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The Darkest Hour

von E Maar
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P16 / Mix
Alexander "Alec" Lightwood Clarissa "Clary" Fray Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Magnus Bane Sebastian Verlac / Jonathan C. Morgenstern
15.10.2017
15.11.2019
32
91.574
34
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15.10.2017 3.032
 
Hinweis:
Eine komplett überarbeitete Version dieser Geschichte (von 2021), gibt es hier:
The Darkest Hour

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Facilis descensus Averno: Noctes atque dies patet atri janua Ditis.
Sed revocare gradum, superasque evadere ad auras, Hoc opus, hic labor est.
Virgil, Æneid (29-19 BC)*


London Institut 1926

Die Bibliotheken lagen am anderen Ende der Kathedrale. Noch nie kam William Branwell dieses Gebäude so unendlich groß vor wie an diesem Tag. Er hetzte durch die Flure, rempelte den einen oder anderen Schattenjäger an und erreichte völlig außer Atem den kleinsten der drei Lesesäle.
Der Hexenmeister Lord John Polidori stand mit nachdenklicher Miene vor dem Kamin. Er war einer der angesehensten und vertrauenswürdigsten Ärzte Londons und schon länger tätig, als die meisten der Schattenjäger lebten, auch wenn sein Äußeres anderes vermuten ließ.
William eilte zu der Récamiere, kniete nieder und griff nach der zittrigen, kalten Hand seiner Frau. »Alice. Was ist passiert?«
Ihr Atem ging schwer, ihr Körper war übersät von Schürfwunden und ihr Blick trüb, doch sie rang sich für William ein Lächeln ab.
Polidori räusperte sich. »Sie wird wieder gesund werden, Sir William. Ein paar gebrochene Rippen, eine innere Blutung, ansonsten sind es nur oberflächliche Verletzungen.«
William blickte erschrocken auf. »Innere Blutung? Was ist mit-«
Er verstummte, denn Polidoris Blick richtete sich abrupt auf dessen schwarze Lackschuhe, die immer irgendwie zu dicht zusammen standen, als wäre es nur leeres Schuhwerk – ordentlich vor einem Bett abgestellt.
Williams Augen füllten sich mit Tränen und der Mund trocknete ihm schlagartig aus. Er sah wieder zu Alice, strich ihr übers Haar, küsste sie, strich ihr übers Haar und sah nun flehend zu Polidori, der Williams Verzweiflung wohl als unangenehm empfand und mit einem hilflosen Schluckauf quittierte. »Wird sie es verlieren?«
Der Hexenmeister sah ihn mit gequältem Gesichtsausdruck an. »Es ist unwahrscheinlich, dass der Fötus noch intakt ist Sire, die Verletzungen im Bauchraum Ihrer Frau sind zu traumatisch.«
William schluckte und sah wieder zu Alice. »Was ist denn nur passiert?«

»Ich habe ihn nicht gesehen«, sagte sie leise. »Dieser Dämon kam aus dem Nichts. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Er war grotesk, zu stark und viel zu schnell für mich. Er sah aus, wie eine dieser mittelalterlichen Teufelsdarstellungen der Irdischen. Das war kein gewöhnlicher Dämon, Will.«
»Aber, du hast du ihn erwischt, oder?«
Alice verneinte kopfschüttelnd. »Er ist genauso schnell wieder verschwunden. Fast so, als hätte er es nur auf mich abgesehen.«
William zog die Stirn in Falten. »Er hat keinen der anderen angegriffen?«
»Nein.« Ihre Hand legte sich auf ihren Bauch, Tränen liefen ihr über die Wangen. »Ich kann sie nicht verlieren. Nicht unser kleines Mädchen«, sagte Alice mit einer Verzweiflung, die William noch nie an seiner Frau gesehen hatte. Alice hatte sich in dieser Schwangerschaft verändert. Sie war zwar schon immer eine Löwin, wenn es um ihre Kinder ging, doch bei den Zwillingen hatte sie sich nicht so behütend verhalten. Auch schien Alice genau zu wissen, wer dieser kleine, noch werdende Nephilim war. Sie hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, einen Jungen-Namen für ihr drittes Kind auszusuchen. Sie war davon überzeugt, dass es ein Mädchen werden würde.
»Ich lasse sie nicht sterben«, raunte Alice. »Nicht meine Siobhan«, ihre Stimme erstickte unter leisem Schluchzen. William nahm sie in den Arm und unterdrückte den Impuls seinen Kummer ebenso nach außen zu tragen. Sein Blick wurde starr und seine Entschlossenheit, diesen Dämon zu finden und zu töten, überwältigend.

»Es gibt da vielleicht eine Möglichkeit, den Fötus zu retten«, sagte Polidori, der von diesen menschlichen Regungen ungerührt war und den Finger hob wie ein Oberlehrer.
William blickte ihn zornig an. »Wenn Sie mein Kind noch ein einziges Mal Fötus nennen … ich schwöre, dann werd--«
»Ja, ja«, sagte Polidori mit einer Geste, als würde er eine Fliege vor seinem Gesicht verscheuchen. »Ich weiß von Ihrer Forschung, Sir William.«
Der Schattenjäger stand auf, schloss die Tür zur Bibliothek und baute sich nun bedrohlich vor dem Arzt auf. »Ist das so.«
Polidori lächelte, nickte eifrig und sagte: »Sie haben erstaunliche Ergebnisse mit Dämonenblut erzielt. Wenn man hier und da noch etwas--«
Polidoris Stimme wurde durch Williams festen Griff an seine Kehle gestoppt. Erschrocken sah er den erzürnten Schattenjäger an.
»Keine Ahnung, woher Sie von meiner Forschung wissen, aber wie kommen Sie darauf, ich würde so etwas an meinen Kindern ausprobieren.«
»Es ist doch noch ein Fötus«, keuchte Polidori. »Es wird ihn stärken.«
William drückte noch fester zu. »Und es mit dem Bösen infizieren.«
»Nein, nein!«, zappelte Polidori jetzt unter der langsam wachsenden Luftnot. »Die Dosis macht das Gift, Sir William.«
Abrupt ließ William den Arzt los und sah ihn skeptisch an.
»William«, ermahnte ihn Alice heisere Stimme aus dem Hintergrund. »Du wirst diesem Hexenmeister doch nicht etwa zuhören?«
William ignorierte Alice.
»Wie meinen Sie das?«, fragte er Polidori.
Der rieb sich den Hals und hob wichtig seine Augenbrauen. »Ihre Forschung war im Ansatz korrekt, Sir William. Aber Sie haben ihren Probanden das Blut niederer Dämonen verabreicht. Diese Kreaturen besitzen kein reines Blut. Es sind dumme und unterentwickelte Geschöpfe, alles an ihnen ist verdorben. Genau wie ihre Probanden – zu alt, zu viel Leben, dass sie zermürben und verändern konnte. Doch was wäre, wenn sie das Blut eines echten Dämons an ungeborenem, noch gänzlich unverdorbenem Leben benutzen würden.«
»Ein echter Dämon?«
»Ja. Gefallene Engel. Mächtige Kreaturen mit der Macht des Himmels und der Hölle, doch ohne die stumpfe und nichtsnutzige Verderbtheit der Kinder Liliths.«
»Sie sprechen von Erzdämonen. Niemand zuvor hat je einen der Gefallenen zu Gesicht bekommen«, sagte William.
»Das spricht nur für deren Intelligenz. Sie wissen, wie man sich im Hintergrund hält. Wenn ich es Ihnen doch sage, dass sie real sind. Unsterbliche, mächtige Wesen – schön und schrecklich zugleich. Einst geschaffen als Anführer der Himmelskrieger – Legionen von Engeln waren ihnen unterstellt. Als Luzifer den Krieg im Himmel entfachte, stellten sieben von ihnen sich auf die Seite des dunklen Engels und folgten ihm. Ihren Irrtum bemerkten sie erst, als Luzifer mit Lilith – dem Ur-Bösen in Menschengestalt – die ersten niederen Dämonen erschuf. Doch da war es bereits zu spät. Die Gefallenen waren zur Strafe selbst zu Kreaturen geworden, die niemals wieder in den Himmel zurückkehren sollten.«
»Das haben Sie doch alles erfunden, Polidori. Ich weiß, dass Sie nicht nur Arzt, sondern auch Dichter sind.«
»Papperlapapp«, sagte Polidori nun etwas ungehalten. »Ich kann es beweisen.«
»Können Sie?«
»Ich kann beweisen, dass es sie gibt. Ich werde Ihnen das Blut eines Erzdämons beschaffen. Sie können es untersuchen und werden feststellen, dass ich recht habe.«

Alice hatte sich unter Schmerzen auf der Récamiere aufgerichtet und war nun ebenso interessiert, wenn auch misstrauischer als ihr Mann.
»Selbst wenn das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht, Polidori. Wie kommen Sie darauf, dass das Blut dieser gefallenen Engel nicht ebenso verdorben und böse ist.«
»Wie ich schon sagte. Die Dosis macht das Gift. Nur ein Tropfen für die Stärke. Gerade so viel, damit dieser Fötus überlebt und zu einem mächtigen Schattenjäger heranwachsen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Nur ein Tropfen reinen Blutes, Sir William. Mehr ist nicht nötig, um ihr Kind zu retten, ohne es zugleich mit dem Bösen zu infizieren. Und niemand muss je davon erfahren.«

William hatte seinen Probanden oft mehr als zwanzig Milliliter der dämonischen Flüssigkeit injiziert. Blut von Schattenweltlern oder niederen Dämonen. Das Ergebnis war stets dasselbe – Zunahme von Stärke und Schnelligkeit, aber ebenso oft Wahnsinn, Soziopathie oder grausame Entstellungen, wenn sie nicht gar sofort gestorben sind. Er hatte oft darüber nachgedacht, was wohl passieren würde, käme er an das Blut eines echten Engels heran. Das würde er natürlich nicht wagen. Aber was, wenn das Blut eines gefallenen Engels sich gar nicht so sehr davon unterschied?
»Also, was denken Sie, Sir William?«

New York Institut - Gegenwart

Alec sah besorgt aus. Besorgter als sonst.
Jace verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Clary, die seinen Blicken seit dem Vorfall am Hof der Seelie-Queen auswich.
Jonathan kam zu spät zur Beratung und ignorierte Isabelles vorwurfsvolles Räuspern. Er war nie zu spät und er sah mitgenommen aus. Doch niemanden interessierte der Grund dafür. Was Jonathan ganz recht war. Eine Lüge weniger.

»Wir haben es wohl wieder mit einem Großdämon zu tun«, begann Alec.
»Großartig«, murmelte Jace. »Und ich dachte, Großdämonen sind selten.«
Alec fuhr fort. »Beleth ist ein richtig hohes Tier. Laut den Aufzeichnungen des Rates befehligte er achtzig Legionen, war einer der sogenannten Mächte des Himmels und hofft angeblich darauf, seinen ursprünglichen Platz auf dem siebten Thron im Himmel zurückzuerlangen.«
»Unwahrscheinlich«, murmelte Jonathan.
Isabelle wirkte nachdenklich. »Ich habe noch nie von Beleth gehört.«
»Beleth war einer der wenigen Getreuen Luzifers, die ihm nach dessen Fall aus dem Himmel gefolgt sind. Er wird auch als Wut- oder Zorndämon beschrieben. Seinem Verhalten nach zu urteilen, macht er dieser Beschreibung alle Ehre. In drei Tagen hat er siebzehn verstümmelte Leichen hinterlassen. Seelies, Warlocks, auch ein Schattenjäger ist unter seinen Opfern. Er geht scheinbar wahllos vor.«
»Ein Getreuer Luzifer?«, fragte Clary erstaunt.
»Vielleicht geht er nicht so wahllos vor, wie es scheint«, murmelte Jonathan und rieb sich das Kinn.
»Möglich. Beleth folterte seine Opfer, bevor er ihnen den Kopf abriss. Vielleicht ist er hier wegen des Kelches wie Azazel.«
»Ist mir egal, was er will«, sagte Clary unvermittelt. »Mich interessiert nur, wie wir seinen Dämonenarsch zurück in die Hölle befördern.«
Jonathan war irritiert. Clary's Hass auf Dämonen war seit dem Vorfall mit Max gewachsen. Nicht unbedingt das, was er beabsichtigt hatte. Aber der Kleine hätte ihn beinahe auffliegen lassen. Jonathan hatte keine Wahl.

Auch Jace war befremdet von der neuen Clary. Seit Simon sie wegen des Kusses mit Jace abserviert hatte, war sie besessen von der Jagd. Nicht, dass er diese Seite an ihr nicht bewunderte, aber es passte einfach nicht zu ihr. Die Clary, in die er sich verliebt hatte, war voller Mitgefühl und nicht so wild aufs Töten. Sie wurde mehr und mehr zu diesem kühl abgestumpften Shadowhunter, wie er einer gewesen war, bevor er sie kennengelernt hatte.

»Also, was ist der Plan?«, fragte Isabelle.
Alec öffnete mit einer Handbewegung die Bereichskarte auf dem Tisch. »Es gibt ein Muster bei den Fundorten der Leichen. Er scheint diese Gegend hier systematisch abzuarbeiten. Wenn ich mich nicht täusche, müsste er in Kürze an einem dieser beiden Orte auftauchen.« Er markierte zwei Stellen auf der Karte und blickte wieder in die Runde. »Wir teilen uns auf und erledigen den Mistkerl. Kann nicht so schwer sein. Alles in allem ist er auch nur ein Dämon.«
»Alles klar«, sagte Clary. »Ich gehe mit Izzy zur Brooklyn Bridge. Jace und Sebastian könn--«
»Ich bin immer noch der Leiter dieser Operation«, ermahnte Alec sie mit strengem Blick.
Clary verstummte.
»Izzy, du gehst mit Jace und Sebastian zum Central Park. Das Gebiet ist groß und unübersichtlich. Seid wachsam und haltet euch im Zweifelsfall zurück. Clary, du kommst mit mir. Magnus weiß Bescheid und trifft uns vor Ort.«

Clary warf Jace einen merkwürdig unsicheren Blick zu, bevor sie ging.
»Ärger im Paradies?«, fragte Jonathan. Seine Mundwinkel zuckten kurz.
Jace gab einen nicht definierbaren Laut von sich und ging ebenfalls.
»Komm schon, Blondschopf«, sagte Isabelle. »Und lass dein schadenfrohes Grinsen. Jace ist zurzeit nicht besonders gut gelaunt.«
Jonathan lächelte wieder dieses freche Lächeln, dessen Charme Isabelle nur selten etwas abschlagen konnte.
Sie schmunzelte, hob tadelnd den Zeigefinger und ging voran.

Central Park

Siobhan fühlte ihre Beine nicht.
Es war stockfinster. Ihre Sinne taub. Doch allmählich kam einiges wieder. Schmerz war zuerst da. Wie glühender, stumpfer Stahl durchbohrte er ihren Körper. Keinen Laut konnte sie von sich geben. Ihr Körper verkrampfte sich. Eine Träne rann ihr aus dem Augenwinkel. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, da scheinbar jedes Gefühl und jeder Gedanke, den sie jemals hatte, gleichzeitig auf sie einstürzte. Ihre Rückkehr hatte sie sich anders vorgestellt. Doch nach und nach gewann ein Maß an Gleichgültigkeit die Oberhand und dämpfte dieses Chaos.

Siobhan saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und bemerkte ein Licht zwischen den Bäumen. Noch weit entfernt, aber es bewegte sich in ihre Richtung. Sie knetete nun hektisch an ihren Beinen herum. Das Gefühl darin kam langsam wieder. Zu langsam, denn es war immer noch zu wenig, um aufzustehen, wegzurennen oder um sich zu verstecken. Vor wem oder was auch immer dort auf sie zukam. Dunstige Atemwolken bildeten sich vor ihrem Mund. Sie hatte vergessen, wie kalt Kälte war. Heftig zitternd rieb sie sich über die Unterarme und versuchte trotzdem aufzustehen. In der Ferne bellte heiser ein Hund. Oder war es ein Wolf? Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Es konnte Idris sein, der Wald von Brocelyn – die Wölfe dort, waren alles andere als kuschlig – sie erstarrte, entschied dann jedoch, dass Flucht die bessere Alternative war. Dazu mussten aber ihre verdammten Beine wieder funktionieren.
»Verdammter … das ist doch … Bollocks!«, fluchte sie wie ein walisischer Hafenarbeiter.
Da hörte sie plötzlich ein leises Lachen und kurz darauf stand er vor ihr. Groß, schlank, blond und ein verschmitztes Lächeln hinter freundlichen, blauen Augen. »Bollocks?«, wiederholte er. »Höre ich da etwa den vertrauten Klang der Heimat?«
Sein britischer Akzent war unüberhörbar. War sie zu Hause? War sie tatsächlich wieder in England? Sie bemerkte seine Runen und das schimmernde Schwert in seiner Hand.
»For fuck’s sake«, entfuhr es ihr.
»For fuck’s sake?«, wiederholte er auch diesen Fluch und war sichtlich amüsiert.
Sie lehnte ihren Hinterkopf erschöpft gegen den Baum und musterte ihn. Er verhielt sich arglos, fast freundlich, durchaus neugierig und weniger misstrauisch, als sie es von einem Shadowhunter erwarten würde.

»Sebastian! Hast du was gefunden?«, rief Isabelle, die herangeeilt kam, dicht gefolgt von Jace.
»Könnte man so sagen«, antwortete er.
»Das ist zumindest keine Leiche«, stellte Jace nüchtern fest. Er hockte sich hin und begutachtete Siobhan wie ein Jäger verletztes Wild.

Jonathan beobachtete sie genau. Ihr Haar wirkte im Licht des Mondes fast weiß. Ihre graublauen Augen hatten dieselbe Blässe. Eine Rune an ihrem Hals deutete darauf hin, dass sie eine Schattenjägerin war. Allerdings schien der Rest ihres Körpers frei von Runen zu sein. Soweit er das beurteilen konnte. Sie wirkte fremd hier. Fehl am Platz. Dann ihre altmodische Kleidung …
»Wo kommst du her?«, fragte Jace.
Sie schwieg. Und Jace Körperhaltung verriet, zunehmend Anspannung.
Jonathan entging nicht, wie sehr es auch in ihrem Kopf arbeitete. Also löste er diese unangenehme Situation. »Ich denke, irgendwas stimmt mit ihren Beinen nicht.«
Jonathan traf ein beleidigter Blick. Das amüsierte ihn. Sie amüsierte ihn, obwohl er Jaces Anspannung für angemessen hielt.
»Wer bist du? Was machst du hier?«, fordert Jace sie erneut zu einer Antwort auf.
Sie starrte ihn eine Weile lang an und sagte schließlich: »Weißt du, dass du zwei verschiedenfarbige Augen hast?«
»Was?«
»Deine Augen? Du hast ein ...«
»Im Ernst?«, unterbrach er sie verärgert und stand auf.
Isabelle grinste. »Nein, das weiß er nicht. Jace gehört nicht zu denen, die mehrmals am Tag in den Spiegel schauen.«
Jonathan konnte sich ein schadenfrohes Grinsen ebenso nicht verkneifen.
»Echt jetzt? Habt ihr vergessen, weshalb wir hier sind?«, schimpfte Jace.
Weder Isabelle, noch Jonathan waren imstande, darauf zu antworten. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, nicht zu lachen.
Jace winkte ab. »Wie auch immer. Nehmen wir sie mit.«
»Oh, klar«, entgegnet Jonathan. »Wer fängt sie ein?«
Jace fuhr herum. Sie saß nicht mehr da. Sein Blick suchte hektisch die Gegend ab. Nicht weit entfernt bewegte sie sich von ihnen weg. Gehen oder Laufen konnte man das nicht nennen. Es war eher ein unbeholfenes Gestolpere. Daher war es erstaunlich, wie sie es so schnell dorthin geschafft hatte. Jace wollte gerade hinter ihr her, als Jonathan ihn am Arm hielt. »Ich mach das.«

»Liebes, wenn du noch schneller läufst, könnte man dich mit einer Schildkröte verwechseln. Wo willst du hin?«
Siobhan blieb stehen, stützte ihre Hände auf den Knien ab und schnaufte wie eine Achtzigjährige nach einem Dauerlauf. »Keine Ahnung. Wo bin ich denn?«
»Central Park.«
»New York?«
»Korrekt.«
Sie richtete sich langsam wieder auf und streckte ihm schließlich ihre Hand entgegen. »Siobhan Branwell. London Institut.«
»London Institut?«
»Datum?«
»Zweiter September 2007«, beantwortete er auch diese Frage. Wenn auch zunehmend irritiert.
»Im Ernst?«, sagte sie, trat einen Schritt zurück, blieb mit dem Hacken an einer Wurzel hängen und wäre der Länge nach hingeschlagen, hätte Jonathan sie nicht am Arm festgehalten.
Jace und Isabelle hatten aufgeholt. »Was ist mit ihr?«, fragte Jace.
»Die kleine Miss Bollocks hier hört auf den Namen Siobhan, aus dem angesehenen Hause der Branwells vom London Institut.«
Jace sah ihn erstaunt an. »Wie ist das möglich?«
Jonathan hatte eine Ahnung, aber ihn interessierte, welche Lüge das Mädchen den Schattenjägern auftischen würde.
»Ich habe mich … verirrt«, sagte sie eilig.
Etwas zu eilig, wie Jonathan fand. Ihr energisches Nicken dazu machte die Sache auch nicht glaubwürdiger. Jonathan wusste, dass das Blödsinn war, der Dämon in ihm war hellwach. Es würde sie jedoch nicht hinterfragen. Nicht jetzt. Nicht hier.
Jace schien das ebenfalls nicht vorzuhaben.
»Wie auch immer«, sagte Jace. »Lasst uns erst mal von hier verschwinden. Bringen wir sie ins Institut. Alles Weitere klären wir dort.« Er musterte Siobhan. »Brauchst du Hilfe? Kannst du gehen?«
Sie sah ihn beleidigt an.
»Okay«, sagte er, hob beschwichtigend die Hände und ging vor.
Sie waren keine drei Schritte gegangen, da hörten sie ein erschöpftes Schnaufen hinter sich.
»Alles gut«, murmelte Siobhan. »Ich kann das.«
Isabelle schmunzelte. »Was denn? Gehen?«
Jonathan fand das weniger amüsant. Irgendwas an ihr war faul. Ihr harmloses Äußeres täuschte, dessen war er sich sicher.
»Ich frage mich, wie sie bisher überlebt hat«, raunte Jace kopfschüttelnd.

Siobhan biss die Zähne zusammen und versuchte den Schmerz in den Beinen wegzuatmen. Sie konnte ihnen nicht sagen, dass man ihr die Beine gebrochen hatte – immer und immer wieder – dort, wo sie herkam. An Gehen musste sie sich erst einmal wieder gewöhnen. Nein, daran war nichts amüsant. Das hier lief anders als erwartet. Sie hatte nicht damit gerechnet, gleich Schattenjägern in die Arme zu stolpern. Aber sie vermutete, dass auch das kein Zufall war. Immerhin hatte sie hier etwas zu erledigen. Dennoch …

Eine Hand streckte sich ihr entgegen. Sie blickte auf und sah in die freundlich blauen Augen des Nephilim, den sie Sebastian nannten.

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*Der Abstieg zur Hölle ist leicht: Tag und Nacht steht offen das Tor zum finsteren Pluto. Aber den Schritt zurück, zu den himmlischen Lüften zu wenden, dieses ist ein Werk, eine Arbeit.
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