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Endless Death

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Horror / P16 / Het
Armin Castiel Lysander Nathaniel OC (Own Character) Pia
20.10.2017
03.05.2022
71
179.308
6
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Dieses Kapitel
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18.05.2018 2.489
 
Ich saß auf einem Drehstuhl und drehte mich damit im Kreis. Auf meinem Schoß lag ein kleiner Teller, in meiner Hand ein Sandwich. Ich fühlte mich wieder wie zwölf und ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so darüber freuen würde. Es war nämlich ein so herrlich befreiendes Gefühl... Ja, die Zeit als Kind war im Großen und Ganzen schon ganz toll.
  Ich stoppte kurz meine Karussellfahrt, nur um mich dann nochmal zwei, drei Runden in die andere Richtung zu drehen. Bestes Mittel gegen Schwindelanfälle. Dann fiel mein Blick auf meinen Vater und Patricia. Sie redeten gerade einige Meter von uns entfernt. Sie biss mit einem besorgten Gesichtsausdruck in ihr Sandwich, während Papa ihr etwas auf einem Bildschirm zeigte. Wörter wie „Verbreitung", „Eindämmung", „Abriegelung" und „shot-down" drangen bis zu mir durch und es waren nicht gerade welche, die unbedingt Wohlwollen in mir auslösten. Bei meinem Bruder anscheinend auch nicht, wenn ich mir sein Gesicht so anschaute. Obwohl er überhaupt nicht der neugierige Typ war, erwischte ich ihn dabei, wie er angestrengt beim Gespräch zuzuhören versuchte. Unsere Blicke kreuzten sich und wir verstanden einander ohne Worte unsere Besorgnis. Das befreiende Gefühl der Zwölfjährigen war natürlich auch wieder verschwunden. Dann sahen wir wieder zu den Erwachsenen, die auf uns zukamen.
  „Ist Laeti noch nicht zurück?", fragte mein Vater, der sich auf den Drehstuhl neben mich setzte.
  „Nein, noch ni-", jemand fiel mir ins Wort.
  „Hier bin ich." Meine blauhaarige Freundin stieß wieder zu uns und pflanzte sich auf den Stuhl, den sie mit ihrem angebissenen Sandwich reserviert hatte. In welches sie auch direkt wieder genüsslich reinbiss. Ich nahm an, diese lange Zeit allein, in Angst um sich und alle, die man liebte, hatte den Hunger deutlich unterdrückt und kam nun, in Sicherheit, explosionsartig hervor. Mein Sandwich war auch bereits weg, Hunger hatte ich aber immer noch.
  „Gut", meinte mein Vater nur und dann schwiegen wir uns bestimmt eine ewig lange Minute an, bevor ich entschloss, die Stille zu brechen: „Ich muss mit dir sprechen."
  „Ich muss mit euch sprechen", sagte mein Vater zeitgleich und musste lachen. Die anderen und ich auch. In der etwas gelockerten Atmosphäre setzte ich fort: „Bitte, kannst du uns sagen, was hier vor sich geht? Warum bist du nicht nach Hause gekommen? Was tust du hier? Was weißt du?"
  Er schaute auf den Boden und atmete tief durch. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. Oder vielleicht nach den schonendsten Worten. Aussichtslos.
  „Papa. Du wirst uns nicht schonen können. Und das will ich auch gar nicht."
  Mit der Hand fuhr er sich durch sein fast vollständig ergrautes Haar. Obwohl, ersilbert passte fast schon besser. Manchmal schienen sie nämlich im Licht zu glänzen wie Silber. Schließlich seufzte der 53-jährige. „Nun gut. Ich erzähle euch, was ich weiß. Aber es wird euch nicht gefallen."
  „Ich denke nicht, dass wir was anderes erwartet haben", sprach mein Bruder das aus, was wir eh alle dachten. Papa nickte wissend.
  „Okay. Okay. Ich sollte erst einmal mit dem Einfachsten anfangen: Die Wochen über war es meine Aufgabe, gewissen Funkverkehr einzudämmen, damit die Welle der Panik nicht zu weit schwappte. Doch nun, nicht sehr lang bevor ihr hier angekommen seid, habe ich vom Militär den Befehl erhalten, jeglichen Funkverkehr abzustellen."
  „Was, wirklich?" Ich griff in meine Hosentasche und holte mein Handy hervor. Tatsächlich. Kein Empfang, kein Netz. Praktisch klinisch tot. Da meine Motivation, Spiele zu spielen, die auch ohne Internet funktionieren, quasi so hoch war wie der Marianengraben, war dieser bis dato tagtägliche Lebensbegleiter komplett nutzlos geworden. Auf einen Schlag. Vorbei war damit auch die Chance, sich bei den Lieben zu erkundigen, ob es ihnen gut ging, ob sie noch lebten. Und ich bereute es auf einen Schlag, es nicht regelmäßiger getan zu haben.
  Verunsichert steckte ich mein Handy wieder ein und gab meinem Vater ein Zeichen, weiterzureden. Trübsal blasen konnte ich nachher noch. Doch zuvor erhob noch Laeti das Wort: „Und das kann das Militär nicht selbst?"
  Papa zuckte mit den Schultern. „Das Militär ist, sagen wir, schwer beschäftigt. Wir kooperieren mit ihnen. Klar, dass sie dann uns, die ohnehin direkten Zugang dazu haben, beauftragen. Jedenfalls blieb mir keine andere Wahl. Alles läuft aus dem Ruder. Das Militär will nur noch den Schaden minimieren. Sie beginnen, die kontaminierten Gegenden abzuriegeln. Sie haben einen strikten Schieß-Befehl. Genau genommen ist es nirgendwo mehr sicher, nicht einmal mehr das Militär kann einem helfen. Ihre Aufgabe ist es, die Seuche aufzuhalten. Und damit auch ihre potentiellen Überträger."
  Stumm sahen wir uns alle an. Ich begann, zu verstehen, wie die aufgeschnappten Worte von vorhin in den Kontext zu bringen waren. Und der Kontext gefiel mir tatsächlich noch weniger, als ich bereits geahnt hatte. Wir konnten niemandem mehr trauen, selbst nicht denen, von denen man es eigentlich annehmen sollte.
  „Wie schlimm ist es?", kam es von meinem Bruder. „Die Verbreitung, mein' ich."
  Mein Vater schwieg.
  „Rick...", forderte ihn Patricia ruhig zum Weiterreden auf.
  „Es... Ich weiß es nicht genau. Es breitet sich rasend schnell aus. Boston und mehrere Kilometer seiner Umgebung seien angeblich das Epizentrum. Aber überall in Amerika soll es Orte geben, wo die Menschen sterben und wieder auferstehen, ich hörte sogar von Verbreitungen in Europa und Asien. Und überall passiert das Gleiche: Die Gegenden werden abgeriegelt, die Truppen gehen mit Waffen vor."
  „Scheiße...", rutschte es mir automatisch heraus. Wir waren im fucking Epizentrum? Alles ging von hier aus? Innerhalb von fucking zwei Wochen? Aber... aber dann...
  „Leonie", schnappte ich atemlos. „Sie... sie war..."
  „Ja", erwiderte mein Vater tieftraurig. „Sie war eines der ersten Opfer. Wenn nicht sogar ‚Patient 0'..."
  Ich starrte auf den Boden und versuchte, meine Tränen zurückzuhalten. Mir war zwar klar, dass meine kleine Schwester zu den ersten Opfern gehören musste – im Fernsehen hätte man sonst von ähnlichen Fällen gehört – aber der Gedanke daran, sie könnte sogar die erste gewesen sein, die, die das alles hier unbeabsichtigt verursacht hatte und der Grund für das Ende vieler, vieler Menschen war... dieser Gedanke brannte in meiner Seele so heftig wie ein australisches Buschfeuer.
  Zögerlich erhob Laeti das Wort: „Ähm... Tut mir leid, wenn ich das frage, aber woher hast du diese ganzen Informationen? Ich bin da zwar kein Profi drin, aber soweit ich weiß verraten die sowas nicht einfach so."
  Das stimmte wohl. Daran hatte ich gar nicht gedacht.
  „Nun ja. Ich habe einen Freund aus Kindheitstagen beim Militär. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, mir meine Fragen unbeantwortet zu lassen."
  „So wie du jetzt bei uns", murmelte mein Bruder und unser Vater nickte nur. Auch das war wahr. Denn so wenig wie diese Informationen für einen Otto Normalverbraucher wie meinen Vater bestimmt waren, der aber ja sogar noch mit dem Militär indirekt in Verbindung stand, so unbestimmter waren sie definitiv für „Kinder" wie uns. Aber wie sollte ein Vater und guter Freund seine Lieben im Ungewissen lassen können? Zu verlieren hatten wir jetzt eh kaum noch was. Die Leute vom Militär schossen ja so oder so auf Überlebende. Mit diesem Wissen konnten wir ihnen nun immerhin aus dem Weg gehen.
  Wieder verfielen wir in Schweigen. Patricia legte Papa die Hand auf die Schulter und versuchte ihn mit einem mitfühlenden Lächeln aufzumuntern. Er wiederum legte die Hand auf ihr Bein, wohl als Zeichen, dass er okay war. Ich glaubte ihm aber nicht. Wie sollte es ihm okay gehen? Er war Vater. Seine jüngste Tochter war tot und womöglich der „Auslöser" dieses ganzen Mistes hier, seine anderen Kinder waren gefangen in einem kilometerweit verseuchten Raum ohne Aussicht auf Rettung. Ganz geile Sache.
  „Wir dürfen nicht aufgeben." Patricias sanfte, mütterliche Stimme drang in unsere Ohren. „Wir haben uns. Wir sind am Leben. Und nicht nur wir. Rick, viele deiner Kollegen sind ja auch noch hier. Und wieso sollte das nicht auch wo anders sein? Gebäude, in denen sich Überlebende erfolgreich zur Wehr setzen. Vielleicht dauert es ja nicht mehr lang, bis die Ursache für das alles gefunden worden ist und ein Gegenmittel entwickelt wurde. Vielleicht ist die Vorkehrungsmaßnahme des Militärs nur vorübergehend. Vielleicht reicht es, hier auszuharren und zu beten."
  „Genau! Mama hat recht!" Die Blauhaarige war sofort Feuer und Flamme, wie immer, wenn es ein Licht am Ende des Tunnels gab. Selbst, wenn sie wusste, dass ein Zug diese Lichtquelle war. „Lasst uns einfach hierbleib-"
  In dem Moment ging ein ohrenbetäubendes Gejaule los. Ich hielt mir automatisch die Ohren zu und kniff die Augen zusammen. Keine Ahnung, wie ich darauf kam, aber ich dachte direkt, hier würde nun alles in die Luft fliegen. Aber es flog nichts in die Luft. Als ich vorsichtig die Augen wieder öffnete, sah ich, wie mein Vater in die Mitte des Kontrollraumes lief. Wir liefen direkt hinterher.
  „Ein Feuer ist in der Sektor E ausgebrochen! Der Raum steht bereits komplett in Flammen!", brüllte ein Mann am Pult über den Alarm, der wohl vom Feuer ausgelöst wurde, hinweg.
  Ich hatte meinen Vater noch nie so in Panik gesehen wie jetzt. „Was?! Wie konnte das passieren?!"
  „Logan berichtet, gesehen zu haben, wie jemand in die Kabel gebissen und schließlich einfach herausgerissen haben soll, bevor und nachdem dieser Kollegen angriff. Ich habe den Kontakt zu ihm verloren. Mr. McConner. Sie sind hier!"
  „Gott stehe uns bei..."
  Warum, warum musste das jetzt passieren, WARUM?!
  „Rick! Rick!", rief Patricia voller Panik und drückte ihr Kind an sich. „Was sollen wir jetzt machen?"
  Er zögerte keinen Augenblick. „Michel, ruf unsere Leute zurück. Schließe hier drinnen alle Türen, die du schließen kannst, bis auf den Hauptausgang. Schalte die Tore draußen auf manuell-Steuerung. Wir müssen schleunigst hier raus!"

Ich wusste nicht, ob ich selbst in den letzten Wochen je so schnell gewesen war wie jetzt. Wir griffen uns unsere Taschen, Papa versorgte sich und John mit einer kleinkalibrigen Waffe, die er aus einem Safe holte. Ich blieb bei meinem Golfschläger, Laeti mit espenlaubzittrigen Händen bei meiner Schusswaffe. Patricia tauschte mit John, sodass sie die Pistole bekam und er beim Messer blieb. Wahrscheinlich aus Gründen der Körperkraft. Koordiniert wie eine Gruppe Jugendlicher, die zum ersten Mal Volleyball spielten, bewegten wir uns zügig durch die fast schon widerlich steril wirkenden Gänge, um uns herum Mitarbeiter in eher mehr, als weniger großer Panik.
  „Kopf runter!", brüllte mein Vater, als er bemerkte, wie einer seiner Kollegen von etwas verfolgt auf uns zu gerannt kam und drückte dann ab. Der Verfolger stürzte rückwärts zu Boden, der Mann richtete sich wieder auf, mit vorsichtigem Blick nach hinten. Dann schnaufte er erleichtert durch. „Heidewitzka, tausend Dank, Mr. McConn-"
  Er wurde unterbrochen, als ihn aus einem seitlichen Gang ein Infizierter umriss und vor unseren Augen die Kehle zerfetzt bekam. Laeti schrie entsetzt auf. Und erregte die Aufmerksamkeit des Untoten. Und nicht nur seine, das wäre schließlich zu leicht. Aus dem eben erwähnten Seitengang strömten auf einmal diese Kreaturen herbei, als gäbe es einen Sonderschlussverkauf. Zu erwerben gab es aber heute keine heiß umworbenen Gucci-Taschen und Victoria Secret Badehöschen, nein! Neu, begehrt und ganz frisch: Menschenfleisch!
  „Scheiße!", stieß mein Vater aus. „Los, hier lang, schnell!"
  Wir rannten in entgegengesetzter Richtung durch die Gänge. Das Gute war, diese Viecher liefen nicht ganz so schnell wie wir. Wahrscheinlich war die Restfunktion ihres Gehirnes mehr auf Fressen, als auf koordiniertes Laufen ausgelegt. Das Schlechte jedoch war, dass sie scheinbar die Fähigkeit besaßen, aus den unmöglichsten Verstecken herauszuschlüpfen, die es ihnen ermöglichten, sich zunehmend zu vermehren. Der Weg zum Ausgang kam mir immens länger vor, als er vorhin noch war. Aber wahrscheinlich war er das auch. Denn auf dem Weg in die Kommandozentrale mussten wir nicht solche Umwege und Schlenker machen, um Kannibalen auszuweichen und da war auch kein Treppenhaus.
  Warte. Wo kam das Treppenhaus her?!
  Vor Eile wäre ich beinahe die Stufen hinunter gestürzt, aber ich schaffte es gerade noch, mich am Geländer festzuhalten und mir gleichzeitig dabei nicht die Füße zu brechen. Zwei Stufen musste ich durch den Schwung nämlich noch mitnehmen.
  „Kyra, lauf weiter! Lauf schon!", hörte ich meinen Bruder einige Stufen unter mir brüllen.
  „Kyra!" Das war Laetis panische Stimme.
  Stattdessen rührte ich mich nicht vom Fleck. „Papa?!"
  Über mir wurden Schüsse abgefeuert. Mein Vater stand noch am Treppenabsatz und wehrte Infizierte ab. Kurz warf er mir einen Blick über die Schulter und befahl, weiterzulaufen.
  „Pass auf!"
  Es war zu spät. Ein Infizierter konnte die kurze Unaufmerksamkeit meines Vaters ausnutzen und ich sah nur noch, wie sie über die Stufen eine halbe Etage nach unten stürzten. Der Untote biss ihm in den Hals, ehe er von Patricia erschossen wurde.
  „NEIN! PAPA!" Ich sprang die Treppen hinunter und krallte neben ihn kniend die Hände in mein Haar, Tränen unaufhaltsam über mein Gesicht fließend. Sein Bein war gebrochen, an seinem Hals klaffte eine große Wunde. Sein Körper zuckte leicht vor Schmerz und dem Blutverlust.
  „Nein, nein, nein, nein, nein, nein!"
  Papa griff zitternd nach dem Medaillon, das er um den Hals trug, und reichte es mir samt seiner Waffe. Ein schwaches, blutverschmiertes Lächeln kräuselte sich auf seinen Lippen. „Vergiss niemals... wie sehr ich dich liebe, Kyra. Dich und deinen Bruder. Niemals..." Er hustete Blut, bevor er fortfuhr: „Ich bin sehr stolz auf euch... Ich werde mit euer Mutter über euch wachen."
  Ich konnte schon gar nichts mehr sehen vor Tränen. „Nein. Nein! Hör auf, sowas zu sagen. Hör auf. Wir bekommen dich hier raus! Alles wird gut."
  Das fast Schlimmste an der ganzen Sache war, dass ich genau wusste, dass das nicht passieren würde.
  Mein Vater wandte den Blick zur Brünettin, seine Stimme war nun noch leiser: „Patricia... Pass gut auf unsere Kinder auf. Es tut mir leid... dass ich dir nie gesagt habe, wie-"
  Seine nächsten Worte wurden von Kugelhagel übertönt. Mein Bruder musste sich eine der Waffen geschnappt haben. Als er sich zu uns umdrehte, konnte ich seine roten Augen sehen.
  „Wir... Wir müssen los! Es ist zu gefährlich!"
  Verzweifelt sah ich meinen Vater an. Seine Lebensenergie schwand immer mehr. „Aber... Wir können ihn doch nicht-!"
  Ich wurde auf die Beine gezerrt und in Richtung der nächsten Treppen geschubst. Entsetzt sah ich meinen Bruder an.
  „Ich sagte, wir müssen los! Beweg dich!"
  Ich konnte nicht mehr. Ich rannte fast wie blind los, gefolgt von Laeti und ihrer Mutter. Ich nahm hinter mir nur noch einen einzelnen Schuss wahr. Und unter brechendem Herzen wusste ich, wem der galt.
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