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Todesengel

OneshotDrama, Angst / P16 / Gen
16.10.2017
16.10.2017
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Schwerelosigkeit.

Und dann: ich falle. Kälte. Schmerz. Ich habe Angst, krümme mich auf dem Boden.

Wo bin ich?

Grade eben noch: meine Mutter, sie schimpft mit mir, weil ich meinen kleinen Bruder geschubst habe. Er hat es verdient, er war gemein zu Jill. Meine Mutter schickt sie nach Hause, mich auf mein Zimmer. Ich weine, Tränen der Wut, doch dann kommt Simsa zu mir, springt auf meinen Schoß und kuschelt sich an mich. Ich streichle sie und lasse mir von ihrem Schnurren die Finger massieren. Es ist warm, orangefarbenes Licht umhüllt mich. Ich fühle mich geborgen, meine Wut verfliegt. Ich spüre, wie ich wegdämmere, schwer werde, schwerelos.

Und dann der Fall. Mein Bett kippt unter mir weg, der Raum dreht sich. Ich lande, hart, ein heftiger Aufprall, mein Körper reagiert sofort mit Schmerz. Ich friere, es ist kalt, so kalt.

Ich versuche meine Augen zu öffnen, doch das Licht ist so hell, dass es wie ein Blitz in mein Gehirn fährt, schneidend, schmerzend. Wo bin ich? Ich zittere immer heftiger, versuche, mich aufzurichten, doch meine Glieder gehorchen mir nicht. Ich sehe meine Hände, meine Arme, sie sind groß, viel größer als grade noch, ist dies ein Traum? Ich bin nackt, umhüllt von einer schleimigen Substanz wie von einer zweiten Haut. Ich kann nicht aufstehen. Kalt. Ich fange an zu weinen.
Ich will zurück. Zurück zu Simsa, zurück in mein Zimmer, ja, sogar zurück zu meiner Mutter.
Doch es ist niemand hier. Ich will den Mund öffnen, rufen, doch ich kriege keinen Laut heraus.
Das einzige, was ich tun kann, ist liegenzubleiben und weinen. Ich friere. Ich will, dass es aufhört.
Dann höre ich Schritte. Eine Stimme. Ein Mann.

Er kommt auf mich zu. Spricht zu mir. Oder über mich? Seine Worte bedeuten mir nichts. Ich verstehe sie nicht. Bis auf ein Wort. Engel. Ich bin ein Engel?
Er kniet sich neben mich, hält meinen Kopf, streichelt sanft über meinen Rücken. Die Empfindung schießt mir wie ein Blitz das Rückrat hoch. Er wünscht mir alles Gute zum Geburtstag. Hinter meinen Lidern ist es orange, nicht mehr grell. Ich öffne zaghaft meine Augen, sie tun weh, aber das Licht blendet nicht mehr. Ich sehe verschwommen.

Der Mann, der neben mir kniet, kommt mir auf merkwürdige Weise bekannt vor, doch ich weiß nicht woher, oder warum. Er trägt eine Art Kimono, dunkelbraun, so einen wie wir beim Karate immer getragen haben. Er hat braune, schulterlange Haare, einen Bart. Seine Augen. Sie sind milchigsilbern. Ob er mich auch nur verschwommen sehen kann?

Wo bin ich?

Aus dem Nichts kommt eine Frau auf uns zugeschritten, reicht dem Mann vor mir eine Decke. Er legt sie um mich, zärtlich, und hüllt mich damit ein. Dann hilft er mir, mich aufzurichten.
Es fällt schwer, meine Beine zittern unkontrollierbar. Sie sind lang. Viel zu lang. Ich schaue an mir herunter. Ich bin eine erwachsene Frau. Die Angst kommt zurück, die Tränen auch. Ich versuche, sie zurückzuhalten, versuche zu verstehen.

Wer bin ich?

Der Mann geht einige Schritte zurück, nachdem er sich versichert hat, dass ich stehen kann.
Um meiner Angst Herr zu werden, schaue ich mich um. Ich kenne diesen Raum nicht. Es herrscht ein warmes, dunkles Zwielicht, um uns herum gluckert schwarzes Wasser. Ich spüre die Verzweiflung wachsen. Mein Blick richtet sich zurück auf den Mann, wird von ihm angezogen. Ich kenne ihn. Ich weiß nicht woher, oder warum, aber er ist mein einziger Fixpunkt in diesem Chaos.
Ich friere noch immer, trockne mit der Decke die zähe Flüssigkeit auf meinem Körper. Den Körper einer erwachsenen Frau. Wie ist das möglich?

„Jetzt wollen wir dich einmal ansehen.“

Auf ein Kopfnicken des Mannes hin tritt die Frau vor, und zerrt mir die Decke von den Schultern. Ich schäme mich, will mich wieder bedecken, aber sie hält mich davon ab, grob.

„Das reicht.“ Die Stimme des Mannes klingt tadelnd. Ich weiß nicht, ob er sie meint, oder mich. Aber ich gebe meinen Widerstand auf. Aus irgendeinem Grund will ich ihn nicht verärgern.
Auch die Frau lässt von mir ab.
Sie geht aus dem Raum, kommt kurz darauf wieder zurück. Sie hält eine kleine, rechteckige Schatulle in den Händen, die aussieht wie Holz, echtes Holz. Das muss teuer gewesen sein.
Sie nimmt einen kleinen, ovalen Gegenstand aus der schmalen Schachtel und führt ihn vorsichtig an den Hals des Mannes, direkt unter seinem rechten Ohr leuchtet etwas auf. Dann fliegen mehrere der kleinen, ovalen Objekte um den Mann herum, bevor sie auch mich umrunden.

Jetzt betrachtet er mich eingehend. Er spricht, wieder Worte, die mir nichts sagen, die ich nicht verstehe. Er erhebt sich und kommt auf mich zu. Ich schaue zu Boden, bedecke meine Scham mit meinen Händen. Hat mich je zuvor ein erwachsener Mann nackt gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Dieser Raum. Diese Träume. Dieser Körper. Ich kämpfe mit aller Macht die Tränen zurück.

Wo bin ich?

Wer bin ich?

Wer ist er?

Er greift nach meinen Handgelenken, sanft zwar, aber er führt meine Arme bestimmt zurück und legt meine Hände neben meinen Oberschenkeln ab. Dann betrachtet er meinen Körper eingehend, sein Blick bleibt an meinem Unterleib hängen. Ich spüre die Röte in meinem Gesicht. Ich will mich wieder bedecken, doch ich kann nicht.
Er streichelt langsam über meinen Bauch, fährt hinunter, hoch und wieder hinunter. Seine Hand liegt jetzt genau über meiner Scham.

Er tritt näher an mich heran. Ich spüre seinen Atem in meinem Gesicht, die Wärme seines Körpers. Die Angst wird kleiner. Er hat gesagt, ich bin ein Engel. Er ist sanft, freundlich. Alles wird gut.


„Leer. Nur Leere hier.“

Seine Stimme klingt enttäuscht. Habe ich einen Fehler gemacht? Ich will ihn nicht enttäuschen! Ich will mich entschuldigen, mich zu Boden werfen, um Verzeihung bitten, doch ich weiß nicht wofür. Ich spüre die Verzweiflung, will etwas sagen, doch noch immer kriege ich keinen Ton heraus, was mich noch mehr ängstigt. Was ist mit meiner Stimme?

Er ist mir jetzt ganz nahe. Plötzlich spüre ich einen kurzen, schneidenden Schmerz quer über meinem Unterleib. Der Schmerz ist heiß und grell, viel greller als das Licht in diesem Raum, frisst sich durch meinen Körper, teilt mich in der Mitte. Mir stockt der Atem. Schmerz, der Raum weicht um mich herum zurück, meine Knie beginnen wieder zu zittern. Dann spüre ich es. Das heiße Blut, das mir in Strömen über den Unterleib, die Beine rinnt. Ich sehe ihn an. Er beugt sich zu mir herab, nimmt meinen Kopf in seine Hand und küsst mich. Ich spüre seinen Bart, der mein Gesicht kitzelt, rieche seinen Duft. Der Kuss ist sanft, nur ein Aufeinanderpressen unserer Lippen.

Er liebt mich. Obwohl ich ihn enttäuscht habe.

Und doch weiß ich nicht, auf welche Art, womit. Ich spüre das Aufbäumen der Verzweiflung, all der Fragen, des Warums, ein letztes Mal, doch diese Fragen erscheinen mir plötzlich bedeutungslos. Er hat mir verziehen, das ist alles, was zählt.

Ich präge mir sein Gesicht ein, seinen Bart, diese Augen. Es ist das letzte, was ich sehen werde.

Die Wände weichen immer weiter zurück, der Raum wird weiter, versinkt in Dunkelheit, ich falle wieder, endlos.

Schwerelosigkeit.
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