The Darkest Hour

GeschichteDrama, Fantasy / P16
Alexander "Alec" Lightwood Clarissa "Clary" Fray Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Magnus Bane Sebastian Verlac / Jonathan C. Morgenstern
15.10.2017
15.11.2019
33
92.572
29
Alle Kapitel
61 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
15.10.2017 3.248
 
»Und er fragte: Wie heißt du? Und es antwortete und sprach: Legion heiße ich; denn wir sind unser viele.«
(Markus 5:9; Lutherbibel 1912)


London Institut 1926

Die Bibliothek lag am anderen Ende der Kathedrale. Noch nie kam William Branwell dieses Gebäude so unendlich groß vor wie an diesem Tag. Er hetzte durch die Flure, rempelte den ein oder anderen Schattenjäger an und kam völlig außer Atem in der kleinsten der drei Bibliotheken an. Lord John Polidori stand mit nachdenklicher Miene vor dem großen Kamin im Zentrum des Raumes. Er war einer der angesehensten und vertrauenswürdigsten Ärzte Londons und schon länger tätig, als die meisten der Schattenjäger lebten, auch wenn sein Äußeres anderes vermuten ließ.

William eilte zu der Récamiere, vor der John stand, kniete nieder und griff nach der zittrigen kalten Hand seiner Frau.
»Alice. Was ist passiert?«
Ihr Atem ging schwer, ihr Körper war übersät von Schürf- und Platzwunden, ihr Blick trüb. Doch sie rang sich für William ein Lächeln ab.
Polidori räusperte sich. »Sie wird wieder gesund werden, Sir William. Ein paar gebrochene Rippen, eine innere Blutung, die ich aber versorgen konnte, ansonsten sind es nur oberflächliche Verletzungen.«
William blickte erschrocken zu dem Arzt. »Innere Blutung? Was ist mit-«, er verstummte, denn Polidoris Blick richtete sich abrupt auf dessen schwarze Lackschuhe, die immer irgendwie zu dicht zusammen standen, als wäre es nur leeres Schuhwerk – ordentlich vor einem Bett abgestellt.
Williams Augen füllten sich mit Tränen und der Mund trocknete ihm schlagartig aus. Er sah wieder zu Alice, strich ihr übers Haar, küsste sie, strich ihr wieder übers Haar und sah nun  flehend zu dem Arzt, der Williams Verzweiflung wohl als unangenehm empfand und mit einem hilflosen Schluckauf quittierte.
»Wird sie es verlieren?«, fragte William.
Polidori sah ihn mit gequältem Gesichtsausdruck an. »Es ist unwahrscheinlich, dass der Fötus noch intakt ist Sir, die Verletzungen im Bauchraum ihrer Frau sind zu traumatisch.«
William schluckte und sah Alice wieder an. »Was ist denn nur passiert?«

»Ich hab ihn nicht gesehen«, sagte sie leise. »Dieser Dämon kam aus dem Nichts. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Er war riesig, grotesk, viel zu stark und viel zu schnell für mich. Er sah aus, wie eine dieser mittelalterlichen Teufelsdarstellungen der Irdischen. Das war kein gewöhnlicher Dämon, Will.«
Zorn entflammte in William. »Aber, du hast du ihn erwischt?«
Sie verneinte kopfschüttelnd. »Er ist genauso schnell wieder verschwunden. Fast so, als hätte er es nur auf mich abgesehen.«
William zog die Stirn in Falten. »Er hat keinen der anderen Schattenjäger angegriffen?«
»Nein.« Ihre Hand legte sich auf ihren Bauch, Tränen liefen ihr über die Wangen. »Ich kann sie nicht verlieren. Nicht mein kleines Mädchen«, sagte Alice mit einer Verzweiflung, die William noch nie an seiner Frau gesehen hatte. Doch schon vom ersten Augenblick der Schwangerschaft an, hatte Alice sich verändert. Sie war schon immer eine Löwin, wenn es um ihre Kinder ging, doch auch bei den Zwillingen hatte sie sich nicht so überbehütend verhalten. Alice schien schon jetzt genau zu wissen, wer dieser kleine noch werdende Nephilim war, der gerade einmal ein paar Zentimeter groß war. Sie hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht einen Jungennamen für ihr drittes Kind auszusuchen. Sie war davon überzeugt, dass es ein Mädchen werden würde.
»Ich lasse sie nicht sterben«, schluchzte Alice. »Nicht meine Siobhan«, ihre Stimme erstickte unter Tränen. William nahm sie in den Arm und unterdrückte den Impuls seinen Kummer ebenso nach außen zu tragen. Sein Blick wurde starr und seine Entschlossenheit, diesen Dämon zu finden und zu töten, überwältigend.
»Es gibt da vielleicht eine Möglichkeit den Fötus zu retten«, sagte Polidori, der von an diesen menschlichen Regungen sichtlich ungerührt schien und den Finger hob wie ein Oberlehrer.
William blickte ihn zornig an. »Wenn Sie mein Kind noch ein einziges Mal Fötus nennen ... ich schwöre, dann werd-«
»Ja, ja«, sagte Polidori mit einer Geste, als würde er eine Fliege vor seinem Gesicht verscheuchen. »Ich weiß von Ihrer erstaunlichen Forschung, Sir William«, sagte Polidori sichtlich angetan.
William sah ihn erschrocken an, stand dann auf, schloss die Tür zur Bibliothek und baute sich bedrohlich vor dem Arzt auf. »Ist das so?«
Polidori lächelte, nickte eifrig und sagte: »Sie haben erstaunliche Ergebnisse mit Dämonenblut erzielt. Wenn man hier und da noch etwas-«
Polidoris Stimme wurde durch Williams festen Griff an seine Kehle gestoppt. Erschrocken sah er den erzürnten Schattenjäger an. »Keine Ahnung, woher Sie von meiner Forschung wissen, aber wie kommen Sie darauf, ich würde so etwas Abartiges meinen Kindern verabreichen.«
»Es ist doch noch ein Fötus«, keuchte Polidori. »Es wird ihn stärken.«
William drückte noch fester zu. »Und es mit dem Bösen infizieren.«
»Nein, nein!«, zappelte Polidori jetzt unter der langsam wachsenden Luftnot. »Die Dosis macht das Gift, Sir William.«
Abrupt ließ William den Arzt los und sah ihn misstrauisch an.
»William«, ermahnte ihn Alice heisere Stimme aus dem Hintergrund. »Du wirst diesem Hexenmeister doch nicht etwa zuhören?«
William ignorierte Alice.
»Wie meinen Sie das?«, fragte er Polidori.
Der rieb sich den Hals und hob wichtig seine Augenbrauen. »Ihre Forschung war im Ansatz korrekt, Sir William. Aber Sie haben ihren Probanden das Blut niederer Dämonen verabreicht. Diese Kreaturen besitzen kein reines Blut. Es sind dumme und unterentwickelte Kreaturen, alles an ihnen ist verdorben. Genau wie ihre Probanden – zu alt, zu viel Leben, dass sie zermürben und verändern konnte. Doch was wäre, wenn sie das Blut eines echten Dämons an ungeborenem, noch gänzlich unverdorbenem Leben benutzen würden.«
»Ein echter Dämon?«
»Ja. Gefallene Engel. Mächtige Kreaturen mit der Macht des Himmels und der Hölle, doch ohne die stumpfe und nichtsnutzige Verderbtheit der Kinder Liliths und Luzifers.«
»Sie sprechen von Erzdämonen. Das ist ein Märchen. Niemand zuvor hat einen Erzdämon zu Gesicht bekommen«, sagte William.
»Das spricht nur für ihre Intelligenz. Wenn ich es Ihnen doch sage, dass sie real sind. Unsterbliche, mächtige Wesen - schön und schrecklich zugleich. Einst geschaffen als Anführer der Himmelskrieger – Legionen von Engeln waren ihnen unterstellt. Als Luzifer den Krieg im Himmel entfachte, stellten sieben von ihnen sich auf die Seite des dunklen Engels und folgten ihm. Ihren Irrtum bemerkten sie erst, als Luzifer mit Lilith - dem Urbösen in Menschengestalt - die ersten niederen Dämonen zeugte. Doch da war es bereits zu spät. Sie waren zur Strafe selbst zu Kreaturen geworden, die niemals wieder in den Himmel zurückkehren konnten.«
»Das haben Sie doch alles erfunden, Polidori. Ich weiß, dass Sie nicht nur Arzt, sondern auch Dichter sind.«
»Papperlapapp«, sagte Polidori nun etwas ungehalten. »Ich kann es beweisen.«
»Wie bitte?«
»Ich kann beweisen, dass es sie gibt. Ich werde Ihnen das Blut eines Erzdämons beschaffen. Sie können es untersuchen und werden feststellen, dass ich recht habe.«
Alice hatte sich unter Schmerzen auf der Récamiere aufgerichtet und sah nun ebenso interessiert und misstrauisch zugleich den Arzt an. »Selbst wenn das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht, Doktor«, sagte sie. »Wie kommen Sie darauf, dass das Blut dieser gefallenen Engel nicht ebenso verdorben und böse ist.«
»Wie ich schon sagte«, lächelte Polidori. »Die Dosis macht das Gift. Nur ein Tropfen für die Stärke, gerade soviel, damit dieser Fötus überlebt und zu einem mächtigen Schattenjäger heranwachsen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Nur ein Tropfen reinen Blutes, Sir William. Mehr ist nicht nötig, um ihr Kind zu retten, ohne es zugleich mit dem Bösen zu infizieren. Und niemand muss je davon erfahren.«
William dachte über Polidoris Worte nach. Seinen Probanden hatte er oft mehr als zwanzig Milliliter der dämonischen Flüssigkeit injiziert. Blut von Schattenweltlern oder niederen Dämonen. Das Ergebnis war stets dasselbe – Zunahme von Stärke und Schnelligkeit, aber ebenso oft Wahnsinn, Psychopathie oder grausame Entstellungen, wenn sie nicht gar sofort gestorben sind. Er hatte oft darüber nachgedacht, was wohl passieren würde, käme er an das Blut eines echten Engels heran. Das würde er natürlich nicht wagen, aber was, wenn das Blut eines gefallenen Engels sich gar nicht so sehr davon unterschied?
»Also, was sagen Sie, Sir William?«

_______________________
ᛟ The Darkest Hour ᛟ
Eine Shadowhunter Fanfiction in Romanlänge von Joan Quade


New York Institut - Gegenwart

Alec sah besorgt aus. Besorgter als sonst.
Jace verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Clary, die seinen Blicken seit dem Vorfall am Hof der Seelie-Queen auswich. Jonathan kam zu spät zur Beratung und erntete dafür von Isabelle einen vorwurfsvollen Blick. Er war sonst nie zu spät und er sah mitgenommen aus. Doch niemanden schien der Grund dafür zu interessieren. Was ihm ganz recht war.
Alec blickte in die nun vollständige Runde.
»Also, wir haben es wohl wieder mit einem Großdämon zu tun. Gegen ihn wirkt Azazel allerdings wie der Leiter einer Pfadfindergruppe.«
»Großartig«, murmelte Jace. »Und ich dachte, Großdämonen sind so selten.«
Alec fuhr fort: »Beleth scheint ein richtig hohes Tier. Laut den Aufzeichnungen des Rates befehligt er achtzig dämonische Legionen, war einer der sogenannten Mächte des Himmels und hofft darauf, seinen ursprünglichen Platz auf dem siebten Thron im Himmel zurückzuerlangen. Was jedoch ziemlich unwahrscheinlich ist.«
»Davon ist auszugehen«, murmelte Jonathan.
Isabelle wirkte nachdenklich. »Ich habe noch nie von ihm gehört.«
Alec hob kurz die Augenbrauen. »Beleth wird auch als Wut- oder Zorndämon beschrieben. Seinem Verhalten nach zu urteilen, macht er dieser Beschreibung alle Ehre. In drei Tagen hat er siebzehn verstümmelte Leichen hinterlassen. Seelies, Warlocks, auch ein Shadowhunter ist unter seinen Opfern. Aber er geht scheinbar wahllos vor.«
»Oder er sucht etwas«, sagte Jonathan und rieb sich das Kinn.
»Möglich. Beleth folterte seine Opfer, bevor er ihnen den Kopf abriss. Vielleicht will er den Kelch, genau wie Azazel.«
»Ist mir egal, was er will«, sagte Clary plötzlich. »Mich interessiert nur, wie wir seinen Dämonenarsch zurück in die Hölle befördern.«
Jonathan sah sie etwas irritiert an. Ihr Hass auf Dämonen war seit dem Vorfall mit Max gewachsen. Nicht unbedingt das, was er beabsichtigt hatte.
Doch auch Jace war befremdet von der neuen Clary. Seit Simon sie abserviert hatte, war sie besessen von der Jagd. Nicht, dass Jace diese Seite an ihr nicht ebenso bewunderte, aber es passte einfach nicht zu ihr. Die Clary, in die er sich verliebt hatte, war voller Mitgefühl und nicht so wild aufs Töten. Sie wurde mehr und mehr zu diesem kühl abgestumpften Shadowhunter, wie er einer gewesen war, bevor er sie kennengelernt hatte.

»Also, was ist der Plan?«, fragte Isabelle ihren Bruder.
Alec öffnete mit einer Handbewegung die Bereichskarte auf dem Tisch. »Es gibt ein Muster bei den Fundorten der Leichen. Er scheint diese Gegend hier systematisch abzuarbeiten. Wenn ich mich nicht täusche, müsste er in Kürze an einem dieser beiden Orte auftauchen.« Er markierte zwei Stellen auf der Karte und blickte wieder in die Runde. »Wir teilen uns auf und erledigen den Mistkerl. Kann nicht so schwer sein. Alles in allem ist er auch nur ein Dämon.«
»Alles klar«, sagte Clary. »Ich gehe mit Izzy zur Brooklyn Bridge. Jace und Sebastian könn-«
»Ich bin immer noch der Leiter dieser Operation«, ermahnte Alec sie mit strengem Blick. Clary verstummte.
»Izzy, du gehst mit Jace und Sebastian zum Central Park. Das Gebiet ist groß und unübersichtlich. Seid wachsam und haltet euch im Zweifelsfall zurück. Clary, du kommst mit mir. Magnus weiß Bescheid und trifft uns vor Ort.«
Die Gruppe nickte einstimmig.
Clary warf Jace einen merkwürdig unsicheren Blick zu, bevor sie ging.
»Ärger im Paradies?«, fragte Jonathan. Seine Mundwinkel zuckten kurz.
Jace gab einen nicht definierbaren Laut von sich und ging ebenfalls.
»Komm schon, Blondschopf«, sagte Isabelle zu Jonathan. »Und lass dein schadenfrohes Grinsen lieber hier. Jace ist zur Zeit nicht besonders gut drauf.«
»Zur Zeit?«
Jonathan lächelte wieder dieses freche Lächeln, dessen Charme Isabelle nur selten etwas abschlagen konnte. Sie lachte, hob tadelnd den Zeigefinger und ging voran.

Central Park

Siobhan fühlte ihre Beine nicht.
Es war eisig und stockfinster. Ihre Sinne taub. Doch allmählich kam einiges wieder. Schmerz war zuerst da. Wie glühender stumpfer Stahl durchbohrte er ihren Körper. Keinen Laut konnte sie von sich geben. Ihr zierlicher Körper verkrampfte sich. Eine Träne lief ihr aus dem Augenwinkel. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, da scheinbar jedes Gefühl und jeder Gedanke, den sie jemals hatte, gleichzeitig auf sie einstürzte. Sie hatte sich ihre Rückkehr irgendwie anders vorgestellt. Aber nach und nach gewann ein Maß an Gleichgültigkeit wieder die Oberhand und dämpfte dieses Chaos.
Sie sah ein Licht zwischen den Bäumen. Weit entfernt zwar, aber es bewegte sich eindeutig auf sie zu. Siobhan saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und knetete hektisch an ihren Beinen herum. Das Gefühl darin kam nur langsam wieder. Zu langsam, denn es war immer noch zu wenig, um aufzustehen, wegzurennen oder um sich zu verstecken. Vor wem oder was auch immer dort auf sie zukam.
Dunstige Atemwolken bildeten sich vor ihrem Mund. Sie hatte vergessen, wie kalt Kälte war. Heftig zitternd rieb sie sich über die Unterarme und versuchte jetzt langsam aufzustehen. In der Ferne bellte heiser ein Hund. Oder war es ein Wolf? Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Es konnte Idris sein, der Brocelyn Wald – die Wölfe dort, waren alles andere als kuschelig ... sie erstarrte, entschied dann jedoch, dass Flucht die bessere Alternative war. Dazu mussten aber ihre Beine erst einmal wieder funktionieren. »Verdammter ... das ist doch ... Bollocks!«, fluchte sie wie ein walisischer Hafenarbeiter.
Da hörte sie plötzlich ein leises Lachen und kurz darauf stand er vor ihr. Groß, schlank, blond und ein verschmitztes Lächeln hinter freundlichen blauen Augen. »Bollocks?«, wiederholte er. »Höre ich da etwa den vertrauten Klang der Heimat?«
Sein ebenso englischer Akzent war unüberhörbar. War sie zu Hause? War sie tatsächlich wieder in London? Sie bemerkte seine Runen und das schimmernde Schwert in seiner Hand. »For fuck's sake«, entfuhr es ihr. »Shadowhunter.«
»For fuck's sake?«, wiederholte Jonathan auch diesen Fluch, »Charmant«, und schmunzelte.
Sie lehnte ihren Hinterkopf erschöpft gegen den Baum und musterte ihn. Er sah gut aus, und er verhielt sich anders als die Schattenjäger, die sie kannte. Irgendwie selbstsicherer und weniger misstrauisch ...

»Sebastian! Hast du was gefunden?«, rief Isabelle, die herangeeilt kam, dicht gefolgt von Jace.
»Könnte man so sagen«, antwortete er.
»Das ist keine Leiche. Gut«, stellte Jace nüchtern fest. Er hockte sich vor sie hin und begutachtete sie wie ein Jäger verletztes Wild betrachtete und überlegte, ob er es erlösen oder sich selbst überlassen sollte. Jace versuchte, aus ihr schlau zu werden. Er kannte sie nicht, dann die altmodische Kleidung. Ihr hellblondes Haar wirkte im Licht des Mondes fast weiß. Ihre graublauen Augen hatten dieselbe Blässe. Eine Rune an ihrem Hals deutete daraufhin, dass sie eine Schattenjägerin war. Doch an jemanden wie sie würde er sich ganz sicher erinnern.
»Sie ist eine von uns«, sagte er dennoch. Allerdings schien der Rest ihres Körpers frei von Runen zu sein. Soweit er das beurteilen konnte.
»Was ist mit dir passiert?«
Sie sah ihn emotionslos an und schwieg. Ihm entging allerdings nicht, wie sehr es in ihrem Kopf arbeitete.
Jonathan löste diese unangenehme Stille. »Ich denke, irgendwas stimmt mit ihren Beinen nicht.«
»Mit meinen Beinen ist alles in Ordnung«, sagte sie empört.
Jace behagte das hier nicht. Gar nicht. »Wer bist du? Was machst du hier?«
Sie sah ihm in die Augen, starrte ihn eine Weile lang an und sagte schließlich: »Weißt du, dass du zwei verschiedenfarbige Augen hast?«
»Was?«
»Deine Augen? Du hast ein-«
»Im Ernst?«, unterbrach er sie verärgert und stand auf.
Isabelle presste die Lippen kurz zusammen, um nicht zu grienen. »Nein, das weiß er nicht, Kleines. Jace gehört nicht zu denen, die mehrmals am Tag in den Spiegel schauen.«
Jonathan konnte sich ein schadenfrohes Grinsen ebenfalls nicht verkneifen.
Und Jace war stocksauer. »Echt jetzt? Habt ihr vergessen, weshalb wir hier sind?«
Weder Isabelle noch Jonathan waren im Stande, darauf zu antworten. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, nicht zu lachen.
Jace winkte ab. »Wie auch immer. Sebastian, sie ist eine von deinen, rede du mit ihr.«
»Eine von meinen?«
»Britin.«
Jonathan nickte. »Oh, klar. Wo ist sie?«
Jace fuhr herum. Sie saß nicht mehr da. Sein Blick suchte hektisch die Gegend ab. Und fand sie. Nicht weit entfernt bewegte sie sich von ihnen weg. Gehen oder laufen konnte man das ja nicht nennen. Es war eher ein unbeholfenes Gestolper.
Jace wollte gerade hinterher, als Jonathan ihn am Arm hielt. »Schon gut. Ich mache das.« Er ging ihr ruhigen Schrittes hinterher. Sicher hätte er sie auch auf einem Bein hüpfend eingeholt, so langsam war sie.
»Liebes, wenn du noch schneller läufst, könnte man dich mit einer Schildkröte verwechseln. Wo willst du denn hin?«
Sie blieb stehen, stützte ihre Hände auf den Knien ab und schnaufte wie eine Achtzigjährige nach einem Dauerlauf.
»Keine Ahnung. Wo bin ich denn?«
»Central Park.«
»New York?«
»Korrekt.«
»Bollocks.«
Sie richtete sich langsam wieder auf, sah ihn immer noch schwer atmend an und streckte ihm schließlich ihre Hand entgegen.
»Siobhan Branwell. London Institut.«
Jonathan hatte viele Erinnerungen seines Wirtes Sebastian, doch an sie hätte er sich erinnert. Entweder log sie, oder ... »Wann?«, wollte er wissen.
Sie sah ihn fragend an.
»Wann warst du beim London Institut? Welchen Tag haben wir heute?«
»Zweiter September.«
»Das Jahr?«
»1945«, sagte sie zögerlich, doch in diesem Moment kam der Rest ihrer Erinnerung zurück. »Ach, verdammt!«, fluchte sie zum wiederholten Mal an diesem Tag und trat einen Schritt zurück, blieb mit dem Hacken an einer Wurzel hängen und wäre der Länge nach hingeschlagen, hätte Jonathan sie nicht am Arm festgehalten. »Ja, ich hätte es nicht treffender formulieren können«, sagte er.
Jace und Isabelle hatten aufgeholt. »Was ist?«, fragte Jace.
»Die kleine Miss Bollocks hier hört auf den Namen Siobhan, aus dem angesehenen Hause der Branwells vom London Institut. Und sie hat sich etwas in der Zeit geirrt. Um genau zweiundsiebzig Jahre. Aber immerhin ... auf den Tag genau.«
Jace sah ihn erstaunt an. »Wie ist das möglich?«
Jonathan hatte eine Ahnung, aber ihn interessierte, welche Lüge die Kleine den Schattenjägern auftischen würde.
»Ein Zeitportal«, sagte sie eilig.
Etwas zu eilig, wie Jace fand. Ihr energisches Nicken dazu machte die Sache auch nicht unbedingt glaubwürdiger.
Jonathan wusste, dass das Blödsinn war, der Dämon in ihm war hellwach. Es würde sie jedoch nicht hinterfragen. Nicht jetzt. Nicht hier.
Jace schien das ebenfalls nicht vorzuhaben.
»Wie auch immer«, sagte er. »Lasst uns erstmal von hier verschwinden. Bringen wir sie ins Institut. Alles Weitere können wir dort klären.« Dann wandte er sich an Siobhan. »Brauchst du Hilfe? Kannst du gehen?«
Sie sah ihn beleidigt an.
»Ok«, sagte er, hob beschwichtigend die Hände und ging vor.
Sie waren keine drei Schritte gegangen, da rumpste es hinter ihnen. Sie drehten sich um und sahen Siobhan der Länge nach auf dem Boden liegen. Mit einem genervten Schnaufen sagte sie: »Alles gut.«
Isabelle grinste. »Können wir sie behalten, Jace? Die ist ja sowas von putzig.«
Jonathan fand das gar nicht putzig. Irgendwas an ihr war faul. Und sie war ganz sicher nicht putzig. Ihr Äußeres täuschte, dessen war er sich sicher.
Doch selbst Jace musste kurz schmunzeln. »Ja, wie ein dreibeiniger Welpe. Ich frage mich, wie sie bisher überlebt hat.«
»Ich kann euch hören«, sagte sie, rappelte sich wieder auf und klopfte sich Laub und Erde von der Kleidung. Sie konnte ihnen schlecht erklären, dass man ihr die Beine gebrochen hatte – immer und immer wieder ... dort, wo sie gewesen war. An Gehen musste sie sich erst einmal wieder gewöhnen.
Sie war unentschlossen. Das hier lief anders als erwartet. Sie hatte nicht damit gerechnet, Schattenjägern in die Arme stolpern. Aber sie vermutete, dass auch das kein Zufall war. Immerhin hatte sie hier etwas zu erledigen und ihre Auftraggeberin hatte sich schon etwas dabei gedacht, sie ausgerechnet hierhin zu schicken.
»Komm schon, Branwell«, sagte Jonathan, lächelte entwaffnend und half ihr auf. »Wir beißen nicht.«
Review schreiben