit solchen Nachrichten gerechnet und interpretierte ein wenig zu viel hinein.
„Wen denn?“ Sie stützte ihre Arme am Tisch ab, lehnte sich ein wenig nach vorne und sah Anna mit ihren sanften braunen Augen an.
„Ich hab ja vor nicht allzu langer Zeit das Handy von diesem Studenten kaputt gemacht und ihm dann ein neues gekauft. Und naja, wir sind dann ins Gespräch gekommen und haben uns angefreundet“, lieferte sie eine nicht ganz exakte Beschreibung der Ereignisse. Aber das würde jetzt ihre neue Wirklichkeit werden, sollte sie noch einmal gefragt werden, woher sie Mike kannte. Alles Weitere würde ihr Geheimnis bleiben, so lange, bis sie nicht mehr innerlich zu frösteln begann, wenn sie an den Moment, den Kuss in dieser dunklen Gasse, zurückdachte, der den Beginn dieser Freundschaft markierte.
„Oh wie schön!“ Verlegen schob Anna die Cornflakes im Kakao hin und her, wusste sie doch genau, dass ihre Ersatzmutter im Geiste vermutlich schon mit Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt war. Vielleicht war es also an der Zeit, sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
„Nicht mehr! Falls du…“ Anna war sich sicher, dass man ihre Wangen mittlerweile mit Tomaten verwechseln konnte. „Na du weißt schon.“
„Liebes, egal was es ist, das ihr zwei habt, ich freu mich für dich.“ Patty griff nach ihren Händen und schenkte ihr ein aufrichtiges Lächeln, wie immer, wenn sie Anna ermutigen wollte. Und genau diese bedingungslose Unterstützung war es, die sie so sehr an der Haushälterin schätzte, die sie schon oft vor Schlimmerem bewahrt hatte. Und doch, das Treffen mit der Band, ihre Pläne für diesen Abend, würden ihr Geheimnis bleiben, nicht zuletzt, um sie zu schützen.
„Danke. Es ist wirklich schön, nicht mehr alleine an der Uni sein zu müssen.“ Sie lächelte, aber wusste genau, dass Patty sie verstand. Oft genug hatte sie sich an ihrer Schulter ausgeweint, ihre Eltern dafür verflucht, sie in einen goldenen Käfig gesteckt und so von allen anderen Kindern isoliert zu haben. Hatte sie angefleht, ihren Spielkameraden wieder mitzubringen, auch wenn ihr mit jedem Tag mehr bewusst geworden war, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Und irgendwann in den letzten beinahe zehn Jahren hatte sie einfach akzeptiert, dass sie niemanden mehr hatte, mit dem sie befreundet war.

„Das glaube ich, Liebes. Und wer weiß“, sie zwinkerte ihr zu, ehe sie aufstand und sich wieder ihrer Arbeit zuwandte, „vielleicht wird es ja eines Tages doch mehr?“
„Patty!“ Lachend schlug sie mit der flachen Hand auf die Tischkante und sah sie empört an. „Wird es nicht!“
„Oh, ich wäre mir da nicht so sicher, Liebes!“ Sie sah mit erhobenem Zeigefinger zu ihr. „Weißt du, damals als ich Gregory kennengelernt habe, war ich auch felsenfest davon überzeugt, dass wir niemals mehr als nur Freunde sein würden. Und siehe da, zwei Jahre später waren wir Mann und Frau.“
„Ja, aber das bist du“, seufzte sie, insgeheim amüsiert über die Geschichte, die sie schon gefühlte tausend Mal gehört hatte und über die sie sich jedes Mal freute, wenn Patty sie in einem so unbeschwerten Tonfall erzählte. Denn sie wusste genau, wie sehr sie nach all den Jahren noch immer um ihren Mann trauerte.

„Und was genau hat das damit zu tun?“ Sehr viel. Anna konnte die Worte nicht aussprechen, aber die Art und Weise, wie sie zu Boden blickte, ihre Körperhaltung ein wenig zusammensackte, war für Patty Antwort und Grund genug, um zu ihr zu gehen und ihr eine Hand auf die Schulter zu legen, schweigend zu warten, bis Anna wieder zu sprechen begann.
„Ich kann das nicht.“ Es erschien ihr einfach unmöglich, jemanden so sehr in ihr Leben zu lassen, jemanden so nahe zu sich zu lassen, wie es eben in einer Beziehung notwendig war. Jemanden in ihr Herz zu lassen.
„Anna, Liebe ist nichts was man können muss.“ Sie nahm ihr Gesicht vorsichtig zwischen ihre Hände und sah sie eindringlich an. „Man muss sie nur fühlen. Und ich weiß außerdem genau, dass du ganz viel Liebe in deinem Herzen übrig hast, zusammen mit einem freien Platz für all jene, die sie wirklich verdienen.“
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