Ghetto Girl

von -bambi-
GeschichteRomanze / P18 Slash
16.10.2017
17.11.2019
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Es war seltsam, nach diesem Tag wieder in meine eigene Realität zurück zu finden. Ich musste die Stadt nur betreten und schon fühlte sich alles um mich herum noch viel schmutziger und seltsamer an als jemals zuvor. Das hier war tatsächlich ein Slum.

Ihre Worte hatten viel in mir ausgelöst. Es war, als hätten sie eine Lawine an Überlegungen losgetreten. Ein Gedanke wurde überrollt vom nächsten, der natürlich auf irgendeine Weise mit dem anderen in Verbindung stand. Ich musste mir über so viel Mist klar werden, dass ich es gar nicht ertrug zu denken. Meine eigene Sexualität war dabei noch das Harmloseste. Mit dem Wort Lesbe konnte ich mich immer noch nicht richtig abfinden, aber dass ich keinerlei sexuelles Interesse an Typen hatte, das ließ sich nur schwer leugnen.

Ich verstand auch, warum sie diese scheiß dummen Tests gemacht hatte. Vermutlich würde ich das Gleiche veranstalten, wenn ich auf der Suche nach etwas Festem war. Aber ich war nicht auf der Suche nach so etwas wie einer Beziehung! Und sie hatte auch nur von Freunden gesprochen. Nichts anderes. Es ging gar nicht um Verpflichtung oder etwas in der Art. Wie sie es gesagt hatte, klang es verdammt nach Einsamkeit.

Und das traf mich leider wirklich.
Dieses eine Gefühl, das ich zu gut kannte, um es bei anderen zu ignorieren. Als würde sie sich eine Art Begleiter wünschen. Seufzend fuhr ich durch Streuners Fell, meine Nägel wühlten praktisch durch jede Haarsträhne. Das Tier lag zusammen mit mir in meinem neuen, selbstgemachten Bett in der Growerwohnung. Das hieß, eigentlich saß ich auf dem Bett, lehnte mit meinem Rücken gegen die Wand und hatte ein Bein angezogen. Der Hund lag neben meinen Füßen, sein Kopf etwa auf Höhe meiner Hüften und sah mich immer wieder mit seinen treudummen, braunen Knopfaugen an, sobald ich aufhörte, ihn zu streicheln.

Es war gut, dass er hier war. Ein lebendes, atmendes Wesen, das eine leichte Wärme abgab und auf meine eigene Stimmung und meine Taten reagierte. Wenn ich mich schlecht fühlte, war er immer sofort bei mir, selbst wenn er in einem anderen Zimmer gewesen war. Er hatte nur zwei Orte in dieser Wohnung, an denen er sich freiwillig länger als ein paar Minuten aufhielt. Das war zu meinen Füßen im Bett oder irgendwo zwischen den Pflanzen.

Anfangs hatte Tai noch versucht, ihn dazu zu bringen bei ihm zu schlafen, aber er gab so seltsam hohe Töne von sich, von denen Sasha wiederum wach wurde. Und mir tat es gut, den Tag über nicht ständig allein zu sein. Nachdem ich gesehen hatte, was andere Leute rein zu ihrem Vergnügen besaßen, war alles hier irgendwie noch dunkler geworden. Die Yacht war riesig gewesen und dabei lebten dort keine Menschen. Mein Zimmer war kleiner als die Toilette dort.

Zähneknirschend zog ich die Augenbrauen zusammen, strich etwas sanfter über den Kopf des Tiers. Irgendwann schloss er seine Augen, ganz langsam und stieß einen unfassbar zufriedenen Seufzer aus. Für ihn war die Welt eben noch in Ordnung. Ich konnte ihm ein Ohr abkauen und er würde trotzdem tiefenentspannt sein. Ihm hatte ich sicherlich eine Stunde lang von den Mädchen in meinem Leben erzählt, davon, dass ich vielleicht wirklich eine Lesbe war.

Und er hatte einfach nur etwas mehr gestreichelt werden wollen.
Natürlich war mir klar, dass ein Hund diesen Mist nicht verstand und nach meinem Geständnis überhaupt gar nicht anders auf mich hatte reagieren können. Trotzdem war mir die stille Akzeptanz und dennoch merkliche Liebe des Tieres wichtig gewesen. Einen Hund zu haben war seltsam.

Als könnte man sich Liebe erkaufen. Oder einen besten Freund. Er war erst zwei Wochen bei mir und trotzdem fühlte ich mich ihm verbunden. Einem dummen Tier! Ich hatte ihn abrichten und als Beschützer nutzen wollen und mich nicht auch noch um ein weiteres Lebewesen sorgen. Nur dummerweise war ich ein beschissener Idiot und hielt mich nicht an meine eigenen Vorsätze.

Keine Bindungen hießen keine Probleme. Oder zumindest keine unnötigen Komplikationen. Weniger Sorgen. Und trotzdem wollte ich, dass es Streuner gut ging. Vor allem aber wollte ich Viola wieder sehen. So etwas Dummes hatte ich mir lange nicht mehr gewünscht. Ihre Aktion war scheiße gewesen, aber die Absichten dahinter konnte ich gut nachvollziehen. Sie war eben vorsichtig, wer wäre das nicht in unserem Ghetto?

Das war ja gerade das Schwierige. Vielleicht hätte ich alles genauso gemacht, aber ich wusste auch nicht ob ich mich mit dem abfinden konnte, das sie tat. Dieses ganze Methgeschäft, in dem sie verdammt tief drin zustecken schien. Wenn nur ihre Worte nicht gewesen wären.
Für mich ist es inzwischen zu spät.
Dieses Gefühl kannte ich auch zur Genüge. Wir waren nicht so verschieden, wie ich es bisher angenommen hatte. Ein Freund. Ein abfälliges Geräusch verließ meine Lippen bei dem Gedanken, mit einem bitteren Lächeln lehnte ich mich mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Mein gesamter Körper erschlaffte, nur meine Hand fuhr unaufhörlich durch seinen weichen Pelz.

Es hatte lange gedauert, sein Fell gesund zu pflegen. Die ersten Tage hatte ich es noch wirklich versucht, aber als alles nichts half hatte ich es abrasiert. Inzwischen war es wieder etwas gewachsen und verflucht weich. Leider sah er ohne das Blut und den Schmutz nicht mehr ganz so irre und damit nicht so bedrohlich aus. Er war ein sanftmütiger Kerl, kannte eine Menge Befehle und schien nur den Drang zu haben, jemandem zu gefallen.

„Warum so down?“ Die Stimme meines Bruders riss mich effektiv aus meinen Gedanken, verblüfft ließ ich meinen Kopf etwas nach unten sacken, um ihn ansehen zu können. Entspannt stand er im Türrahmen, trug nur seine ausgeblichenen, schwarzen Sweatpants und hatte ein Sandwich in der Hand. Streuner schien das zu riechen, interessiert hob er seinen Kopf und verdrehte ihn in einem fast schon unnatürlichen Winkel. In der Sekunde, in der seine Augen das Sandwich fixierten fing er auch schon an, mit dem Schwanz zu wedeln.

Tai gab ihm ausnahmslos immer etwas von seinem Essen ab, so auch dieses Mal. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen zog er ein Stück Schinken zwischen den Brotscheiben hervor und warf es dem Tier entgegen. Der war so schnell auf den Beinen und schnappte danach im Flug, dass ich nur blinzeln konnte. „Du bist seit ner Woche scheiße gelaunt“, stellte er ruhig fest.

Einzig an dem leichten Schwanken seines Körpers, obwohl er ja eigentlich an der Türe lehnte, erkannte ich, dass er gerade high war. Irgendwie musste ihm wohl langweilig sein. Er hatte sich hier in dieser Wohnung vergraben, außer wenn er zur Schule oder zum Footballtraining verschwand. Das Training nahm er wesentlich ernster, als ich es erwartet hatte. Er kiffte weniger, verbrachte Zeit mit seinen komischen Teamkollegen außerhalb der Schule. Hergebracht hatte er niemanden, das würde er vermutlich auch nicht wagen. Hoffentlich nicht.

Mir war ebenfalls sterbenslangweilig. In dieser Wohnung konnte man einfach kaum etwas tun. Ich war viel bei meinen Pflanzen, beschäftigte mich mit Streuner oder hörte einfach Musik. Tai ließ sich eigentlich kaum sehen. „Vergräbst dich total“, redete er weiter. Ich wusste, dass er mich nur aus der Reserve locken wollte. Zum Reden bringen, wenn er die ganze Zeit plapperte konnte ich ihn überhaupt nicht ertragen.

Zähneknirschend verengte ich meine Augen zu Schlitzen, warf meinem Zwilling mörderische Blicke zu. Dummes Arschloch. Ich vergrub mich? Wer war denn nie zu sehen? Wenigstens verließ ich mein Zimmer! „Es liegt an diesem Mädchen, oder? Die, die du nach Hause gebracht hast.“ Direkt ins Schwarze. Ein kurzes, überraschtes Weiten meiner Augen konnte ich nicht verhindern, dann hatte ich mein Gesicht wieder im Griff. Doch er hatte es gesehen, grinste eine Spur zu breit.

„Du hast seit Jahren niemanden mehr mit nach Hause gelassen. Bei ihr bist du unvorsichtig. Das passt nicht zu dir.“ Seine Stimme klang etwas härter als vorher, beinahe schon warnend. Er wusste, dass etwas zwischen ihr und mir lief. Ein leichter Schauer rann über meinen Rücken, tief durchatmend erwiderte ich seinen prüfenden Blick. „Sie arbeitet für Pawel“, sprach ich das vermutlich Seltsamste aus. Es war gut, die schlimmsten Tatsachen direkt auszusprechen.

Jetzt war es Tai, der mich schockiert ansah. Entsetzen spiegelte sich in seinen Augen wider, sein Mund ging ganz langsam auf und dann doch wieder wortlos zu. Mit dieser Information konnte ich selbst noch nicht umgehen, wie Tai darauf reagieren würde, konnte ich mir also überhaupt nicht vorstellen. „Du dummes Schwein“, seufzte er erschlagen. Irgendwie brachten mich diese Worte zum Grinsen, das wenige an Normalität tat gut. Er nannte mich schon so, seit wir fünf waren. Seine ultimative Beleidigung für mich, wenn ich Scheiße gebaut hatte.

„Sag mir, dass du einen guten Grund hast“, stöhnte er gequält. Es versetzte mir einen leichten Stich, da ich keine wirkliche Erklärung dafür hatte. Nur diese seltsame Anziehung und der Wunsch, zu wissen was hinter ihren vielen Masken war. Es musste da doch etwas geben. Etwas, das hinter ihrer unbekümmerten Art und dem eiskalten, emotionslosen Auftreten zu finden war.

Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es etwas Interessantes war. Etwas, das mich von gewissen Dingen ablenken konnte. Seufzend fuhr ich mir mit der flachen Hand über das Gesicht, sackte beim Ausatmen noch weiter in mir zusammen. „Geht dich einen Scheiß an!“, zischte ich abwehrend. Warum interessierte es ihn überhaupt? Wie immer, wenn es um mich ging, hatte er gar nichts mit der Sache zu tun. Wenn ich ehrlich war, wusste ich noch nicht einmal, ob ich mich auf Tai verlassen konnte.

Irgendwo, tief in ihm würde er mir sofort helfen, wenn ich in der Scheiße steckte. Aber dafür müsste er erst einmal mit seinen eigenen Problemen und seinem Mist klarkommen. So war er entweder mit seinen privaten kleinen Kriegen beschäftigt oder schlicht nicht nüchtern genug, um irgendetwas auszurichten. Auf so jemanden war für mich nun einmal kein Verlass. Er war auch keine Ablenkung, immerhin war er zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Je länger ich darüber nachdachte, ein Freund wäre tatsächlich eine gute Sache.

Ein Freund, der zufällig eine verdammt heiße junge Frau war, die ich liebend gerne ficken würde.
Aber das musste ich nun wirklich niemandem unter die Nase reiben.

„Wenn du deine Scheiße mit nach Hause und in unser Geschäft bringst, geht es mich was an! Vor allem, wenn es schon wieder eine von Pawels Methhuren ist!“, knurrte Tai aufgebracht. In dieser Sekunde war ich so schnell auf den Beinen, dass ich es erst realisierte, als ich ihn am Kragen gepackt hatte. Beinahe hätte ich so einen dummen Spruch losgelassen wie „Nimm das zurück“.

Auffälliger würde es niemals gehen! Stattdessen presste ich seinen Körper fest gegen den Türrahmen, schlug wütend mit der Faust in seine Magengrube. Tai war körperlich viel stärker als ich, wenn ich ihn nur gegen die Wand drücken würde, würde er einfach nur lachen. Also musste ich mir im Laufe der Zeit immer neue Tricks einfallen lassen, damit er mich nicht wie ein Kissen hochhob und einfach drei Meter weit wegschleuderte.

„Du glaubst, ich hab es nicht im Griff?“, zischte ich durch meine Zähne hindurch. Meine Hände zitterten vor Nervosität, wenn ich jetzt nur einen winzigen Fehler machte, dann würde alles auffliegen. Wegen der beschissenen Blondine! „Ich glaube, du wirst scheiße weich!“ Mit den Worten stieß er mich vor die Brust und mit einem einzigen Schubs schleuderte er mich direkt zwei Schritte nach hinten.

„Du hattest schon immer eine Schwäche für interessante Mädchen! Erst diese beschissene Gracia, jetzt diese Fixerin. Was ist mit dir, wünschst du dir so dringend eine beste Freundin, dass du dich ständig verarschen lässt?“ Seine Worte schnitten durch meinen Verstand, so fest, dass ich beinahe einen physischen Schmerz spüren konnte. „Du darfst deine scheiß Fickkuh überall hin mitnehmen, aber wenn einmal eine Person in mein Leben lasse bin ich das Arschloch?“

Der heftige Schlag traf mich nicht unbedingt unvorbereitet. Dass er mir eine verpassen würde, wenn ich seine Freundin eine Fickkuh nennen würde, war vollkommen klar gewesen. Aber ich brauchte einen Vorwand, um ihm richtig auf die Fresse geben zu können. Die Härte des Schlags hatte ich allerdings so nicht erwartet, taumelte weiter zurück und stieß mit dem Fuß hart gegen die Matratze, die inzwischen auf einigen Europaletten lag. Da ich absolut kein Geld und noch weniger Lust hatte, ein richtiges Bett zu besorgen hatte ich einfach einige von diesen Teilen besorgt, abgeschliffen und so zusammengeschraubt, dass die Matratze gut darauf passte.

Aber seine Reaktion kam für meinen Geschmack zu spät. Als hätte er sich erst einmal daran erinnern müssen, dass er seine Freundin verteidigen musste. Wut pulsierte unter der schmerzenden Oberfläche, genau da, wo er mich getroffen hatte. „Du lässt Pawels Huren hier rein, zum zweiten Mal!“, brüllte er mir entgegen. Er machte einen weiteren Schritt auf mich zu, um mich zu packen und genau da war sein Fehler. Ich kannte jede seiner Bewegungen, hatte regelrecht studiert, wie er kämpfte. In jeder Gefühlslage wusste ich ganz genau, was er wann tun würde.

Das musste ich, wenn ich in unserem Zuhause überleben wollte. Es war nun mal eine glasklare Tatsache, dass ich hier als Frau ziemlich im Nachteil war, allein von der Kraft her. Meine Vorteile waren mein Verstand und meine Schnelligkeit. Flink duckte ich mich unter seiner Hand durch, rammte ihm meine linke Faust so heftig ich konnte direkt in die Magengrube.

Ein Ruck ging durch meinen gesamten Arm, als ich auf seinen Körper traf und entlockte mir ein tiefes Grunzen vor Anstrengung. Tai hingegen klappte ein, machte ein ganz seltsames Geräusch, als die Luft schmerzhaft aus seinen Lungen gepresst wurde. Mein nächster Faustschlag traf ihn von oben gegen die Schläfe und schickte ihn direkt auf den Boden.

In der Sekunde, in der ich kurz Zeit hatte, weil er sich auf den Dielen wand vor Schmerz, kam mir der Gedanke an den Hund. Bisher hatte er immer irgendwie eingegriffen, wenn jemand auf mich losging. Verblüfft wandte ich den Kopf zur Seite, nur um ihn ruhig auf dem Bett sitzen zu sehen. Er beobachtete uns aufmerksam, bewegte sich aber keinen Millimeter. So viel zur Loyalität. Scheißvieh!

Ein weiterer Schlag traf mich völlig unvermittelt, durch meinen Fokus auf das Tier hatte ich Tai komplett außer Acht gelassen und der hatte ebenfalls seine Chance ergriffen. Mein Zwilling traf mich direkt oberhalb meiner Brüste, wesentlich kraftvoller dieses Mal. Erschrocken taumelte ich wieder zurück, wäre fast zu Boden gefallen. Mit einem leisen, halb unterdrückten Schrei wirbelte ich wieder zu ihm herum. Bevor ich überhaupt daran denken konnte, stürmte ich geduckt auf ihn zu, nutzte seine Überraschung und rammte ihm meine Schulter so fest es ging gegen den Brustkorb.

Bei dem Schwung und dem heftigen Aufprall stolperte ich selbst, dass Tai dabei einfach umkippte war ebenfalls nicht hilfreich. Mit einem erschrockenen Schrei landeten wir beide auf dem Boden, unsere Arme und Beine waren so verknotet, dass ich ihn weder schlagen, noch von ihm runter kommen konnte. Schmerzhaft drückte seine knochige Schulter gegen meine rechte Wange, während ich gleichzeitig versuchte ihn mit dem Ellenbogen von mir zu drücken.

„Fuck, ist es das wert? Verdammte Scheiße!“, knurrte er aufgebracht. Mein gesamter Körper fing an zu zittern, als neben meiner Wut auch noch Trauer hochkochte. Wie konnte er das nur bewerten? „Du hast wenigstens jemanden, mit dem du die ganze Scheiße zusammen durchstehen kannst!“, zischte ich erschreckend nüchtern. Auch Tai unter mir erstarrte in der selben Sekunde, ein tiefes Seufzen entwich ihm. Dabei konnte ich direkt spüren, wie sich sein gesamter Brustkorb senkte.

„Wow. Das war so schwul!“, murmelte er fassungslos. Wut blitzte in mir auf, jagte wie ein elektrischer Stoß direkt in meinen Ellenbogen, den ich mit aller Kraft gegen jeden Teil seines Körpers donnerte, die ich erreichen konnte. Ächzend wand er sich unter mir, versuchte irgendwie seine Hände frei zu bekommen, um mich abzuwehren. „Was ist los mit dir, du Lesbe? Wenn du einen Partner willst, such dir einen Kerl!“

Die Worte trafen mich tief, als würden sie etwas aufwecken, das ich irgendwo in mir begraben hatte. Etwas, das besser weiterschlafen würde. „Weil die Typen auch Schlange bei mir stehen“, erwiderte ich bissig. Selbst wenn ich wollen würde, die Jungs ließen sich von meinem Auftreten total einschüchtern und versuchten es noch nicht einmal.  „Mädchen reißen sich auch nicht gerade um dich“, meinte er mit einem hörbaren Grinsen.

Toll. Das hatte natürlich noch gefehlt. Ihn amüsierte das auch noch! „Ja, super. Keiner will mein Freund sein, ich hab‘s kapiert“, fauchte ich aufgebracht. Endlich schaffte ich es, zumindest einen Arm aus dem Knäuel an Gliedmaßen zu bekommen. Danach waren der Rest praktisch ein Kinderspiel, innerhalb weniger Sekunden waren wir wieder entwirrt, seufzend blieb ich neben meinem Zwilling auf dem Boden sitzen.

Schwer keuchend und ziemlich in uns zusammen gesunken betasteten wir die schmerzenden Stellen. Tai hatte gut getroffen, mein Schlüsselbein pulsierte und brannte, wortlos spuckte ich etwas Blut auf den Fußboden direkt vor mir. Ob er mir die Lippe blutig oder einen Zahn ausgeschlagen hatte konnte ich gar nicht sagen, mein gesamter Mund tat höllisch weh.

Trotzdem konnte ich ein befreites Grinsen nicht unterdrücken, aus irgendeinem Grund fühlte ich mich direkt leichter. Konnte besser atmen, der gigantische Druck war von meinem Körper verschwunden. Eine kleine Prügelei und schon ging es mir wieder besser. Wer hätte gedacht, dass mir genau das gefehlt hatte? Ich war definitiv krank im Kopf.

„Schätze, jetzt sollte ich als älterer Bruder sowas sagen wie“, fing er grinsend an und ich konnte einfach nicht widerstehen, ihm ins Wort zu fallen. „Ich bin früher geboren“, murmelte ich automatisch. Fast eine ganze Stunde früher, weil sich der Idiot neben mir in der dummen Hure verkeilt hatte. „Du brauchst keine Freunde, du hast mich. Aber du bist mir echt zu anstrengend“, beendete er ungerührt. Am Ende entwich ihm sogar ein leises Lachen, mit einem Grinsen stieß er mich gegen die Schulter.

Ich wünschte, ich hätte ihm noch einen weiteren Schlag verpassen können. Nur einen einzigen Schlag, um ihm all meine Wut entgegen zu schleudern. „Nicht mal mein Zwilling will mein Freund sein“, spottete ich leichthin. Dass diese Worte einen bitteren Nachgeschmack bei mir hinterließen, versuchte ich zu verstecken. „Liegt vielleicht an dir“, erwiderte er amüsiert. Fühlte sich scheiße an, das alles zu hören.

Nach einigen Sekunden, in denen mich mein Zwilling grinsend ansah, wurde er plötzlich wieder ernst. Er und ich hatten die selben Augen, genau gleich. Wenn er mich mit ihnen ansah, kam ich mir manchmal vor, als würde ich einen Spiegel betrachten. Wenn ich das nicht schon mein ganzes Leben so machen würde, wäre das sicherlich komisch anzusehen, so erwiderte ich seinen Blick einfach nur.

„Deswegen steht sie vor der Tür, oder?“ Kurz zuckte ich unter seinen Worten, hätte ihn beinahe schuldbewusst angesehen. Sie war wieder da? Das gefiel mir gar nicht. Woher sollte ich wissen, was sie schon wieder vorhatte? Deswegen hatte er mich also so angeschissen! Manchmal brachte Tai seine Freundin mit hierher, aber das hatte er nicht von Anfang an. Lange hatte er ihr verschwiegen, dass praktisch unsere gesamte Familie Gras anbaute und verkaufte. Das konnte ich verstehen, wir mussten alle vorsichtig sein. Ich für meinen Teil war unbändig stolz auf meine Fähigkeiten beim Growen. Ich war verflucht gut darin! Das hatte ich mir lange erkämpft und ich hatte so viel gelernt, dass ich nun von niemandem sonst mehr Gras rauchen wollte. Meine eigenen Kreuzungen waren zu gut und ich wusste immer, dass niemand es verschnitten hatte.

Aber auch ich hätte ihr diesen Unterschlupf niemals freiwillig gezeigt! „Hättest du dir nicht deine Birne so hart weggeblasen, dass du Sasha nicht mehr hast tragen können, wüsste sie gar nicht, wo wir sind! Das ist deine scheiß Schuld, du dämlicher Junkie!“, keifte ich ihn wütend an. Sie hätte nicht hier sein dürfen! Sie dürfte nicht immer hier auftauchen und mich bedrängen! „Sie hat gemeint, sie muss sich bei dir entschuldigen. Wofür?“, fragte er stattdessen. Wut kochte erneut in mir hoch, während ich ihn einfach anstarrte. Dieser dämliche Junkie.

Scheiß dummes Arschloch. „Sie hat mich ins Meer geworfen und ich wäre fast ersoffen. Schätze, für sowas kann man sich entschuldigen“, brummte ich geistesabwesend. Vermutlich war das auch schon eine Information zu viel, aber was sollte ich jetzt noch machen? Ich hatte ihm meinen peinlichsten, dümmsten Wunsch anvertraut und er hatte nur ein wenig darüber gelacht.

„Es gibt hier kein Meer.“ Mein Zwilling bedachte mich mit einem Blick, bei dem ich ihm hart gegen den Oberarm schlug. In seinen Augen konnte ich sehen, dass er sich gerade fragte, auf was für einem Trip ich gewesen war, dass ich zu glauben schien, am Meer gewesen zu sein. „Kalifornien. Wir sind hingefahren, mit ihrem schrottigen Auto und haben eine Yacht geklaut.“ Dass das wohl ihre Yacht gewesen war, ließ ich gewissenhaft aus. Das wusste ich auch nicht hundertprozentig.

Doch, eigentlich schon. Immerhin hatte sie es selbst gesagt. Ihr gehörte dieses Luxusteil, auf dem ich mich so furchtbar fehl am Platz gefühlt und auf dem ich fast gestorben wäre. Sein Grinsen wurde eine Spur breiter, sanft stieß er mich gegen meine Schulter. „Klingt nach einer Menge Spaß. Abgesehen von dieser Sache mit dem Sterben. Das war vermutlich weniger gut.“

„No Shit Sherlock“, entgegnete ich gedankenverloren. Innerlich versuchte ich mich daran zu erinnern, ob ich mich gestern in die Dusche geschleppt hatte, oder nicht. Vermutlich schon. Selbst wenn ich high war duschte ich noch mindestens jeden zweiten Tag, es war wie ein innerer Zwang. Wenn ich nicht gerade Todesangst davor hatte, mochte ich Wasser. Stilles, ruhiges Wasser, das mich nicht jede Sekunde umbringen würde. Aber Wasser.

Irgendwann kam mir dann der Gedanke, dass ich eigentlich erst vor einigen Stunden geduscht hatte und mich einfach nur so wieder schmutzig fühlte. Das lag an der Umgebung. Seit ich von dem Ausflug mit Viola gekommen war, kam ich nicht mehr auf mein Umfeld klar. Alles fühlte sich dreckig und ekelhaft an. Sobald ich es berührte, fühlte sich meine Haut genauso an. Beschmutzt, wie mit einer unsichtbaren Schicht Dreck überzogen.

Das hatte mir ein Ausflug mit ihr gebracht. Der Drang, mich fünf mal am Tag mit heißem Wasser zu kochen und einen Hass auf mein natürliches Habitat. Ich sollte mich nicht weiter mit ihr treffen. Es tat mir nicht gut, mich weiter in ihrer Welt aufzuhalten. Dann würde ich wieder irgendwann vergessen, wo mein Platz war und die Realität würde mich zerstören.

Nichts, auf das ich sehr scharf war. Andererseits hatte ich sie ehrlich vermisst.
„Geh schon. Sie scheint zu wissen, wie man Spaß haben kann und dir tut es gut, endlich hier raus zu kommen. Wenn du wieder da bist, hab ich mir die Lage zuhause angesehen. Kai hat mich auf dem Laufenden gehalten und sie scheint sich beruhigt zu haben“, schlug Tai achselzuckend vor.

Wenn es nach mir ginge, dann wären wir hier nie wieder weg gegangen. Hier waren wir sicher, wir hatten unsere eigenen Zimmer und die Miete war wesentlich geringer. Wenn wir jetzt wieder zurück gehen würden, würde meine Mutter nur wieder das gesamte Geld aus mir herauspressen. Monatliche Miete, dass ich nicht lachte! Das Haus gehörte irgendeinem Idioten, der die ganze Zeit unsere Miete zahlte.

Vielleicht einer ihrer Kunden, ich wusste es nicht. Die Nebenkosten waren aufgeteilt zwischen uns Kids, ebenso alle anderen anfallenden Kosten. Zusätzlich zu dem Geld, das sie uns noch abnahm. Ich hasste sie wirklich. Warum gab ich ihr immer mein Geld? Angst? Vermutlich. Manchmal hatte ich das Gefühl, mein gesamtes Leben war einfach bestimmt von Angst und Hass. Wenn ich mich nicht vor etwas fürchtete, würde ich es nicht tun. Ich brauchte diesen Ansporn, sonst war ich für immer gefangen in meiner Lethargie.

Tai gehen zu lassen war vermutlich auch eine schlechte Idee. Trotzdem stemmte ich mich wieder hoch, fuhr mir langsam mit den Fingern durch meine widerspenstigen Haare. Heute trug ich bereits ein blaues Top und kurze Hosen, ich müsste mir nur ein Hemd überwerfen und Schuhe anziehen, dann war ich soweit. „Streuner bleibt hier.“ Das sollte ich vielleicht wirklich so klar wie möglich sagen.

Damit er auf die Idee kam, den Hund als Beschützer mit sich zu nehmen. Falls der Hund das zuließ, natürlich. Noch immer hatte er einen Hass auf Leinen und biss regelmäßig jeden, der versuchte sie ihm anzulegen. Es half, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Dann dachte ich nicht zu viel über meine Brüder nach, die noch immer bei meiner Erzeugerin festsaßen.

Sie hätten jederzeit herkommen können, das wussten sie. Bei Tai waren noch zwei weitere Betten für die Jungs frei, aber keiner von ihnen hatte sich gemeldet. Sie hatten Tai gesagt, dass alles gut war und die Frau sie in Ruhe ließ. Kai hatte einige Lebensmittel klauen müssen, weil er so dumm war, sich mit dem Geld, das ich ihm zum Einkaufen gegeben hatte, erwischen zu lassen. Die Hure hatte ihm einen blauen Fleck auf dem Brustkorb und einige Kratzer im Gesicht verpasst, als er es nicht hatte rausrücken wollen.

Das war das erste Mal, dass sie ihn angegriffen hatte. Normalerweise hatte er weder Geld, noch Drogen oder Alkohol und war damit nicht interessant für meine Erzeugerin. Es hätte sich sowieso bald geändert und er war langsam alt genug, um Geld zu beschaffen. Kai war der einzige von uns, der sich an legalen Jobs versuchen wollte.

Er war ein Idiot, der sich lieber von irgendwelchen Arschlöchern ausnutzen lassen wollte, statt ihre Dummheit auszunutzen, wie ich es tat. Kai war vielleicht nicht so schlau wie ich, aber dumm war er auch nicht. Das konnte ich definitiv nicht behaupten. „Mach was du willst“, fügte ich schulterzuckend hinzu. Ich schnappte mir mein graues Hemd, meinen Rucksack und ein paar fast schon totgelaufener Turnschuhe, deren Sohle wohl bald abfallen würde.

Ich war wirklich gespannt, wie diese Entschuldigung ablaufen sollte.
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