Ghetto Girl

von -bambi-
GeschichteRomanze / P18 Slash
16.10.2017
18.10.2019
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Alles tat weh.
Fast wie immer, wenn ich wach wurde. Abgesehen davon, dass ich im Augenblick nur rasselnd Luft holen konnte. Es fühlte sich an, als hätte jemand meine gesamte Luftröhre mit Benzin übergossen und angezündet. Meine Augen fühlten sich furchtbar trocken und verklebt an. Wie bei einer Bindehautentzündung, meine Augen wollten sich gar nicht öffnen lassen. Die Augäpfel brannten ziemlich, fühlten sich unter meinen geschlossenen Lidern ekelhaft trocken an. Normalerweise würde ich dagegen anblinzeln, doch das war jetzt gerade nicht möglich. Meine Augen wollten sich selbst unter größter Anstrengung nicht öffnen.

Als hätte jemand meine Wimpern aneinander geklebt, ich konnte den leichten Schmerz fühlen, den der Zug an den beiden Wimpernpartien auslöste. Als würde ich einige davon ausreißen, bei meinem Versuch sie zu trennen. Wenn ich meine Lider fester zusammen drückte, fühlte es sich an, als hätte ich Sandkörner in den Augenwinkeln, die in meine Haut stachen. Am liebsten hätte ich mir über die Augen gewischt, aber selbst meine Arme wollten sich nicht weniger als einige Zentimeter heben, dann gaben die Muskeln einfach nach.

Als hätte ich einen Krampf in meinem kompletten Körper. „Verdammte Scheiße, bist du endlich wach?“ Die Stimme, die sich direkt neben meinem Ohr zu befinden schien, war ganz schrill und panisch, das konnte ich sogar in meinem Dämmerzustand merken. „Ja“, murrte ich kratzig. Ich selbst klang fast schon nicht mehr menschlich, krampfhafter Husten kämpfte sich meine Kehle nach oben und brach schließlich aus mir heraus. Als hätte ich mich stundenlang übergeben, mir war furchtbar schlecht. Wo war ich? Warum klang die Stimme so weiblich?

Seufzend kniff ich meine Augen fester zusammen, versuchte krampfhaft, mich darauf vorzubereiten endlich aufzustehen. Dass ich auf irgendeinem unbequemen Untergrund lag, als würde ich gleich eine Autopsie über mich ergehen lassen müssen, wusste ich auch. In meinem Leben hatte ich so viel Erfahrung damit, irgendwo einfach aufzuwachen, dass ich die ganzen Eindrücke ziemlich schnell einordnen konnte.

Verdammt seltsam, darin Übung zu haben. „Du hast mir einen scheiß Schreck eingejagt!“, beklagte sich das Mädchen neben mir wieder. So wie ich mich fühlte, hatte sie wahrscheinlich keinen Grund, um herum zu heulen. Dieses Mal hatte ich sie erkannt, die blonde Sportlerin, die auf den Namen Viola hörte. Die Blonde, die mich vermutlich noch vor ein paar Minuten von Bord gezogen und mich damit fast umgebracht hatte.

„Scheißkuh“, raunte ich bitter. Durch meinen kratzigen Hals könnte ich mich selbst nicht verstehen, wenn ich nicht selbst wüsste, was ich sagen wollte. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte den Wodka pur und auf Ex getrunken. Irgendwie schaffte ich es dann doch, zumindest meinen rechten Arm zu heben und meine Hand zu einer losen Faust zu ballen.

Eine geschlossene Faust bekam ich nicht hin, meine Finger waren zu steif und klamm, um sie komplett schließen zu können. Irgendwie fehlte mir auch die Kraft, aber wenigstens schaffte ich es so, den meisten Dreck von meinen Augen zu lösen. Deutlich spürte ich, wie verkrustet es war und wie sehr es sich in meine Wimpern geklebt hatte. Blinzelnd riss ich ebendiese auseinander, nachdem ich endlich genug Kraft aufwenden konnte und sah direkt in einen strahlend blauen Himmel.

Im selben Moment kam auch das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen zurück, bohrten sich in meinen Gehörgang. Erneut hustete ich, ein seltsam metallischer Geschmack breitete sich durch das Keuchen in meinem Mund aus, brachte mich fast zum Würgen. Blut, ich hasste den Geschmack davon wirklich sehr.

„Du wärst fast ertrunken“, wisperte die Blonde mit gebrochener Stimme. Sie war so leise, dass ich es beinahe nicht gehört hätte, aber ihre Worte jagten heiße Wut durch meine Adern. „Wegen dir, verfickt! Du dummes Arschloch hast mich fast umgebracht!“ Immer wieder wurde meine Stimme zu einem heiseren Flüstern, brach zwischendurch ganz ab und ich musste es ständig wiederholen.

Ich kam mir vor wie ein Stotterer, es war lästig und zehrte noch mehr an meinen sowieso schon angeschlagenen Nerven. „Woher hätte ich wissen sollen, dass du nicht schwimmen kannst? Wer kann denn bitte nicht schwimmen?!“ Für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich auf sie losgehen, ihr den Hals umdrehen und sie anschließend ins Meer werfen, aber ich schaffte es einfach nicht, auch nur in eine sitzende Position zu kommen. „Das war ja nicht mal Absicht! Ich hab mich aus Reflex an dir festgehalten“, brummte sie reuig. Genervt schloss ich meine Augen wieder, rieb mir mit meinem Handrücken fest darüber.

Fuck! Ich wäre eben fast ersoffen.
Schon wieder!

„Warum zur Hölle kannst du nicht schwimmen?!“ An dem Punkt schien sich ihre Festplatte irgendwie aufgehängt zu haben. Wie konnte sie es so absurd finden, dass ich nicht schwimmen konnte? Hatte sie bei uns um die Ecke etwa schon einmal einen Pool gesehen? Oder war sie jemals in einem öffentlichen Schwimmbad in der Gegend gewesen? Als Mädchen war das fast ein Todesurteil. Vor allem als ein Teil meiner Familie. Meine Mutter hatte es irgendwie geschafft, sich überall Feinde zu machen.

„Meine Mutter dachte mal auf einem Trip, ich würde in Flammen stehen. Da war ich fünf. Sie hat mich in eine tiefe Pfütze im Garten geworfen und so lange runter gedrückt, bis ich ertrunken bin. Tai hat mich wiederbelebt, er war auch nur fünf Jahre alt“, hörte ich mich selbst sagen. Meine Stimme funktionierte dieses Mal fast perfekt, ein paar Pausen musste ich zwischen den Worten machen, aber es war nicht so übel.

Bei der Erzählung klang ich komplett monoton und gefühlskalt, obwohl erneut die Panik und ungezügelter Hass in mir brodelte. Das Gefühl, wie das Leben aus mir herausfloss wurde langsam immer realer, nicht mehr wie ein komischer Traum. Das war wirklich mir passiert. Zwei Mal. Zitternd versuchte ich, mich wieder aufzurichten und scheiterte erneut glorreich an dem Versuch.

Überraschenderweise griffen erneut warme, weiche Hände nach meinen Schultern, drückten meinen Oberkörper etwas nach oben und schoben sich dann auf meinen Rücken, um mich dort zu stützen. Nachdenklich sah ich dabei zu, wie sie mich aufrichtete und blickte schließlich an mir herunter. Sie hatte mich sogar wieder angezogen, meine Klamotten waren noch etwas nass, ebenso meine Haare.

Wie hatte sie mich überhaupt wieder auf das verdammte Schiff gebracht? „Wieso hast du nichts gesagt?“ Verächtlich schnaubend warf ich ihr einen Blick zu, schenkte ihr ein höhnisches Lächeln. Verdammte Fotze. „Weil ich sonst so gern mit meiner Erzeugerin prahle“, brummte ich knurrend. Wortlos hielt sie mir eine Flasche Wasser hin, ließ mich keine Sekunde aus den Augen.

Als hätte sie Angst davor, dass ich wieder umkippen könnte. Zu trinken brachte gar nichts, ich fühlte mich kein bisschen besser im Augenblick. Es linderte nicht das Brennen in meiner Kehle und gab mir auch nicht das Gefühl, wieder etwas hydrierter zu sein. Stöhnend rieb ich mir die Kehle und meinen Nacken, beides fühlte sich seltsam an.

Fühlte sich ertrinken wirklich so an? Irgendwie kam mir dieses Gefühl bekannt vor. Seufzend fuhr ich mir über das Gesicht, glitt mit meinen Fingern ganz langsam durch meine Haare. Das Meerwasser hatte sie aufgeraut und da meine Locken eigentlich nichts anderes als Knoten waren riss ich die gesamte Zeit nur an meiner eigenen Kopfhaut. Meine Haare fühlten sich richtig beschissen an, das würde ewig dauern, bis sie sich wieder erholen würden.

„Ich … ich musste dich bewusstlos würgen. Im Wasser. Du hast mich runter gedrückt, als ich dich raus ziehen wollte, wir wären beide gestorben!“ Anfangs klang sie noch, als ob sie etwas sehr Unangenehmes sagen wollte, aber je länger sie sprach, desto mehr klang es nach einer lautstarken Rechtfertigung. Nach Angst und Zittern. Ich hätte sie fast umgebracht in meiner ohnmächtigen Panik.

Aber es war keine Absicht gewesen! Ich hatte nichts mehr sehen und nicht mehr denken können. Und überhaupt, es wäre ohne sie gar nicht so weit gekommen! Langsam frustrierte mich das hier enorm, zischend atmete ich aus. Es brachte gar nichts, darüber nachzudenken. „Mein Rucksack!“, verlangte ich krächzend. Ich war damals darüber hinweg gekommen und ich würde es heute auch wieder.

Solange mich niemand mehr ins Meer werfen würde.
Auch sie war wieder angezogen, zu meinem Leidwesen. Eine nackte Frau beim Aufwachen zu sehen hätte mir bestimmt gut getan. Den Gedanken tat ich mit einem müden Lächeln ab, zog meine Beine bis an meine Brust. Wieder dieses bedrückende Gefühl, als hätte jemand einen Eisblock auf meinen Brustkorb gepresst. Meine Lippen zitterten, ebenso wie mein gesamter Körper und ich wusste, dass meine Haut eiskalt war. Ob sie mich hatte wiederbeleben müssen?

Sicherlich, immerhin hatte sie mich unter Wasser beinahe erwürgt. Woher kannte sie diese ganzen verdammten Griffe? Ich an ihrer Stelle wäre so in Panik geraten, dass ich sie nicht hätte aus dem Wasser ziehen können. Selbst, wenn ich eine gute Schwimmerin wäre, diese Erfahrung hatte mir gezeigt, wie schwach ich war. Es hatte vielleicht Sekunden gedauert, Augenblicke. Wimpernschläge.

Ich hatte sterben wollen.
Von einem Moment auf den anderen hatte ich mein Leben aufgegeben.

Ich war gestorben. Mein Körper war noch immer arschkalt davon, ich konnte die Hitze durch die Sonne deutlich auf meiner Haut spüren, doch sie ging nicht bis in meine Muskeln und meinen Körper. „Hier.“ Vorsichtig legte sie meine Tasche direkt vor meinen Füßen ab, überrascht merkte ich, dass sie etwas über meine Schultern legten. Es dauerte ein paar Sekunden, dann erkannte ich, dass es ein riesiges, unfassbar flauschiges Handtuch war.

Meine Finger zitterten wie verrückt, schlotterten so sehr, dass ich kaum schaffte, allein den Rucksack zu öffnen. Wie schwer es war, die abgenutzte Zigarettenpackung herauszuziehen wollte ich lieber nicht zugeben. Das Ding hatte ich seit gut einem halben Jahr und füllte es immer wieder mit vorgedrehten Zigaretten und einigen Joints. Es in einer solchen Schachtel mitzutragen war praktischer, als sie einzeln im Rucksack zu haben. Die Schachtel fiel mir zwei Mal aus den Händen und beim dritten Mal griff die Blonde danach.

Ich wollte ihr nicht ins Gesicht sehen, sonst könnte ich die Schuld und das Mitleid in ihren Augen erkennen und das war gerade nichts, was ich brauchte. Mit einem unterdrückten Knurren riss ich ihr den kleinen Gegenstand aus den Fingern, hätte ihn fast wieder fallen lassen. Zähneknirschend öffnete ich die Packung, schaffte es tatsächlich einen der Joints heraus zu nesteln.

Die Blonde machte ein abwertendes Geräusch, das irgendwo wie ein Schnauben klang. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte ich zu ihr und sah sofort wieder weg, als ich erkennen konnte, wie ihre wunderschönen Augen in Selbstmitleid und Schuld ertranken. Erbärmlich. Um ihr nichts Zornerfülltes entgegen zu schleudern nahm ich den Jointfilter zwischen die Lippen, schaffte es aber nicht, das Feuerzeug anzuschalten.

Frustriert und immer noch mit unterdrückter Wut in meinem Brustkorb versuchte ich es stärker. Das Feuerzeug schlug nur Funken, mit meinen zitternden Fingern konnte ich einfach nicht gleichzeitig das Rad und den Hebel für das Gas betätigen. „Gib her“, flüsterte die Blonde mit weicher Stimme. Die junge Frau klang beinahe so, als würde sie mit einem weinenden Kind reden.

Widerspenstig wollte ich es auf Abstand halten, war aber nicht schnell genug. Ihre warmen Finger schlossen sich um meine eisig kalten, die Andere versuchte mir das Feuerzeug zu entwinden. Es dauerte eine ganze Weile, in der ich mich gegen sie wehrte, mit aller Kraft und doch nicht genug, um sie ernsthaft abzuhalten. Irgendwann drückte sie meine Hände einfach runter, lehnte ihre Stirn an meine.

In diesem Moment ging eine so tiefe und reine Wärme von ihrem ganzen Körper aus, dass es mich regelrecht einhüllte. Besser als das Handtuch, mehr noch als die Sonne. Mein Herzschlag, von dem ich gar nicht gemerkt hatte wie sehr er raste, beruhigte sich auf einmal, helle, blaue Augen hielten meinen Blick gnadenlos gefangen. Bevor ich ins Wasser gefallen war, waren ihre Augen dunkel gewesen, vollkommen lustverhangen.

Es war seltsam, sie auf einmal wieder ganz anders zu sehen. So komisch, dass ich den Griff um das Feuerzeug lockerte, ohne es zu wollen. Die Blonde nutzte das sofort, um es mir zu entreißen und mir dann ein triumphales Grinsen zu präsentieren. Es schwächte sich beinahe im gleichen Moment wieder zu einem weichen, freundlichen Lächeln ab, während sie mir tatsächlich den Joint anzündete.

So gierig war ich noch nie gewesen, wenn es um Gras ging, aber jetzt gerade sog ich so stark ich konnte daran. Hauptsache, meine Umgebung blendete sich endlich wieder aus. Hauptsache, ich konnte endlich aufhören im Takt der Wellen zu zittern und die Angst in mir würde sich langsam auflösen. Wie ein Wollknäuel, das man endlich entwirren konnte. Allerdings war ich auch schon seit einer halben Ewigkeiten nicht mehr so nüchtern gewesen, wie ich es jetzt gerade war.

Ein Joint würde wahrscheinlich gar nicht ausreichen. Irgendwann setzte sie sich schweigend neben mich, auch jetzt noch fühlte ich, wie sie die Wärme regelrecht auf meine Seite abstrahlte. So schnell hatte ich noch nie einen meiner Joints aufgeraucht, schneller, als die Wirkung einsetzen konnte. Das Zittern war nicht mehr so schlimm und ich konnte nach und nach all die wirren, gleichzeitig ablaufenden Gedanken verschwinden fühlen.

Als würden sie immer leiser werden, ein Flüstern, ein Wispern, dann war es nur noch ein Hauch und schließlich hatte ich nur noch einen Gedanken, den ich auf einmal führen konnte. Beruhigend, dann war nicht immer ein Kanal komplett mit Sorge belegt, sondern konnte mit der momentanen Situation überspielt werden. Ich konnte mich stoned nicht gleichzeitig auf meine Phobien und das Geschehen konzentrieren und das tat mir gut.

Während ich langsam die zweite Tüte anzündete konnte ich ihr sogar wieder in die Augen sehen. Ertrug ihre Schuld und musste dabei nicht in meiner eigenen Angst ertrinken. Sie sollte sich scheiße fühlen, immerhin wäre ich beinahe drauf gegangen. Es gelang mir sogar wieder ein feines Lächeln, zwar noch ganz dünn, aber immerhin vorhanden. Ich hatte diesen ganzen verdammten Tag nicht mit meiner Angst verderben wollen.

Ganz tief in mir war ich dankbar für diesen ganzen Aufwand. Sie hatte mich zum ersten Mal in meinem Leben an den Strand gebracht und ich wäre liebend gerne einfach nur dort geblieben. Im Sand sitzen, die Wellen beobachten und ihrem ganz eigenen Flüstern zuhören, das wäre hervorragend gewesen. Aufs Meer raus zu fahren war zwar beängstigend gewesen, allerdings auch wahnsinnig faszinierend. Diese Erfahrung wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen, obwohl ich wusste, was auf mich hätte zukommen können.

Ein Nichtschwimmer auf offener See war nun einmal eine beschissene Idee und von uns beiden hatte nur eine diese Information gehabt. Seufzend fuhr ich mir über das Gesicht, konnte deutlich die kühle Spur fühlen, die meine eisigen Hände darüber zogen. Mein Kopf war der Meinung, ein Schwamm drüber würde voll ausreichen. „Du bist ein bescheuerter Volltrottel! Wer fickt gerne im tiefen Meer?“, brummte ich verstimmt.

Auch, wenn ich mir die Antwort selbst geben könnte. Warum hätte sie das auch getan, wenn sie es nicht mögen würde? „Jemand, der schwimmen kann“, gab sie leise zurück. Ein leises Glucksen entwich mir, schmunzelnd reichte ich der anderen den Joint. „Touché“, meinte ich nüchtern. Kein allzu schlechter Konter, das musste ich ihr eingestehen. Selbst dann noch, als ihre Stimme förmlich in Schuld ertrank.

Ein seltsames Geräusch ließ mich schließlich zusammenzucken. Es war, als würde der Sound meinen siebten Sinn triggern, ein seltsam kribbelndes Gefühl kroch meine Wirbelsäule nach unten. Das erste laute Geräusch seit einer halben Ewigkeit und genau das alarmierte mich. In der nächsten Sekunde sah ich es schon und mir sank das Herz direkt in die Hose.

Ein Speedboot, dessen Motor so laut war wie bei diesen hässlichen Motorrollern. Man hörte es von ganz weit weg und jetzt, wo der Krach von den Felswänden noch lauter zurückgeworfen wurde. „Fuck, nicht jetzt!“, flüsterte die Blonde erschrocken. Augenblicklich kroch die paralysierende Angst weiter über meine Wirbelsäule, lähmte meine gesamten Bewegungen.

Küstenwache? Wie waren die verdammten Drogengesetze in diesem scheiß Staat?! Es dauerte furchtbar lange, wie in Zeitlupe sah ich dabei zu, wie das Motorboot immer näher kam. Je weniger Distanz zwischen uns war, desto langsamer wurde das Boot, bis es schließlich aus meinem Blickfeld verschwand. „Die hab ich total vergessen!“, hauchte die Blonde entsetzt. Ihre Augen waren riesig geworden, ihre Pupillen ganz klein. Eigentlich zeigte ihr gesamtes Gesicht einen riesigen Schock, was mich noch mehr verwirrte.

Wen hatte sie vergessen? Ein Pfeifen drang an mein Ohr, erst ganz leise und schließlich laut und durchdringend. Wie ein Ruf. Fahrig und zitternd stemmte die Blonde sich nach oben, sah mir intensiv in die Augen. Es war eine Art Warnung darin, die ich deutlich erkennen konnte. „Bleib genau hier!“, raunte sie mir hörbar gehetzt zu. Als nächstes war ein surrendes Geräusch zu hören, wie von einer anspringenden Maschine.

Ich konnte meinen Blick nicht von dem Bereich des Bootes nehmen, von dem der Lärm ausging. Was ging da gerade ab? Die Blonde war schnell aus meinem Sichtfeld verschwunden, doch ich war viel zu angespannt, um ihr hinterher zu starren. Was auch immer hier gerade passierte, es verpasste mir ein mieses Bauchgefühl. Auf meinen Instinkt konnte ich mich normalerweise verlassen, zumindest wenn es um Ärger ging.

Das Erste, das über das Geländer des Bootes zu sehen war, waren drei Köpfe. Dreckig blond, straßenköterbraun und fleckig schwarz, dann kamen die Gesichter. Eines erkannte ich sofort, mein Magen verknotete sich schmerzhaft und ich konnte gerade noch ein lautes Keuchen verhindern. Fuck, waren wir wirklich in seinem Revier? Mein Herz schlug mir bis zum Hals, vollkommen bewegungslos saß ich auf dem Boot, den Joint inzwischen wieder in der Hand und die Decke fest um meine Schultern geschlungen.

Fast schon automatisch pulsierte die kleine Narbe etwas oberhalb meines Zwerchfells, mit zitternden Fingern griff ich danach. Ich konnte den Schmerz wie ein Echo in meinem gesamten Körper spüren, fest biss ich mir auf die Unterlippe, um kein Geräusch zu machen. Der Hurensohn hatte mich vor vier Jahren angeschossen! Klar, ich war mit meinem Gras in sein Revier eingedrungen und das hätte ich nicht tun dürfen, aber damals war ich noch ein verdammt dummes Arschloch gewesen.

Auch wenn das nicht unbedingt ein Grund war, einer Dreizehnjährigen in den Bauch zu schießen und sie zum Verbluten liegen zu lassen. Wie kam er hierher? Hatte er nach Florida expandiert? Oh, verfluchte Scheiße!

„Yo, V! Wo ist mein Shit?“, rief er laut über das ganze Boot. Die dunkle, dröhnende Stimme schallte sofort in der gesamten Bucht, ließ mich zusammenzucken. Ich war nicht high genug für so einen Scheiß! Was für ein Shit? Es dauerte zwei Sekunden, dann hatte er mich schon gesehen. Wie eine nasse Ratte saß ich da, gefangen auf einem Boot mitten im Meer.

Seine beiden Gorillas trugen große Waffen mit sich herum, die sie in dieser seltsam demonstrativen Gesten hielten. Als der Typ mich erkannt hatte, gab er den beiden ein Handzeichen in meine Richtung. Augenblicklich richteten sich die Waffen auf mich, mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich einfach nur in die gähnende Schwärze sah, die im Lauf zu stecken schien. Da würde die Kugel rauskommen und mich durchschlagen, bevor mein Auge das Geschoss überhaupt erfassen konnte.

Die Angst wurde weniger, als mir klar wurde, dass er mich nicht erkannt hatte. Kein Muskel auf seinem Gesicht bewegte sich, als er mich genau unter die Lupe nahm. Es war vier Jahre her und ich hatte mich ziemlich verändert, natürlich erkannte er mich nicht! Alle drei fixierten mich mit ihren Blicken, waren inzwischen auf einer Höhe, dass es aussah als würden sie hinter dem Geländer auf dem Schiff stehen. So hatte mich die Blonde also aus dem Wasser bekommen. Da war wohl eine maschinell betriebene Plattform, die wie ein Aufzug funktionierte.

Wortlos und mit bedrohlich aussehenden Gesichtsausdrücken öffneten sie das kleine Gate, durch das wir auch vorher das Boot betreten hatten. Im selben Moment kam die Blonde wieder aus dem Führerhäuschen herausgestolpert, blieb dort erst einmal stehen und besah sich die ganze Szene. V. Viola. Er kannte also ihren Namen.

Was für ein kranker Mist! „Zu früh“, meinte sie schließlich mit kalter Stimme. Dem selben Tonfall, den sie bereits bei Gracia benutzt hatte. Ob das so eine Art Geschäftsstimme war? Jedenfalls war die Veränderung ihres gesamten Auftretens beeindruckend. Als wäre sie eine ganz andere Person, fasziniert musterte ich sie. Da war nichts Fröhliches mehr an ihr, nicht mal das Funkeln in ihren Augen. Sogar deren Farben hatten einen härteren, dunkleren Farbton angenommen.

„Hab dein Boot fahren sehen und dachte, wir beschleunigen das heute mal“, erwiderte der Dunkelblonde mit einem Zähneblecken, das beinahe die gleiche Farbe hatte wie seine Haare. So gelbe Zähne hatte nicht mal meine Mutter. „Die war nich abgemacht“, fügte er jetzt hörbar aggressiv hinzu. Schwer schluckend musterte ich ihn, leckte mir langsam über die Lippen.

„Die auch nicht“, stellte Viola unbeeindruckt fest und deutete dabei auf die beiden Gorillas. Ein hässliches Grinsen trat auf das Gesicht des blonden Mannes, dessen Namen ich nach all den Jahren immer noch nicht wusste. Einer der Menschen, die ich am meisten fürchtete und ich wusste nicht mal wie er hieß. Eigentlich lächerlich. „Die kiffen auch nicht bei der Arbeit.“

Wieder klang es schneidend kalt, sie klangen eher wie Rivalen und nicht wie Geschäftspartner. „Das wird dem Big Boss gar nicht gefallen, kleine Made!“ Die plötzliche Klarheit dieser Worte ließ mir einen eisigen Schauer über den Körper rinnen. Viola schien sich ebenfalls anzuspannen, ihr Gesichtsausdruck wurde noch härter. „Da ist dein Zeug.“ Mit den Worten hielt sie eine große Sporttasche, die ich bis dahin gar nicht beachtet hatte, in die Höhe. Mir wurde augenblicklich schlecht.

Das Scheißding sah schwer aus. Da war jede Menge Zeug drin, kiloweise. Wir waren mit einem gestohlenem Boot unterwegs um Drogen in Kartellgröße zu verkaufen. Und ich konnte nicht schwimmen. Schlimmer hätte es unmöglich kommen können. „Mehr sollte dich gar nicht interessieren. Aufmerksamkeit auf mein Boot zu ziehen kann sich der Big Boss nicht leisten. Ein Schuss so nahe am Pier und ein blutverschmiertes Luxusschiff sind verdammt verdächtig“, ergänzte sie emotionslos.

Unsicherheit flackerte wie ein Schatten über die Gesichter der drei Männer, doch sie fingen sich fast sofort. „Bring‘s her!“, zischte der Anführer der drei gefährlich leise. Ob ich an ihrer Stelle darauf gehört hätte, könnte ich nicht sagen. Wahrscheinlich gehörte das zum Ablauf, jedenfalls wenn ich mir ansah wie selbstsicher sie auf ihn zuging. Nicht das geringste Zögern, ihre Schritte waren fest und zeigten nicht die winzigste Schwäche.

Ohne ein einziges Wort zu sprechen nahm er die Tasche entgegen, ließ sie von einem seiner Bodyguards überprüfen. Dabei stellte er sich so saudumm an, dass sogar ich etwas davon sehen konnte. Mehrere Päckchen mit kristallenen Gegenständen befanden sich darin, die der Gorilla schnell wieder schloss und seinem Chef zunickte. Der wirkte zufrieden, bedeutete dem anderen Kerl, sich zu bücken. Der Typ hob eine Sporttasche auf, die haargenau so aussah wie die, die sein Kumpel noch immer in der Hand hielt.

Weiterhin komplett still legte sie die Tasche ab, ging in die Hocke. Sie ließ die Männer dabei sogar aus den Augen, was ich gar nicht fassen konnte. Entweder sie war total lebensmüde oder ihr fehlte eine gehörige Portion Verstand. Niemand ließ bei einem Deal die anderen aus den Augen. Bei so viel Geld konnten die Gemüter verdammt schnell hochkochen und am Ende waren alle tot.

Was darin war konnte ich von meiner Position aus nicht erkennen, aber bei der Menge Meth musste das Ding randvoll mit Geld sein. Mir wurde immer übler, das Zittern in meinem Körper war unbemerkt von mir noch viel schlimmer geworden. Wäre ich nicht abgesoffen hätte ich mich vermutlich besser im Griff. So fühlte ich mich einfach jämmerlich.

„Fallt nicht vom Boot.“ Was für eine Verabschiedung, ohne noch etwas dazu zu sagen drehte sie sich weg, lief mit entspannten Schritten direkt auf mich zu. Wie gebannt sah ich dabei zu, wie die Männer tatsächlich verschwanden. Neben mir ließ sich die Blonde wieder fallen. In der Sekunde, in der ihr Arsch auf dem Holzboden aufkam, änderte sich ihre gesamte Haltung. Sie war wieder warm und weich, schenkte mir ein sanftes Lächeln.

Aber ihre Wärme erreichte mein Innerstes nicht mehr, so wie davor. „Du hast mich benutzt“, murmelte ich gefasst. Inzwischen hatte ich den Joint wieder angezündet, versuchte das Aufjaulen des Motors zu ignorieren. Bald würden sie komplett verschwunden sein, dann konnte ich mich wieder wohl fühlen. Wohler. „Für einen scheiß Deal!“ So verächtlich hatte ich lange nicht mehr geklungen, selbst Gracia gegenüber nicht.

Ich hatte den Ausflug nett gefunden. Ihn so sehr zu schätzen gewusst, dass ich mir ein schlechtes Gewissen gemacht hatte, weil ich fast ersoffen wäre. Ich war ihr so lächerlich dankbar gewesen und sie hatte mich einer riesigen Gefahr ausgesetzt. „Ohne mir die scheiß Wahl zu geben!“, grollte ich immer lauter. Sie hatte mich nicht gefragt. Mir gar nichts gesagt.

Man hätte uns erwischen können, ganz einfach, wenn ich eine dumme Sache gemacht hätte. Wenn ich nicht ruhig reagiert hätte. Wir hätten sterben können! Wir hätten verhaftet werden können! Ich war verdammt nochmal gestorben weil sie Drogen ticken wollte! „Ich dachte nicht, dass jemand mit deiner Geschichte ein Problem mit dem Verkaufen von Drogen haben würde. Schließlich machst du es selbst und das sogar noch viel öffentlicher wie hier!“,  meinte sie unbekümmert.

Sprachlos ließ ich mir den Joint abnehmen, starrte einfach nur in ihre sorgenlose Fresse. „Ich ticke ein bisschen Weed aus meinem privaten Garten zum Überleben! Die Bundesgrenzen zu überschreiten, um ein ganzes Kartell mit Drogen zu versorgen sind mir so ungefähr hundert Jahre Gefängnis zu viel Kriminalität!“, fauchte ich zornig. Wenn ich mir sicher wäre, dass mich meine Beine schon tragen konnten, wäre ich längst aufgesprungen. Ich konnte nicht weglaufen, aber dann könnte ich wenigstens etwas Abstand zwischen uns bringen.

Sie entschied gerade so viele Dinge über meinen Kopf hinweg, dass ich kaum atmen konnte. Ohne mich anzusehen öffnete sie die Tasche, die gerade eben noch zwischen uns lag. Wie ich es mir gedacht hatte, war das Ding so voll mit Geld, dass es bestimmt schwer werden würde, es wieder zu schließen. „Ich dachte einfach, dass jemand wie du etwas Kohle brauchen könnte“, erklärte sie ungerührt.

Dabei hätte sie mir auch gleich ins Gesicht schlagen können, das hätte den gleichen Effekt gehabt. Klar, die arme Assi-Braut, die in einem Verschlag unter der Treppe schlief und manchmal kein fließendes Wasser mehr hatte. Deren Jeans total zerrissen und die Schuhe super abgenutzt waren, die brauchte definitiv dieses ekelhafte Blutgeld. Ich wollte nichts zu tun haben mit Meth und erst recht nicht in dieser Größenordnung!

„Du offensichtlich nicht. Da frage ich mich, warum du mich zu nem schlechten Gewissen manipulieren musstest, um Fressen zu schnorren“, stellte ich bitter fest. Warum hatte sie wegen den gestohlenen fünf Dollar so einen Aufstand gemacht? Ohne mich eine einzige Sekunde aus den Augen zu lassen warf sie mir ein Bündel in meinen Schoß. Wie betäubt starrte ich auf das Geld und die Taubheit in mir wurde noch heftiger, als ich mir das Band, das die Geldscheine zusammen hielt, genauer ansah.

Es waren lauter hundert Dollar Scheine, auf dem Band stand in fetter Schrift die Zahl fünftausend. Wie in fünftausend Dollar. Ein Schauer jagte über meinen gesamten Körper, kroch meine Arme entlang bis in meine Fingerspitzen und brachte alles zum Zittern. So viel Geld auf einmal hatte ich noch nie gesehen. Aber ich hatte auch noch nie mehr als tausend Dollar auf einmal besessen. Dass es jemanden gab, der so viel mehr hatte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen.

Und dann lag es auf meinem Schoß. Es war real. So verdammt viel Geld gab es wirklich.

„Ich weiß gerne vorher, wie der Charakter einer Person ist, ehe ich mich auf sie einlasse. Du bist mir in diesem einen Club aufgefallen, in der Third. Du hast in einem Club voll Republikaner und pubertierender Jungs mit diesem“, an der Stelle machte sie eine kurze Pause. Am Anfang noch hatte sie nüchtern geklungen, dann kurz belustigt und schließlich stockte sie kurz.

Als wüsste sie selbst nicht genau, wie sie darüber fühlen wollte. „Mädchen“, sprach sie etwas leiser weiter. Und jetzt hörte ich deutlich die beiden vorherrschenden Gefühle in ihrer Stimme. Die Abneigung und eine leichte Verträumtheit. Als würde sie es widerwillig gut finden, dass ich mit ihr getanzt hatte. Sie war eifersüchtig. Das im Club hatte sie angemacht, was auch immer daran.

„Getanzt, als gäbe es kein Morgen. Als gäbe es in diesem Moment niemanden sonst. Nicht die dummen Blicke, das Grölen oder die Leute, die versucht haben euch anzuquatschen. Am nächsten Tag hab ich dich in der Schule gesehen, mürrisch und wütend auf die ganze Welt. Du hast mich interessiert, also habe ich eine Gelegenheit genutzt und dich provoziert“, beendete sie mit einem Lächeln.

Ich konnte mich kaum noch an diese Nacht erinnern, obwohl ich wusste, von welcher sie sprach. In dieser Bar war ich hinterher nie wieder gewesen, da ich zum Schluss doch noch jemanden gesehen hatte, den ich kannte. Irgendeines der Arschlöcher, die mir das Leben hier im Ghetto hätte versauen können. Eigentlich war ich nur aus dem Grund in diesen Club gegangen. Da hätte es mir egal sein können, was andere über mich dachten, weil sie mich nie wieder sehen würden.

Das Mädchen, mit dem ich eng umschlungen getanzt hätte, wäre nur eine weitere Eroberung gewesen. Dann war ich zu betrunken gewesen, hatte einen Joint zu viel gehabt und einen Kerl aus der Schule gesehen, der uns nach einem Dreier gefragt hatte. Das hatte in einer riesigen Schlägerei ausgeartet und am nächsten Morgen war ich mit blauem Auge und dröhnendem Schädel hinter dem Club aufgewacht.

„Ich könnte jemanden brauchen, der diese Aufgabe hier übernimmt. Das wäre dein Anteil und du machst das nur ein paar Mal pro Monat. Netter Verdienst, einfaches Geld. Ich habe nicht immer die Zeit, hier her zu fahren und den Deal durchzuziehen. Da kommst du ins Spiel. Ich brauche verlässliche Leute, denen ich einzelne Jobs geben kann und die sich nicht sofort von diesen Typen einschüchtern lassen. Du bist so jemand“, fügte sie schließlich hinzu.

Einen Moment lang fragte ich mich, ob sie behindert war oder ob sie einfach nicht mitbekommen hatte, dass ich mich vor Angst beinahe eingepinkelt hätte. Diese drei Kerle waren eine ganz eigene Nummer, etwas ganz anderes als mein kleines Geschäft. Und sie sprach hier von Jobs verteilen und dem großen Geld. Wer um alles in der Welt war sie? Und warum war sie darin verwickelt?

„Du hast also alles nur inszeniert, damit du mein Vertrauen für diesen Moment hast. Damit ich dich mag und natürlich kann das arme, geldgeile Assiflitchen nicht widerstehen und nimmt jeden Scheißjob an wie eine läufige Hündin“, knurrte ich verärgert. In meinem Leben hatte ich mich selten so benutzt gefühlt oder zumindest schon sehr lange nicht mehr.

Nur hierfür. Die Enttäuschung darüber, dass ich wohl die Einzige war, die diese Anziehung gespürt hatte. Die es nur für den Nervenkitzel selbst und das Kribbeln getan hatte. Niemand sonst hatte mich jemals zu so einem Ausflug hin mitgenommen und schien dabei einfach nur an mir interessiert zu sein. Aber ich hatte falsch gelegen. Sie war ein professioneller Pusher und erkannte ein Opfer wie mich auf einen Kilometer Entfernung.

Rekrutierer, die nach immer neuen Drogenkurieren suchten und genau wussten, an wen sie herantreten konnten. Wer Nervenkitzel, Geld und Macht suchte, mehr als alles andere auf der Welt. Irgendwo passte ich auch in dieses Schema, aber ich konnte es einfach nicht. Mich nicht für diesen verdammten Scheiß selbst verkaufen wie eine billige Nutte. Wobei, mit einem Blick auf das Geld konnte ich mich wohl nicht mehr billig nennen.

„Mit so einer Scheiße will ich nichts zu tun haben! Ich ticke ein bisschen Gras auf der Straße und überlebe, aber das hier? Das ist irre! Keiner, der noch richtig tickt, würde sich auf so eine Scheiße einlassen!“, fauchte ich aufbrausend. Dabei wusste ich, dass ich totalen Mist redete und sie vermutlich meinen Hass und mein Entsetzen gar nicht verstehen konnte.

Sie konnte nicht wissen, wie hart meine Erzeugerin auf genau diesen Scheiß abgekackt war. Wie sehr der Mist unsere Familie und mein Leben zerstört hatte. Ich hasste Meth, von den Tiefen meines Herzens und ich würde mich eher selbst erschießen, als damit zu arbeiten.

Ihr Lächeln, das bei meinen Worten noch viel breiter geworden war, irritierte mich noch mehr. Langsam beugte sie sich zu mir vor, ihre Hand lag schneller in meinem Nacken, als ich reagieren konnte. Wieder war sie mir so furchtbar nah, ich konnte ihren Atem auf meiner Haut spüren. Wie mich ihre Hitze und ihr Geruch erneut einlullten, meine Gedanken wieder etwas zurück in den Nebel schubsten.

Mein Körper schrie danach, von ihr geküsst zu werden. Hart und fordernd, während sich unsere Körper fester aneinander schmiegten. Ich vermisste ihre Haut auf meiner, die Wärme, die dann von meinem Körper Besitz zu ergreifen schien. Ihre weichen Hände überall auf mir. Und doch, mein Verstand war stärker und ich schubste sie so fest ich konnte von mir.

„Das war wieder nur so ein scheiß Test!“, brüllte ich sie aufgebracht an. Taumelnd kam ich wieder auf die Beine, das Geld und die Decke fielen einfach auf das Schiff, als hätten sie mich nie berührt. Die Blonde blieb sitzen, sah mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Ernsthaftigkeit an, die ich nicht erwartet hatte. Als würde sie sich vor meiner gesamten Reaktion fürchten.

„Ja. Wie gesagt, ich wollte wissen, aus welchem Holz du geschnitzt bist. Du besitzt Integrität und Stärke, du hattest es nicht leicht. Hatte ich auch nicht. Genau wie du muss auch ich Dinge tun, die ich nicht mag und die ich freiwillig nicht tun würde, aber für mich ist es inzwischen zu spät. Ich brauche Freunde wie dich. Die keine Angst vor dem haben, was ich tue und sich auch nicht davon angezogen fühlt.“

Die Erklärung macht sogar noch irgendwie Sinn. Ein leises, resigniertes Seufzen entwich meinen Lippen, dann schloss ich meine Augen. Vor Ewigkeiten hatte einmal jemand zu mir gesagt, dass jeder, der sich mit Meth einließ einen Deal mit dem Teufel einging. Und ich war sicherlich nicht bereit mich in so eine Situation zu bringen.
„Bring mich einfach nach Hause“, flüsterte ich erschöpft. Mit diesem ganzen Scheiß wollte ich einfach nichts zu tun haben! Rein gar nichts mehr.
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