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Winter's Flame

von Sunny
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
18.10.2017
03.05.2018
7
14.872
15
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But I never said the tribe wouldn’t need you! The strength to stand alone is the strength to make a stand. To serve a purpose greater than yourself. That is the lesson you must learn.


–     Rost







Müde, warm und wunderschön ergoss sich das blutrot orangene Licht der sinkenden Abendsonne über den Horizont, während jene langsam aber stetig westlich hinter den Canyons verschwand. Auf der gegenüberliegenden Seite des Himmels zogen graublaue Wolkenzipfel über das matte dunkle Firmament und läuteten die späten Stunden des Tages ein. Die Nacht würde diesen alsbald ablösen. Die Luft war angenehm und mild. Über den Bergen, weit entfernt von der Stadt, zogen einige Grauhabichte ihre stetigen Kreise, ihre blassen Schatten tanzten durch die Lüfte.

Viele Händler, Gaukler und Heimatlose zog es Tag für Tag hierher, damit sie ihre Waren verkaufen konnten oder weil sie ein besseres Leben suchten. Die Mischung aus dichten Dschungelwäldern, in denen man jagen konnte, bergiger Wüstenlandschaft und wogenden Flüssen gab diesem Ort etwas Einzigartiges. Die friedlichen Abendstunden hier in Meridian waren berühmt für ihre Sonnenuntergänge und für die Aussicht, die man erleben konnte. Vor allem vom Palast des Sonnenkönigs aus. Aber die Aussicht eben jenes Königs wurde heute Abend stark getrübt und abgelenkt auf die Massen von Trümmern und Schutt, die noch immer einige Teile der Stadt bedeckten.

Meridian Dorf glich erst seit einigen Tagen nicht mehr einem Ruinenfeld, es war übersät gewesen von Todbringerüberresten. Vor zwei Monaten war von alle dem noch nichts abzusehen gewesen. Alle Menschen waren ihrem normalen alltäglichen Treiben nachgegangen, aber aus heiterem Himmel wurde die Atmosphäre schwarz und schwer vom Ruß der Kanonen und vom Staub der einstürzenden Häuser. Kinder, Frauen und Reisende liefen geschockt und verängstigt durcheinander, waren vollkommen überfordert gewesen aufgrund der katastrophalen Kriegssituation. Und obwohl die Krieger vorbereitet gewesen waren auf das, was sie ereilt hatte, waren sie dennoch nahezu wehrlos gegen die übermächtigen Maschinen unter dem Kommando von Hades. Viele verloren ihre Familien und geliebte Menschen, die Trauer war ihnen allen ins Gesicht gemeißelt.

In den Tagen nach dem Kampf gegen diesen Dämon war der Sonnenkönig persönlich samt Leibwache durch die Stadt gezogen, um sich ein Bild von der akuten Lage zu verschaffen. Viele dutzende nun Obdachlose, Hunger, Blut und Trauer, Angst und Verzweiflung durchströmten die sandigen Straßen von Meridian Dorf. Das Stadtzentrum selbst hatte glücklicherweise nur geringe Schäden zu beklagen, aber die großen Aufzüge funktionierten nicht und dadurch war die Wasser- und Nahrungsversorgung in Meridian dem entsprechend mangelhaft. Alle, die noch bei Kräften waren und nicht verarztet und behandelt werden mussten, packten mit an, räumten die Trümmer fort und bauten die Gebäude wieder auf. Am Rande der Siedlung patrouillierten mehr Speerträger als sonst, um wilde Maschinen daran zu hindern in das Chaos einzufallen. Einen solchen Angriff konnte hier momentan wirklich niemand gebrauchen, noch weniger als sonst.

Und in Mitten dieses Durcheinanders, zwischen all dem Leid und der Verausgabung, stand da diese junge Norakriegerin wie ein Wellenbrecher und teilte das Schicksal eines jeden hier, ohne dafür verpflichtet zu sein. Sie hätte einfach abreisen und das Aufräumen und Versorgen den Bürgern hier überlassen können, aber das hatte sie nicht getan. Das hätte sie niemals getan. Selbstlos schlug sie sich täglich in das Dickicht und zähmte tosende Läufer und Sägezähne, setzte sich diesen künstlich erschaffenen Gefahren der Natur aus, damit diese die Helfer beim Wiederherstellen des Dorfes unterstützen konnten, indem sie Schutt hinauszogen. Der König konnte ihr an diesem Tag nicht für ihren Einsatz danken, denn sobald er seinen Palast verließ, wurde er sogleich belagert von Menschen, die ihr Leid kundtaten und nach Hilfe fragten, die er ihnen in Form von provisorisch errichteten Unterkunftslagern zukommen ließ, in dem sie eine warme Mahlzeit und Wasser erhielten, sodass er und seine Garde voll ausgelastet gewesen waren.

Eine Woche nach dem Kampf hatte sie dann Meridian verlassen und war aufgebrochen, um die Geschichte zu Ende zu bringen, wie sie sagte. Und dann war sie fort. Heute, zwei Monate später, lachten die Menschen wieder und nur noch ein paar Narben und Geröll erinnerten an das Geschehene. Aber niemand hier würde je den Donner und das Feuer vergessen, aber ebenso wenig den Mut und die Selbstlosigkeit jener Heldin.

Glänzend und erhaben strahlte die Königskrone dem jungen Mann entgegen, während er auf der Aussichtsebene im Außenbereich des Palastes verweilte und eben jene in seinen Händen hielt. Ihre aufwendigen Verzierungen und ihre tiefe Bedeutung für das Volk der Carja suchten ihresgleichen auf der Welt, aber in diesem Moment sah er in ihr eher einen bloßen hübschen Kopfschmuck, als das Statussymbol seiner uneingeschränkten Macht.

Jene die Krieg erfahren haben, sehnen sich nach Frieden, diese Worte des Tadellosen Marads hallten seit Wochen in seinem Kopf.

In den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit als König hatte er immer nur ein Ziel gehabt: Frieden und Einigkeit. Der Kampf gegen Hades hatte die Stämme aufgewühlt, beinahe ein jeder fürchtete sich davor, dass so etwas erneut über die Welt kommen könnte. Alleine waren sie viel schwächer als wären sie Verbündete. Nach Wochen der Beratung und Gespräche waren alle seine nahen Berater, Marad, Erend und er selbst zu dem Schluss gekommen, dass wenn er die Völker vereinen und die katastrophale Schuld seines Vaters von sich waschen wollte, er nun den Menschen in den Landen zeigen musste, dass sie auf die Carja und deren Herrscher zählen und ihnen vertrauen konnten.

Erend hatte vom ersten Moment an angeboten mit Männern der Königsgarde aufzubrechen, und sich in den Dörfern und Städten der Oseram und vor allem der Nora nach deren Zustand zu erkundigen und königliche Hilfe anzubieten. Aber er war nicht der König. Nachrichten der Krone indirekt über Soldaten zu überbringen hatte in der Vergangenheit keinen großen Erfolg gebracht, wurden sie schließlich oft mit faulem Gemüse beworfen und verjagt. Zu groß war der gegenwärtige Hass auf den toten König Jiran. Die Menschen in den Bergen und den Wäldern und Wüsten hielten den jungen König für ebenso unnahbar und kalt wie seinen grausamen Vorgänger. Wollten sie ihn jemals akzeptieren, dann musste er ihnen zeigen, wer er wirklich war. Auf seinen Beschluss hin sich persönlich zu den Stämmen aufzumachen, gab es verständlicher Weise wilden Widerspruch seitens Marad und Erend.

Es war viel zu gefährlich, tosende Maschinen, verbleibende Schatten-Carja oder Banditen. Zuerst forderte Erend, dass immerhin einige Krieger der Garde mitkamen, aber eine möglichst kleine Gruppe von Männern war praktischer, schneller und unauffälliger. Zuletzt blieb nur eine Variante für den König übrig: Erend, der eindeutig der fähigste Kämpfer in seinen Reihen war, einen Gardesoldaten namens Damin und er selbst. Für ihn war es beschlossen und damit kompromisslos und ein Befehl.

Dennoch, nun mittlerweile einen Tag vor den Aufbruch, durchzogen ihn Spuren von der Angst des Scheiterns und dass er nicht zurückkehren würde. Stumm schloss er die Augen, wandte den Blick von seiner Krone ab und atmete tief und schwer aus.

Ich will dich nicht verlieren. Denk an Itamen. Tust du das wirklich für das Volk oder für dich selbst?

Das waren ihre Worte gewesen. Vielleicht hatte Nasadi damit wirklich Recht. Amtierender Herrscher von tausenden Menschen, regieren und leben auf einem Podest, das nichts zuließ außer Perfektion und Unfehlbarkeit. Für ein intimes und privates Leben war kaum Platz zwischen den Verpflichtungen und den Blicken der Bürger, die ihn voll Respekt und Hoffnung anhimmelten. Für ihn stand fest, dass er so etwas wie mit Ersa nicht noch einmal ertragen wollte. Weder ihren Tod, noch das Geheimhalten, welches an ihrer beider Kräfte gezehrt hatte. Aber wer war er außerhalb des Palastes, ohne seinen Thron und ohne seine durchweg erhabene Bekanntheit beim Volke? Er liebte seine Aufgabe zu herrschen und seine Familie, er nahm beides sehr ernst, aber hielt die Welt da draußen nicht noch mehr bereit für einen Mann, dem sein Leben mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren schon voraus geplant wurde?

«Avad?», durchbrach es halblaut die rauschende Stille des Abendrots und ließ ihn zuckend aufhorchen.

«Itamen», stellte der junge Herrscher überrascht fest. Sein kleiner Bruder  stand unsicher hinter ihm, völlig außer Atem durch den Lauf quer durch den Palast, und eine einzelne Träne rollte über seine Wange. «Ich habe Mutter reden hören. Stimmt es? Ist es wahr, dass du fortgehst?»

Der König versuchte dem besorgten Prinzen zuzulächeln, aber er verstand dessen Sorgen nur zu gut. Avad hatte stetige Angst um ihn und seine Mutter gehabt, vor allem als er vor Jiran aus Meridian flüchten und sie zurücklassen musste – bis Aloy beide vor den Schatten-Carja gerettet und sicher aus Sonnenfall nach Hause zurückgebracht hatte. Diese Frau…

«Ich werde zurückkommen, versprochen.» Avad kniete sich zu seinem Halbbruder hinunter und legte ihm die Hand auf seine Schulter, «Außerdem weiß ich, dass Meridian in guten Händen ist, während ich weg bin.» Nun liefen zwei weitere dicke schwere Tränen über das Gesicht des Kronprinzen. Itamen wollte seinen älteren Bruder keinesfalls erneut verlieren, niemals wieder. Die dunkle Ungewissheit über das, was ihm auf seiner Reise passieren könnte, war schlimm. Der Junge ging den letzten Schritt auf ihn zu und umarmte ihn mit seinen kurzen Kinderarmen, drückte sich ganz fest an seinen Oberkörper und nickte wortlos.

Avad würde Meridian für einige Zeit den Rücken kehren, das weite Panorama der Stadt würde sich in sein Gedächtnis einbrennen wie ein Brandmal. Darüber die Herrschaft seinem kleinen Bruder, seiner Stiefmutter Nasadi und dem Ehrenwerten Marad anzuvertrauen machte er sich lange nicht so viele Gedanken wie darüber, ob sein Vorhaben von Erfolg gekrönt sein würde. Kein Palast, keinerlei Vorzüge, nur die kalte Welt der östlichen Lande. Seit er klein war hatte er keinen Schnee mehr gesehen, geschweige denn Eiseskälte gespürt. Er hatte sich nie rasenden Maschinen gestellt, wurde stets durch seine Garde verteidigt. Vielleicht war es nicht nur sein Friedensauftrag, der ihn hinaus in die Wildnis zog. Vielleicht war es auch der Drang, sich selbst zu beweisen, wer er ohne den Sonnenthron und seinen Namen wirklich war, dort, wo die Menschen auf den Straßen und Wegpässen ihn nicht sofort erkannten.

Auch dachte er wieder und wieder an Aloy. Sie könne nicht in Meridian bleiben, hatte sie ihm nach dem Kampf gesagt. Ihr Weg sei noch nicht zu Ende und sie müsse in den weiten Landen herausfinden, wo ihre Reise sie hinführen würde. Noch immer bereute Avad die Dinge, die er zu ihr gesagt hatte. Dass er den Gedanken gehabt hatte sie an Ersas heimlichen Platz an seiner Seite zu stellen, obwohl ihm völlig bewusst war, dass sie anders war als jede Person, die er jemals kennen gelernt hatte in seinem Leben. Es war dumm gewesen und töricht, und er hätte an Aloys Stelle vermutlich genauso entschieden.

Als die Sonne beinahe versunken war und bald nur noch die Feuer der Laternen in den Straßen die Stadt erhellen würden, stand die Stiefmutter des Königs hinter einem Pfeiler aus Stein und sah ihren beiden Söhnen von Weitem aus zu, wie sie sich umarmten und sich Auf Wiedersehen sagten, bevor sich der Ältere von beiden im Morgengrauen auf den ungewissen Weg in die Ferne machen würde. Was Avad und Itamen bereits in ihren jungen Jahren durchgestanden haben, vermochte kaum jemand zu begreifen. Sie mussten viel zu früh erwachsen werden und große Verantwortung übernehmen. Umso stolzer und glücklicher war Nasadi, dass aus der Asche ihrer Familientragödie etwas so Starkes entstanden war.
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