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Fridolin muss abnehmen

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie, Fantasy / P6 / Gen
16.10.2017
16.10.2017
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Fridolin muss abnehmen

"Thommy, was ist denn? Schmeckt dir die Lasagne nicht?" Mama hatte heute sein Lieblingsgericht bei Pizzeria Toto gekauft und Thomas aß sonst mindesten zwei Portionen, denn eigentlich hatte er ja immer Hunger..so viel, dass man es ihm leider auch ansah.

Thomas war vorige Woche 5 Jahre alt geworden und jetzt endlich bei den "Löwen" im Kindergarten. Das waren all die, die im nächsten Sommer eingeschult werden würden, aber so richtig Freundschaft hatte er in den zwei Jahren seiner KiTa-Zeit nur mit drei Mädchen schließen können, mit denen er Vater-Mutter-Kind und Kaufmannsladen spielte. Dabei wollte Thomas immer so cool sein wie Ben, der in den Sommerferien im Kids-Camp vom Zirkus war und am Trapez schaukeln konnte oder  Cem, der wie seine Brüder im Fußballverein Tore schoss. Diese Jungs luden ihn nie ein, mit ihm zu spielen, weil er nicht so schnell rennen konnte, weil er sich nie bis zur obersten Sprosse am Klettergerüst traute und weil er sich immer zu viel Sorgen machte.

Wie heute morgen: Mama hatte es furchtbar eilig, er musste ganz schnell nur die Zähne putzen und das Gesicht waschen und Frühstück hatte es auch nicht gegeben, denn Mama hatte mit Opa telefoniert und ihm Anweisungen gegeben, weil Oma krank war. Sie hatte gesagt, dass sie nur Thommy in den Kindegarten brächte und dann sofort zu ihm käme.

Seine geliebte Oma, Thomas machte sich entsetzliche Sorgen, dass es ihr so schlecht ging wie Marie aus der KiTa, die hatte gestern so gebrochen, dass sie sogar ins Krankenhaus musste. Und wenn nun Mama bei Opa blieb und ihn nicht mehr aus der KiTa abholte? Und dann hatten Justin, Ben und Cem ihn auch noch Schildkröte genannt und er wäre gar kein Löwe. Thommys Tag war verquer und er war wütend und traurig und überhaupt fand er Barbies und Puppen doof und würde nie wieder mit Mathilda und Emmily spielen. Lieber blieb er in der Kindergartenküche sitzen und sah Frau Kutschowski beim Kochen zu. Frau Kutschowski war wie Omi, sie schnitt und mengte und rührte, dass es eine Wonne war, es roch immer gut , leider hatte sie nie Zeit wie Omi, bei der er immer helfen durfte, sogar mit dem ganz scharfen Messer, Oma hatte ihm gezeigt, wie er es halten musste, damit er sich nicht schnitt.

Frau Heise, seine Erzieherin, entdeckte ihn schließlich, nachdem sie ihn beim zweiten Frühstück vermisst hatte.  "Thomas, was ist denn heute mit dir? Möchtest du gar nicht mit raus in den Sandkasten,  fantastische Torten backen und Blättersalat anrichten?"

"Ich will nicht kochen und ich will nicht die blöden Puppen kämmen und zudecken, ich will zu Oma!" Thomas vekniff trotzig seinen Mund und aus seinen Augen quollen dicke Tränen.
"Ich bin sicher, dass deine Mama mit dir zur Oma fährt, wenn du das so gern möchtest", sagte Frau Heise und zog Thomas auf ihren Schoß, wo sie ihn sanft hin und her wog. "Nein, die Oma stirbt und Mama hat gesagt, dass Opa verhungert, wenn sie nicht schnell zu ihm fährt." Thommys Tränen flossen jetzt in dicken Sturzbächen gemischt mit Schnodder aus Augen und Nase und seine kleinen, dicken Schultern bebten. "Und.. und .. Mami kommt mich bestimmt nicht abholen und dann verhunger ich auch", stieß er unter Schluchzern hervor.

"Oh, Thomas, verhungern wirst du nicht, ich habe immer ein Butterbrot und Kekse in meiner Handtasche", flüsterte Frau Heise ihm zu.  "Und deiner Oma geht es bestimmt bald gut, ich sprech gleich mit deiner Mama, die dich wie immer abholen wird. Und jetzt setzt dich mal hier hin und putz dir die Nase", sie reichte ihm ein Papiertaschentuch. " Ich bin gleich wieder da und ich denke, ich hab da was für dich."

Frau Heise ging in das kleine Zimmer, in dem die Erzieherinnen ihre Mäntel und Taschen ablegten. Thomas schnaubte ziemlich viel in das Taschentuch, fast zu viel, denn das wurde ganz schnell ziemlich nass. Gut, dass Mami immer noch eins in seine Jeanstasche stopfte, wenn sie ihm die Jacke zumachte. Das pulte er jetzt hervor und schnaubte noch einmal wie das Nilpferd im Zoo, das er mit Papa letzten Samstag gesehen hatte.

"So, Thommy, schau mal", Frau Heise hielt ihm etwas grün-gestreiftes vor die Nase. "Das ist Fridolin, der puffelige Sorgenfresser. Den hab ich von einer Freundin bekommen, als ich einmal sehr traurig war. Ich sollte ihm meine ganzen Sorgen erzählen, denn Fridolin frisst die alle auf. Für ein Sorgenfresserchen sind Kummer und Traurigkeit wie Schokolade und Pudding und Lutscher und Knallbrause, davon möchten die immer mehr. Schau mal, wie dick der Fridolin geworden ist, ich hab dem so viele Sorgen erzählt und er hat sie gegessen  und ich bin nicht mehr traurig. Ich schenk ihn dir. Wenn du heute abend ins Bett gehst, dann nimmst du ihn fest in den Arm und drückst ihn und dann, vielleicht, erzählst du ihm, was dich sorgt. Und jetzt, Thomaso-Pizza-Spinatasoo, holen wir die anderen vom Spielplatz rein, eure Eltern kommen gleich, euch abholen."

Thommy konnte schon wieder grinsen, Frau Heise dachte sich jeden Tag andere Namen aus. Langsam drehte er die Sorgenpuppe in seinen Händen, grün-rosa gestreift war sie, mit Augen, die ein wenig schielten und einem Mund, von einem Ohr zum anderen. Fridolin grinste ihn an und guckte dabei mit einem Auge ihn an und mit dem anderen Auge zur Zimmerdecke. Thommy drückt Frido und stopfte ihn dann in seinen Rucksack. Heute Abend, in seinem Zimmer würde er ihm alles erzählen, wenn bloß Mami käme und ihn holte.

Und dann saß Thomas beim Abendbrot, Mama hatte ihn nicht abgeholt, sondern Papa und sie waren noch mit dem Auto in der Waschstraße gewesen, das hat Thomas sonst immer viel Spaß gemacht, aber heute hatte er nur in seinen Rucksack gegriffen, Fridolin gedrückt und aus dem Fenster geschaut, an dem der Schaum herunter rann.
"Thommy? Singst du heute nicht mit?" Papa hatte den Song "Car Wash"auf seinem iPhone gewählt und spielte ihn jetzt über die Anlage ab, wie immer, wenn sie zusammen das Auto waschen ließen. "Nee, keine Lust", maulte Thommy. "Ich will nachhause und zu Mama und Oma." Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals und am liebsten hätte er wieder geweint.

"Wenn du nichts mehr isst, dann wasch dir die Hände. Du kannst noch eine Folge im KiKa ansehen, wenn du möchtest, dann Zähne putzen und ab ins Bett." Mama war ganz blöd, überhaupt nicht kuschelig und sie hatte nicht einmal gefragt, mit wem er was gespielt hatte und von Oma hatte sie ihm auch nichts gesagt. Das war so gemein. Nur dem Papa hatte sie zugeflüstert, dass sie jetzt auf seine Unterstützung zähle, denn solange ihre Mutter ausfiele, wäre mit ihrem Vater nicht gut Kirschen essen. Dabei konnte Opa Kirschkerne am allerweitesten spucken.

Bei der Gute-Nacht-Geschichte hörte Thomas daher auch eher halbherzig zu, zu sehr wollte er endlich dem Fridolin alles erzählen und dann fielen ihm doch die Äuglein zu und er war bald fest eingeschlafen, als Papa das Geschichtenbuch zuklappte und seine Lavalampe anknipste, damit er den Weg zum Klo fand , wenn er nachts mal musste.

Im Traum schoss Thommy gerade ein Tor gegen die Mannschaft von Cem, als er von einem Geräusch erwachte, das sich anhörte, als würde sich jemand eine ganze Pizza auf einmal in den Mund stopfen und dann noch mit Limo nachspülen. Und dann rülpste der auch noch.  Thomas schreckte hoch und saß kerzengerade im Bett.

"Uiiip, das war eine Sorge zu viel, Entschuldigung! Uiip" Da lag das Sorgenfresserchen Fridolin in Thommys Arm, bölkte, strich sich über das dicke Bäuchlein und guckte ihn entschuldigend an... also nicht direkt: Ein Auge schaute Thommy an, das andere guckte gen Superman-Lampe an der Decke.

"Oiiiii, Superman, der hatte nie Sorgen, da war ich richtig schlank. Der hat mich ganz schnell weg gegeben an Catwoman, die wollte eher einen Arzt, hat sehr auf die Figur geachtet, wenn du verstehst. Zuletzt war ich bei Jennifer, hmmm, da war es gut, so viele Sorgen, wie ich wollte. Bei Jennifer Heise hatte ich mein Höchstgewicht, bis sie mich nicht mehr brauchte, da wurde ich dünner und dünner, bis ich gehen musste. Wer bist du? Hast du Sorgen?"

Thommy wäre am liebsten zu Mami gelaufen und hätte sich zu ihr in die Arme geworfen, aber die musste von Papa getröstet werden und bestimmt hätte sie auch nicht geglaubt, dass Fridolin sprechen konnte.

"Ähm..ich bin Thommy", flüsterte er. "Ich hab dich ganz neu von Frau Heise, weil ich dir sagen soll, wovor ich Angst habe. Sie hat aber nicht gesagt, dass du lebendig bist."

"Jenny hat dir das nicht gesagt? Das hat sie bestimmt vergessen, wir haben so lange nicht miteinander gesprochen, ich war so schön schlank geworden. Aber jetzt riech ich Sorgentorten, Kummerlutscher, Tränenbonbons, hmmmmm, es gibt bestimmt auch Schmerzpizza und Furchtnudeln mit Tomatensoße, ich würde gern auch Ich-Schäm-Mich-Eis mit Peinlich-Streuseln probieren: Thommy! Füttere mich!"

Und da sprudelte es aus Thomas heraus, er erzählte Fridolin zuerst von Oma und dass Opa vielleicht verhungern musste und von Mathilda, die immer bestimmen wollte und Fridolin schmatzte und kaute und wurde runder und dicker und beide schliefen letztlich ein.

Am nächsten Morgen war Thomas bestens gelaunt, den Sorgenfresser, der stumm und prall in seinem Arm gelegen hatte, legte er in eine kleine Kiste und schob sie unter sein Bett.

Als er am Abend, nachdem Mami ihm einen Gutenachtkuss gegeben hatte, Fridolin unter dem Bet hervor holte, klagte dieser schon über Hunger.

"Du, Fridolin, heute habe ich Cem gefragt, ob ich denn wenigstens mal im Tor stehen darf, wenn die Jungs Fußball spielen. Da muss man doch nicht so schnell rennen. Und der Cem hat gesagt, dass wir das mal probieren können und ich habe sogar einen total knallharten Schuß gehalten. Ich darf morgen wieder mitspielen. Ich freu mich so sehr auf morgen!"

Fridolin stieß ein kleines Bäuerchen aus und seufzte glücklich, die Nähte an seinen Seiten waren nicht mehr zum zerreißen gespannt.

In der nächsten Nacht erzählte Thomas, dass er Emmily gesagt habe, er wolle endlich auch mal die Mutter spielen, die die Puppenkinder erzieht und mit denen turnt und nicht immer nur den Vater, der nur am Schreibtisch sitzen soll. Fridolin hatte aus seinem Reißverschluss-Mund gelacht und ihm gesagt, dass er aber kein Kleid anziehen soll.

Ende der Woche holte endlich Mama Thomas aus der KiTa ab und endlich traute sich Thommy zu fragen, ob die Omi wieder gesund würde und der Opa nicht verhungern müsse.

"Ach, Thommy, Oma hat sich ein fieses Virus eingefangen, sie musste sich so oft übergeben, dass man ihr im Krankenhaus helfen musste, wie der Marie aus deiner Kindergartengruppe. Und Opa musste ich erst einmal beibringen, wie der Herd funktioniert und wie man Wäsche wäscht. Omi kommt nächste Woche wieder heim. Es ist alles gut, mach dir doch keine Sorgen. "

Thomas wäre an diesem Abend am liebsten schon vor dem Abendbrot ins Bett gegangen, so gern wollte er Fridolin alles erzählen und Pläne schmieden, was er Omi für ihre rückkehr aus dem Krankenhaus schenken könnte.

Als er endlich sein Sorgenfresserchen unter dem Bett hervorholte, war da nur noch eine sehr kleine Hülle, kaum größer als ein Fingerhut, in grün-rosa gestreift, das Mündchen kleiner als ein Stecknadelkopf. "Thommy", wisperte Fridolin," Ich bin endlich gaaaaaaanz dünn, aber ich hab so Hunger... du weißt jetzt, wie man Sorgen erzählt, ich muss nun weiter, verschenk mich, wenn du jemanden triffst, der Kummerlutscher für mich hat."



Und wenn du Fridolin triffst? Er kann seine Farbe ändern, aber am allerliebsten frisst er Sorgen und Ärger, füttere ihn.
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