Break the Cycle

von Kariliah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Brad Delson Chester Bennington David "Phoenix" Farrell Joseph "Joe" Hahn Mike Shinoda Rob Bourdon
22.10.2017
23.08.2020
94
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09.03.2018 1.220
 
„Wo genau musst du eigentlich hin?" Fragend sah ihn Anna von der Seite an, ehe sie ihre Aufmerksamkeit auf die Ampel auf der anderen Straßenseite richtete, darauf wartete, dass diese auf grün sprang.
„Zur Arbeit." Mike war ihr zufälligerweise am Eingang über den Weg gelaufen und anstatt sich in den obersten Stock zu quälen hatte sie kurzerhand beschlossen, heute nachhause zu gehen, dort zu schreiben. Immerhin lag sie mit allem im Plan, war vermutlich sogar eifriger als ihre Kollegen, die aus echtem Interesse studierten und hatte außer dem niemals enden wollenden Lernen nichts für die Universität zu tun.
„Die da wäre?" In den letzten Tagen hatten sie über alles gesprochen, was ihnen in den Sinn gekommen war, über ihre Studien, sogar darüber, dass Anna ihres nicht wirklich freiwillig machte, die Musik und Kunst, aber nie wirklich über die grundlegenden Dinge des Lebens. „Ich habe das Gefühl, dass ich dich noch gar nicht kenne."

„Wie meinst du?" Mike lehnte sich ein Stück nach vorne und drehte sein Gesicht in ihre Richtung, sodass sie kurz zu ihm schielte, ehe sie wieder auf die andere Straßenseite starrte, mit dem Saum ihrer Jacke spielte.
„Einerseits hast du mir so viel über dich erzählt, was dich begeistert." Sie hielt einen Moment inne, strich sich die Haare, an denen der Novemberwind zerrte, aus dem Gesicht. „Deine Träume. Und doch kenne ich dich eigentlich nicht."


„Dann lass uns das ändern, oder?" Grinsend machte Mike einen Schritt nach vorne, im gleichen Moment, in dem die Fußgängerampel auf Grün sprang. Er wusste längst nicht mehr, wie viele Male er hier entlang gegangen war, lange genug jedenfalls, um zu wissen, wann welche Ampel schaltete. Ein kleiner Tick von ihm, vermutlich eine Art, auf die sich sein Perfektionismus äußerte. Sein Drang, immer alles zu wissen und verstehen, was um ihn herum vorging.
„Gute Idee!" Mit schnellen Schritten ging Anna neben ihm her, hatte beinahe ein wenig Mühe, mit ihm mitzuhalten, sodass er sein Schritttempo etwas reduzieren musste. Mike war es einfach nicht gewohnt, dass jemand neben ihm herlief, der einen guten Kopf kleiner war als er. Oder besser gesagt nicht mehr, ein Gedanke, den er lieber hastig vertrieb.

„Ich arbeite in einem Fastfood-Restaurant, zusammen mit Chester." Er war sich sicher, dass Anna auch ohne Erklärung wusste, wer er war. Immerhin hatten er und Joe seinen Namen in den letzten Tagen einige Male erwähnt und tatsächlich nickte sie wissend. „Du weißt schon, armer Student und so."
„Dafür wirst du später einmal Millionär." Zu seiner Erleichterung verfiel sie ebenfalls in seine heitere Stimmlage, tat wie er so, als würde sie lediglich scherzen.
„Was du ja schon bist." Er stupste sie an der Schulter, wohl wissend, dass dies eine Angewohnheit war, die er sich schleunigst abgewöhnen musste. Wenn er mit seinen Bandkollegen unterwegs war, waren leichte Schläge gegen Schulter und Rücken kein Problem, aber Anna war nun einmal keiner seiner Jungs. Wobei er sich ohnehin fragte, was ihn genau dazu brachte ihr gegenüber keine Scheu vor Körperkontakt zu haben.
„Ja klar, die Millionärstochter." Zu seiner Belustigung machte sie ihm seine Geste nach, bohrte einen ihrer knochigen Finger in seinen Oberarm. Vielleicht musste er sich das Ganze doch nicht abgewöhnen, nur ein wenig adaptieren.


„Was machen deine Eltern eigentlich beruflich?" Es war ein gefährliches Terrain, auf das er sich nun wagte, aber er konnte den Fluss des Gespräches nicht einfach unterbrechen, hoffte nur, dass er ihn wenigstens geschickt umlenken konnte, wenn es denn notwendig war.
„Die Familie von meinem Vater hat ein Handelsimperium aufgebaut und nach dem Tod von meinem Großvater hat mein Vater die Leitung übernommen." So wie sie ihm das erzählte klang es beinahe, als wäre es nichts Weltbewegendes, etwas, das man jeden Tag zu hören bekam.
„Okay, damit habe ich jetzt nicht gerechnet." Ehrlich überrascht trat Mike einen Schritt zur Seite, ehe er Anna in die Straßenbahn folgte, sich neben sie setzte.

„Ich weiß, es ist eine echt tolle Geschichte, aber", sie schwieg einen Moment , sah zu ihren Händen, die sich wie immer an etwas festklammerten, in dem Fall an dem Stoff ihrer Hose, ehe sie mit leiser Stimme weitersprach, „ich bin damit aufgewachsen und habe vor so auch die Schattenseiten von diesem Leben kennengelernt."
„Geld ist einfach nicht alles im Leben, ich weiß." Vorsichtig legte er eine Hand auf ihre, drückte sie kurz, konnte sie trotz aller Bedenken nicht einfach wieder loslassen. Ließ sie mit einer kleinen Geste mehr wissen, als er noch bereit war auszusprechen. Aber er wusste, dass sie auch so verstand was er ihr sagen wollte, dass all der Glanz die Risse nicht verbergen konnte, die ihre Seele erlitten hatte. Und so saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander, sahen auf die Stadt, die an ihnen vorbeizog, jeder in seinen eigenen Gedanken. Wie sie beide, die aus so unterschiedlichen Welten kamen, zueinander gehörten, als wären sie einst die gleiche Person gewesen.


„Und bei meiner Mutter ist die Sache so ähnlich, auch wenn mein Onkel Alleinerbe ist. Ich glaube, jetzt kannst du dir auch denken, wieso meine Eltern geheiratet haben." Mike konnte den Abscheu in ihrer Stimme hören, als sie schließlich nach einer kleinen Ewigkeit wieder sprach, konnte hören, wie wenig sie für diese Welt, in der sie geboren worden war, übrig hatte. Für eine Welt, in der noch immer Jahrhunderte alte Regeln und Gepflogenheiten regierten.
„Und irgendwann wirst du dann das Imperium leiten müssen. Oder deine Geschwister?" Eine einfache Schlussfolgerung, die wohl jeder gezogen hätte, die in wenigen Worten das auf den Punkt bringen sollte, was Anna ihm zu erklären versuchte. Doch noch während er den Satz formte wurde ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte. Dass es nun nicht mehr reichte, die Wahrheit zu verdrehen, sondern dass er sie jetzt anlügen musste, ob er wollte oder nicht.

„Nein, ich bin ein Einzelkind", erklärte ihm Anna, ehe sie genau die Frage stellte, von der er so sehr gehofft hatte, sie umgehen zu können. „Und du? Hast du Geschwister?"
„Nein." Er gab sich der Hoffnung hin, dass sie das kurze Zögern nicht bemerkt hatte, nicht bemerkt hatte, dass er ein wenig zusammenzuckte, als hätte sie ihn geschlagen. Das Wort hervorpressen musste, als würde es ihm wehtun es auszusprechen.

„Ach so." Aber es war einfacher so, als ihr alles erklären zu müssen, die ganze Geschichte, die er nie wieder durchleben wollte. Und doch bewegte Anna ihre Hände nun ein Stückchen, drückte die seine, ehe sie Mike losließ, der sogleich die Flucht antrat, da sich das Timing der Straßenbahn als perfekt erwiesen hatte.
„Na dann, ich muss hier raus." Er schenkte Anna ein letztes Lächeln, das ihm sehr viel leichter über die Lippen kam, als er dachte, vor allem, da sie ihm wieder zuwinkte, ihre Art der Begrüßung und des Abschiedes.
„Bis morgen!" Eigentlich hätte er geglaubt, dass er sich erleichtert fühlen würde, wenn das Gespräch zu Ende war, doch das Gegenteil war der Fall. Robs Worte, seine Warnung, kam ihm nun wieder in den Sinn. Dass er sich eines Tages entscheiden musste, zwischen der heilen Welt in der er vorgab zu leben und den Menschen, die im wichtig waren. Und so sehr er sich dafür auch hasste, er wusste nicht, was ihm in diesen Moment leichter fallen würde.
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