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Dark Souls 3 - Der Dunkle Ring

GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
21.10.2017
21.10.2017
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«Hast du sie gesehen?»
Baldurs Rüstung klapperte leise, als er mitsamt dem Rest seines Spähtrupps zu unserer Einheit zurückkehrte. «Bei den Göttern – ja, Aadil! Vergiss, was du gehört hast: Dämonen, Untote, Kreaturen aus den Tiefen. Verdammt, das sind die Männer und Frauen Lothrics, gegen die wir uns hier verteidigen!»
Ich verzog das Gesicht. Der Gestank des Feuers stach mir noch immer in der Nase. Es war nicht eines dieser lauschigen Lagerfeuer, an dem wir abends Würfel- und Kartenspiele gespielt und uns Geschichten aus der Heimat erzählt hatten. Von der Grossen Flamme, über die Männer wie ich nur aus Sagen und Legenden berichten können, hatte es ebenso wenig. Dieses Feuer trug den Geruch von Schwefel mit sich, von versengtem Haar und verbrannter Haut.
«Scheisse, mir doch egal!», fluchte Hale, der neben mir stand. Er hielt seine Armbrust schussbereit und klammerte sich mit beiden Händen daran fest, sodass seine Knöchel weiss hervortraten. «Untote, Frauen, Kinder… Wenn es mich töten will, kriegt es ‘nen Bolzen zu fressen!»
Ich senkte den Kopf und schaute an meinem Wappenrock hinab, unter dem die Rüstung das verletzliche Fleisch vor Schaden bewahren sollte. Dort, über meiner Brust und nun für jedermann unsichtbar, baumelte an einer dünnen Kordel der Ring, den ich vor einiger Zeit für Yara hatte anfertigen lassen. Als dieses Grauen seinen Lauf nahm und klar wurde, dass wir in den Krieg ziehen mussten, hatte ich mir im Namen der Flamme geschworen, dass sie ihn erhalten würde.
«Aadil, ist alles in Ordnung?» Ich spürte einen schweren Panzerhandschuh an meiner Schulter und blickte in das besorgte Gesicht von Baldur, der das Visier seines Helms geöffnet hatte. «Verzage jetzt nicht, mein Freund. Wir bringen diesen Alptraum zu einem Ende, du wirst Yara wiedersehen – und wenn es einmal soweit ist, wäre es mir eine Ehre, dein Trauzeuge zu sein!»
Ich lächelte leicht. Baldur stammte wie ich aus Astora und in den vergangenen Wochen bei Hofe war er mir deutlich ans Herz gewachsen. Er war nicht nur ein zuverlässiger Kamerad und guter Landsmann, sondern auch-
«… ein unverbesserlicher Optimist!», schnaubte Flint. Sein Helm war – wie für die Männer aus Carim üblich – wie das Haupt einer Bestie geformt. Über seiner Schulter ragte der gewaltige Streitkolben auf und ich konnte mich nicht entsinnen, ihn einmal ohne dieses Ding gesehen zu haben. «Werdet jetzt bloß nicht sentimental, ihr Waschweiber. Wendet euren Blick gen Himmel, wenn ihr euch daran erinnern wollt, warum wir hier sind.»
Recht hatte er. Der Himmel über uns war in das Blut eines nie vorüberziehenden Abendrots getaucht. Manche sagten, es habe mit dem Verlöschen der Flamme und dem Beginn eines neuen Zeitalters zu tun. Eine Zeit lang gelang es den Hohepriestern, eine vorläufige Panik zu verhindern. Zumindest bis zu jenem Tag, als die Glocke zu läuten begann.
«Ich weiß, es sieht derzeit nicht gut aus», hörte ich Baldur wie aus weiter Ferne sagen. «Doch in Zeiten der Not ist es an uns, Prinz Lothric und Prinz Lorian zu vertrauen, auf dass sie das Richtige tun mögen. Für uns alle.»
«Jetzt hör’ sich das einer an! Hast du es immer noch nicht begriffen, Bursche? Das ist kein Alptraum, aus dem du jederzeit aufwachen kannst, das ist die bittere Realität. Die Aschefürsten der letzten fünf Generationen sind aus ihrem ewigen Schlaf erwacht, um etwas Frischluft zu schnappen. Doch anstatt das Unheil abzuwenden, sehen die Prinzen nur zu, während sich Seine Majestät irgendwo in den Schlossgärten verschanzt und uns die Drecksarbeit überlässt!»
«Die Wege zu den Gärten sind abgesichert», warf ich ein, um Flint zum Schweigen zu bringen. «Unsere Männer patrouillieren in den Archiven und unterstützen dort die Scholaren, die freiwillig geblieben sind, um zu helfen.»
Baldur nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.
«Wie sieht es mit den Toren aus?»
«Unsere Elite hat zwei der ältesten und erfahrensten Drachen dort abgestellt. Wer immer sich den Toren nähert und kein Ritter von Lothric ist, wird es mit dem Leben bezahlen.»
«Achtung, Männer! Ich glaube, sie brechen gleich durch!»
Auf Hales Ruf hin fuhren unsere Blicke hinüber zu den Barrikaden. Das Holz stöhnte gequält unter dem Gewicht der Leiber, die sich von der anderen Seite dagegenstemmten.



Als die Bretter schließlich nachgaben, reckten die Ritter von Lothric, die sich hier mit uns versammelt hatten, wie auf ein gemeinsames Zeichen ihre Schwerter in die Höhe. «Für Lothric!», riefen sie im Gleichklang und bildeten mit ihren Schilden einen nahezu undurchdringlichen Wall, auf denen das Drachenbanner Lothrics sich Dutzendfach abzeichnete.
Ich konnte gar nicht anders. Mein Hintermann schob mich vorwärts, immer weiter auf die Meute zu, die sich uns ebenso unnachgiebig näherte. Ein kalter Schauer erfasste mich, als ich das, was Baldur bereits geschildert hatte, jetzt mit eigenen Augen sah. Es waren größtenteils Bauern, Waschfrauen, vereinzelte Vagabunden, Pilger und – die Flamme stehe uns bei! – auch hier und da ein paar Kinder, denen wir uns gegenübersahen. Manche von ihnen trugen hölzerne Prügel mit sich, andere schwenkten Mistgabeln und Fackeln oder waren mit Werkzeugen wie Hämmern, Sägen und Sicheln bewaffnet.
Durch das stetig anhaltende Rufen und Gebrüll von beiden Seiten schnappte ich ein paar ihrer Worte auf:
«…Wir verlangen augenblicklich, Seine Majestät zu sehen! ...»
«…Warum unternehmen die Prinzen nichts gegen dieses Unheil? ...»
«…Das Ende ist nahe! Wenn jetzt nichts getan wird, sterben wir alle! …»
Für einen unachtsamen Augenblick liess ich meinen Schild sinken. Was, bei den Untiefen, taten wir hier? Liess man uns wirklich gegen unser eigenes Volk in die Schlacht ziehen? Was konnten ein paar Männer und Frauen denn grossartig gegen die grosse Dreifaltigkeit von Lothrics Streitmacht ausrichten, welche Ritter, Priester und Scholaren gleichermassen unter sich vereinte?
In diesem Moment wurde der Brandgeruch intensiver. Etwas flog an mir vorbei – ich sah es nicht rechtzeitig, hätte es mit meinem Schild aber wohl noch abwehren können. Ehe ich mich umgedreht hatte, rief jemand:
«Brandbombe!»
«Aadil, Vorsicht!»
Ein heftiger Stoss zu meiner Rechten stiess mich von den Füssen. In der Nähe brachte eine rasch aufsteigende Hitze die Luft zum Flimmern. Schreie ertönten, gedämpft, als drangen sie unter dem Visier eines Helms hervor.
Meine Rüstung wog schwer und ich brauchte ein paar Anläufe, um mich wieder auf die Beine zu kämpfen. Um mich herum herrschte heilloses Chaos. Mehrere Soldaten, die nicht durch Eisen und Stahl geschützt waren, lagen mit hässlichen Brandwunden übersät am Boden. Andere rannten schreiend und wild mit den Armen rudernd umher. Auf der anderen Seite streckten unsere Ritter gnadenlos Bürgerliche nieder. Ich erblickte einen Mann, der auf die Knie gesunken war, um sein Gebet gen Himmel zu richten. Bis das Langschwert eines Kriegers ihn auf Brusthöhe durchbohrte und er den Sterbenden mit offensichtlicher Abscheu zu Boden beförderte. Nicht weit davon entfernt hauchte eine ältliche Frau ihr Leben aus, als ein Armbrustbolzen ihren Schädel durchschlug.
«Aadil», keuchte eine vertraute Stimme neben mir. «Aadil, bist du in Ordnung?»
Es war Baldur. Er musste es auch gewesen sein, der mich zur Seite gestossen hatte, als die Brandbombe in unseren Reihen explodierte. Er lag mit geöffnetem Visier auf dem Boden und starrte mich an, als wäre ich die rettende Erlösung eines der Aschefürsten höchstselbst. Seine linke Körperhälfte sah aus, als hätte ein Untier grosse Stücke davon herausgerissen. Ich roch wieder den Geruch von verbranntem Fleisch und Übelkeit stieg in mir auf.
«Baldur…», hauchte ich.
«Niemals die Deckung vernachlässigen… Du Dummkopf…», presste er hervor und zwang sich zu einem schmerzverzerrten Lächeln.
«Baldur, ich… Was ist nur passiert? Es ging alles so schnell.»
«Ich weiss, Aadil. Mach dir deswegen keine Sorgen.»
«Ich habe nur die Kinder gesehen und… Verdammt, Baldur!», stiess ich hervor und kaute neben ihm nieder. «Ich musste an Yara denken. Was, wenn sie hier wäre und wir würden ihr gegenüberstehen und…»
«Du bist… ein guter Mann, Aadil. Ein guter Freund. Es tut mir leid, wenn…», Baldur unterbrach sich für einen Moment und hustete Blut. Es war, als würde sich die Farben des Himmels über seinen Mund und sein Kinn ergiessen. «…wenn ich eurer Hochzeit nun nicht mehr beiwohnen kann. Aber du musst ihr diesen Ring bringen. Versprich mir das, Aadil.»
«Ich verspreche es…», flüsterte ich. Tränen rannen mir übers Gesicht. «Hörst du, Baldur? Ich bringe Yara den Ring. Und dann werden wir heiraten. Und wir werden unser erstes Kind nach dir benennen, Baldur. Hörst du? Wir werden ihn in Astora grossziehen und ich werde ihm deine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Baldur von Astora, der sein Leben gab, um den Vater dieses Kindes zu retten.»
Baldur erwiderte nichts. Er schwieg und es schien, als würde sich dieses Schweigen wie eine Kuppel über uns senken und all das Geschrei, das Wüten und Sterben um uns herum für einige erholsame Augenblicke lang abdämpfen.
«Es tut mir so leid… Baldur…», seufzte ich leise.
Doch Baldur lächelte nur seelenruhig, während seine Augen ausdruckslos und immerwährend in den Himmel hinaufstarrten.
 
 
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