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Sextape - You're My Disaster

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Bill OC (Own Character) Tom
18.10.2017
22.07.2021
29
79.508
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22.07.2021 3.247
 
“Das, was Herr Gutzie da getan hat, ist schrecklich”, Herr Pearson ordnete die Unterlagen auf seinem Schreibtisch, “Es tut mir leid, dass jetzt so viel auf Sie einprasselt. Wir kommen ja bald gar nicht mehr hinterher.”
“Wir möchten ihn gern anzeigen”, ergriff Tom das Wort. Dieses Mal hatte Bill gewollt, dass sein Bruder dabei war. Es beruhigte ihn und es nahm für den Moment einen Bruchteil der Last von seinen Schultern.

“Das habe ich mir gedacht”, erwiderte der Anwalt und hielt in seiner Tätigkeit inne, um sich seine Kaffeetasse zur Hand zu nehmen, “Können Sie denn das Gegenteil beweisen? Können die Aussagen, die er getätigt hat, widerlegt werden?”
“Nein”, Bill verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern, “Wir können das trotzdem nicht auf uns sitzen lassen. Er hat unser Vertrauen missbraucht.”

“Schwierig”, Herr Pearson nahm einen Schluck seines Kaffees, “Sie haben zu Beginn Ihrer Freundschaft auch nie eine Verschwiegenheitserklärung aufsetzen lassen?”
“Nee, das haben wir nur mit den Leuten in Deutschland damals gemacht. Hier kannte uns ja kaum eine Sau und daher bestand irgendwann auch nicht mehr die Angst, dass jemand was ausplaudern würde. Er war unser Freund, wir haben ihm vertraut”, kam es etwas perplex von Tom zurück.

“Dann weiß ich nicht, ob ich Ihnen zu einer Anzeige raten würde”, der Anwalt blickte in verwirrte Gesichter und seufzte, “Sie sagen selbst, dass Sie ihm nicht nachweisen können, dass er gelogen hat. In diesem Fall ist kaum etwas zu machen. Wenn Herr Gutzie dann auch noch Beweise hat, dass Sie wirklich mit Herrn Claster oder anderen Männern zusammen waren, wird das Ganze in einer noch größeren Katastrophe enden als ohnehin schon. Ich würde Ihnen für den Augenblick wirklich davon abraten.”

Bill senkte den Kopf und starrte auf seine verschränkten Hände, die in seinem Schoß lagen. Das, was Herr Pearson sagte, klang leider plausibel. Natürlich hatte Shiro Beweise, dass er mit Alex zusammen gewesen war. Seien es alte Bilder oder weitere Aussagen von Freunden und Bekannten aus Los Angeles. Er würde zu diesen Mitteln greifen, wenn es zu einer Anzeige von Seiten der Zwillinge käme. Shiro war nicht dumm.

“Das gibt's doch nicht”, murrte Tom und biss die Backenzähne aufeinander, “Man muss doch irgendwas dagegen machen können? Das Sextape konnten Sie auch größtenteils aus dem Verkehr ziehen.”
“Ja, dabei ging es auch um Bildrechte und das Verletzen der Intimsphäre Ihres Bruders”, erklärte Angesprochener ruhig.
“Und das jetzt ist kein Verletzen der Intimsphäre? Er hat Bills ganzes Privatleben ausgeplaudert”, ein Knurren.

“Pressefreiheit. Es darf gedruckt werden”, Herr Pearson zuckte mit den Schultern, “Solange Sie nicht vertraglich mit ihm geregelt haben, dass er nicht reden darf, kann er erzählen, was er möchte. Insofern nicht das Gegenteil bewiesen werden kann. Und das kann es laut Ihnen ja nicht. Daher steht Aussage gegen Aussage. Sie könnten auf Gegenangriff gehen und die Dinge in der Presse klarstellen. Allerdings müssen Sie dabei vorsichtig sein, dass nichts gesagt wird, mit dem Herr Gutzie sie eventuell dann wirklich wegen Rufmord anklagen könnte.”

“Mann, das ist doch scheiße”, fluchte Tom und ballte die Hände zu Fäusten; er dachte angestrengt nach. Sie konnten das doch nicht einfach auf sich sitzen lassen. Sie konnten nicht zulassen, dass Shiro durch diese grausame Aktion das bekam, was er wollte. Er sollte in der Hölle schmoren, nicht mehr und nicht weniger.

“Mir sind in dem Fall leider die Hände gebunden”, der Anwalt seufzte dramatisch und strich sich nebenbei den Ärmel seines Jacketts glatt, “Sie können Sich mit Ihrem PR-Team darüber beraten, wie Sie darauf reagieren wollen. Sollte Herr Gutzie jedoch private Aufnahmen von Ihnen an die Presse weitergeben, kann ich eingreifen. Ich denke allerdings nicht, dass er so leichtsinnig wäre. Er hat seinen Triumph ausgespielt. Was Sie nun daraus machen, ist Ihre Sache.”

“Na vielen Dank auch”, ein Grummeln von Tom. Er linste zu Bill, der immer noch geistesabwesend vor sich hin starrte.
“Wir können uns aber einem anderen Problem widmen. Deswegen hatte ich Sie ja ursprünglich kontaktiert”, Herr Pearson räusperte sich und platzierte ein paar Papiere vor sich auf dem Schreibtisch, “Alex William Claster. Da wir nun beweisen können, dass er für die Veröffentlichung des Videos verantwortlich ist, können wir rechtliche Schritte einleiten.”

“Kann ich mal sehen?”, wollte der ältere Zwilling wissen und deutete auf die Papiere. Auch Bill kam wieder zu sich und fokussierte sich auf das Geschehen. Es interessierte ihn auch, obwohl er es so genau gar nicht wissen wollte. Er würde sich nur weiter den Kopf darüber zerbrechen.

“Sie werden da nicht viel entziffern können”, ein leises Lachen, ehe Herr Pearson ihnen eines der Blätter vor die Nase legte, “Mein Team und ich konnten die IP-Adresse eines anonymen Blogs, auf dem das Video vermutlich zum ersten Mal erschienen ist, auf das Handy von Herrn Claster zurückführen. Er besitzt momentan ein iPhone 7. Das ist richtig, oder?”
“Ja, schon”, Bill nickte zaghaft. Er konnte das, was auf dem Papier stand, wirklich nicht komplett identifizieren, aber es schien legitim zu sein.

“Wie wollen Sie nun vorgehen, Herr Kaulitz? Sie können bei der Polizei direkt eine Anzeige aufgeben. Ich bin ab dann sofort im Einsatz und kümmere mich um alles Weitere.”
“Moment”, der Blonde schluckte schwer, “Ich weiß noch gar nicht, was ich machen will. Ich hab mir noch keine Gedanken darüber gemacht.”
“Ich möchte Sie nicht drängen, aber es ist besser, wenn wir keine Zeit verlieren. Ich denke auch, dass es nicht einfach für Sie sein wird, Herrn Claster noch länger die heile Welt vorzuspielen”, Herr Pearson schaute ihn auffordernd an.

“Zu spät, er hat's ihm schon gesagt”, gab Tom mit einem Schulterzucken von sich. Bill linste missmutig zu seinem Bruder. Der Anwalt inspizierte Bill.

“Ich musste ihn zur Rede stellen. Tut mir leid”, der Sänger schaute sein Gegenüber schuldbewusst an, “Für mich ist das alles nicht einfach. Er hat mir viel bedeutet.”
“Und das tut er vermutlich immer noch. Ich verstehe das”, zeigte sich Herr Pearson verständnisvoll, “Aber trotzdem muss er eine Strafe bekommen.”

“Ich überleg's mir”, Bill presste die Lippen aufeinander. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Tom Luft holte, um zu protestieren, doch jener blieb schließlich doch still. Der Anwalt musterte ihn unzufrieden, aber nickte schließlich.


Tom hatte sich zu dem Gespräch und Bills Unsicherheit bezüglich einer Anzeige gegen Alex nicht mehr geäußert. Er vermutete, dass es noch etwas Schlimmeres brauchte, um seinen Bruder davon zu überzeugen, dass sein Exfreund zur Rechenschaft gezogen werden musste. Die Frage war allerdings, was noch schlimmer sein könnte als der Beweis, dass es von dessen Handy hochgeladen worden war.

Zu Bills Überraschung hatte er nach dem Anwaltstermin eine Nachricht von Jacob auf seinem Handy vorgefunden. Er fragte ihn, wie es ihm ginge und ob sie sich nicht treffen wollten. Es klang für den Blonden fast schon wie die Aufforderung nach einem Date und er glaubte auch, dass ihm genau das nun gut tun würde. Es lenkte ihn ab und es gab ihm zumindest minimal das Gefühl, dass er nicht die meistgehasste Person auf der Welt war. So fühlte es sich nämlich zeitweise an.

Es hatte ihn nicht mal wütend gemacht, dass sie vorerst nichts gegen Shiro ausrichten konnten. Er war nach wie vor enttäuscht ohne Ende und es wurde nicht besser, doch er wusste auch, dass er akzeptieren musste, was passiert war. Noch nie hatte es ihn so gewurmt, was die Leute über ihn sagten und was die Presse über ihn schrieb. Es sollte aufhören, aber er war noch nicht bereit, öffentlich darüber zu reden. Er wusste nicht, was er sagen würde.

Sein Blick erhellte sich, als er Jacob sah, der bereits in dem Café saß, in dem sie sich verabredet hatten. Er war direkt nach dem Gespräch mit Herrn Pearson dorthin gefahren. Tom machte in der Zeit ein paar Einkäufe und Erledigungen.

“Hi”, kam es freudig von Bill. Jacob schaute zu ihm auf und zwang sich zu einem Lächeln. Er erwiderte die Begrüßung zaghaft.

“Na, konntest du schlafen letzte Nacht?”, fing der Braunhaarige direkt ein wenig Smalltalk an. Er musterte sein Gegenüber eingängig.
“Ja, geht so. War alles ein bisschen viel”, ein Schulterzucken, “Ich wollte mich nochmal dafür entschuldigen, dass ich ausgerechnet zu dir gekommen bin. Aber ich hatte sonst niemanden.”

Jacob lüpfte bei diesen Worten wissend die Brauen und nickte knapp. Er war also die Notlösung gewesen, wie schon vermutet. Er war beinahe erleichtert, als der Kellner ihre Getränkebestellungen aufnahm und somit für einen Moment Ruhe zwischen Bill und ihm herrschte.

“Weißt du, das mit uns wäre wahrscheinlich ganz anders verlaufen, wenn dieses beschissene Video nicht gewesen wäre. Ich hätte dich nicht so leicht aufgegeben. Aber ich war mir sicher, dass du damit nicht umgehen kannst. Wer könnte das schon?”, der Sänger seufzte traurig. Es fühlte sich so an, als benötigten sie beide dieses Gespräch, um alle Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen. Vielleicht könnten sie neu anfangen. Jacob war im Gegensatz zu allen anderen Männern, die er nach Alex kennengelernt hatte, wirklich der Anständigste gewesen.

“Ich bin mir auch sicher, dass es anders verlaufen wäre. Aber andererseits ist es wahrscheinlich ganz gut gewesen, dass es so gekommen ist”, Jacob schaute auf die Tischplatte. Er wusste, was er sagen wollte, aber trotzdem fiel es ihm irgendwie schwer, es auszusprechen.

“Wieso? Was ist daran gut?”, Bill lachte verlegen auf.
“Dass ich mich nicht noch mehr in dich verlieben konnte”, war die ernst gemeinte Antwort, bei der ihre Blicke sich intensiv trafen. Der Blonde war etwas perplex, weil er mit so viel Offenheit nicht gerechnet hatte und gleichzeitig riefen Jacobs Worte ein merkwürdiges Gefühl in seinem Inneren hervor.

Für eine Weile war es still zwischen ihnen. Ihre Getränke wurden zu ihrem Tisch gebracht und immer noch sagte niemand von ihnen ein Wort. Bis sich Jacob ein Herz fasste.

“Du hättest es doch längst checken müssen, Bill”, er klang etwas entnervt und griff zu seiner Cola, “Wie auch immer, das soll nicht mal ein Vorwurf sein. Ich wollte es dir nur sagen, damit du weißt, warum das alles mit uns für mich keinen Sinn mehr macht. Vielleicht dachtest du nach gestern, dass wir so weitermachen könnten wie damals, aber für mich war es das jetzt.”
“Ich versteh nicht ganz.”
“Du fühlst nicht dasselbe und das ist auch vollkommen in Ordnung. Und du musst auch nicht versuchen, es zu erzwingen, um damit Alex zu vergessen und dich selbst besser zu fühlen.”

“Das hat alles doch überhaupt nichts mit Alex zutun”, nun war auch Bill ein wenig genervt, “Ich habe die letzten Monate und Jahre gar nicht mehr wirklich an ihn gedacht. Ich war bereit für was Neues. Nur dann ist das Sextape dazwischen gekommen und hat alles kaputt gemacht.”
“Wenn du über ihn hinweg wärst, hättest du dich nicht wieder auf ihn eingelassen”, kam es ruhig zurück.

“Ach, du weißt doch gar nicht, was da zwischen ihm und mir gewesen ist die letzten Wochen”, winkte Bill ab und schaute ein wenig angefressen aus, als er den Kopf senkte und auf die Tischplatte starrte. Die Richtung, in die das Ganze hier ging, war nicht das, was er erwartet hatte. Schon gar nicht nach gestern.

“Ich will's ehrlich gesagt auch gar nicht wissen”, Jacob zuckte mit den Schultern, während er das Gesicht seines Gegenübers musterte, “Ich bin niemand, der gern die zweite Wahl ist. Und du hast Recht, vielleicht liegt es auch nicht nur an Alex. Das mit uns sollte trotzdem nicht sein. Ich hab keine Geduld und du hast grad keinen Kopf, dich zu verlieben.”

“Du hast mich jetzt ernsthaft herbestellt, um mit mir Schluss zu machen?”, der Blonde blickte wieder auf. Seine Miene war ernst. Trotzdem konnte man die Ernüchterung darin deutlich erkennen. Innerlich fragte sich Bill, ob es gerade ernsthaft so sein sollte, dass alles in seinem Leben den Bach herunterging. Er konnte sich an kein einziges positives Ereignis in den letzten Wochen erinnern. Nicht mal seinen morgentlichen Kaffee oder das Aufwachen mit Pumba hatte er schätzen können.

“Was heißt hier Schluss machen?”, er fühlte sich nicht gut dabei, aber es musste sein. Er hatte den Entschluss gefasst, nachdem er Bill gestern nach Hause gebracht hatte. Und heute war er sich umso sicherer.

“Du hättest mich gestern einfach rausschmeißen sollen”, vielleicht hatte er kein Recht, sich jetzt so pampig zu benehmen, aber er hielt es nicht mehr aus, ständig von alles und jedem verarscht und gedemütigt zu werden.
“Hätte ich vielleicht, ja”, Jacob seufzte, “Ich will mich nicht streiten. Falls du es vergessen hast, warst du ursprünglich derjenige gewesen, der mich abserviert hat. Ich habe mir gestern einen guten Eindruck von allem machen können und ich kann dir nur sagen, dass ich durch mit der Sache bin. Du hast gerade andere Sorgen und du hast auch mit Alex noch einiges zu verarbeiten. Nehmen wir es jetzt einfach so hin.”

Bill biss die Backenzähne aufeinander und schaute Jacob fest in die Augen. Alle wandten sich von ihm ab. Wirklich alles und jeder. Natürlich wäre es auch nicht fair, mit dem Braunhaarigen zu spielen, aber er mochte ihn wirklich. Er war halt nur nicht in ihn verliebt. Er war nicht Alex. Und das war das Problem. Er war kein Arschloch und das machte ihn für Bill langfristig auf eine Art uninteressant. Seine masochistische Ader stellte sich ihm einfach immer in den Weg.

Der Blonde schaute auf das volle Getränk vor sich. Er würde hier nicht länger sitzen und es in aller Ruhe mit Jacob austrinken. Mit zittrigen Fingern kramte er in seinem Portemonnaie herum und warf seinem Gegenüber einen Schein vor die Nase.

“Bill”, ein Augenverdrehen.
“Du wärst nicht für mich da gewesen. Du hältst es doch jetzt schon nicht mehr aus. Also stell dich nicht immer über Alex. Viel besser bist du auch nicht. Feige und heuchlerisch seid ihr beide”, krächzte der Jüngere und stand auf. Es war ungerecht, aber er war wirklich traurig und verärgert.

Er selbst war kein Unschuldslamm, aber er hatte das, was ihm andauernd widerfuhr, nicht verdient. Schon gar nicht, weil er einen Mann geliebt und mit diesem geschlafen hatte. Er war immer der Überzeugung gewesen, dass jeder die Person lieben konnte, mit der es sich richtig anfühlte. Nie hatte er dieses Konzept in Frage gestellt. Er hatte gehofft, dass es in der Gesellschaft mittlerweile nicht mehr so einen großen Aufschrei über diese Dinge geben würde. Doch er hatte sich geirrt. Diese ganze Geschichte hatte ihm seinen neuen, negativen Status in der Öffentlichkeit verschafft.

Er war froh, dass Jacob ihm eine Antwort verwehrte. Mit schnellen Schritten verließ er das Café. Sein erster Reflex war es, Tom anzurufen. Sie hatten sich endlich wieder zusammengerauft; ohne ihn wäre er nichts. Er war der einzige Mensch, dem er noch vertraute.


“Es ist immer dasselbe”, Bill starrte auf den Fernseher vor sich, “Männer können mich auf Dauer einfach nicht aushalten.”
“Es liegt nicht an dir”, sein Bruder linste zu ihm; er lag neben ihm auf der Couch.

Nach dem missglückten Treffen mit Jacob hatte er ihn abgeholt und sie waren direkt zurück nach Hause gefahren. Mal wieder bestand ihr Tagesprogramm daraus, sich gemeinsam zu verkriechen. Es gab durch Shiros Interview wieder so viel zu klären, aber sie hatten beide wenig Lust, sich damit zu beschäftigen. Wenn eine Sache abgehakt war, kam sofort wieder etwas Neues. Man kam nicht mehr hinterher.

“Nein, natürlich nicht. Es liegt nie an mir”, kam es ironisch von dem Sänger zurück. Er wusste, dass sein momentanes Unglück dem Sextape verschuldet war. Trotzdem würde es ab jetzt für ihn umso schwieriger werden, jemals jemanden zu finden, der mit ihm und seinem Leben umgehen konnte. Tief in seinem Inneren spukte Alex in seinen Gedanken herum. Wenn jener doch nur einmal loyal gegenüber ihm wäre, könnte er ihm vielleicht sogar irgendwann verzeihen. Es war dumm, aber der Amerikaner war der einzige, mit dem er sich aktuell zusammen sah.

“Du begibst dich halt gern in beschissene Situationen, was Männer angeht. Du bist wie eine Motte, die das Feuer sucht”, ein Schulterzucken.
“Wow, Tom, wirst du jetzt poetisch?”, Bill verdrehte die Augen, woraufhin sein Zwilling schmunzelte, “Ich will auch gerade niemanden. Ich weiß gar nicht, was ich will. Ich will einfach nur nicht gehasst und verachtet werden. Und das tun sie alle.”

“Für viele ist es noch ein Schock, aber das wird sich auch wieder legen. Es ist nun mal ein Thema, mit dem sich besonders im Fandom viele noch gar nicht auseinandergesetzt haben.”
“Seit wie vielen Jahren erzähle ich diesen 'love has no gender'-Kack, mh?”
“Ja, meine Güte, sowas aber dann nochmal live und in Farbe vor Augen gehalten zu bekommen, ist schon was anderes.”
“Ich werde gehasst, es ist einfach so.”

Nun war es Tom, der die Augen rollte und sich seufzend zurücklehnte. Er warf nochmal einen Blick zu Bill, welcher mit ernster Miene geradeaus blickte. Er schlug sich recht gut, aber manchmal gab es Momente, in denen er sich in negativen Gedanken verlor. Es war nur verständlich. Trotzdem war der Gitarrist froh, dass sie beide den Umständen entsprechend gut mit dem Ganzen umgingen. In Tokio Hotels Anfangszeiten wäre so ein Skandal noch um einiges vernichtender gewesen. Sie hätten auswandern und sich neue Identitäten zulegen können.

Das Klingeln von Bills Handy ließ die Zwillinge auf den Couchtisch schauen, auf dem besagtes Objekt abgelegt worden war. Der Blonde stöhnte direkt genervt auf, aber warf einen Blick aufs Display. Er erwartete schlechte Nachrichten von seinem Anwalt, eine erneute Standpauke von Nora oder möglicherweise seine Mutter. Doch er lag falsch.

“Wer ist das?”, Tom musterte seinen Bruder.
“Alex”, Bill hatte ein seltsames Gefühl im Magen. Diese verhängnisvolle Nacht, in der jener alles abgestritten und ihn rausgeschmissen hatte, schoss ihm wieder ins Gedächtnis.
“Nicht rangehen”, forderte der Dunkelhaarige.

Bill registrierte die Worte nicht und nahm das Gespräch von seinen Emotionen gesteuert an: “Was willst du?”
“Ja, hi erstmal”, ertönte die Stimme von Alex und ließ seinen Gesprächspartner schwer schlucken. Diese verdammte Stimme.

“Entweder willst du dich für deine Art mir gegenüber entschuldigen oder du willst endlich zugeben, dass du das Video wirklich gepostet hast”, der Blonde setzte sich in den Schneidersitz, “Am besten beides zusammen.”
“Nein. Ersteres eventuell”, Alex räusperte sich, “Ich kann dir nach wie vor nicht sagen, dass ich es war. Aber ich hab über deine Worte nachgedacht und es macht mich fertig, dass ich das sagen muss.”

“Meine Worte? Aha”, Bill verstand nicht so recht, auf was sein Exfreund hinauswollte. Es klang schon wieder unfassbar naiv, aber er hatte Hoffnung. Er betete, dass es doch eine Erklärung für alles gab. Er linste zu Tom, der ihn aufmerksam inspizierte.

“Ja, das mit Katie”, ein lautes Seufzen, “Du hattest gefragt, ob sie es gepostet hat, wenn ich es nicht war. Sie ist die letzte, die ich beschuldigen würde, aber sie war so komisch in letzter Zeit und besonders gestern Nacht, nachdem du da warst. Ich weiß nicht weiter.”

“Diese dreckige Hure”, murmelte der Sänger vor sich hin. Er konnte nicht leugnen, dass dieser Ausgang der Situation ihn auf eine absurde Art und Weise sogar befriedigen würde. Er hätte den Sündenbock, den er sich immer gewünscht hatte. Er hasste sie sowieso. Er würde sie vor Gericht so unerbitterlich fertig machen, dass sie nie mehr glücklich werden würde. Sie hatte ihm Alex genommen und nun hatte sie auch sein Leben zerstört. Sie verdiente nichts anderes.

“Hör auf damit, wir wissen noch gar nicht, ob sie es war”, kam es beinahe schon panisch zurück, “Du wirst nichts unternehmen, Bill. Versprich es mir.”
“Wenn das wahr ist, ist sie tot.”
“Ich habe nicht angerufen, damit du sie beleidigst und fertigmachst”, Alex sprach ruhig weiter, “Aber ich möchte dabei deine Hilfe. Ich brauche dich.”
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